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Brahms, Bowie und eine Hafenbar

Die Kulturhighlights 2016 Brahms, Bowie und eine Hafenbar

2016 könnte ein Jahr für Kulturverrückte werden: David Bowie schickt sich an, die Kritiker mit einem Jazz-Metal-Album zu überraschen, von Martin Walser erscheint ein grandioser Altersroman, und die „Theaterformen“ leuchten die Theaterszene Südostasiens aus. Unsere höchstpersönlichen Highlights.

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David Bowies letztes Album

Von Martin Walser bis zu Max Reger, von Johannnes Brahms bis zu David Bowie: 2016 wird kulturell einiges zu bieten haben.

Quelle: dpa
Martin Walser

Martin Walsers neuer Roman "Ein sterbender Mann" erscheint im Januar.

Quelle: dpa

Martin Walser: "Ein sterbender Mann".

Da nun Günter Grass begraben ist und Hans Magnus Enzensberger nicht mehr die Nase im Wind hat, bleibt Walser als Großschriftsteller, an dem man sich reiben kann. Gleich im Januar erscheint sein neuer Roman. Walser hat sich zum Glück von seinen religiösen Exerzitien ("Mein Jenseits") verabschiedet. Er erzählt wieder einmal von einem Alten, der gescheitert ist, aber sich noch einmal verliebt. Wenn er solche Konstellationen beschreibt, gelingen dem Mann vom Bodensee unübertrefflich schöne Sätze. (Rowohlt, erscheint am 8. Januar.)

Schirn Frankfurt am Main: Pioniere des Comic.

Eine andere Avantgarde. Die seriöse Frankfurter Kunsthalle entdeckt die Bildergeschichten als "erstes Bildmassenmedium der Geschichte". Vorgestellt werden Zeichner wie Winsor McCay ("Little Nemo"), Lyonel Feininger ("The Kin-der-Kids") oder Frank O. King ("Gasoline Alley"). Vom 17. Juni bis 18. September. Das Caricatura-Museum nebenan darf da nicht unerwähnt bleiben, es beschäftigt sich ganzjährig mit Comics und Verwandtem. Dort werden vom 11. Februar an die unverschämt kalauernden Cartoons des Künstlers Beck ausgestellt (bis 12. Juni).

25. Brahms-Festival Lübeck.

Nein, Johannes Brahms (Bild) hat nie in Lübeck gelebt. Doch an der Musikhoschule gibt es das Brahms-Institut mit einer einzigartigen Sammlung von Musikhandschriften, Briefen und Fotos. Zum 25. Mal richtet es sein Brahms-Festival aus, bei dem Professoren und Studenten Kammermusik auf hohem Niveau bieten. Thema vom 22. April bis zum 1. Mai: "Verwandlungen". Es geht um Variationen und Metamorphosen (auch die von Richard Strauss).

Von Michael Berger

Theaterformen

Im Juni finden die Theaterformen in Braunschweig statt.

Quelle: dpa

Nicholson Baker: "Das Regenmobil".

Das wahrscheinlich schönste Buch des Jahres erscheint im Januar. Der Autor erzählt von einem glücklosen Lyriker, der die Musik liebt und die Sprache und seine Freundin Rosslyn. Doch die hat ihn verlassen. Der Dichter leidet. Aber auf hohem Niveau. Er versucht es mit Zigarren und mit Debussy. Er denkt an das Fagott, das er früher gespielt hat. Er versucht, einen Song zu schreiben. Der Leser lernt viel über Musik und Lyrik, über Zigarren und die Funktionsweise mobiler Rasensprenger. Außerdem erfährt man, warum Menschen mit großem Mund so erfolgreich sind. Man lernt überhaupt eine Menge solcher Sachen – und viel über das Schreiben, das Hören, über Musik, die Liebe und das Leben. Es ist ein ganz seltenes, ganz wunderschönes Buch. Es ist ein Buch, das das Leben bereichert (Rowohlt. 298 Seiten, 19,95 Euro).

