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Ein Drache im Dschungel

Neues Hörbuch von Cornelia Funke Ein Drache im Dschungel

Die Bestsellerautorin Cornelia Funke wird Verlegerin: Ihr Label "Atmende Bücher" produziert in Hamburg sämtliche Hörbucher der Jugendbuchautorin – das erste mit dem Titel "Die Feder eines Greifs" erscheint zeitgleich zum Buch. Ein Besuch bei den Aufnahmen, wo Funke selbst Passagen einspricht.

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Die "deutsche J. K. Rowling" im Hörbuchstudio: Ihr neues Buch "Die Feder eines Greifs" liest Cornelia Funke zum Teil selbst ein.

Quelle: dpa

Der Drache Lung spricht ganz tief aus der Lunge, der Homunkulus Fliegenbein lispelt, die Ratte Lola Grauschwanz redet schnell, und die Affen schwingen sich leiernd von Silbe zu Silbe: Dies sind nur einige von vielen Stimmen, zwischen denen der Schauspieler und Sprecher Rainer Strecker hin und her springt. In einem Tonstudio im Hamburger Stadtteil St. Pauli spricht er an fünf Tagen das Hörbuch zu Cornelia Funkes Roman "Die Feder eines Greifs" ein.

Es ist in mehrfacher Hinsicht eine besondere Arbeit. Schon allein, weil die Bestsellerautorin damit nach 19 Jahren ihr Kinderbuch "Drachenreiter" fortsetzt, das eine halbe Million Mal verkauft wurde und damit eins der erfolgreichsten Kinderbücher der Autorin ist. Endlich werden die Leser wissen, wie es mit dem silbernen Drachen Lung, dem Koboldmädchen Schwefelfell und dem Waisenjungen weitergeht, die im "Drachenreiter" den sagenumwobenen Saum des Himmels zwischen den Gipfeln des Himalajas suchten.

Die deutsche J. K. Rowling

Funke gilt als deutsche J. K. Rowling. Sie hat mehr als 50 Bücher geschrieben, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden. Die drei Bände ihrer "Tintenherz"-Trilogie haben sich allein in Deutschland mehr als 3,4 Millionen Mal verkauft. Mit "Herr der Diebe" (2002) gelang ihr der internationale Durchbruch. Seit 2005 lebt sie in Los Angeles.

Doch an diesem Tag ist sie für "Die Feder eines Greifs" zu Gast in Hamburg und erzählt, weshalb die Geschichte nach so langer Zeit fortgesetzt wird: "Ich hatte das schon mehrmals probiert, und jedes Mal das Gefühl, mich zu wiederholen. Das halte ich für eine Todsünde." Dann hat sie die App "MirrorWorld" zu "Reckless" gemacht. Das sei eine kreativ so bereichernde Erfahrung gewesen, dass sie als Nächstes etwas Ähnliches für Jüngere machen wollte – den "Drachenreiter".

Funke erzählt: "Während wir an dem Projekt arbeiteten, bekam ich wieder solche Lust auf die Figuren, dass ich eines Tages beschloss, es doch noch einmal mit einer Romanfortsetzung zu versuchen. Ein Beweis, dass Bücher und digitales Erzählen sich aufs Wunderbarste befruchten können."

Im Tonstudio: Cornelia Funke

Spaß bei der Einlese-Arbeit: Cornelia Funke bei den Aufnahmen zu ihrem Hörbuch "Die Feder eines Greifs".

Quelle: Atmende Bücher

"Die Feder eines Greifs" ist zudem – und das macht die Sache noch spektakulärer – die erste Veröffentlichung von Funkes eigenem Hörbuchlabel "Atmende Bücher". Zehn CDs wird das Hörbuch am Ende umfassen, das Ende September zeitgleich mit dem Kinderbuch scheint.

Details zur Handlung dürfen noch nicht verraten werden. Nur so viel: Die Helden reisen nach Indonesien, um die Sonnenfeder eines Greifs zu finden. Denn nur damit kann garantiert werden, dass die von Ben und seinen Gefährten gefundenen Pegasus-Fohlen in ihren Eiern nach dem Tod der Pegasus-Mutter weiter wachsen können.

Um neben Rainer Strecker auch die Autorin als Sprecherin einbinden zu können, hat Eduardo García vom Hamburger German Wahnsinn Tonstudio eine einfache Trennidee: "Während Cornelia das Hüten der Pegasus-Eier im Zufluchtsort für Fabelwesen übernimmt, begeben sich Rainers Figuren auf die abenteuerliche Suche nach der Greiffeder."

Dschungelsound beim Schreiben

Funke sitzt in der Sprecherkabine, die Kopfhörer auf den Ohren und gibt García Handzeichen durch die Glaswand. Immer wieder brechen beide in Lachanfälle aus. Die Autorin wirkt aufgeregt wie ein Kind und zugleich in sich ruhend und tief zufrieden mit ihrer Arbeit. Was sie aber nicht davon abhält, noch auf die Schnelle den Text zu ändern. So unterbricht sie das Lesen plötzlich und sagt: "Die meisten –  das klingt doch nicht. Vielleicht lieber – fast alle." Sie schmeckt, wie sich das "fast alle" anhört. Sie ist zufrieden, das Skript wird geändert.

