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Ein Buch wie ein ungemachtes Bet

Neuer Roman von Tex Rubiniowitz Ein Buch wie ein ungemachtes Bet

Der Bachmann-Preisträger Tex Rubinowitz tut in seinem jüngsten Werk so, als schreibe er einen Roman. „Lass mich nicht allein mit ihr“ ist aber zugleich eine Art Autobiografie. Der Autor spielt virtuos mit Identitäten und Erwartungen.

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Ode an eine Schreibblockade: Tex Rubinowitz präsentiert mit seinem neuen Buch ein irrwitziges Spiel mit Erzählperspektiven.

Quelle: Hertha Hurnaus, Montage: RND

Hannover. Diesem Buch ist eine Gebrauchsanweisung vorangestellt: Es nenne sich selbstbewusst Roman. Dabei heiße der Icherzähler genauso wie der Autor. Er weise auch gewisse biografische Ähnlichkeiten mit ihm auf. „Aber was er vom Stapel lässt, ist so haarsträubend, voller irrer Zufälle, identitätenverbiegend, dramatisch und unernst, dass man nur folgern kann: Das ist nicht das wahre Leben, das ist Quatsch.“ Der Urheber dieser doppelbödigen Selbstkritik ist Tex Rubinowitz. Der 1961 in Hannover geborene Autor heißt eigentlich Dirk Wesenberg und lebt seit 1984 als Witzezeichner, Maler, Musiker und Schriftsteller in Wien.

Mit der skurrilen Geschichte „Wir waren niemals hier“ gewann er 2014 beim Klagenfurter Wettlesen den renommierten Bachmann-Preis. Darin geht es um eine autistische Beziehung zur litauischen Titelfigur, die raucht wie ein Schlot und an Batterien leckt, ohne jemals genug Energie zu haben. Ein Jahr später erschien mit „Irma“ der Roman zur Geschichte. Schon hier diente die dreimonatige Affäre mit der Titelfigur als Hintergrund für eine mäandernde Selbstfindungsgeschichte des Icherzählers.

Im aktuellen Buch „Lass mich nicht allein mit ihr“ wird das Spiel mit Realitätsebenen und Identitäten auf die Spitze getrieben. Der Erzähler, auch ein Autor, hat ein Buch namens „Virma“ geschrieben und denkt darüber nach, sein eigenes Buch zu plagiieren. Das ist eine offenkundige Anspielung auf die Kritik, der reale Schriftsteller Rubinowitz schreibe ganze Absätze aus der Internetenzyklopädie Wikipedia ab. Als „puddingwackliges Plagiat meiner selbst“ sieht sich wiederum der Icherzähler. Man kann „Lass mich nicht allein mit ihr“ daher als Palimpsest, als Überschreibung der alten Geschichte, verstehen. Rubinowitz erklärt im Interview: „So stoße ich eine weitere Tür zu einem neuen Raum auf. Beide Geschichten bekommen eine gewisse Dreidimensionalität, wenn man sie übereinanderlegt.“

Wenn der Erzähler irritierenderweise eine Facebook-Einladung von sich selbst bekommt, verweist das zum Beispiel auf „Irma“, denn da wird der Erzähler 30 Jahre nach der Trennung von der Ex übers soziale Netzwerk kontaktiert. Gibt es im realen Leben auch so eine Irma, die den Autor nicht loslässt? Rubinowitz sagt: „Im Buch taucht diese Irma ja nur für den Zeitraum von drei Monaten auf, verschwindet dann und ward nie wieder gesehen. Haben wir solche Begegnungen nicht alle? Ich glaube, in meinem Leben gab’s einige von diesen Irmas.“ Mit dem Titel „Lass mich nicht allein mit ihr“ sei jedoch keine Frau gemeint. Rubinowitz erklärt: „Es ist eher ein Synonym für eine unbehagliche, konfrontative Situation, eine Art Hilfeschrei. Und nicht zufällig reimt sich ,ihr’ auf ,mir’. Also könnte auch ein Unterbewusstsein suggeriert werden, aus dem ein Teil von einem entlassen werden möchte.“

