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Schöne Grüße vom Roten Planeten

Kinofilm inszeniert Mars-Mission Schöne Grüße vom Roten Planeten

Grünes Licht für den Mars: Forscher und Geschäftsleute wollen bald hinfliegen. Und ein Kinoheld ist bereits vor Ort: Vom 8. Oktober an ist Matt Damon als der "Marsianer" im Kino zu sehen.

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Zukunftsvision: Eine Reihenhaussiedlung auf dem Mars. Das strebt das Start-Up-Projekt Mars One an und plant bis 2023 ist eine eigenständige Expedition zum Roten Planeten.

Quelle: Mars One

Begeistert verfolgt Planetenforscher Ralf Jaumann das Überflugmanöver: "3200 Kilometer ist Mark Watney mit seinem Rover gefahren, und wir können seine Route exakt nachvollziehen." Auf dem 3-D-Bildschirm im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln rasen steile Vulkanschlote, schroffe Gebirgsketten, unwirtliche Wüsten vorüber. Die virtuelle Reise endet beim Schiaparelli-Krater. Hier wurde Astronaut Watney just von jener Raumschiffbesatzung gerettet, die ihn ein paar Jahre zuvor auf dem Mars in der Annahme zurückgelassen hatte, er sei tot.

Auf dem Mars? Stimmt, so weit ist die Menschheit noch gar nicht vorgedrungen. Mark Watney ist ein fiktiver Astronaut, die Titelfigur aus dem Bestsellerroman "Der Marsianer", den der britische Regisseur Ridley Scott gerade mit Matt Damon in der Hauptrolle verfilmt hat (Kinostart: 8. Oktober). Jaumann dagegen ist ein leibhaftiger Marsforscher, und auch die 3-D-Bilder sind echt: Die Sonde "Mars Express" hat sie über Jahre bei der Kartografierung des Roten Planeten aufgenommen und zur Erde geschickt.

"Prinzipell ist alles möglich"

"Der Roman ist unglaublich gut recherchiert", urteilt der Wissenschaftler Jaumann. Die von Andy Weir beschriebene Fahrstrecke entspreche ziemlich exakt den Gegebenheiten auf dem fernen Planeten. Der US-Schriftsteller muss sich ausgiebig bei veröffentlichten Mars-Daten bedient haben. Und deshalb hat Jaumann soeben im DLR-Zentrum den launigen Vortrag "Unterwegs mit Mark Watney, dem Marsianer" gehalten.

Jaumanns Kollege, Raumfahrtmediziner Rupert Gerzer, kann Jaumanns Einschätzung nur bestätigen: "Was Watney auf dem Mars anstellt, ist prinzipiell alles möglich." Und Watney stellt einiges auf dem Mars an: Er kultiviert Kartoffeln in seinem Wohnzelt, gewinnt Wasser aus Treibstoff und kommuniziert über die bereits 1997 auf dem Mars gelandete Nasa-Sonde Pathfinder mit der Erde. Daniel Düsentrieb hätte seine Freude an diesem Mann.

Foto: Matt Damon versucht sich im Kinofilm "Der Marsianer" als intergalaktischer Gärtner.

Kartoffelanbau auf dem Mars: Matt Damon versucht sich im Kinofilm "Der Marsianer" als intergalaktischer Gärtner.

Quelle:

Okay, es gibt schon noch ein paar ungelöste und im Roman großzügig übersehene Probleme: Die Strahlenbelastung im All zum Beispiel ist nach Gerzers Worten enorm. An einem einzigen Tag im Raumschiff bekommt man knapp so viel ab wie ein Erdbewohner in einem ganzen Jahr. Auch die körperliche Fitness sei bei einer Jahre währenden Reise kaum aufrechtzuerhalten. Kreislauf, Muskeln, Atmung würden in der Schwerelosigkeit stark abbauen.

Ebenso wenig sei bislang erforscht, wie es der Mensch psychisch verkraftet, den eigenen Heimatplaneten aus den Augen zu verlieren. Wie lassen sich bei einem so riskanten Trip Depressionen vermeiden? Und dann ist da noch die um mindestens 20 Minuten verzögerte Kommunikation zwischen Mars und Erde, die auch dem fiktiven Raumfahrer Watney zu schaffen macht. Doch ändern all diese Einwände nichts daran: Renommierte Forscher schwärmen von einem Science-Fiction-Roman, der auch schon Millionen Laien unterhalten hat.

On-Way-Tickets zum Mars?

Ein paar Meter neben dem Deutschen Raumfahrtzentrum in Köln residiert die Europäische Weltraumorganisation Esa. Hier werden Astronauten ausgebildet, die später auf der International Space Station, kurz: ISS, Dienst tun sollen. Auch der deutsche Weltraumreisende Alexander Gerst setzte sich in Köln zum ersten Mal in eine nachgebaute Sojus-Kapsel, und hier spielte er den Alltag im All im europäischen Columbus-Modul durch.

