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Ganz schön viersaitig

Comeback der Ukulele Ganz schön viersaitig

Marilyn Monroe und die Beatles liebten sie. Dann geriet die Ukulele in Vergessenheit. Heute erlebt der Viersaiter ein triumphales Comeback. Mit dem Nationalinstrument von Hawaii träumen sich Stefan Raab und Götz Alsmann über den Regenbogen, und zu Weihnachten ist die Ukulele ein beliebtes Geschenk.

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Kleines Instrument mit großem Comeback: Die Ukulele wird immer beliebter.

Quelle: Fotolia

Ganz leicht liegt sie in der Hand. Ihr Gewicht gleicht dem eines leeren Pappkartons. Eine ausgewachsene Männerhand kann ihren ganzen Holzkorpus überspannen,  aber um auf dem schmalen Bund einen Akkord zu greifen, müssen sich die Finger der linken Hand ordentlich verbiegen. "Schring", tönt es beim Abschlag, "schreng" beim Aufschlag.

Ein hoher Sound, ohne großen Nachklang, so als schlage man Hölzer gegeneinander.  Spötter nennen die Ukulele manchmal Kindergitarre. "Das ist ganz falsch", sagt Harald Truetsch, Chef des Musikfachgeschäfts Leleland in Berlin. Die Ukulele, erklärt er, sei ein eigenständiges Instrument, ja, sogar das hawaiianische Nationalinstrument, auf dem man von Klassik bis Rock alles spielen könne. "Wenn die Ukulele eine kleine Gitarre ist, dann ist die Geige ein Kindercello", konstatiert Truetsch.

Ein Himmel voller Ukulelen

Der Instrumentenhändler betreibt sein Geschäft in der Gneisenaustraße in Berlin-Kreuzberg, wo es so einige Liebhaberläden gibt. Gut 160 unterschiedliche Modelle stellt er in seinem 40-Quadratmeter-Laden aus – ein Himmel voller Ukulelen. An den Wänden hängen klassische Modelle aller Stimmlagen, von der Sopran- bis zur Bassukulele, aus Kunststoff, Metall oder Holz, von Zedern, Koa-Akazien, Blackwood- oder Mahagoni-Bäumen, auch exotische "Lelen" wie  Banjolele, Guitarlele, Konalele, mit vier, sechs oder acht Saiten bespannt.

Vom "Spielzeug" für 30 Euro bis zur Profilele für 1200 Euro. Viel Wand nehmen elektrische Viersaiter ein, die gibt’s mit Mini-Verstärker und Verzerrer. "Die E-Ukulelen laufen derzeit richtig gut", sagt Truetsch. Und es läuft auch sonst.

Ersatz für die Blockflöte

Seit 2010 erfährt die Ukulele ein erstaunliches Comeback. Denn da landete der Hawaiianer Israel Kamakawiwo‘ole posthum mit "Over the Rainbow" auf Platz eins der Charts – schneller, als man seinen Namen aussprechen konnte. Auch die Verkaufszahlen der Ukulelen schnellten plötzlich in die Höhe. Und noch immer wachsen die Umsätze jährlich um bis zu 30 Prozent.

"Erfreulich viele Frauen spielen Ukulele", weiß Truetsch, "und in den Musikschulen ersetzt  sie mittlerweile die Blockflöte." Kein Wunder: Die Ukulele ist handlich, sie kratzt nicht wie eine Geige, jammert nicht wie eine Klarinette, die meisten Akkorde sind leichter zu greifen als auf einer Gitarre. Selbst unmusikalische Erwachsene fabrizieren nach kurzer Zeit schon annehmbare Klänge. Die Ukulele gilt dazu als Inbegriff des Gute-Laune-Sounds. Wer sie spielt, ist auf der Sonnensaite.

Nationalinstrument von Hawaii

Es gibt kein Instrument, das so mit Südsee-Romantik verbunden ist wie die Ukulele. Dabei war es der portugiesische Einwanderer João Fernandes, der 1879 eine sogenannte Braguinha von Madeira nach Hawaii brachte. Die Inselbewohner adaptierten den Viersaiter als Ukulele, was – so die netteste Erklärung – so viel wie "hüpfender Floh" heißt. Der Begriff soll den Einheimischen beim ersten Anblick der über das Brett huschenden Griffe durch den Kopf gegangen sein.

Auf Hawaii begann man, das Instrument aus einheimischem Koaholz nachzubauen und es beim Hula-Tanz einzusetzen. Die letzte Herrscherin Hawaiis, Queen Lili‘uokalani, galt als beste Spielerin ihrer Zeit, von ihr stammt das berühmte Lied "Aloha‘Oe".

Vor 100 Jahren wurde die Ukulele dann erstmals im Westen bekannt: 1915 nahm Hawaii an der Weltausstellung in San Francisco teil – und brachte als Exponat eine Ukulele mit. Der kleine Viersaiter  eroberte schnell die Herzen der Amerikaner. In den 1920ern wurde sie in vielen Jazzbands gespielt. Zu den bekanntesten Ukulelisten dieser Ära zählt Cliff Edwards, alias "Ukulele Ike", bei englischen Skiffle-Bands war sie ohnehin zwingend. Der renommierte Gitarrenhersteller Martin nahm sie in sein Sortiment auf – zum damalig stolzen Preis von 60 Dollar.