Eine dieser unbehaglichen Situationen ist für den fiktiven und den realen Tex das Telefonieren. Die Symptome von Herzklopfen und Angstschweiß, die etwa im Buch geschildert werden, treten auch beim Autor selbst auf. Im E-Mail-Interview vergleicht er das mit Flugangst und schreibt: „Ich mache es äußerst ungern. Vielleicht hab ich seit Mail- oder SMS-Schreiben auch einfach nur das Telefonieren verlernt.“ Von einem ähnlich lakonischen und pointierten Witz sind auch die literarischen Texte von Tex Rubinowitz.

Insgesamt lesen sich die mehr als 500 Seiten wie eine Ode an eine Schreibblockade. So heißt es: „Das Problem beim Geschichten konstruieren ist ja nicht das Erfinden, sondern das Entscheiden. Wo soll es langgehen? Nach jeder neuen Entscheidung warten wieder Tausende neue Entscheidungen, Möglichkeiten, zweigen Wege ab, überall hängen lose Fäden raus, wie eine Stickerei von hinten sieht das alles aus oder meinetwegen wie ein Käsebrot von unten.“ Schließlich wird der Autor eins mit seinem Werk und fühlt sich wie der erste Satz in einem Roman, an den besonders hohe Erwartungen geknüpft werden.

Diese werden personifiziert durch den Lektor, der dem Autor zum Beispiel vorschlägt, er solle mal was über Äpfel schreiben, das verkaufe sich gerade sehr gut. Oder wahlweise über Kirschen. Wie um die Erwartung an einen Roman zu erfüllen, streut Rubinowitz zwischendrin eine Krimihandlung ein, rund um einen abgetrennten Kopf, der im Wald gefunden wird.

Rubinowitz ist neben seiner Karriere als Zeichner und als Autor von Büchern mit so schönen Titeln wie „Die sieben Plurale von Rhabarber“ (2013) über Listen aller Art und zuletzt der derbhumorigen, als E-Book veröffentlichten Western-Novelle „Die Fliegen“ (2016) in Erscheinung getreten. Alles in allem würde man vielleicht ein etwas breiteres literarisches Oeuvre erwarten, ehe sich ein Autor auf die Metaebene begibt und sich so exzessiv mit dem Schreibprozess und der Mythenbildung in eigener Sache befasst. Doch der Autor widerspricht: „Kann es nicht auch sein, dass ich nur so tue, als sei es biografisch? Ich glaube, dass es Lesern hilft, wenn sie wissen, dass dieses und jenes biografisch ist, dass so das Unheimliche und Böse gebannt wird, mit dem wir nur schlecht zurechtkommen, wenn es plötzlich hinter uns steht und seine spitzen Zähne in unsere Hälse rammt.“

Der Aneignungsprozess der eigenen Biografie wird im Buch gespiegelt mit dem Erarbeiten des Lebens von Abdul. Dies ist ein flüchtiger Bekannter des Erzählers, welcher dessen Facebook-Freundschaftsanfrage erst nach dem Selbstmord Abduls annimmt. Erst im Nachhinein bekommt der Erzähler in Interviews mit Internetfreunden des Verblichenen Einblick in den Gemütszustand Abduls. Dieser Handlungsstrang ist eine weitere Ebene des Spiels mit Rollen und Identitäten.

Dem Buch, dessen Genrebezeichnung „Roman“ Erwartungen in die Irre führt, ist ein Zitat von Tracey Emin vorangestellt, jener britischen Skandalkünstlerin, die einst ihr eigenes ungemachtes Bett samt Zigarettenstummeln und gebrauchten Kondomen ausstellte. Später wurde es für mehr als 3 Millionen Euro versteigert. Das vorliegende Buch ist so etwas wie Rubinowitz’ ungemachtes Bett.

Tex Rubinowitz: Lass mich nicht allein mit ihr, Rowohlt. 288 Seiten;
19,95 Euro.

Von Nina May

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