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Das Leben ist ein Fluss

Bruce Springsteen auf Tour Das Leben ist ein Fluss

Bruce Springsteen ist wieder mit seiner E Street Band unterwegs – ab Mai auch in Europa. Er spielt sein altes Doppelalbum "The River" von Anfang bis Ende. Die Songs über das Erwachsenwerden singt er nun aus der Sicht eines 66-jährigen Vaters. Ein Konzertbericht aus Chicago.

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Epische Konzerte als Dienstleistung am Publikum: Bruce Springsteen ist wieder auf Tour – und will, dass seine Fans ihren Alltag vergessen.

Quelle: dpa

Es ist ziemlich kalt in Chicago. Wir warten auf den Bus, der uns zu Bruce Springsteen bringt. Robert und Tim sind für das Konzert aus Indiana angereist. Es ist eine Vater-Sohn-Aktion. Er höre Springsteen seit 1975, seit "Born to Run", erzählt Robert. Zum zweiten Mal erst sehe er ihn live. Seine Augen glänzen ganz aufgeregt zwischen Pudelmütze und Schal.

"Wirklich? Du kommst extra aus Deutschland?", fragt er. "Du machst es richtig. Wenn man die Gelegenheit hat, dann muss man sie ergreifen. Das Leben kann schnell vorbei sein. Sieht man ja an David Bowie." Robert und Tim wirken anders als der Vater und der Sohn aus Springsteens Song "Independence Day". Sie scheinen einander nahezustehen. In diesem Jahr wollen sie gemeinsam nach Europa reisen, erzählt der 61-jährige Robert, Polen besuchen, die Heimat ihrer Vorfahren.

Kunstwerk über das Erwachsenwerden

Springsteen ist wieder auf Tour. Zurzeit in den USA, ab Mai auch in Europa. Songs seines neuen, noch unveröffentlichten Soloalbums hat er nicht im Programm. Der 66-Jährige spielt mit seiner E Street Band seine Doppel-LP "The River" von 1980 komplett am Stück.

Es ist ein zeitloses Kunstwerk über das Erwachsenwerden, über die Sehnsucht nach einer eigenen Familie, einem Zuhause, nach etwas, an das man glauben kann, das einem Halt verleiht. Und auch über die Schwierigkeiten, diesen Platz zu finden, und den Verlust der jugendlichen Unbeschwertheit.

Mit "Born to Run" hatte Springsteen fünf Jahre zuvor den Durchbruch geschafft und sich von einer naiven Vorstellung von Liebe und Freiheit verabschiedet. Auf "The River" versuchte der damals 30-Jährige dann, die Komplexität des Lebens, auch den Ernst und die Widersprüchlichkeit, zu erfassen. "Ich wollte eine Platte machen, die Spaß, Tanzen, Lachen, Scherze, Politik, Sex, wahre Freundschaft, Liebe, Glaube, einsame Nächte und, na klar, Tränen enthält", kündigt er in Chicago die 20 Songs an.

Aus der Sicht eines Vaters

Lied fünf ist "Independence Day", der Vater-Sohn-Song. Viele der 19 120 Fans im United Center waren früher, als sie den Titel das erste Mal hörten, jung, vermutlich noch ungebunden und voller Ideale. Jetzt haben sie erwachsene Kinder – wie Springsteen auch. "Ich erschrak, als ich erkannte, dass meine Eltern ihre eigenen Träume und Bedürfnisse hatten und alles, was davon übrig blieb, waren die Kompromisse, die sie machen mussten", erzählt er. Dann spielt er die Ballade.

Früher porträtierte das Stück einen jungen Mann, der es im Elternhaus nicht mehr aushält, der hinaus will in die vielversprechende Welt. Heute scheint Springsteen es aus Sicht eines Vaters zu singen, der weiß, dass die Wirklichkeit große Erwartungen nicht selten in große Enttäuschungen verwandelt. Er wirbt für Verständnis. Für beide.

"Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird – oder ist es noch schlimmer?", fragt Springsteen im Titelsong "The River". Er erzählt darin die Geschichte eines Teenagerpaares, das gezwungen ist zu heiraten, weil sie ungewollt schwanger wurde. Die Liebe der beiden leuchtet nicht mehr, sie ist unperfekt und voller Konsequenzen. Aber sie ist echt, keine kindliche Illusion.

Anerkennung nur auf der Bühne

Springsteens Vater hätte seinem Sohn das Träumen am liebsten verboten, um ihn auf das triste Leben eines armen Schluckers vorzubereiten. Ein Leben, wie es der desillusionierte Douglas "Doug" Springsteen selbst führte. In seiner Springsteen-Biografie "Bruce" beschreibt Autor Peter Ames Carlin den Vater als "gequälte Seele".