Marilyn Monroe mit Ukulele

Marilyn Monroe betörte als Ukulelen-Spielerin im Billy-Wilder-Film "Manche mögen’s heiß".

Quelle: iStock

Später wurde Hollywood großer Anhänger des kleinen Instruments: Marilyn Monroe betörte als Ukulele-Spielerin im Billy-Wilder-Film "Manche mögen’s heiß", Elvis Presley machte die Ukulele im Film "Blue Hawaii" zum Requisit der Popkultur; als Accessoire von Pin-up-Girls zog sie auch in die Spinde der Soldaten ein. Ein Lehrbuch aus dieser Zeit wirbt mit der Bemerkung, das Ukulele-Girl stehe im Mittelpunkt jeder Party: "Always the life of the party, the center of attraction, is the girl with the Ukulele."

Selbst die Beatles verbanden mit ihr eine heimliche Liebesbeziehung: In einer Biografie der Band sieht man George, Paul und Ringo entspannt auf einer Rasenfläche vor Harrisons Anwesen Friar Park in Henley-on-Thames, wie sie auf einer Ukulele einige ihrer Hits spielen: "Yellow Submarine" und "Wild Honey Pie". George Harrison sagte einmal, niemand könne Ukulele spielen, ohne zu lächeln. "Ich habe noch nie einen Ukulele-Spieler kennengelernt, den ich nicht auf Anhieb mochte." Der Musiker George Formby war der Comedy-Held seiner Jugend.

Aber irgendwann wurde es still um den kleinen Exoten. Er geriet zum belächelten Relikt, verstaubte auf dem Dachboden oder wanderte in den Sperrmüll. Gut 30 Jahre war die Ukulele in Vergessenheit geraten. Bis "Over the Rainbow" als Hit in die Wohnzimmer einzog – und  der rhythmusbetonte Pling-Sound plötzlich wieder in aller Ohren war.

Nicht nur Ulk auf der Ukulele

In Deutschland trieben Stefan Raab mit seinen "Raabigrammen" und Götz Alsmann Ulk auf der Ukulele. Auch Singer-Songwriterin Julia Nunes und Musikkabarettistin Amanda Palmer trugen weiter zum Kultstatus des kleinen Zupfinstruments bei. Das 1980 gegründete The Ukulele Orchestra of Great Britain tourt um den Globus – bei den komödiantischen Konzerten wird ein Mix von Nirvana bis Beethoven, von James Bond bis Heavy Metal gespielt.

Es ist nicht immer Ulk auf der Ukulele, auch versierte Musiker schätzen das kompakte Instrument, auf dem sie mühelos über acht Bünde greifen können. Der Frontmann der US-Band Pearl Jam, Eddie Vedder, unterstützt seine lyrischen Texte mittlerweile ausschließlich auf einer fein gezupften Ukulele – und hat damit bereits das dritte Album herausgebracht.

Der hawaiianische Ukulelen-Virtuose Jake Shimabukuro wird für sein kombiniertes Spiel  aus Jazz, Blues, Rock, Pop, Folk und Klassik international gefeiert. Die "Washington Post" verglich Shimabukuros Fertigkeit auf der Ukulele einmal mit der von Eddie Van Halen und Eric Clapton auf der Gitarre.

Weltrekord im Massen-Ukulelespielen

„Bora Bora heee“: 4750 Ukulelen-Spieler brachen im Sommer in Französisch-Polynesien den Weltrekord.

Quelle: dpa

Die Ukulele bringt Menschen zusammen. Manchmal sehr viele. Weltweit treffen sich Fans zum kollektiven Ukulele-Spielen. Die größte Liebeserklärung tönten in diesem Frühjahr 4750 Spieler in Französisch-Polynesien; gleichzeitig zupften sie das Lied "Bora Bora heee" – und brachen den Weltrekord, den ein Jahr zuvor 2370 Engländer aufgestellt hatten.

In Deutschland feiert indes der erste deutsche Ukulelen-Club sein zehnjähriges Bestehen. Auf seiner Internetseite warnt der Club: "Ukulele macht süchtig." Viele hat das Uke-Fieber bereits erfasst: In den sozialen Netzwerken firmieren Clubs und Chats, es gibt Festivals und Tauschbörsen, wo sich "Ukulelogen" mit Zubehör und Wissenswertem eindecken. Noten, Akkorde und Tabs sind zu Hunderten im Netz erhältlich wie auch Youtube-Lehrvideos aus allen Teilen der Welt.

Das Ende vom Lied ist nicht in Sicht – bekannte Hersteller wie Ibanez, Martin, Gibson und Fender bringen immer neue Modelle heraus. "Es ist wie bei einer Gitarre", sagt Verkäufer Harald Truetsch, "eine zu haben reicht nicht."

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