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Ein Herz aus Finsternis

Netflix produziert Kinofilme Ein Herz aus Finsternis

Zum Töten gedrillt: Das Drama "Beasts of No Nation" beschreibt eindringlich das Schicksal der Kindersoldaten Westafrikas. Ein anspruchsvoller Stoff – produziert vom Streamingdienst Netflix, der dem Kino zunehmend Konkurrenz macht. Die Verwertungskette gerät durcheinander.

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Szene aus "Beasts of No Nation": Idris Elba als "Der Kommandant" mit Abraham Attah als "Agu".

Quelle: Netflix

Der "Kommandant" (Idris Elba) hockt sich vor den Gefangenen, zieht noch mal an seiner Tüte und knurrt los: "Wer hat dieses Ding hierhergebracht?" Das "Ding" ist Agu (Abraham Attah), ein neunjähriger Junge. Er ist aus seinem Dorf geflohen, nachdem Soldaten der Regierungstruppen vor seinen Augen Vater und Bruder erschossen. Agu rennt immer tiefer in den Dschungel hinein, weg von seinem Dorf, weg vom Krieg, der sein namenloses afrikanisches Land überzogen hat.

Natürlich kann er nicht entkommen. Der Krieg findet ihn in Gestalt der zerlumpten Dschungelkrieger des "Kommandanten", die aufseiten der Rebellen kämpfen. "Das Ding", grummelt einer von ihnen, "ist nichts, nur ein Junge." Ein Junge, belehrt der Kommandant seinen Krieger, "ist nicht nichts. Er kann sehr gefährlich sein." Und damit sehr wertvoll.

Ein bisschen "Apocalypse Now"

Der Kommandant, einen anderen Namen hat er nicht, ist ein Manipulator und Psychopath, ein pädophiler Menschenfischer, für den der Dschungelkrieg zuallererst eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung ist: ein Bär von einem Mann, offene Uniformjacke, freier Oberkörper, Blümchentuch um den Hals, Sonnenbrille mit lila Gläsern, goldbesterntes Barett. So einer marschiert nicht, er schlurft oder stolziert, ganz nach Laune. Einen winzigen Moment lang denkt der Zuschauer an Colonel Kurtz aus Joseph Conrads Kongo-Klassiker "Herz der Finsternis", kongenial adaptiert von Marlon Brando in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now".

Idris Elba ("The Wire", "Luther", "Mandela") ist zwar ein verdammt guter Schauspieler und hoffentlich doch der nächste James Bond, ein Marlon Brando ist der Londoner indes nicht. Und der Nigerianer Uzodinma Iweala, der mit gerade mal 23 Jahren die Buchvorlage zu "Beasts of No Nation" schrieb, die nun von Cary Fukunaga ("True Detective") verfilmt wurde, ist kein Joseph Conrad. Der Kommandant ist bei aller Show dann doch nichts weiter als ein karriere- und geldgeiler Krimineller mit arg begrenztem Horizont.

Krass, aber vorhersehbar

Er stellt Agu vor die Wahl: sterben oder töten. Opfer oder Soldat werden. Der Junge muss zunächst die schwere Munitionskiste durch den Urwald schleppen, später bekommt er eine Machete und eine Kalaschnikow und hat keine Skrupel mehr mitzuschleppen. Der Kommandant befiehlt ihm, einen auf der Straße knienden Gefangenen zu töten, er zeigt ihm, wie die Machete zu führen ist, und flüstert ein ums andere Mal: "Tue es, Agu!" Agu tut es, sein erster Toter, viele werden folgen. Unter Drogen mordet es sich leichter, und so sehen wir Agu im psychedelisch gefilmten Blutrausch, wie er in ein friedliches Dorf einfällt, die Bauern abknallt und abschlachtet, denn der Kommandant hat gesagt: "Kein Pardon!"

Mitten aus dieser Gewaltorgie zitiert der Oberbefehlshaber der Rebellen den Kommandanten in sein Hauptquartier, dort wartet schon ein Chinese im Anzug mit Aktenkoffer, und es wird klar, wer hier am Ende die Beute bekommen wird. Der Kommandant jedenfalls nicht, er wird degradiert und führt seine Leute in einen immer elenderen Kampf gegen alle und jeden.

