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Die Mozart-Mixer

Klassikstars im Internet Die Mozart-Mixer

Für Popmusiker gehören Youtube, Instagram und Co. zur Selbstinszenierung. Aber auch der Klassikbetrieb entdeckt die sozialen Medien. Vorreiter sind die Pianistin Valentina Lisitsa und das US-Klavierduo Anderson & Roe. Das denkt sich zu Komponisten passende Cocktails aus.

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Die Weichen sind gestellt

Inszenieren sich auf der Bühne und in den sozialen Medien als Gesamtkunstwerk: Das Klavierduo Anderson & Roe.

Quelle: Anderson & Roe

Urlaubsfoto bei Instagram, witziges Video bei Youtube, weiser Spruch bei Twitter und geteilter Link auf Facebook: Wer als Pop- oder Rockmusiker etwas gelten will, kommt an den sozialen Netzwerken längst nicht mehr vorbei. Die Klassikwelt schwebte lange in höheren Sphären.

Selbst wenn ein Teufelsgeiger wie David Garrett heute sein wallendes Haar auch auf der Kinoleinwand und im "Playboy" wehen lässt und neben der Musik auch seinen Körper vermarktet, hält sich das Vorurteil hartnäckig: Klassik müsse irgendwie formaler, gediegener oder gar erhabener sein als die zappelnde Youtube-Generation.

Schleichender Imagewandel

Die als Klavierduo Anderson & Roe auftretenden US-Pianisten Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe gehören zu den Nachwuchsmusikern, die für einen schleichenden Imagewandel des Genres sorgen. Die sozialen Medien sind ein elementarer Bestandteil ihrer Selbstdarstellung: "Sie ermöglichen uns, das freudige, überraschende und lebensverändernde Potenzial klassischer Musik an ein globales Publikum weit über die Konzertsäle hinauszubringen", sagt Anderson.

Stilbruch ist das Markenzeichen des Duos, das seit 2002 zusammen musiziert und die renommierte Juilliard School in New York absolvierte: Die beiden spielen Walzer in der Scheune oder eine Paraphrase von Schuberts düsterem "Erlkönig" in einer Klavierfabrik.

Das Duo gibt sich mal klassisch wie in einem Video zu Bachs "Die Kunst der Fuge", das mit der Schwarz-Weiß-Optik zweier Klaviertastaturen experimentiert, mal albern wie im Film zum Weihnachtsklassiker "Sleigh Ride" – gespielt auf acht Steinways, im Pyjama und mit Rentiergeweih auf dem Kopf.

Anderson & Roe

Gar nicht so ernst, wie man Klassik sonst kennt: Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe in Aktion.

Quelle: Anderson & Roe

Dann wieder rocken Anderson & Roe beim Coldplay-Cover "Viva la Vida" auf dem Uni-Campus. Neben Studenten versammeln sich auch Eichhörnchen zum Zuhören – was verrät, dass die Videos alles andere als Zufallsaufnahmen sind.

Roe spricht davon, klassische Musik für diejenigen zu entmystifizieren, die normalerweise nicht Brahms oder Boulez hören. "Ein einziger Klick kann ein Tor zu einem ganzen Sounduniversum sein. Diese Videos sind weit mehr als ein Hobby, sie sind ein essenzieller Teil unserer kreativen Existenz und unseres Ethos." Wie Beethoven, Liszt und Bartók einst urige Volksweisen in manches ihrer Werke integrierten, sei es ihr Ziel, die Grenzen zwischen Pop und Klassik aufzulösen.

Das junge Duo, das so vertraut wie Bruder und Schwester wirkt, weiß sich mit Verve und Kreativität in Szene zu setzen. Besonders kunstvoll ist ihr neues Video zu Igor Strawinskys "Le sacre du printemps", das die hämmernden Rhythmen und die archaische Klangsprache des Komponisten kongenial in eine temporeiche Collage aus beständig wechselnden Schauplätzen und Lichtstimmungen, aus Tanz und Stille übersetzt.

Gesamtkunstwerk mit Cocktailrezepten

Hinter den Videos, die sogar für Emmys nominiert wurden, steckt nicht etwa eine ausgeklügelte Marketingstrategie eines millionenschweren Plattenlabels. Der 34-jährige Anderson entwirft die Konzepte selbst.

Auch die Beiträge in den sozialen Netzwerken sind Teil dieses Gesamtkunstwerks aus Musik, Videochoreografie, oft auch Tanz. Auf der Homepage hat das Duo etwa gerade passend zu seinem jüngsten Album "An Amadeus Affair" das Rezept eines Mozart-Cocktails gepostet. Die Website erinnert ästhetisch ohnehin an ein Foodblog. Weil Andersons Cocktailrezepte zu klassischen Komponisten so gut ankommen, gibt es inzwischen sogar eine Konzertreihe mit Verkostung.