Mit 16 die Schule abgebrochen, um in der Teppichfabrik zu arbeiten – so wie viele andere auch in der Kleinstadt Freehold, New Jersey. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Doug diente als Lastwagenfahrer in Europa. Nach Kriegsende machte die Fabrik dicht. Die Jobs wurden knapp. Der Vater war, als der Sohn anfing, in Bands zu spielen, immer noch Hilfsarbeiter. Nachts saß er oft stundenlang in der dunklen Küche, rauchte, soff und grübelte. Kein Licht, keine Hoffnung. Dafür Depressionen.

Die Mutter hatte Bruce die erste Gitarre gekauft. Der Vater sagte nur: "Krach." "Es war nicht das, was er tat. Es war das, was er nicht tat", erzählte Springsteen seinem Biografen. "Es war diese völlige Verweigerung von Anerkennung. Es war diese Leere."

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Für die Suche nach Liebe und Sinn braucht man manchmal ein Auto: Springsteen als fast 30-Jähriger.

Quelle: Archiv

Anerkennung holte sich Springsteen lange bei seinen Konzerten. Die Auftritte auf seiner "The River"-Tournee 1980/81 dauerten gut vier Stunden. Er konnte einfach nicht aufhören. Er schuftete, als müsste er jeden Abend aufs Neue beweisen, dass er etwas taugt. Er machte später eine Therapie, um die Gitarre wieder aus der Hand legen zu können.

In Chicago spielt er drei Stunden und zwanzig Minuten, denn nach der "The River"-Sause legt er noch ein gutes Dutzend Publikumsfavoriten wie "Thunder Road", "Dancing in the Dark" und "Rosalita" nach. Seine epischen Konzerte sind heute eine Dienstleistung. Genauso wie seine Album-Shows. Fans lieben es, wichtige Springsteen-Platten wie "Born to Run" oder "Darkness on the Edge of Town" auch live von Anfang bis Ende zu hören. Diesen Service bot er ihnen sporadisch schon bei vergangenen Tourneen.

Nostalgie als Marktlücke

Auch andere Musiker sehen darin offenbar eine Marktlücke. Die englische Band The Cure etwa führte im Jahr 2002 ihre Alben "Pornography", "Disintegration" und "Bloodflowers" als finstere Trilogie nacheinander in voller Länge auf. Punk-Poetin Patti Smith war gerade erst mit ihrem 40 Jahre alten stilprägenden Debüt "Horses" unterwegs.

In diesem Frühling tourt die Waliser Rockgruppe Manic Street Preachers mit ihrem Politpop-Album "Everything Must Go" von 1996 durch Europa. Manche drücken bloß auf die Nostalgiedrüse, indem sie ihre gebrauchte Kunst in die Gegenwart transportieren. Andere verbinden die Zeiten oder finden eine neue Perspektive – so wie Springsteen.

"Party Noise!", ruft er, "Chiiicaaagooo, Party!" Trotz vieler nachdenklicher Inhalte, Springsteens Konzerte sind vor allem Twist-and-shout-Ereignisse. Er will, dass sich seine Fans verausgaben, sich locker machen und dabei versuchen, ihren Alltag auszublenden. "The River" war sein erstes Album, bei dem diese Strategie aus Melancholie und Tanzen klar zu erkennen war. Mit Fetenhits wie "Sherry Darling", "Two Hearts" oder "Cadillac Ranch" bringt er Chicago zum Toben. Das schwärmerische Saxofon glitzert wie eine Diskokugel.

Aufforderung zum Träumen

Der 66-Jährige und seine "Pain-stopping" und "Viagra-taking" Band, wie er sie vorstellt, verbreiten Euphorie, Trost, Hoffnung. Erfunden hat er das Konzept der Befreiung durch Rock‘n‘Roll nicht. Das waren seine Idole. Die Isley Brothers zum Beispiel, von denen er als Zugabe "Shout" spielt. Und Elvis. Springsteen ist selbst ein Elvis, einer der letzten großen Entertainer, einer, der ganze Stadien von den Sitzen reißen oder zu Tränen rühren kann.

"The River" ist eine Aufforderung zum Träumen. In "Wreck on the Highway", dem 20. und letzten Song, kommt ein Mann auf einen tödlichen Autounfall zu. Als er den sterbenden Fahrer sieht, wird ihm klar, dass man nur begrenzt Zeit hat, um etwas Gutes zu bewirken und um das Leben zu genießen. Robert und Tim, der Vater und der Sohn von der Bushaltestelle, haben das begriffen.

Bruce Springsteen & The E Street Band gastieren mit "The River" ab Mai in Europa. Die deutschen Konzerttermine waren bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt.

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