Das alles ist krass, schwer erträglich und dennoch vorhersehbar. Hätte Fukunaga es nicht geschafft, einige wirklich eindrückliche Bilder in der Landschaft Ghanas auf Film zu bannen, würde kaum jemand über "Beasts of No Nation" schreiben. Auch wenn es der erste Spielfilm des als Serienschmiede bekannten Streamingdienstes Netflix ist, auch wenn der Film auf dem Festival in Venedig lief, Abraham Attah dort den Preis als bester Nachwuchsschauspieler erhielt und Idris Elba als Oscar-Kandidat für die beste Nebenrolle gilt.

Angelina Jolie und Adam Sandler drehen Filme für Netflix

Große Namen: Adam Sandler und Angelina Jolie drehen Filme für den Streamingdienst Netflix.

Quelle: dpa

"Beasts of No Nation" ist nicht nur der erste Netflix-Spielfilm, sondern auch die erste Produktion des Anbieters, die einen regulären Kinostart hinter sich hat. Damit qualifiziert sich der Film für das Oscar-Rennen, wobei davon auszugehen ist, dass die Academy Idris Elba übergeht – denn wer will schon einen Film ehren, der vom Feind stammt?

Denn die etablierten Kinobetreiber sehen das Kindersoldaten-Drama als Angriff auf ihr Geschäftsmodell. Und deswegen schreiben alle über diesen Film. Netflix, das sind die Rebellen, die sich nicht an althergebrachte Regeln halten. Zum Beispiel an das Verwertungsfenster. In diesem Fenster, das in Deutschland sechs Monate, in den USA nur 90 Tage offen steht, dürfen Kinofilme nicht auf DVD oder Stream vermarktet werden. Netflix aber brachte "Beasts of No Nation" zeitgleich mit dem Kinostart auf seinem Streamingportal heraus, mutmaßlich 12 Millionen Dollar waren der Firma die Kinorechte wert.

Das Geld ist verloren: Wegen des Boykotts der großen Kinoketten lief der Film in den ganzen USA in 31 Sälen, spielte am ersten Wochenende lächerliche 50 000 Dollar ein. In Deutschland fand sich gleich gar kein Verleih. Die Millionen sind verheizt wie ein Bataillon Kindersoldaten, aber die Nachricht ist angekommen: Wir wollen das Kino erobern. Und irgendwann werdet ihr mitspielen – oder die Besucher werden ins Netz abwandern.

Große Namen und neue Projekte

Beim nächsten Netflix-Film schalten die Kinos noch auf stur: Der Western "The Ridiculous Six" mit Adam Sandler, der erste von vier Filmen des US-Komikers für Netflix, startet daher am 11. Dezember ausschließlich per Stream. Und Angelina Jolie verfilmt für den Streamingdienst im kommenden Jahr die Kindheitserinnerungen von Loung Ung, die in den Siebzigerjahren als Kindersoldatin für die Roten Khmer in Kambodscha kämpfte.

Auch Amazon hat angekündigt, bis zu zwölf Streifen pro Jahr zu produzieren. Der erste ist bereits fertig und wartet mit einigen großen Namen auf: Spike Lee führte Regie, Samuel L. Jackson und Wesley Snipes stehen vor der Kamera. "Chi-raq" bringt den antiken Lysistrata-Stoff vom weiblichen Sexstreik für den Frieden ins von Gang-Gewalt zerrüttete Chicago. US-Kinostart ist am 4. Dezember, ein deutscher Verleih hat sich noch nicht gefunden. Im Gegensatz zu Netflix gesteht Amazon den Kinobetreibern vier Wochen Exklusivität zu, bevor der Film auch auf dem hauseigenen Streamingdienst Prime Video zu sehen ist. Wie viele Kinos sich damit zufriedengeben, wird sich zeigen.

Von Jan Sternberg

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