Wer auf die vergleichsweise bescheidenen ISS-Dimensionen schaut, bekommt eine Ahnung von den Risiken einer Marsmission: Die ISS umkreist die Erde in 400 Kilometern Entfernung. Die Distanz zwischen Erde und Mars schwankt zwischen gut 50 und 400 Millionen Kilometern – je nachdem, wo die beiden Planeten gerade im Verhältnis zur Sonne unterwegs sind. Schon wenn sich Alexander Gerst aus der ISS auf der Erde rückmeldete, kriegten Möchtegernastronauten hier unten glänzende Augen. Wie soll das erst werden, wenn tatsächlich die ersten Marspioniere unterwegs sind?

"Voraussetzung für so eine Mission ist jedenfalls die Rückkehr vom Roten Planeten", sagt der DLR-Mediziner Gerzer. Das sehen nicht alle so. Die Verfechter des Projekts "Mars One" wollen bereits im nächsten Jahrzehnt die ersten Kolonialisten auf den Roten Planeten schicken – sie geben aber nur One-Way-Tickets aus.

Erster Voraustrupp in gut einem Jahrzehnt

Längst hat auch die Industrie Gefallen an der Marsmission gefunden. Visionär Elon Musk – Milliardär dank des Onlinebezahlsystems Paypal und des Elektroautokonzerns Tesla Motors – will mit seinem Unternehmen Spacex gleich Zigtausende Kolonialisten losschicken. Sie sollen den Mars als Ersatzplaneten herrichten – hoffentlich noch rechtzeitig, bevor wir hier unten die Erde endgültig verwüstet haben. Das Wasserproblem ist dann vielleicht gar keins. Messdaten der Raumsonde Mars Reconaissance Orbiter machten am Montag Furore: Auf dem Mars gibt es offenbar flüssiges Wasser.

Der erste Voraustrupp soll sich nach Musks Plänen schon in gut einem Jahrzehnt aufmachen. Später will auch er selbst mitfliegen. Er kann sich sogar vorstellen, auf dem Mars zu sterben – aber bitte nicht gleich bei der Landung. Die Nasa geht nicht ganz so forsch vor: Sie will bis 2025 zumindest festlegen, auf welche Techniken sie bei ihrer Mission vertraut.

Unterdessen wird auf Erden eifrig weiter geforscht – durchaus im Stil von Mark Watney. Die Esa-Forscher in Köln experimentieren mit Wohnkuppeln aus Marssand. Wozu sollen Astronauten Baumaterial mitschleppen? Österreichische Weltraumfahrer sind kürzlich in knapp 50 Kilogramm schweren Spezialanzügen auf einem Tiroler Gletscher herumgekraxelt, um sich in die Bedingungen auf dem Mars einzufühlen. Die deutsche Physikerin Christiane Heinicke hat Ende August auf Hawaii eine Marsstation bezogen. Ein Jahr lang wird sie in ihrer Wohnkugel am Fuße eines Vulkans mit ihren Kollegen die Abgeschiedenheit simulieren – und sich dabei rund um die Uhr überwachen lassen. Big Brother lässt grüßen.

Sollte es ernst werden mit dem Aufbruch zum Roten Planeten, ist eines jedenfalls klar: Einen Überlebenskünstler wie Mark Watney sollten Marsreisende an Bord haben.

Marsmännchen? Fehlanzeige

Die Fantasie der Menschen hat der Mars schon seit der Antike angeregt – nicht zuletzt wegen seiner orange- bis blutroten Farbe, für die der hohe Eisenanteil die Ursache ist. Die Römer verpassten dem Planeten den Namen ihres Kriegsgotts.

Lange galt der Mars als heißer Kandidat bei der Suche nach außerirdischem Leben . Vereiste Polkappen sind schon mit dem Fernrohr erkennbar, jüngst wollen US-Forscher flüssiges Wasser entdeckt haben. Der Durchmesser vom Mars ist etwa halb so groß wie der unserer Erde. Seit mehr als einem halben Jahrhundert schicken begeisterte Wissenschaftler unbemannte Sonden los und schwärmen von der Ähnlichkeit zur Erde .

Doch ist der Optimismus inzwischen merklich zusammengeschmolzen. Die Temperaturen auf dem Mars liegen zumeist weit unter null. Erloschene Vulkane und tiefe Schluchten bilden die Oberfläche, ebenso finden sich einstige Überschwemmungsgebiete und Flusstäler. Vor ein paar Milliarden Jahren dürfte auf dem Mars ein feuchtwarmes Klima geherrscht haben. Damit ist es vorbei. Immerhin gibt es Jahreszeiten in dieser eisigen Wüste. Durchatmen kann man aber nur schlecht: Die Atmosphäre besteht vornehmlich aus Kohlendioxid . Auf eine Attacke von Marsmännchen dürfen wir einstweilen kaum hoffen.

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