Und wenn sie sich unsicher ist, wie einer der indonesischen Namen ausgesprochen wird, spricht einer ihrer Fans aus dem Land diese kurzerhand per Whatsapp vor. Etwa ein Zwölftel des Textes liest die Autorin selbst ein. Beim Schreiben hat Funke Dschungelgeräusche gehört. "Ich war überrascht davon, wie laut die sind", sagt die Autorin. "Ich habe selbst zwei kleine Papageien, deshalb war mir das Geschrei nicht völlig fremd. Aber man vergisst leicht das Geräusch des Regens auf den Blättern, und wie viele Geschöpfe im Urwald von sich hören lassen. Da geht es sehr laut zu!"

Geschichten erwachten für sie erst zum Leben, wenn man sie auch hörte, sagt die Autorin. Mit einem Hörspiel habe sie als Prosa-Autorin immer das Problem, dass der Rhythmus ihrer Sprache, den sie bewusst komponiere, verändert und gekürzt werde, um die Geschichte zu dramatisieren. Jetzt dagegen würden ihre Originalworte durch einen Klangteppich ergänzt.

"Die Feder eines Greifs"

Im Studio herrscht Edelpunkatmosphäre: Totenköpfe auf der Türmatte und als Tapetendekor. Eine sympathische Nerd-Sammlung: Eine Lego-Figur aus der Serie "The Walking Dead" steht neben einem Buch über die Soundeffekte bei "Star Wars". Aus diesem Universum stammen auch die Roboterfiguren auf der Fensterbank. Ein Lexikon der Musikwirtschaft sorgt für den nötigen Ernst.

García prophezeit, dass der Troll Hothbrodd der Liebling der Kinder werden wird. Wenn dieser spricht, dann knarzt es, und es klingt ein bisschen so, wie man sich einen mürrischen, aber zugleich herzlichen Baum vorstellt. Der 47-Jährige jongliert auf seinem Rechner mit Ideen für Titelmelodien. Eine beginnt mit sphärischen Klängen, die man sich gut im norwegischen Wald vorstellen kann, ehe die Kamerafahrt mit Posaunen und Hörnern den Flug über Berge und Täler beschreibt.

García hat für das Hörbuch zu "Die Tribute von Panem" die goldene Schallplatte bekommen und auch schon einmal eine Rolle in der Kult-Hörspielreihe "Die drei ???" sprechen dürfen – "einen spanischen Gangster, wie passend". Funke erzählt in der Sprecherkabine von einer Zentaurin: "'Aaaah', sagte sie mit einer Stimme, die klang, als striche der Wind durch hohes Gras. 'Du kennst uns. Wir sind rastlos wie die Wolken.'" Und der Zuhörer sieht tatsächlich die Wolken und hört den Wind brausen.

Von Nina May

Interview mit Cornelia Funke

Frau Funke, Sie gelten als akustischer Mensch. Wie äußert sich das im Alltag?
Ich kann nicht ohne Musik leben und arbeite auch meistens damit. Und ich lese mir meine Texte immer laut vor. Wenn sie nicht klingen, weiß ich: Ich habe irgendetwas falsch gemacht. Ich schreibe also eigentlich für das gesprochene Wort.

Wie beeinflusst Sie die Musik beim Schreiben?
Es gibt Stücke wie Bachs "Wohltemperiertes Klavier", die ich bei jedem Projekt hören kann – Bach ist wie Gehirnmassage. Aber wenn ich an der "Reckless"-Reihe schreibe, höre ich Musik aus dem 19. Jahrhundert, Schubert, Tschaikowsky. Dvorák für das "Goldene Garn". Wenn ich an "Tintenwelt"-Geschichten arbeite, dann oft zu früher Barock- oder Troubadourmusik. Die Musik malt mir die Epochen, von denen die Bücher inspiriert sind, auf wunderbare Weise ins Schreibhaus.

Dennoch: Weshalb muss es gleich ein eigener Verlag sein?
Die Saat dafür wurde schon gelegt, als ich bei "Tintenherz" so viel mit dem gesprochenen Wort arbeitete und mir bewusst wurde, wie sehr ich gutes Lesen bewundere. Als ich bei meinen Auftritten zum ersten Mal  Musik von German Wahnsinn zur Begleitung hatte, war das, als hätten meine Geschichten die perfekten klingenden Kleider gefunden. Was natürlich ein sehr beglückenden Erlebnis war. Eduardo García und ich sprachen nach den Auftritten oft über Formate des Lesens und des Hörens. Aus diesen zwanglosen Gesprächen unter Freunden wuchs irgendwann die Idee des Verlags "Atmende Bücher".

Sie haben selbst Teile eingesprochen. Haben Sie Ihren eigenen Text dabei als etwas Fremdes wahrgenommen?
Oh nein, denn ich habe schon viele meiner Texte eingesprochen, vor allem auf Englisch. Zum Glück lieben die Amerikaner meinen deutschen Akzent. Für den Film "Extraordinary Tales" habe ich neben Guillermo del Toro und Christopher Lee gesprochen – und zwar den Tod, der Edgar Allan Poe auf dem Friedhof begegnet. Das Projekt hat mir noch mal klar gemacht, mit welcher Leidenschaft ich nicht nur Wort, sondern auch Stimme bin.

Interview von Nina May

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