Hans Schmucker, Sprecher der Chartsermittler GfK Entertainment, stellt einen Trend fest: "Auch bei den Zielgruppen klassischer Musik spielen Youtube, Facebook und Co. mittlerweile eine immer größere Rolle." Populäre Künstler wie Jonas Kaufmann und Lang Lang seien auf allen gängigen Plattformen vertreten. "Das Publikum ist international, was die vielen englischsprachigen Beiträge auch von deutschen Künstlern zeigen", erklärt er.

Erfolg durch Interaktivität

Schmucker sieht aber einen Unterschied zur Popmusik: "Während Facebook von einem Großteil der platzierten Künstler in den offiziellen Deutschen Klassik-Charts verwendet wird, ist Instagram noch weniger verbreitet."

Der italienische Pianist und Minimal Music-Protagonist Ludovico Einaudi (er schrieb die Musik zum Film "Ziemlich beste Freunde") ist vielleicht auch deshalb zum erfolgreichsten Klassikmusiker beim Streamingportal Spotify geworden, weil er auf seiner Website interaktive Videos anbietet.

Da muss das Publikum die einzelnen Töne des Titels "Night" von Enaudis aktuellem Album "Elements" durch mehrfaches Klicken mit der Maus hervorlocken, was bisweilen plätschernd, feuerspeiend oder hauchend klingen kann. Der Klassikstar hat mit derlei Angeboten 450 000 Spotify-Follower und 691 000 Facebook-Freunde gewonnen.

Klassikkönigin im Internet: Valentina Lisitsa

Klassikkönigin im Internet: Valentina Lisitsa hat sich über Youtube auf die große Konzertbühne zurückgearbeitet.

Quelle: Decca

Die Klassikkönigin im Internet ist allerdings die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa. Als die Karriere der damals 33-Jährigen 2007 stagnierte, lud sie ihr erstes Video bei Youtube hoch. Auf einem recht verstimmten Instrument spielte sie eine Rachmaninow-Etüde, gefilmt von einer wackeligen Kamera. Es folgten Aufnahmen an ungewöhnlichen Orten wie dem Londoner Bahnhof St. Pancras, wo ein Klavier Passanten zum Spielen einlädt.

Heute hat Lisitsa bei Youtube rund 120 000 Abonnenten, ihre Videos sind weit über 62 Millionen Mal abgerufen worden. Und das alles ganz ohne teure PR-Kampagne oder die Unterstützung einflussreicher Agenten.

2012 wagte Lisitsa das Comeback im Konzertsaal und spielte vor 5500 Zuhörern in der Londonder Royal Albert Hall. Per Twitter hatte sie die Zuhörer vorab um Musikwünsche gebeten. In der Kölner Philharmonie wiederum ließ sie ihre Fans zuvor bei Facebook zwischen zwei Programmen wählen.

Von Youtube auf die große Bühne

Die Pianistin verliebte sich 2015 in die Schaubühne Lindenfels in Leipzig. In dem Jugendstil-Ballsaal sind viele ihrer Videos entstanden. Gerade hat Lisitsa dort ein Medley mit Frühlings- und Liebesliedern von Schumann bis Chopin eingespielt – ebenso makellos wie charaktervoll. Längst ist die Musikindustrie auf die 42-Jährige aufmerksam geworden und vermarktet sie als "Justin Bieber der Klassik". Die Selfmade-Künstlerin Lisitsa ist jedoch skeptisch.

"Wie wird ein Star heute gemacht?", fragt Lisitsa, nicht ohne eine Antwort parat zu haben: "Das steuert die Musikindustrie nach eigenem Gutdünken. Ist ein junges, frisches Gesicht ausgemacht, wird es mit großem medialem Rummel gehypt, um den Absatz des Debütalbums anzukurbeln. Von oben gemachte Karrieren, das totale Gegenteil zu meinem Weg", meint Lisitsa.

Mit Mitte 30, in einem Alter also, in dem manches überstürzt lancierte Klassiksternchen schon wieder verglüht, kämpfte sich die Pianistin von der Youtube-Bühne auf die weltweit wichtigsten Konzertpodien. Eine Laufbahn, wie sie der Klassikbetrieb eigentlich nicht vorsieht – die aber womöglich deshalb so gut in unsere Zeit passt.

Konzerte: Am 4. März spielt Valentina Lisitsa Rachmaninow bei den Aachener Meisterkonzerten, am 5. März in der Düsseldorfer Tonhalle.

www.valentinalisitsa.com

Von Nina May

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