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Kunst der Spitzelklasse

Ausstellungen über Überwachung Kunst der Spitzelklasse

Gleich drei Berliner Ausstellungen widmen sich dem Thema Überwachung – und zeigen, dass systematische Überwachung und raffinierte Abhörtechniken schon Jahrhunderte vor BND und NSA Konjunktur hatten.

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Das Leben braucht Bojen

Allsehende Augen: Überwachung, Spionage und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sind hochaktuell, in der Kunst jedoch schon seit Jahrhunderten ein Thema.

Quelle: iStockphoto

Berlin. „Abhören von Freunden, das geht gar nicht“, hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt. 2013 war das, als auf dem Höhepunkt der sogenannten NSA-Affäre der Verdacht aufkam, ihr Handy sei von den Amerikanern ausspioniert worden. Seither ist das Thema ein Dauerbrenner. Immer neue pikante Facetten der Überwachungspraktiken treten, etwa durch die Arbeit des NSA-Untersuchungsausschusses zutage – unter anderem die Erkenntnis, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) auch nicht allzu kameradschaftlich mit seinen Verbündeten umgegangen ist, sondern ebenfalls nach Kräften belauscht hat.

Drei Berliner Ausstellungen nähern sich dem komplexen Dauerthema Überwachung aus verschiedenen Perspektiven – und bewegen sich damit auf der Höhe der Zeit. Wer hätte noch vor 15 Jahren gedacht, dass wir uns wieder in einen Agententhriller wie zu Hochzeiten des Kalten Kriegs hineinbewegen und der BND im Zentrum der deutschen Hauptstadt eine palastartige Anlage erhalten würde?

Angesichts hochtechnisierter Surveillance-Anlagen, zum Beispiel beim Grenzsicherheitssystem Eurosur an den EU-Außengrenzen, erscheint es fast rührend, im Museum für Fotografie in Vitrinen Original-Spionage-Equipment aus den Sechziger- und Siebzigerjahren ausgestellt zu finden, zum Beispiel ein filigranes Feuerzeug mit Berlin-Motiv, das eine getarnte Kamera mit winzigen Filmspulen ist.

Blickumkehr als Strategie

Der große Snowden-Leak liegt zwar bereits eine Weile zurück und kritische Auseinandersetzungen von Künstlern wie Harun Farocki, Trevor Paglen, Hito Steyerl oder James Bridle mit dem Thema Überwachung sind verschiedentlich auch schon an anderen Stellen in Berlin gezeigt worden: in den Kunstwerken, der Akademie der Künste oder auf Berlin Biennalen. Es ist aber reizvoll, im Haus der Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin und dem privaten Fotografiehaus C/O wenige Schritte davon entfernt nun eine große Zusammenschau zu erleben.

Ein wenig verwunderlich erscheint es indes, dass sich die Staatlichen Museen bei dem Thema auf eine private Stiftung aus den USA stützen: Die Ausstellung „Watching Me, Watching You“ im Haus der Fotografie mit zehn aktuellen künstlerischen Positionen ist eine direkte Übernahme von den New Yorker Open Society Foundations (OSF) des Milliardärs und Philanthropen George Soros. „Watched! Surveillance, Art & Photography“ in den C/O setzt das Thema mit weiteren künstlerischen Positionen fort.

Eine verbreitete künstlerische Strategie besteht in der Blickumkehr. Bekannt geworden ist das Beispiel des chinesischen Regimekritikers Ai Weiwei. Er hält sich derzeit in Berlin auf und nimmt eine Gastprofessur an der Universität der Künste wahr. Er hat auf die Rund-um-die-Uhr-Überwachung durch Agenten in seinem Pekinger Domizil damit reagiert, dass er die Agenten seinerseits zu überwachen begann und zudem sein eigenes Leben minuziös dokumentierte und das Material laufend online stellte.

