Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Liebe statt Luxus

Neues Album von OMD Liebe statt Luxus

Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, profitieren vom Achtzigerjahre-Revival. Doch sie sind keine Oldie-Band. Mit ihrem starken neuen Album trösten sie Menschen in Zeiten von Trennung und Terror.

Voriger Artikel
Stevens wunderbare Welt der Schwermut
Nächster Artikel
Der Intendant trägt Prada

Bewahrer des Synthie-Pop: Andy McCluskey (links) und Paul Humphreys.

Quelle: Plattenlabel

Berlin. Das Wort “Liebe“ war bei OMD anfangs tabu. Andy McCluskey und Paul Humphreys verabscheuten gewöhnliche Lovesongs genauso wie die selbstverliebten Gitarrengötter der Siebzigerjahre. Sie verzichteten deshalb bewusst auf die ausgeleierte “Klischeesprache der Popmusik“, wie die beiden Liverpooler es formulieren. Stattdessen versuchten sie wie Kraftwerk zu sein. Ihre erste Single “Electricity“, die sie im Alter von 16 Jahren aufnahmen, hörte sich sogar an wie eine Punkversion von Kraftwerks “Radioactivity“.

Da Orchestral Manoeuvres in the Dark aber gar nicht die technischen Möglichkeiten ihrer deutschen Elektropop-Idole hatten – bis auf einen Korg-Synthesizer kosteten alle anderen Instrumente weniger als 100 Pfund –, klangen sie notgedrungen eigenartig und innovativ. OMD prägten gemeinsam mit The Human League und Gary Numan einen neuen Sound: den Synthie-Pop. Für Depeche Mode waren McCluskey und Humpherys Vorbilder.

Man spürt es beim PR-Termin in den Räumen ihres Berliner Plattenlabels sofort. Die beiden sind ein echtes Team. Sie geben Interviews immer zu zweit. McCluskeys Antworten auf Fragen zum neuen, 13. Album “The Punishment of Luxury“ sind lang und ausführlich, Humphreys kurz und knapp, manchmal kommt von ihm nur ein “Ja“, nachdem sein Kollege schon alles gesagt hat. “Ja“, bestätigt Humphreys, es sind wohl die vermeintlichen Widersprüche, die OMD so aufregend klingen lassen. Von Anfang an wollten sie beides sein: Abba und Stockhausen.

Süße Verpackung, sperriger Inhalt

Dass die Musiker nicht unterschiedlicher sein könnten, kommt noch hinzu. Der extrovertierte McCluskey (58), der Sänger mit Vollmondstimme, tanzt bei Konzerten so wild, als wolle er sich aus einer Zwangslage befreien. Der introvierte Sounddesigner Humphreys (57) ruht dagegen hinter seinen Elektrogeräten. Mit Songs über den Atombombenabwurf auf Hiroshima (“Enola Gay“) und Gentechnik (“Genetic Engeneering“) landeten sie Hits. Als sie sich entschlossen, das erste Mal über die Liebe zu einer Frau oder einem Mann zu singen und nicht zu Dingen wie Strom, Telefonzellen oder Ölraffinerien, verknallte sich kein “ich“ oder “du“, sondern “Joan of Arc“, Jeanne d’Arc. Nur vorsichtig öffneten sie ihre eigenen Herzen.

An der OMD-typischen süßen Verpackung der Songs und ihren sperrigen Inhalten hat sich auch bei “The Punishment of Luxury“ nichts geändert. Der konsumkritische Titelsong beschreibt Menschen, die nie zufrieden sind mit dem, was sie haben, denen immer irgendetwas fehlt. “Vielen in der westlichen Welt geht es heutzutage wirtschaftlich besser als ihren Eltern, und trotzdem sind wir weniger glücklich“, sagt McCluskey und deutet auf den gigantischen Flachbildschirm an der Wand seiner Plattenfirma, als sei dieser ein Symbol für das unheilvolle Streben nach immer mehr, möglicherweise nach Ersatzbefriedigung in einer immer unsicherer, immer komplizierter wirkenden Welt.

“Dingen nachzujagen, die man nicht braucht“ nennt er das Phänomen, das noch absurder wirke, wenn man an den seit sechs Jahren tobenden Krieg in Syrien denke und die Folgen: Hunderttausende Tote, Millionen Vertriebene, die Flüchtlingskrise, die Spaltung der EU, das Brexit-Votum, das Erstarken demokratiefeindlicher Kräfte.

