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Gauner, Sänger, Halbgott

100. Geburtstag von Frank Sinatra Gauner, Sänger, Halbgott

Las Vegas war sein Wohnzimmer. Frank Sinatra löste Massenhysterien aus, ein Asteroid wurde nach ihm benannt, selbst Gerüchte über seine Verbindungen zur Mafia konnten seinem Ruhm keinen Abbruch tun. Vor 100 Jahren wurde einer der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts geboren.

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Wäre am 12. Dezember 100 Jahre alt geworden: Frank Sinatra.

Quelle: Columbia

Wenn es einen Fehler gibt, den Las Vegas nicht verzeiht, dann ist es Bescheidenheit. Schon immer. Im "Copa-Room" des legendären "Sands" etwa traten immer nur die ganz Großen der Branche auf, von Nat King Cole bis Marlene Dietrich. Das war keine Bühne, das war ein Tempel. Doch im Januar 1966 blickt dort entgeistert ein Mann ins Publikum und raunzt missmutig ins Mikrofon: "Was machen all die Leute hier in meinem Wohnzimmer?" Der Mann war Frank Sinatra, und was eigentlich nur ein Witz sein sollte, war gar keiner. Das "Sands", vielleicht ganz Las Vegas – das war alles seins. Es war Sinatras Höhle. Und es war sein Königreich.

Wer war dieser Mann, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre? Manche sagen, er war ein Sänger und Schauspieler. Aber das sind jene, die auch glauben, Champagner sei nur ein Getränk, die Mona Lisa nur ein Bild und Fußball nur ein Spiel. Sinatra war Amerika, zu seiner Zeit mehr als jeder andere; ein John Wayne der Showbühne.

Frank Sinatra 1943

Frank Sinatra im Jahr 1943.

Quelle: Billboard Magazine

Geboren wurde er als Francis Albert Sinatra in Hoboken/New Jersey. Ein Sohn italienischer Einwanderer, wie tausend andere auch. Sein Vater Anthony war Profiboxer, Feuerwehrmann und Kneipier, aber Frankie wuchs gut behütet auf. Und er hatte Zeit, auf seiner Ukulele zu spielen und zu singen. 1933 sah er ein Konzert des Sängers Bing Crosby ("White Christmas"), mit dem er später in "High Society" ein hinreißendes Duett singen sollte. Da wusste er, was er wollte: Frankie verließ die Schule, jobbte als Sportreporter und sang, sang, sang.

1939 holte ihn Harry James in sein Orchester, ein Jahr später engagierte ihn Bandleader Tommy Dorsey, und nur kurze Zeit später feierte er mit "I’ll Never Smile Again" einen ersten Nummer-1-Hit. Ab 1943 hatte Frankie einen Plattenvertrag mit Columbia, und nun ließ sich "The Voice" – so wurde Sinatra inzwischen genannt – nicht mehr aufhalten. Sogar die erste Massenhysterie der Musikgeschichte löste er aus, 1944 im New Yorker "Paramount Theatre". Auch als Schauspieler feierte Sinatra glänzende Erfolge.

Absturz und Aufstieg

Selbst als er tief fiel, kam Sinatra schnell wieder auf die Beine. Anfang der Fünfzigerjahre fürchtete er, seine Stimme zu verlieren. Columbia sägte ihn ab, auch Hollywood hatte über Nacht kein Interesse mehr an ihm. Aber als er die Rolle des Angelo Maggio in "Verdammt in alle Ewigkeit" ergatterte – wie es hieß, auf sanften Druck einiger Mafiapaten –, ging es sofort wieder bergauf. Sinatra bekam einen Oscar, seine Stimmbänder erholten sich – und fortan war er ein Gott unter den Showgrößen dieser Welt.

Eigentlich ist er es auch geblieben, bis heute. Schon Anfang des Jahres verneigte sich ausgerechnet Bob Dylan mit dem Album "Shadows in the Night" vor dem Übervater des Entertainments, auf dem er ausschließlich Sinatra-Songs coverte. Und zum Geburtstag bietet Amerika alles auf, was Rang und Namen hat: Unter dem Titel "Sinatra 100 – The Grammy Concert" holt CBS Altstars wie Tony Bennett, Country-Legenden wie Garth Brooks sowie Popgrößen wie Alicia Keys, Lady Gaga oder Céline Dion auf die Bühne. Für Frankie ist sich niemand zu schade.

Frank Sinatra bei einem seiner letzten Auftritte im Jahr 1995.

Frank Sinatra bei einem seiner letzten Auftritte im Jahr 1995.

Quelle: dpa

Dabei war vieles an Sinatra eher zwiespältig, er war ein Siegertyp mit Nehmerqualitäten, manchmal auch ein sympathischer Dreckskerl. Die einzige Schublade, in die er passte, hieß Sinatra – Platz für andere gab es darin nicht. Nicht einmal für seine Kumpane Dean Martin und Sammy Davis Jr., mit denen er den harten Kern des "Rat Pack" bildete, das sich über die Bühnen und durch die Bars von Las Vegas sang und soff.

Kritik perlte an ihm ab, er machte, was er wollte, und nicht immer steckte ein tieferer Sinn dahinter. Sinatra engagierte sich gegen die Rassentrennung, hatte aber gleichzeitig ein enges Verhältnis zur Mafia. Er unterstützte den Republikaner Ronald Reagan, war aber zeitlebens Mitglied der Demokratischen Partei. Es gab Zeiten, da hielten ihn nicht wenige in den USA für einen Gangster – aber er wurde mit den höchsten zivilen Orden des Landes ausgezeichnet, der Freiheitsmedaille des Präsidenten und der Goldmedaille des Kongresses.

Licht aus in Las Vegas

Wenn er sang, war allerdings jeder Zwiespalt vergessen. Seine warme Stimme füllte den Raum, das Ohr und die Seele. Sinatra war ein Crooner, einer jener Entertainer und Musiker, die Emotion und Erotik versprühen, manchmal auch Sensibilität und Schwermut. Manche glauben, man hätte diesen Begriff eigens für ihn erfunden. Der Jazzpianist Count Basie sagte über ihn: "Egal was er singt – wenn er es singt, glaubt man spontan, es hätte schon immer so klingen müssen."

Auch in Las Vegas glaubte man das, und ein einziges Mal zeigte man dort so etwas wie Demut. Als Sinatra am 14. Mai 1998 starb, wurden dort für drei Minuten die Lichter ausgeschaltet. Alle Lichter. Das macht man so im Wohnzimmer eines Verstorbenen.

Von Uwe Nesemann

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