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Immer der Sonne nach

Hockney-Ausstellung in London Immer der Sonne nach

David Hockney wird im Sommer 80. Die Tate Britain widmet dem Malerei-Superstar die bislang umfassendste Werkschau. Sie ist einer der größten Publikumsmagneten in der Geschichte des Hauses – und eine Feier des Lebens.

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Pools und schöne Männer als Lieblingsmotive: David Hockneys “Peter Getting Out of Nick’s Pool“, 1966.

Quelle: Richard Schmidt

London. Das Erste, was David Hockney nach dem Aufwachen sah, war seine Handschrift: „STEH AUF UND ARBEITE SOFORT“, forderte er sich täglich in Großbuchstaben auf. Die Botschaft hatte der junge Künstler auf eine Kommode gemalt, die am Ende seines Betts in der kleinen Londoner Wohnung stand. Es war Anfang der Sechzigerjahre und David Hockney hatte gerade erst sein Studium am Royal College of Art abgeschlossen. „Ich las nicht nur jeden Morgen diesen Hinweis, sondern erinnerte mich auch daran, dass ich zwei Stunden damit verschwendet hatte, es aufzumalen, also sprang ich aus dem Bett“, sagte Hockney einmal.

Heute gehört er zu den erfolgreichsten und wichtigsten zeitgenössischen Künstlern Großbritanniens. Und auch wenn die Kommode wohl längst ausgetauscht wurde, arbeitet der produktive Hockney noch immer jeden Tag. Am 9. Juli wird der Maler, Zeichner, Fotograf und iPad-Künstler 80 Jahre alt und schon jetzt widmet ihm die Tate Britain eine Retrospektive. Das Londoner Museum zeigt das seit 60 Jahren andauernde Schaffen chronologisch und hat mit der größten Schau, die es je zu seinem Werk gab, einen wahren Hype ausgelöst. Noch bevor die Türen öffneten, waren mehr als 20 000 Tickets verkauft – ein Rekord.

Der Gang durch die zwölf Ausstellungsräume ist eine Reise sowohl durch sein Leben als auch seine Gefühlswelt – eine, die vor allem von Lebensfreude und Optimismus geprägt ist. Als Besucher verlässt man die Schau fast beschwingt vom Farbrausch, gefangen von der guten Laune, die die Bilder ausstrahlen. Insbesondere vor den großflächigen Leinwänden halten zahlreiche Betrachter inne, lächeln angesichts der vibrierenden Farben und der leicht zugänglichen Szenen.

Der Mann mit den Swimmingpools

Hockney, er ist trotz des vielseitigen Werks der Mann mit den Swimmingpools. Mit ihrer Darstellung, dem leuchtend blauen Wasser, den Bewegungen auf dessen Oberfläche, die er so markant als Schlangenlinien abbildet wie kein anderer, wurde David Hockney bekannt. Dabei könnte der Lebensstil Südkaliforniens kaum weiter entfernt sein von jenem in seiner Heimat. Der Brite stammt aus einer Gegend im nordenglischen Yorkshire, wo verwechselbare Reihenhäuser aus graubraunem Backstein die Straßenzüge prägen. In seiner Fantasie war er aber schon in jungen Jahren Weltbürger.

Während seines Kunststudiums in London in den Swinging Sixties experimentierte der junge Hockney auf der Suche nach seinem Stil mit Malerei und unterschiedlichen Motiven, wie die Ausstellung nahelegt. In seiner Kunst zeigt sich die Entwicklung vom jungen homosexuellen Mann, den in der verklemmten Gesellschaft Großbritanniens viele Themen umtrieben, hin zum Swimmingpool-Paradies. “Es wirkt sowohl wie ein erfolgreicher politischer Akt als auch eine persönliche Befreiung“, schreibt der “Guardian“ über den Schritt des Auswanderns in die USA. Denn erst, als er in sein “gelobtes Land“ zog, schaffte er in den Siebzigerjahren den internationalen Durchbruch mit seiner realistischen Malerei.

Als “sexy“ stellte er sich Los Angeles vor, da war er noch nicht einmal angekommen. Sein noch in London geschaffenes Werk “Domestic Scene“, in dem ein Mann mit nacktem Po, Schürze und Tennissocken einem anderen während der Dusche den Rücken einseift, drückte seine Erwartungen an sein künftiges Zuhause aus. Sie wurden erfüllt. Der junge Hockney mit den blondierten Haaren und den auffallenden Brillen liebte die kalifornische Sonne, die offenen Räume, den ewigen Sommer, die manikürten Rasen, die sexuelle Ausgelassenheit zu einer Zeit, als Homosexualität in Großbritannien noch unter Strafe stand.

Nahm das schöne Wetter von Kalifornien mit zurück nach Yorkshire und schätzt heute die Vorzüge der digitalen Technik

Nahm das schöne Wetter von Kalifornien mit zurück nach Yorkshire und schätzt heute die Vorzüge der digitalen Technik: David Hockney wird 80.

Quelle: Jean-Pierre Gonçalves de Lima

Und auch in der Ausstellung springen den Betrachter die Lebenslust und der Spaß von den Bildern fast an. „A Bigger Splash“ heißt das berühmteste Gemälde, und obwohl außer Himmel, Bungalow, Palmen und Schwimmbecken nur das spritzende Wasser zu sehen ist, das verrät, dass ein Badegast gerade vom Sprungbrett gehüpft ist, wirkt dieser eingefangene perfekte Moment geradezu magisch anziehend. Der Glamour Hollywoods präsentiert sich auch in den Paarbildnissen.

Zahlreiche Freunde und Mäzene hat der Maler auf hintersinnige Weise abgebildet, wie etwa die Intellektuellen Christopher Isherwood und Don Bachardy, die Anfang der Sechzigerjahre vor allen anderen als offen schwules Paar in den Hollywood Hills lebten. Es war Hockneys erstes Doppelporträt in Acryl, viele weitere sollten folgen.

Vergnüglich, aber nicht oberflächlich

„Bei seiner Kunst geht es ums genaue Hinschauen und darum, alles zu feiern, was Leben bedeutet“, sagte Kurator Chris Stephens. Tatsächlich erkundet, fotografiert, skizziert und malt der Künstler unermüdlich seine Umwelt und Zeitgenossen. Hockney finde Schönheit im Alltäglichen, so Stephens. Gleichwohl schränkt der Kurator ein: “Die Tatsache, dass die Bilder visuell vergnüglich sind, heißt nicht, dass sie oberflächlich sind.“

Irgendwann war dem Pop-Art-Star das Sonnenbad in Kalifornien genug. Er kehrte für eine Weile zurück nach Europa und verbrachte auch Zeit in seiner Heimat Yorkshire. In seiner Kunst nahm er das schöne Wetter mit nach Großbritannien. Denn viele der menschenleeren Wald- und Landschaftspanoramen bestechen durch die Spannung ihrer leuchtenden Farben sowie durch den Horizont, der Offenheit illustriert und gefühlt in die Freiheit führt. Die derzeitige Retrospektive in der Tate Britain zeigt aber auch, wie Hockney schon seit Jahren die Vorzüge der digitalen Technik nutzt und direkt auf seinem iPad oder iPhone zeichnet und malt. Die Schau läuft noch bis zum 29. Mai.

Von Katrin Pribyl

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