Theaterformen.

Viel Theater in vielen unterschiedlichen Formaten bietet das Festival "Theaterformen" vom 9. bis zum 19. Juni in Braunschweig. Besonders schön: das Festivalzentrum im Park. Der Programmschwerpunkt: Theater aus dem ostasiatischen Raum. Gruppen aus Tokio, Seoul, Bangkok, Singapur und Kuala Lumpur sind eingeladen. Eine besonders aufwendige Arbeit kommt als deutsche Erstaufführung aus Malaysia nach Braunschweig: "Ten Thousand Tigers" von Ho Tzu Nyen. Die Veranstalter nennen es "ein halluzinatorisches Panoptikum aus animistisch-kosmologischen und historisch verbürgten Erzählungen". Na, dann.

Hafenbar "Golden City".

In Bremen sollte man unbedingt die temporäre Hafenbar "Golden City" der Künstlerin Frauke Wilhelm besuchen. Das Kulturzentrum am Europahafen kann sich in zwei Hälften teilen. Und trotzdem ganz bleiben. Über eine Videowand und Skype sind die Besucher der beiden Hälften miteinander verbunden. Der Projekttitel: "Schnittstelle". Das wäre auch was für die Documenta.

Von Ronald Meyer-Arlt

Neil Young auf Deutschlandtour

Neil Young spielt auf der "Rebel Content Tour"-Tour zwei Konzerte in Deutschland.

Quelle: dpa

Neil Young & Promise Of The Real auf "Rebel Content Tour".

Mit den alten Kumpels von Crazy Horse war Neil Young erst 2013 in Europa. Damals raunte man, es könnten die letzten Auftritte des heute 70-Jährigen sein. Inzwischen sind drei weitere Studio- und ein Live-Album erschienen. Darunter 2015 "The Monsanto Years", ein krachendes Protestalbum, mit dem der grantelnde Alte gegen die Macht der Biotechnologie-Konzerne zu Felde zieht. An seiner Seite Promise of The Real, die Band um Willie Nelsons Söhne Lukas und Micah. Young gibt mit ihnen in diesem Sommer zwei Konzerte in Deutschland: am 20. Juli in Leipzig und tags darauf in Berlin. Ein Gottesdienst für alle Fans.

Berlinale-Retrospektive 2016.

Deutschland 1966. Es war das Jahr, in dem die Sitar erstmals in der Popmusik auftauchte: auf dem Album "Revolver" der Beatles. Die Stones kamen mit "Aftermath" um die Ecke. 1966 war ein großes Jahr. Aufbruchsstimmung – nicht nur in der Popmusik, sondern auch im Kino. Im Westen entstanden Filme wie Volker Schlöndorffs "Der junge Törless" oder Alexander Kluges "Abschied von gestern", im Osten "Jahrgang 45" von Jürgen Böttchers oder "Spur der Steine" von Frank Beyer. Während die westdeutschen Autorenfilmer ihren internationalen Durchbruch feierten, verschwanden in der DDR die meisten Werke dieses Jahrgangs in den Giftschränken. Im Retrospektiven-Programm der 66. Berlinale werden die 66er-Streifen in konzentrierter Form nochmals zu sehen sein.

Europäische Kulturhauptstadt Breslau.

Schön, dass es eine polnische Stadt getroffen hat. Während die Regierung unseres osteuropäischen Nachbarn gerade trotzig die blaue Sternenflagge aus der Öffentlichkeit verbannt, empfängt das südpolnische Breslau als europäische Kulturhauptstadt die aufgeklärte Welt. Breslau, die alte Metropole aus K.-u.-k.-Zeiten, musste gerade miterleben, dass der neue konservative Kulturminister versuchte, ein Stück von Elfriede Jelinek zu verbieten. Das gab einen Aufschrei. Der liberale Geist Polens, er wohnt in Breslau. Eine Stadt, die man 2016 unbedingt besuchen sollte.

