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Der Intendant trägt Prada

Chris Dercon an der Berliner Volksbühne Der Intendant trägt Prada

Es ist die wohl umstrittenste Berufung der aktuellen Kunstwelt: Chris Dercon tritt die Nachfolge von Theaterlegende Frank Castorf an der Volksbühne an. Der Belgier nimmt es selbstironisch.

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Tanzspektakel auf dem Tempelhofgelände als Spielzeitauftakt: Chris Dercon weitet die Bühne der Berliner Volksbühne auf die ganze Stadt aus.

Quelle: RND

Berlin. So sieht ein Befreiungsschlag aus: “I want to be free“ steht auf Aufklebern, die jemand auf Fahrradständer rund um die Berliner Volksbühne geklebt hat. An einer Stelle schaut darunter noch ein Stück eines anderen Stickers hervor: Dieser warnt in großen Lettern vor dem neuen Intendanten am Rosa-Luxemburg-Platz: Seit dieser Spielzeit ist Chris Dercon hier Hausherr. Der Belgier leitete bislang die Tate Modern in London und trieb die Besucherzahlen des Kunsthauses um 18 Prozent in die Höhe.

Nicht jeder Protest lässt sich so einfach überkleben: Prominente Künstler forderten in offenen Briefen und einer Onlinepetition eine Kurskorrektur. Aus der Kultbühne solle eine “Eventbude“ werden, hieß es. Zum Abschied des langjährigen Intendanten Frank Castorf wurde die Volksbühne jüngst zum Theater des Jahres gewählt. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer wählt bis heute mahnende Worte, der Neue solle das vereinbarte Repertoire- und Ensembletheater liefern. Die Anwerbung von Schauspielern gestaltete sich jedoch bislang schwierig, weil die Künstler sich davor scheuten, an ein derart umstrittenes Haus zu gehen.

“25 Jahre Castorf-Kirche“

Dercon kommentiert: “Theater ist eine kirchenähnliche Community. Die Menschen kommen als Anhänger. 25 Jahre Castorf-Kirche – mir war klar, dass das nicht einfach wird. Aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass es hier mehr Gegenwind geben würde als in der Hafenstadt Rotterdam oder in dem alpennahen München.“ Doch er denke, die Kritik zerstreue sich jetzt, da es endlich losgehe, schnell wieder.

Losgehen wird es zunächst nicht in der Volksbühne, sondern auf dem Gelände des alten Tempelhofer Flughafens. Die Spielzeit wird hier am 10. September mit einem ganztägigen Tanzspektakel eröffnet. Francis Kéré entwarf eine Art Ufo-Bühne, die mit dem Raum des Flughafenhangars spielt. Zunächst steht von diesem “Satellitentheater“ nur eine Tribüne, die Platz für 450 Menschen bietet. Der Architekt ist bekannt für sein Operndorf in Burkino Faso, das er mit Christof Schlingensief errichtete.

Passenderweise hat die Stadt Berlin soeben entschieden, das Flughafengebäude in den kommenden Jahren wieder zu einem öffentlichen Ort zu machen. Dercon bezeichnet das Gelände als “fetten Schinken“. Es gäbe so viele Geschichten zu erzählen über diesen Nazi-Bau, der technisch einst Maßstäbe setzte und in jüngster Zeit als Flüchtlingsunterkunft diente. Dercons Kommentar: “Sie dachten, sie seien endlich angekommen, und dann landen sie ausgerechnet in einem Flughafen.“

Von der Tate Modern an die Volksbühne

Von der Tate Modern an die Volksbühne: Chris Dercon.

Quelle: Tobias Kruse/Ostkreuz

Dercons Rolle bei der Volksbühne wird eine andere sein als die seines Vorgängers, der mit seinem dekons-truierenden Regiestil die deutsche Theaterlandschaft prägte. Ein Kurator, wie ihn seine Gegner despektierlich nennen, will er jedenfalls nicht sein. “Ich sehe mich als Chefredakteur, gemeinsam mit der Programmdirektorin Marietta Piekenbrock. Ich muss den Überblick behalten und beurteilen: Wie unterscheiden wir uns von anderen Berliner Theatern?“

Auf den ersten Blick gibt es einige Parallelen: Die Interdisziplinarität erinnert an das Hebbel am Ufer (HAU) und das Ballhaus Naunynstraße. Und wenn man sich die Künstlerliste der neuen Volksbühne durchliest, könnte man meinen, Dercon wolle dem Maxim-Gorki-Theater in Sachen Internationalität Konkurrenz machen. Der Intendant widerspricht: Das Gorki leiste mit seinem Fokus auf Integration eine wichtige Arbeit, man selbst habe andere Schwerpunkte. “Viele unserer Künstler mögen einen fremdländischen Namen haben, aber sie leben schon viel länger in Berlin als ich und können meist auch sehr viel besser Deutsch sprechen.“

