Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Tipps So gut ist das neue Album von Carlos Santana
Sonntag Tipps & Kritik Tipps So gut ist das neue Album von Carlos Santana
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:05 15.04.2016
Übervater des Latinrock: Carlos Santanas neues Album "IV" schließt an seine frühen Meisterwerke an. Quelle: Sashenka Gutierrez / dpa

Santana! Schon das Wort ist voller Klang. Santana ist mehr als nur der Name eines Musikers oder einer Band, es ist ein Synonym für Sound. Wenn man mit dem gebürtigen Mexikaner Carlos Santana über Musik redet, dann ist das anders als mit anderen. Dann werden Freude, Glück und Leidenschaft buchstäblich laut.

Dann kann es sein, dass ihm mitten im Satz die Worte ausgehen, er plötzlich singt, eine halbe Minute lang sinnfreie Silben improvisiert und in irrem Tempo aneinanderreiht. Weil sich die Energie, die er mit einer Aufnahme erzeugen und an den Hörer weiterreichen will, nicht anders beschreiben lässt.

Musik, das ist für den 68-Jährigen Santana, der jetzt mit dem Album "IV" an seine musikalischen Anfänge anknüpft, auch nach 50 Jahren an der Gitarre alles andere als ein Job. Sie ist für ihn das Mittel, Menschen körperlich, geistig und spirituell zu bewegen und Song um Song eine bessere Welt zu erschaffen. Daran glaubt der Veteran des mythischen Woodstock-Festivals von 1969 bis heute aufrichtig. "Wir sind alle eins" – gemäß der Lehre seines Gurus Sri Chinmoy.

Ein neues Latinrock-Tanzbiest

Die Liebe zur Musik beschwor er auch vor knapp fünf Jahren, als er über "Guitar Heaven" sprach, ein Album, das Coverversionen von Rocktiteln wie AC/DCs "Back in Black" und Deep Purples "Smoke on the Water" enthielt. Deren markante Riffs umschnörkelte er mit den glutvollen Tönen seiner Paul-Reed-Smith-Gitarre. Es war "mein Album für den Rock 'n' Roll", sagte er, und doch klang es fremd – waren seine eigentlichen musikalischen Favoriten doch andere: Jazzer wie Wayne Shorter, John Coltrane und Miles Davis.

Gefragt, ob er sich vorstellen könne, noch einmal eine flirrend perkussive Latinrock-Scheibe abzuliefern, ein Tanzbiest aus Salsa, Rumba, Cha-Cha-Cha, wie es von 1969 bis 1971 seine frühen Meisterwerke "I", "Abraxas" und "III" waren, war Santana sofort Feuer und Flamme: "Absolut. Jederzeit."

Zwar sehe er viele Musiker, die "zumeist nur daran interessiert sind, reich zu sein, statt daran, zum Instrument des Friedens, des gesellschaftlichen Wandels zu werden". Zugleich aber erlebe er junge Musiker und Bands, die von einem "Geist der Achtsamkeit" geprägt seien wie damals, als Rock jung war.

Wie in alten Zeiten: Carlos Santana hat mit Mitgliedern seiner alten Band ein neues Album aufgenommen. Quelle: gemeinfrei

Und jetzt hat er dieses Album gemacht und es "IV" genannt, um bewusst eine Verbindung zu der Zeit herzustellen, als er zur Speerspitze des Rock zählte. Brüllte auf dem Cover des Debüts ein Löwe, so reißt diesmal ein Tiger das Maul auf. Und statt mit jungen Musikern hat Santana erstmals wieder mit vier Leuten seiner legendären Band musiziert, die 1971 zerbrochen war: mit Drummer Michael Shrieve, Perkussionist Michael Carabello. Gitarrist Neal Schon und Keyboarder und Leadsänger Gregg Rolie.

"Es war magisch", schwärmt Santana von den Sessions, "wir mussten die Vibes nicht erzwingen." So entstanden von 2013 an 16 Songs. Es ist ein großes Biest, das sich da zum Sprung anspannt. Vom ersten funkigen Aufkreischen der Gitarre beim Opener "Yambu" an prickelt "IV" wie akustischer Champagner. "Shake It" erinnert an Bluesklassiker wie Muddy Waters' "Baby Please Don’t Go".

Soul und Salsa sind überall, es blitzen Querverweise auf zu Santana-Evergreens wie "Oye como va" und "Jingo", aber auch zum James-Bond-Thema und zu Dave Brubecks "Take Five". Funky wird es bei "Choo Choo", Stehbluesschönheiten wie "Sueños" wechseln mit jazzigen Improvisationen. "Fillmore East" heißt ein achtminütiges Jammen über den legendären, "Church of Rock 'n' Roll", genannten Club in San Francisco, der 1971 bezeichnenderweise an der Gier der Bands nach immer höheren Gagen zerbrach.

