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Der unsichtbare Superstar

Andy Serkis in "Star Wars" Der unsichtbare Superstar

Nur noch ein paar Mal schlafen, dann ist endlich wieder "Star Wars". Das größte Geheimnis des siebten Films ist Andy Serkis, der "Superstar ohne Gesicht". Der Brite spielt den neuen Bösewicht der Weltraum-Saga. Kein Trailer, kein Poster, kein Filmbild zeigte bisher den "Supreme Leader Snoke".

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Darth Vaders Nachfolger: Andy Serkis spielt den Bösewicht im neuen "Star Wars"-Film.

Quelle: Lucasfilm Ltd. & TM / RND

Er ist ein Schatz für die Regisseure, die am liebsten fantastische Welten mit wundersamen Lebewesen füllen. Weil sein Selbstbewusstsein nicht davon abhängt, dass ihm die Leute auf der Straße "Hey, Andy!" nachrufen und Autogramme wollen. Und weil er sich darauf versteht, diesen Kreaturen unter ihren beeindruckenden Oberflächen eine Seele zu geben. Der Schauspieler Andy Serkis liebt es abzutauchen hinter digitale Larven. Um dann das eigentlich Unzeigbare so glaubwürdig zu gestalten, dass man es für bare Münze nimmt.

So spielt er jetzt in "Star Wars VII – Das Erwachen der Macht" den Supreme Leader Snoke, ein Wesen von der dunklen Seite der Macht, das kein Fan bisher gesehen hat. Regisseur J. J. Abrams hebt ihn sich auf, so wie es Peter Jackson 2001 mit dem Gollum tat. Mit jenem von  Gier deformierten Mordfrosch aus den "Herr der Ringe"-Verfilmungen begann 2001 auch die Karriere des 51-jährigen Briten Serkis. Eins der faszinierendsten Ungeheuer der jüngeren Weltliteratur machte ihn zum "Superstar ohne Gesicht".

Andy Serkis

Ein Ring, sie zu binden: Mit dem Ringhüter Gollum aus Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Filmen nahm Andy Serkis' Karriere 2001 eine unverhoffte Wendung.

Quelle: dpa

Und doch war die "Star Wars"-Rolle noch von größerem Kaliber. "Ich ging auf diese gewaltige Medientour für den zweiten 'Planet der Affen'-Film, und praktisch jede Frage, die mir gestellt wurde, bezog sich auf 'Star Wars'", erinnert sich Serkis. Die Hunderte Millionen Fans des Superfranchise diskutierten im Internet über Snokes mögliches Aussehen, sein Wesen, seine Motive. Diese Hartnäckigkeit begeisterte Serkis: "Es ist ein unglaublich kraftvolles Universum. Der Hunger nach 'Star Wars'-Geschichten ist unermesslich."

J. J. Abrams kam durch Matt Reeves, den Regisseur von "Planet der Affen: Revolution" auf Serkis. Er sah einen frühen Schnitt des Films, in dem die Schauspieler in sensorbestückten Spezialanzügen am Set herumsprangen, noch bevor die Computertricktechniker sie verwandelten.

Und war fasziniert von der Echtheit der "Performance Capture", von dem Marc Aurel’schen Charisma, mit dem Serkis als Schimpansenlord Caesar seine Primatenzivilisation anführte. Alles Weitere ging schnell. "Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, dabei zu sein", erinnert sich Serkis. "Und ich antwortete ihm, dass ich liebend gern Teil von 'Star Wars' sein würde."

Kein Kostüm, keine Maske

Wenn Andy Serkis von seiner speziellen Kunst erzählt, gerät er ins Schwärmen. Längst vorbei ist die Zeit, als Charaktere wie der Gollum separat von den Ko-Stars im Studio "aufgenommen" werden mussten. "Die 'Erfindung' der Figur und alles Schauspiel finden heute in direktem Zusammenspiel mit den anderen Darstellern statt. Man zieht sich dabei kein Kostüm an, setzt sich keine Maske auf, spielt ohne all diese Hilfen, die einen ja immer auch behindern."

Stattdessen werden die Bewegungen des Schauspielers über "Marker" am hautengen Anzug so erfasst, dass sie von Computern gelesen werden können. Beim "Motion Capture"-Verfahren für den Gollum waren es nur Serkis' Bewegungen von Armen, Beinen, Kopf, die im Computer auf ein digitales Skelett gezogen wurden. Bei der "Performance Capture" nun werden auch Mimik und Gestik in Nuancen erfasst und übertragen.

Mehr als nur ein Monster

Und so wird das jeweilige Monster zu mehr als der bloßen Sensation eines Kinospektakels. Der King Kong von Peter Jackson hatte echtes Leben in sich, weil Serkis ihn wie einen Shakespeare-Charakter begriff und spielte. Und zum ersten Mal seit dem "King Kong"-Film von 1933 war der Moment nachzuvollziehen, in dem die Schöne mehr für das Biest wird als eine weitere sinnlose Opfergabe der Insulaner.