Von Mathias Richter

Schleswig Holstein Musik Festival

Der Dirigent Christoph Eschenbach probt mit den Musikern der Internationalen Orchesterakademie des Schleswig-Holstein Musik Festivals SHMF.

Quelle: dpa

Toshio Hosokawa: Stilles Meer.

Der norddeutsche Kulturgourmet schaut im Jahr 2016 verstärkt auf die Hansestadt Hamburg. An der Staatsoper will der neue Intendant Georges Delnon nach Jahren szenisch biederer Konfektionsware endlich das Ruder herumreißen und wieder aktuelles Musiktheater mit brennender Aussagekraft anbieten. Das soll vom 24. Januar an gleich mit der auf den Fukushima-GAU zielenden Oper "Stilles Meer" des Komponisten Toshio Hosokawa gelingen. In Sachen Radioaktivität macht sich außerdem der neue Generalmusikdirektor Kent Nagano am Pult stark für die japanische Moderne. Das könnte ihm liegen.

Blick der Moderne.

In Hamburg soll auch die hehre Bildende Kunst wieder besser sichtbar gemacht werden. Im Februar 2016 wird die Kunsthalle mit neuer Eingangslösung, neuem Foyer, neuer Servicezone und einer "behutsamen" Modernisierung der Ausstellungsflächen im Altbauteil attraktiver. Mit einer Retrospektive zu Christoffer Wilhelm Eckersberg (1783–1853) würdigt die Kunsthalle zunächst den wohl bedeutendsten dänischen Maler der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine "Ausstellung der Superlative" soll danach ab Ende Mai den "Blick der Moderne" aus der Perspektive von Édouard Manet (1832–1883) erhellen. Mit Meisterwerken des französischen Malers dürfte es gelingen, die renovierte Kunsthalle auf den Radar der Ausstellungswelt zurückzubringen.

Schleswig-Holstein Musik Festival.

Die Lübecker Intendanz plant für 2016 einen prallen Sommer im Zeichen von Joseph Haydn. Besonders attraktiv wirkt dabei die Riege der Dirigenten, die sich in der ACO Thormannhalle von Büdelsdorf – plötzlich der attraktivste Konzertsaal nördlich der Elbe – um die internationale Nachwuchselite in der Orchesterakademie kümmern wollen: Vladimir Jurowski, Michael Sanderling, Jukka-Pekka Saraste, David Newman und natürlich Christoph Eschenbach hautnah beim Proben zuschauen zu können hat garantiert seinen ganz besonderen Reiz. Da ist es für Musikliebhaber vielleicht sogar zu verschmerzen, dass die Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie weiter auf sich warten lässt.

Von Christian Strehk

The Cure

The Cure geben 2016 sechs Konzerte in Deutschland.

Quelle: The Cure

David Bowie: "Blackstar".

Fast ein Jahrzehnt war David Bowie nach seiner Herzattacke in Scheeßel verschwunden. 2013 kehrte der Pop-Erneuerer mit einem Coup zurück: Am 8. Januar, seinem 66. Geburtstag, erschien überraschend ein neues Album. "Where Are We Now?", fragte er damals, erinnerte an seine Berlin-Trilogie, doch die schreckliche Nostalgie war nur eine Finte. Sein eigentliches Anliegen war: Lebt nicht in der Vergangenheit, probiert etwas Neues aus (auch wenn ihr alt seid), enttäuscht Erwartungen, denkt an die Zukunft, an "The Next Day", so der Titel der Platte. Auf seinem 25. Studioalbum "Blackstar", das am 8. Januar, seinem 69. Geburtstag, herauskommt, macht er genau das. Er folgt avantgardistischen Impulsen und spielt mit seiner neuen Band Jazz-Metal. Begründet er gar eine neue Bowie-Phase? Eine Überraschung wäre das nicht für einen Künstler, der seit jeher für Individualität und "Changes", für Veränderungen, wirbt.