Mehr als eine Nostalgiereise

Santanas Gitarre jubiliert mit Schons Instrument um die Wette. Es ist das Umarmende des Chefs, Santanas Generosität des Gewährenlassens, die das Comeback gelingen lässt. Der Star spielt sich hier mit seiner singenden Paul Reed Smith nicht nach vorn, Kongas und Co. klappern und plappern, die Hammondorgel von Rolie strudelt wieder und wieder ihre exzessiven Soli. Gemäß Santanas Weltsicht schadet Egozentrik nur der Musik. Wir sind alle eins. So wird "IV" mehr als eine Nostalgiereise älterer Herren zu ihren Wurzeln.

Die Botschaften sind auch die alten. Man mag sie naiv nennen, aber sie erscheinen wohltuend in Zeiten, in denen die Welt aus dem Leim zu gehen scheint: Die Lieder erzählen von der Freiheit zu gehen wohin ("Anywhere You Want to Go") und zu denken, was ("Freedom in Your Mind") man will, von der Liebe als größter Kraft im Universum ("Love Makes the World Go Around") und – sehr, sehr psychedelisch – von Vergebung ("Forgiveness").

Rolie singt dunkel und soulful von Santanas besserer Welt, nur zweimal abgelöst von dem 74-jährigen Ronald Isley, der juchzt und kiekst, als sei der Geist von Michael Jackson in ihn gefahren.

Anknüpfen an das Debüt: Wo früher ein Löwe brüllte, reißt auf "IV" ein Tiger das Maul auf. Quelle: Santana Records

Erschöpfung, Missmanagement und künstlerische Divergenzen hatten die Santana-Band 1971 auseinander gebracht, der neue Latinrock wurde nach Punk ein alter Hut, und es dauerte bis 1999, als Santana seine Latinsoulbluesjazzrock-Melange mit Hip-Hop impfte und mit dem Album "Supernatural" acht Grammys einfuhr. Danach wurden seine Platten immer schwächer werdende Echos von "Supernatural".

Und jetzt: keine Beats, alles Groove. "Musik soll Ewigkeit, Unendlichkeit, Unsterblichkeit ausdrücken. Sie kommt ja aus einer höheren Bewusstseinsebene. Sie ist gewiss nicht Showbusiness oder Entertainment", das ist Santanas Überzeugung. "Santana IV" kommt da nah ran. Und "Santana V", ja, diese Platte kann er sich durchaus vorstellen.

Von Matthias Halbig

Zur Person

Carlos Augusto Santana Alves wurde 1947 im mexikanischen Autlan de Navarro als Sohn eines Musikers geboren. Von Vaters ungeliebter Geige sattelte er bald auf die Gitarre um. Anfang der Sechzigerjahre zog Santana der Familie nach Kalifornien hinterher, wo ihn der elektrische Blues eines B. B. King faszinierte, er die Chartsmusik von Fabian oder den Beach Boys hingegen als "künstlich" verachtete.

Er gründete 1966 die Santana Blues Band. Fleiß und Verlässlichkeit, im Rock eher seltene Tugenden, brachten ihm Engagements in San Francisco ein, wann immer eine Band absagte. 1969 wurde er als völlig Unbekannter für das Woodstock-Festival gebucht, das ihm den Durchbruch brachte. Bis heute hängt Santana den Idealen der Sechzigerjahre an. Teilen und Solidarität sind ihm selbstverständlich.

Die 1998 von ihm und seiner ersten Frau Deborah gegründete Milagro Foundation kümmert sich um Schulbildung für Unterprivilegierte, Konzerteinnahmen werden guten Zwecken zugeführt. Am 9. Juli spielt Santana auf dem Potsdamer Stadtwerkefest, am 16. Juli beim Jazz Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Bislang gibt es nicht mehr deutsche Livetermine für 2016. Santana ist Vater von drei Kindern und Namensgeber eines eigenen Tages: der 6. Juni ist in San Francisco offizieller Santana-Tag.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Tipps Neuer Roman von Andrea Maria Schenkel - Die verpflanzte Heimat

Ihr Debüt "Tannöd" verkaufte sich mehr als eine Million Mal und löste den Regionalkrimi-Boom aus. Jetzt erscheint der erste Nicht-Krimi von Andrea Maria Schenkel. In "Als die Liebe endlich war" geht es um ein Paar, das vor den Nazis flieht, aber nicht von der bayrischen Heimat loskommt.

08.04.2016
Tipps 60 Jahre Fab Four - To Beatle or not to Beatle?

Kennt niemand mehr Paul McCartney? Neigt sich die Ära der Beatles fast 50 Jahre nach dem Split dem Ende zu? Von wegen. Eine Tributshow und eine neue Netflixserie für Kinder nehmen die nächste Generation ins Visier. Und bei Spotify werden die Beatles von jungen Fans gestreamt wie verrückt.

25.03.2016

In ihren Songs spiegelt sich die Zukunftsangst junger Leute wider. AnnenMayKantereit ist eine außergewöhnliche neue deutsche Band – auch weil sich ihre Musik viel älter anhört, als man von Mitte 20-Jährigen erwartet. Jetzt legen sie ihr erstes Album bei einem großen Label vor.

Mathias Begalke 19.03.2016