Serkis fand Humor als Motiv der Riesenaffenliebe. Als die verzweifelte Ann mit Jonglage-Tänzchen ihre Haut retten will, sitzt Kong in seiner Auf-Leben-und-Tod-Welt auf seinem haarigen Hinterteil und lacht. Serkis macht das Urvieh zum amüsierten Publikum einer Schauspielerin. In diesem Moment verliebt er sich. Und im Kino blickt man durch seine braunen Gorillaaugen auf den Grund seiner Seele. Und kauft ihm die Liebe ab – "Performance Capture" wird zu "Audience Capture".

"Das Erstaunliche ist, dass es jedem erlaubt, alles und jeden zu spielen. Philosophisch gesehen ist es das größte 'Acting Tool' des 21. Jahrhunderts", begeistert sich Serkis. "Es ist jetzt egal, wie groß du bist, welche Hautfarbe du hast oder welches Geschlecht." Beispiel ist die kanadische Schauspielerin Karin Konoval, die im magischen Spiegel der Performance Capture zum Orang-Utan Maurice wurde, dem "weisen Mann" der "Planet der Affen"-Horde.

Was wäre wenn: Das Imperium sammelt sich hinter einem neuen Führer.

Was wäre wenn: Das Imperium sammelt sich um einem neuen Führer, gespielt von Andy Serkis.

Quelle: 2015 Lucasfilm Ltd. & TM

Und nun schlägt das Imperium also noch einmal zurück. Und Serkis steht im Zentrum des Films, auf den das ganze Kinojahr 2015 zulief. Am Anfang der Idee über das neue Böse in der fantastischen, fernen Welt der Skywalkers stand laut Regisseur J. J. Abrams eine Frage: "Was wäre gewesen, wenn all die wichtigen Nazis nach Argentinien hätten fliehen und dort ihr Werk neu beginnen hätten können?"

Snoke ist der "Supreme Leader" des "First Order", einer Vereinigung, die sich als Erbe des bösen Imperiums (Darth Vader, Imperator) versteht und 30 Jahre nach der Schlacht von Endor gegen die Sieger der Republik (Prinzessin Leia, Han Solo) und ihre Getreuen kämpft. Das kitschige Finale von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" war also nur eine Verschnaufpause.

Geschichte hat auch im galaktischen Märchenland kein Ende, und Vergangenheit ist auch dort immer ein Instrument, Lügen zu Wahrheit zu erheben, Mythen zu kreieren. In der Welt, die wir nun endlich wieder betreten dürfen, gibt es offenbar Wesen, die Darth Vader für einen Märtyrer halten, und Luke Skywalker für den finsteren Zerstörer einer noblen Herrschaft. Die an Snoke als den Guten glauben.

"Die Fans werden ausflippen"

Das Internet ist bereits voller Vorstellungen, Fans haben sich ihr Bild von Snoke gemacht, nachdem von Serkis doch einige Details gestreut werden durften. Von sehr großer Gestalt sei Snoke, mit einer eigentümlichen, knochigen Gesichtsstruktur. Sehr, sehr mächtig und – immer wichtig für Serkis – sehr verletzlich. Beinahe als sicher gilt, dass Snoke der Cliffhanger zu "Star Wars VIII" werden wird, dass uns in "Star Wars VII" nur ein paar Blicke auf ihn gestattet sein werden wie damals auf den Gollum.

"J. J. ist wirklich zurückgekehrt zu der Essenz, zu dem, worum es in 'Star Wars' geht, zur Menschlichkeit der Geschichte", verspricht Serkis. "Er hat einen guten Job gemacht: Alles sieht verblüffend aus. Es fühlt sich richtig und wirklich, greifbar und physisch an. Die Fans werden ausflippen." Eine gute Nachricht, nachdem die letzten drei "Star Wars"-Filme von George Lucas ja eher computerspielhaft unwirklich aussahen.

Für Serkis selbst wird sich nichts ändern, er wird weiterhin der Superstar ohne Gesicht bleiben. Was ihn nicht stört, solange ihn nur seine Familie in seinen Rollen wiedererkennt. Außerdem wird ihm eine Ehre zuteilwerden, die allen noch so überwältigenden Macbeths der Bühne und der Leinwand verweigert bleibt. Eine Ehre, die er schon einmal mit dem Gollum hatte. Er wird in Millionen Kinderzimmer einziehen und dort in Millionen neuen, kleinen, von den Bewohnern selbst erfundenen "Star-Wars"-Abenteuern eine zentrale Rolle spielen. Als Supreme Lego-Leader Snoke.

Von Matthias Halbig

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