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Tipps Könige der Klicks
Sonntag Tipps & Kritik Tipps Könige der Klicks
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20:05 03.11.2017
Klicks wie Aktien: Taylor Swift hat das Geldverdienen auf mit ihren Youtube-Fans perfektioniert. Quelle: Invision/AP
Hannover

Sven Regener, den man beim Wort nehmen darf, weil er die Wörter in allen Gewichtsklassen beherrscht, sagt: “Musikvideos sind keine geglückte Kunstform.“ Wer kleine Clips zu seinen Liedern dreht, der tanze auch zu Architektur und lese seinen Pflanzen Bücher vor. Kurz: Solchen Leuten könne man nicht trauen, denn sie verbinden Gattungen, die unverträglich sind.

Regener hat die langen und ziellosen Dialoge seiner Herr-Lehmann-Bücher perfektioniert, genauso wie die sehr verknappte Poesie der Songs von Element Of Crime. Er gibt sich alle Mühe, die Klickzahl seiner Lieder auf Youtube im unteren Bereich zu halten. In den Videos blickt er böse wie Klaus Kinski in den alten Edgar-Wallace-Filmen. Regener bietet weder a) Sex, b) grelle Slogans noch c) eine moderne Frisur. Im Grunde bietet er gar keine Frisur. Er singt: “Auf dem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter, damit sie sieht, wie hoch das Kind schon schaukeln kann.“ Das Stück heißt “Am Ende denk ich immer nur an dich“, es kam bislang auf knappe 1,9 Millionen Klicks. Das ist eine Wahnsinnszahl für diese frisurenlose Band.

Regeners Songs sind zum Weinen schön, das sagt jeder über 30. Jeder unter 20 wiederum behauptet, Taylor Swift verfüge über a) Sex, b) grelle Slogans und c) eine moderne Frisur. Mehr noch, sie hat Klicks, die höher schießen als jede Schaukel, von der Sven Regener singt. Swift, 170 Millionen verkaufte Tonträger und zehn Grammys schwer, bringt am 10. November ihr neues Album “Reputation“ heraus. Die Frau ist eine Geldmaschine, ihre Klicks sind eine Währung, die sie bewacht wie damals Wolfgang Schäuble seinen Euro.

Kaufen dürfen muss man sich erarbeiten

Das Video zur Vorabsingle des neuen Albums “Look What You Made Me Do“ (dort sitzt sie tatsächlich auf einer Kinderschaukel) wurde innerhalb weniger Wochen rund 650 Millionen Mal aufgerufen. Jeder Klick bringt Geld, Youtube zahlt individuelle Anteile an Werbeeinnahmen. Das Wachstum der Klicks wird von Swift nach Kräften gewässert. Tickets für ihre Nordamerika-Tournee können nur über “Ticketmaster“ auf einer dafür eingerichteten Plattform bestellt werden, sie heißt “Taylor Swift Tix“.

Man kann sich in der Warteliste vorarbeiten, indem man das Album vorbestellt und ihre Videos anklickt. 20 Klicks auf “Look What You Made Me Do“ bringen Bonuspunkte. Die Chance, ein Ticket fürs Konzert kaufen zu dürfen, steigt. Das ist die Quadratur der Marktwirtschaft: Kaufen macht glücklich, doch Kaufen ist ein Privileg, das sich Fans erarbeiten müssen. Die Klicks für Taylor Swift sind mithin eine Aktie, oder besser eine Fieberkurve, die belegt, wie blind die Leute ihre Taylor lieben.

“Despacito“ von Luis Fonsi und Daddy Yankee ist der größte Klickerfolg des Jahres mit mehr als drei Milliarden Aufrufen auf Youtube. Quelle: Youtube

Die erste Liga der Klicks – dazu zählt Swift mit ihren älteren Videos – zählt gar in Milliarden. Größter Klickerfolg in diesem Jahr und überhaupt seit Gründung von Youtube ist “Despacito“, weltweiter Hit der Puertoricaner Luis Fonsi und Daddy Yankee mit mehr als drei Milliarden Aufrufen. Er wurde gedreht in Puerto Ricos Hauptstadt San Juan, man wähnt sich erst in einer Werbung für Duschgel (frische Brandung), eine junge Frau küsst irgendwann ein kleines Kind (Knuddelfaktor), schließlich krümmen zwei Männer ihre Finger und werfen die Hände, als könnten sie Gebärdensprache (Codes der harten Jungs).

Es ist der Soundtrack vom Fernweh, solche Platten kauft man sich am letzten Abend des Kanaren-Urlaubs von den Straßenmusikanten, um zu Hause noch ein bisschen Flair der Ferien zu atmen. Doch warum wird daraus ein Monsterhit? Weil der Song halt dranhängt an dem Wohlfühlvideo – das Lied ist quasi Beifang.

Filmchen mit Akkordbegleitung

Die Rangliste der Youtube-Stars ist erratisch, das Unplausible dominiert, Erklärungen sind zufällig und nicht belegbar. Vielleicht ist das die neue Form der Relativitätslehre, wenn sich eine Stimmung zum Statement erhärtet, das Statement den Lifestyle der Liebe und der Rebellion verkörpert – und sich kleine, harmlose Akkorde in diese vier Minuten kurzen Filme schleichen, die ganz beiläufig so etwas wie die Sehnsüchte des Augenblicks durchbuchstabieren. Ohne akademisches Vokabular. Es reicht ein sauber produzierter G7-Akkord, der tiefer geht als Macrons Europarede. Zumindest sehen das die Leute so, die sich nicht an der “Tagesschau“ orientieren, sondern an notorischen Bikini-Girls, die dazugehören, wenn man bei Youtube am ganz, ganz großen Rad dreht.

Bis Ende Juni 2015 hatten es zwei Videos geschafft, bei den Abrufen die Milliardengrenze zu überspringen. Im November 2017 sind es bereits 81. Vor Fonsi und Daddy Yankee war der südkoreanische Rapper Psy bis Mitte Juli mit seinem “Gangnam Style“ Rekordhalter, der Clip liegt nun bei drei Milliarden Klicks. Er hatte viereinhalb Jahre bei Youtube den ersten Platz belegt. Psy hüpft durch seinen Film wie ein gedoptes Kaninchen. Und hinten schaukeln kleine Kinder auf dem Spielplatz.

Von Lars Grote

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