A Summer's Tale.

Das Festival für gestresste Babyboomer im Reiterdorf Luhmühlen war der Nischen-Hit des vergangenen Sommers. Eltern brachten ihre Kinder mit und lernten Yoga, bevor die Bands spielten. Es war tatsächlich märchenhaft: kein Siff, kein Suff und ausreichend Platz zum Seufzen, als Damien Rice seine Antiliebeslieder auf der Hauptbühne im Dressurviereck sang. Nach geglückter Premiere gibt es vom 10. bis 13. August 2016 die Fortsetzung. Mit Sigur Rós und Parov Stelar sind die ersten Headliner bestätigt.

The Cure: Tour 2016.

Schwarz ist die Farbe des Pop-Herbstes. Das letzte Studioalbum liegt acht Jahre zurück, genauso lange waren The Cure nicht mehr auf Tour – abgesehen von ein paar Zwischendurchauftritten in der Londoner Royal Albert Hall und auf Festivals. 2016 sind die Wave-Pop-Giganten wieder unterwegs. Sechs Konzerte geben sie ab Oktober hierzulande. Robert Smith – darauf können wir uns verlassen – wird "Boys Don‘t Cry" singen, über Liebe und Katzen sowieso und dabei aus Kajalaugen blicken.

Von Mathias Begalke

Vor hundert Jahren starb Max Reger.

Starb vor einhundert Jahren: Max Reger.

Quelle: dpa

Max Reger

Am 11. Mai 1916 starb in Leipzig im Alter von nur 43 Jahren Max Reger. Also feiert die Musikwelt das kommende ausführlich als Reger-Jahr. Eine schöne Gelegenheit, sich eingehender auseinanderzusetzen mit dem Schaffen des knorrigen Komponisten. Von seinem unübersichtlich großen Werk kennen die Organisten alles – und der Rest meist nur die wunderbaren Mozart-Variationen. Im Netz sind die ungezählten Konzerte, Wettbewerbe, Symposien auf www.reger2016.de zusammengetragen. Da findet jeder Einladungen zu aufregenden Entdeckungsreisen vor der Haustür, von der grandiosen und noch immer sträflich unterschätzten Kammermusik bis zur monumental auftrumpfenden geistlichen Chorsinfonik.

Ferruccio Busoni

Am 1. April 1866 wurde in Empoli in Italien Ferruccio Busoni (Bild links) geboren. Also feiert die Musikwelt das kommende auch als Busoni-Jahr – obschon nicht ganz so ausführlich. Das Schaffen des Visionärs, der 1924 in Berlin starb, ist vor allem Pianisten ein Begriff, die von seinen technischen Neuerungen und Herausforderungen noch immer viel lernen können. Seine Bühnenwerke indes sind weitgehend vergessen. Die 1917 entstandene Oper „Turandot“ beispielsweise kam nie aus dem Schatten des gleichnamigen Werkes von Giacomo Puccini hinaus. Darum ist es schön, dass ausgerechnet das Puccini-Festival in Torre del Lago am Massaciuccoli-See in der Toskana Platz schafft für dieses doppelbödig böse und überaus unterhaltsame Musiktheater. Premiere ist am 24. Juli, am 31. Juli und am 13. August gibt es weitere Vorstellungen (Infos und Karten unter www.puccinifestival.it).

Juli Zeh

wird am 30. Juni 2016 42 Jahre alt. Das ist für die Literaturwelt kein Anlass für ein Juli-Zeh-Jahr. Ihren großen Gesellschaftsroman „Unterleuten“ erwartet sie dennoch mit Spannung. Am 8. März erscheint das 600-Seiten-Werk über ein fiktives Kaff im Brandenburgischen bei Luchterhand, und was bisher zu lesen ist, geriet vielversprechend.

Von Peter Korfmacher

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