Abhörtrichter in den Wänden des Louvre

Eine Eigenproduktion der Staatlichen Museen ist ein kleiner kulturhistorischer Rückblick im Haus der Fotografie auf mehrere Jahrhunderte staatlicher Überwachung. 75 historische Ausstellungsstücke zeugen davon, dass das Thema alles andere als neu ist. Zu sehen sind zum Beispiel Stiche von Abhörtrichtern, wie sie die französische Königin Katharina von Medici im 16. Jahrhundert angeblich in Tapetenwände des Louvre einbauen ließ. Die Aussage „Die Wände haben Ohren“ wird der Königin zugeschrieben.

Michel Foucault analysierte in seinem philosophischen Klassiker „Überwachen und Strafen“ (1975) den zentralistischen Idealgefängnis-Entwurf von Jeremy Bentham, ein Panoptikum. Von hier aus zieht die Ausstellung Verbindungen zu Österreich unter Maria Theresia (1717–1780). Ein unbekannter Kupferstecher hat die penible Standardisierung von Foltermethoden in Form von Gebrauchsanweisungen festgehalten, Methoden, die an „Staatsfeinden“ erprobt wurden.

Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren

Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren: Überwachung und Paranoia sind keine Erfindungen der Neuzeit, wie dieser Holzschnitt von 1546 beweist.

Quelle: Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin / Jörg Anders

Das älteste Ausstellungsstück ist ein kolorierter Holzschnitt eines unbekannten Künstlers von 1546 aus dem Berliner Kupferstichkabinett. Ihm verdankt die Ausstellung ihren Titel: Ein Mann mit Reiseumhang bewegt sich barfuß auf ein Feld zu, das mit Augen übersät ist. An den Bäumen des nahen Wäldchens wachsen Ohren. Selbst der Feldhase und die Vögel des Waldes scheinen zu lauschen. Der Mann hält die Hand angststarr vor den Mund, wie einer, der Gespenster sieht. „Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren, ich will sehen, schweigen und hören“ lautet vielsagend die Bildinschrift.

Als Vorwegnahme politischer Überwachung erscheint in der Ausstellung das allsehende Auge Gottes. Dieses hat indes auch etwas Tröstliches. Der observierende Gott sieht auch das Unrecht, das Menschen in Überwachungs- und Terrorregimen angetan wird.

Die größte Perfidie der Überwachung ist ihre Intransparenz. Die Überwachung, wenn sie professionell durchgeführt wird und erfolgreich sein soll, ist unsichtbar. Gleichwohl sind Überwachungssysteme besonders dort erfolgreich, wo Menschen überall und jederzeit mit Überwachung und Spitzelaktivitäten rechnen. Typisch für totalitäre Systeme – George Orwell hat es in dem Roman „1984“ eindrucksvoll beschrieben – ist gerade die Verinnerlichung der Kontrolle. Das totale Überwachungsregime ist ein total verinnerlichtes Regime – und von Paranoia eigentlich nicht mehr unterscheidbar.

Die Ausstellungen

„Watched! Surveillance, Art & Photography”
bis 23. April 2017, C/O Berlin, Amerikahaus, Hardenbergstraße 22-24. Die Ausstellung mit Werken von rund 20 internationalen Künstlern, darunter Ai Weiwei, Hito Steyerl und James Bridle, ist Teil eines von der Hasselblad Foundation intiierten Projekts zum Thema Überwachung.

„Watching You, Watching Me .

A Photographic Response to Surveillance”, bis 2. Juli 2017, Museum für Fotografie. Die Sonderausstellung der Open Society Foundation in New York mit zehn Künstlern ist eine Kooperation mit der Kunstbibliothek Berlin.

„Das Feld hat Auge n.

Bilder des überwachenden Blicks”, bis 2. Juli 2017, Museum für Fotografie, Jebensstraße 2. Die kulturhistorische Ausstellung der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin versammelt 75 Grafiken, Buchobjekte, Medaillen, Fotografien und optische Apparaturen.

Öffnungszeiten: Museum der Fotografie dienstags, mittwochs, freitags, sonnabends und sonntags 11 bis 19 Uhr, donnerstags 11 bis 20 Uhr. Das C/O hat täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet.

Von Johanna Di Blasi

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