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Die Splitter der Melancholie

Neues von Benny Andersson und Abba Die Splitter der Melancholie

Abba will wieder auf Tour gehen – aber nur als Avatarband. Ehe es losgeht, stellte der Musiker Benny Andersson in Hamburg erst mal sein Soloalbum “Piano“ vor. Und er erzählt von einem neuen “Mamma Mia“-Film.

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Liebt Schumann, Beethoven, Bach und das Gassigehen mit seinem Jack-Russel-Terrier: Benny Andersson über sein neues Album und große Pläne für Abba.

Quelle: Deutsche Grammophon

Hamburg. Die Panoramasuiten im 16. Stock des Elbphilharmonie-Hotels tragen ihren Namen zu Recht. Durch raumhohe Glaswände blickt man auf die bulligen Hafenkräne, die grauen Elbwasser, man sieht die Nikolaikirche und St. Katharinen mit der goldglänzenden Manschette um die Turmspitze. Benny Andersson gefällt’s, aber der Raum ist nur für dienstliche Zwecke. “Ich schlafe einige Stockwerke tiefer – nicht ganz so spektakulär.“

Der schwedische Musiker ist in Hamburg, um sein neues Album vorzustellen. “Piano“ heißt es – weil er darauf nur Klavier spielt und weil es dabei auch piano zugeht, bedächtig und ruhig: 21 Kompositionen aus der Zeit mit seiner Band Abba, aus seinen Musicals und von den Platten mit seiner Folkband – dem Benny Andersson Orkester.

“Die bange Frage, die ich mir stellte war: Was würde von diesen Liedern übrig bleiben?“, sagt Andersson. “Keine Overdub-Aufzeichnung, kein Gesang, keine Streicher. Nie zuvor waren sie so nackt gespielt worden. In ihrer Entstehungszeit ging man mit der neuesten Idee schnell ins Studio und produzierte sie. Und zu Hause sitze ich nicht herum und spiele meine alten Lieder am Flügel.“ Das Ergebnis des Experiments erleichterte ihn: “Es hörte sich immer noch nach Musik an“, sagt er mit einigem Understatement. “Da waren immer noch Echtheit und Substanz in den Songs.“

Melancholie in Verkleidung

Abbas “I Let the Music speak“ ist das Leitstück des Albums, und tatsächlich vermag diese wohlige Entschleunigungsmusik ganz ohne Worte zu sprechen. Jede der Miniaturen erzeugt im Hörer Bilder, Filme, alle sind sie in Schwarz-Weiß gehalten, erzählen Geschichten aus Lange-her-Zeiten – Impressionen vom Getriebe in den Städten (“Malarskolan“, “Aldrig“), in den Parks (“Midnattsdans“), auf Rummelplätzen (“Thank You for the Music“). Wehmütig scheinen diese Kopfkinomusiken, ob sie nun als Ragtime oder Walzer daherkommen. Indem sie vergangene Welten illuminieren, betonen sie die Endlichkeit des Seins. Ist diese Melancholie – die man auch im Blick Greta Garbos, in den Filmen Ingmar Bergmans und den Büchern von Henning Mankell findet – etwas typisch Schwedisches?

“Das glaube ich schon“, sagt Andersson. “Fast jeder Song, den wir mit Abba aufgenommen haben, hat einen Splitter davon in sich stecken. Und es war nicht so, dass ich bewusst gesagt hätte, ich pack’ da jetzt mal soundsoviel davon rein. Das geschah einfach. Es war freilich eine Melancholie in Verkleidung, denn die meisten Leute würden ja eher nicht sagen, dass Abbas Songs melancholisch sind. Und doch ist auf dem Grund fast aller dieser fröhlichen Gesänge eine Traurigkeit. Vielleicht ist sie sogar das geheime Gewürz. Die Leute fragen mich immer, warum Abba so erfolgreich sind. Und ich sage dann: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber vielleicht ist es die Melancholie.“

Die Welt wartet seit 34 Jahren auf ihr Comeback

Die Welt wartet seit 34 Jahren auf ihr Comeback: Abba. Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad (v. l.).