OMD

OMD: The Punishment of Luxury

Quelle: Plattenlabel

Den Verlust an Menschlichkeit prangern OMD auch mit dem Lied “La Mitrailleuse“ an. Das gleichnamige Gemälde des britischen Futuristen Christopher Nevinson hat OMD zu diesem Song inspiriert. Es zeigt einen Maschinengewehrschützen im Ersten Weltkrieg. “Bend your body to the will of the machine“, singt McCluskey. Beuge dich dem Willen der Waffe. Das Dauerfeuer einer dieser den Tod bringenden Maschinen wird zum Beat des Liedes, “ein Sound, den die Menschen in Syrien tagtäglich hören“.

Wie “Enola Gay“ kann man den Titel als Antikriegslied verstehen. Doch McCluskey und Humphreys wollen eigentlich etwas anders beleuchten: Was geht wohl in den Köpfen derjenigen vor, die entscheiden, eine Killerdrohne zu starten? Wie ist es möglich, dass sich Menschen auf Befehl zu Soldaten umfunktionieren lassen, die ihre Moralvorstellungen neu definieren, um töten zu können? Ist es legitim, durch einen Atombombenabwurf Zehntausende Menschenleben zu opfern, um eine Bodenoffensive mit vermutlich Millionen Toten zu vermeiden?

Sein Interesse an Kriegsführung nennt McCluskey eine “morbide Faszination“. Heute erleben die Menschen Krieg und Terror nicht nur in den Nachrichten, sondern empfinden beides als nahe Bedrohung. Die Tragödien finden nicht nur weit weg in der Wüste statt, sondern auch in Paris, Berlin, Manchester, Barcelona. Sie sind Teil unserer Lebenswirklichkeit wie die eigenen persönlichen Dramen.

“Liebe ist das Wichtigste im Leben“

Ihr eigenes Scheitern versuchen beide Musiker mit “Ghost Star“ zu verarbeiten. Sie trennten sich in den letzten Jahren von Langzeitlieben, McCluskey von seiner Frau Toni, Humphreys von der deutschen Musikerin Claudia Brücken, die einst bei Propaganda sang. Beide verloren zwischenzeitlich auch den Kontakt zu ihren Kindern. “Man sieht noch das Licht“, sagt Humphreys, “aber der Stern ist nicht mehr da.“ Der Schmerz des Verlustes scheint unvermindert aus ihm zu sprechen und vermutlich die Angst vor Einsamkeit. Darum geht es auch in dem Trost-und-Tränen-Song “The View from Here“, der das Album beschließt. Das Lied wirkt durch seine Sehnsuchtsmelodie wie ein Lift der Zuversicht, obwohl es Niedergeschlagenheit beschreibt.

“Die schlimmsten Schmerzen entstehen im eigenen Kopf“, sagt McCluskey. “Climb the mountain of your fear, easy said and done from here“, singt er. Der perfekte Reim verspricht Leichtigkeit, aber er wisse aus eigener Erfahrung, wie schwierig diese Bergbesteigung ist. Sei trotzdem mutig, bereue Vergangenes nicht, sorge dich nicht um die Zukunft, lebe im Jetzt! “Küss die Menschen, die du liebst, und sag ihnen, dass du sie liebst“, sagt er und denkt dabei vielleicht an seine drei Kinder. Und Humphreys? Der seufzt ein “Ja“ dazu. “Denn Liebe“, bekennen beide heute frank und frei, “ist eindeutig das Wichtigste im Leben.“

OMD über...

The Beatles: Als “die Beatles des Synthie-Pop“ sehen sich McCluskey und Humphreys nicht, auch wenn sie wie die erste große Liverpooler Band super Melodien und Soundexperimente miteinander verbinden. “Meine Mutter besaß zwar alle Beatles- Singles. Einfluss auf unseren Sound hatten sie aber nicht, höchstes unbewusst“, sagt der Sänger.

Night of the Proms: Es war ein Wagnis. OMD starteten 2006 ihr Comeback nach achtjähriger Pause bei der nostalgischen Konzertreihe Night of the Proms. Wie eine Oldie-Band agierten sie fortan nicht. Drei Alben mit neuen Songs haben sie seitdem veröffentlicht. “Wir versuchen, relevant zu bleiben“, sagt McCluskey. “Wir wollen uns nicht selbst kopieren.“

Das Eigthies-Revival: Kalte Elektronik, schlechte Frisuren, Wham!: Die Achtziger hatten in den Neunzigern keinen guten Ruf. Doch schon lange sind sie rehabilitiert. “Aus der Distanz sieht man die Dinge differenzierter, es ist erlaubt, intelligente Popmusik wiederzuhören.“

Freiheit: “Wir haben absolute künstlerische Freiheit wie einst als Kids“, sagt Humphreys. Niemand fordert einen Hit. OMD haben erst das fertige Album den Plattenfirmen angeboten. “Zwölf Labels wollten es veröffentlichen.“

Von Mathias Begalke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tipps