Der Belgier redet mit sympathischer niederländischer Färbung. Mitunter benutzt er englische Begriffe, leitet mit einem “anyway“ zu einem neuen Thema über oder bezeichnet Theater als “Kunstform in between“. Sprechtheater, Tanz, bildende Kunst und partizipative Formate vermengten sich zu etwas Neuem. Als Fundamente benennt Dercon Stimme, Bewegung, Tanz, Konflikt und Maske. Ziel des Eröffnungsprogramms sei es zu zeigen: “So unterschiedlich Theaterstile heute auch sind: Sie alle haben diese Basiselemente.“

Schal und Schuhe als Uniform

Dercon hat neben Kunstgeschichte und Filmtheorie auch Theaterwissenschaft studiert. Die Konzentration auf die bildende Kunst geschah quasi durch Zufall. “Bei meinem ersten Projekt sollte ich für das Tanzfestival in Leuven eine Ausstellung gestalten, die aussieht wie eine Theateraufführung. Das war meine In-between-Erfahrung.“ Während der acht Jahre als Direktor des Hauses der Kunst in München bis 2011 habe er immer etwas neidisch auf die Münchner Kammerspiele geschaut, verrät er.

Dercons Schuhe stammen von seiner Freundin Miuccia Prada. Seit 15 Jahren trägt er wechselnde Exemplare des schlichten schwarzen Sneakermodells, das es im Handel längst nicht mehr gibt. Ein Arzt habe ihm mal attestiert, dass er sich nur wegen dieses Schuhs bei einem Sturz nicht den Knöchel gebrochen habe. Auf die Marke komme es ihm nicht an. “Diese Schuhe sind Teil meiner Uniform, eines der vielen Kapitel, die meine Identität ausmachen.“ Auch der beige Schal gehört dazu. Der stammt von Tuareg aus Mali. Die seien wegen der aktuellen Konflikte jedoch schwer aufzutreiben, Dercon bangt um den Nachschub.

Der Mann mit dem Kapitänsbart bezeichnet sich selbstironisch als multiple Persönlichkeit: “Ich bin Belgier. Unser Land ist 700 Jahre besetzt gewesen. Deshalb haben wir den Surrealismus erfunden!“ Der 59-Jährige spricht neben Niederländisch und Französisch auch Deutsch, Englisch und Italienisch. Derzeit lernt er noch Arabisch.

“Gefährlich ist es, die Zuschauer zu unterfordern“

“Gefährlich ist es, die Zuschauer zu unterfordern“: Eine der ersten Premieren wird eine “Iphigenie“-Inszenierung mit syrischen Laiendarstellerinnen sein.

Quelle: Volksbühne

Eine der ersten Premieren – der syrisch-deutsche Theatermacher Mohammad al-Atta interpretiert mit syrischen Laiendarstellerinnen das Antikenstück “Iphigenie“ neu – es wird auf Arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln gezeigt, ein weiteres Stück auf Thailändisch. Überfordert Dercon das Publikum nicht? Er verneint: “Dann hätte man auch Castorf fragen müssen: Überfordern Sie das Publikum nicht mit elf Stunden Theater? Ich finde es viel gefährlicher, die Zuschauer zu unterfordern. “

Wie kommentiert der Kosmopolit die Debatte um Berliner Hipster-Kellner, die aus Prinzip nur Englisch sprechen? “Berlin ist für mich ein Ort der vielen Sprachen. Dazu gehört auch Deutsch. Und ich finde es schade, meine Bestellung ins Englische übersetzen zu müssen, wenn ich einen Spätburgunder verlange – also mich selbst, als Belgier.“

Manchmal spreche er Dinge anders aus als andere und sorge so für Verwirrung, erzählt der Neuberliner. Der Name von Sophie Rois, die als eine von drei Mitgliedern des alten Ensembles dem Haus erhalten bleibt, klänge bei ihm zum Beispiel wie “Soviellos“. Soviellos, ein gutes Stichwort für diese Spielzeit, in der die Theaterlandschaft auf Berlin schaut.

Ein Video zum großen Tanzevent von Francis Kéré zur Spielzeiteröffnung der Volksbühne auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof finden Sie hier:

https://www.youtube.com/watch?v=-OwJTZA5eUQ

Von Nina May

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