Quelle: imago

Zig Millionen auf der ganzen Welt warten seit der 1983 ausgerufenen “Pause“ darauf, dass Abba noch einmal zurückkehren, in all den Jahren seither gab es neben vielen “Neins“ auch manches “Vielleicht“ von Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny zu hören. Andersson scheint keine weiteren Hoffnungen schüren zu wollen: “Warum sollte jemand kommen und vier Siebzigjährigen zusehen, die 40 Jahre alte Lieder aufführen?“, versucht er zunächst aus der Sicht der Fans zu argumentieren.

“Es ist einfach so, dass wir das alles hatten“, räumt er dann ein. “Wir hatten das Tourleben sieben Jahre vor der Band. Und mit Abba waren wir noch mal zehn Jahre auf der Straße. Am Ende war es: ,Ach … heute ... Düsseldorf (großer Seufzer)!‘. Warum sollte ich etwas tun, das ich nicht mag? Warum sollte ich in Düsseldorf auftreten, wenn ich doch lieber mit meiner Jack-Russell-Hündin Sickan spazieren gehe?“ Er wolle nicht undankbar erscheinen, aber “es bleiben mir nicht mehr so viele Jahre übrig.“

Und doch gibt es die Ankündigung von einem virtuellen Abba-Konzertprojekt. “Wir arbeiten daran, alle vier“, sagt Andersson. “Erst wenn es technisch perfekt ist, gehe es los, voraussichtlich im Frühjahr 2019. Es wird Band, Orchester, Akrobaten geben, ein großes Setdesign, besten Sound, bestes Licht. Und wir werden auch da sein – aber als Hologramme oder als digitale Leinwandfiguren. Wenn du im Publikum sitzt, wirst du Abba sehen. Ich werde es sein – und auch nicht.“ Er lacht leise. “Denn eigentlich bin ich zu Hause in Stockholm und gehe Gassi mit dem Hund.“

“Ich stimme immer für Kraftwerk“

Wenn er denn nicht an anderen Abba-Projekten arbeitet. Wie zuletzt an dem Film “Mamma Mia: Here We Go Again!“, der in London entsteht. “Ich mochte die Idee gar nicht. Ich liebte den ersten Film, wieso also noch einen machen? Universal ließ neun Jahre nicht locker, dann kam ein witziges Skript und wir stimmten zu. Aber ich wollte die Musik nicht mehr bearbeiten.“ Kurzes Zögern. “Na ja, hätte ich’s nicht gemacht, hätte ich mir den Film nie anschauen können. Denn immer, wenn mir ein Ton nicht gefallen hätte, wäre ich total angepisst gewesen.“ In Deutschland ist Andersson derzeit sehr umtriebig, trat beim Radiopreis auf und bei einer Tagung des Labels Universal.

“Abba haben es in die Rock-’n’-Roll-Hall-of-Fame geschafft. Das ist die echte Hall, in der die Legenden sind: Elvis, Beatles, Chuck Berry, Brian Wilson“, freut sich Andersson. “Verrückt. Wir sind die einzige Band, die nicht aus Amerika oder England kommt.“ Ist man Mitglied, darf man jährlich sein Votum abgeben für den nächsten Kandidaten. “Ich stimme immer für Kraftwerk. Sie müssen endlich rein, denn sie sind so eigenständig, so weit weg von allem anderen, was jemals in der Popmusik passiert ist.“

Aktuellen Pop hört Andersson nicht. Stattdessen meistens Klassik. In “Piano“ steckt auch seine Liebe zu Schubert, Schumann, Bach und Beethoven. Kann sich der Feind von Fortsetzungen und Wiedervereinigungen ein „Piano 2“-Album vorstellen. “Das würde ich sogar machen, wenn es kein Publikum für das erste Album gibt“, sagt er. “Mit Publikum wär’s aber schöner.“ Bliebe die „Fernando“-Frage zum Lebenswerk: “If you had to do the same again …?“ Andersson lacht: “Oh, ja, I would, my friend.“

Von Matthias Halbig

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