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Menschen unter Glas

Goldener Löwe für deutschen Biennale-Beitrag Menschen unter Glas

Der Deutsche Pavillon auf der Biennale ist geprägt von Nazi-Architektur. Die Künstlerin Anne Imhof hat in diesem Jahr genau die richtige Performance gefunden, um dieses Monstrum zu bespielen.

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Veredlung und Betrug

Mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet: Anne Imhofs Performance “Faust“ in Venedig.

Quelle: ANSA/AP

Venedig. Der Haupteingang verbirgt sich hinter Glaswänden und Metallzäunen. Der Deutsche Pavillon ist abgeschirmt. Die lange Menschenschlange davor führt zum Nebeneingang. Dort geht es rein. Zur Besichtigung des deutschen Beitrages auf der diesjährigen Kunst-Biennale in Venedig. Vorbei an Security-Leuten. Oben auf dem Dach stehen vereinzelte Gestalten, die auf die Besucherschlange herabblicken. Zwischen den Zaunstangen lugen Wachhunde durch.

Der Deutsche Pavillon, eine Festung. Derzeit eine preisgekrönte Festung. Die 39-jährige Performancekünstlerin Anne Imhof aus Frankfurt am Main, die den Pavillon in diesem Jahr bespielt, wurde dafür mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet. Eine gute Entscheidung, denn Imhofs Performance sticht heraus auf einer eher durchschnittlichen Biennale 2017.

Insgesamt 86 Länder präsentieren sich bis Ende November auf einer der größten Kunstausstellungen der Welt mit zeitgenössischer Kunst. Nur 28 Länder, darunter Deutschland, haben auf der alle zwei Jahre veranstalteten Messe ein eigenes Gebäude in den Giardini von Venedig. Die übrigen Länder verteilen sich über die ganze Stadt. Der Deutsche Pavillon ist ein besonderes Bauwerk. 1909, knapp 14 Jahre nach der ersten Biennale mit ionischen Säulen nach antikem Vorbild errichtet, wurde er 1938 von den Nationalsozialisten zu einer martialischen Architektur mit vier mächtigen rechteckigen Pfosten im Eingangsbereich umgebaut. Eine Herausforderung für jeden Künstler, der dieses Monstrum gestalten muss.

Architektonische Monstrosität

Architektonische Monstrosität: Der Deutsche Pavillon wurde 1909 nach antikem Vorbild errichtet und von den Nationalsozialisten 1938 zu einem martialischen Gebäude umgebaut.

Quelle: dpa

Anne Imhof hat dafür gesorgt, dass der Machtanspruch, den dieses Gemäuer architektonisch anmeldet, auf geradezu schlagende Weise erfahrbar wird. Die Besucher betreten den Innenraum in abgehobener Position auf einem Panzerglasboden. Die Wände in kühlem Weiß oder verglast. Unter ihren Füßen bewegen sich Figuren, die irgendetwas machen: in ihre Blechnäpfe schauen, über den Boden robben, das Gesicht nach oben an die Glasdecke pressen. Sie scheinen wie Hunde zu vegetieren. Oder sind das doch Menschen? Und was gehen uns die da unten an?

Die Szenen sind Teil einer insgesamt fünfstündigen Performance, die von Anne Imhof im Hintergrund per SMS-Anweisungen dirigiert wird – und der sich die Zuschauer nicht entziehen können. Denn sie sind unwillkürlich Teil davon, wenn sie ihre Smartphones zücken, um diese Kreaturen zu fotografieren. Sie blicken im Grunde genauso distanziert und teilnahmslos durch ihre Fotoapparate wie die Schauspieler durch die Glasscheiben.

Es ist ein merkwürdiges gegenseitiges Desinteresse, das hier entsteht, obwohl sich alle anschauen. Es bleibt unklar, wie fremd diese Welten einander sind. Oder sind sie vielleicht doch ähnlicher als zunächst gedacht? Das Glas schafft völlige Durchsichtigkeit und trennt zugleich. Jeder sieht jeden und spiegelt zugleich sich selbst auf der glasigen Oberfläche. Es geht ums Sehen und Gesehenwerden, um Überwachung und narzisstische Selbstbespiegelung, um Dazugehören und Ausgeschlossensein.

Kunst als Kapitalismuskritik

“Die Performer scheinen sich selbst in konsumierbare Bilder zu verwandeln“, sagt die Kasseler Ausstellungsmacherin Susanne Pfeffer, die den Pavillon kuratiert und Imhof nach Venedig geholt hat. Anders als ihre Vorgänger in den vergangenen Jahren, die jeweils Werke mehrerer Künstler präsentierten, hat sich Pfeffer dafür entschieden, den Pavillon nur einer Künstlerin anzuvertrauen. Und sie ist zufrieden.

Anne Imhof habe die Machtarchitektur des Pavillons freigelegt und aktualisiert, indem sie Glas, das derzeit beliebteste Baumaterial der Banken, als Symbol des Geldes verwendete und damit durchsichtige und somit fast unsichtbare, aber dennoch trennende Grenzen eingebaut hat. Pfeffer versteht Kunst als Gesellschaftskritik: “Die Essenz des Kapitalismus ist der hemmungslose Verbrauch, die Zerstörung der Körper“, schreibt sie im Ausstellungskatalog. Will sagen: Ausbeutung funktioniert heutzutage sowohl über Fremdherrschaft aber auch subtile Selbstkontrolle.

“Es geht um die Freiheit“

Entstanden ist im Deutschen Pavillon von Venedig eine multimediale Performance aus Malerei, Musik und Inszenierung. In der Grenzen nicht nur sichtbar, sondern gelegentlich auch übertretbar werden. Anne Imhof gelingt es, immer wieder von Neuem kraftvolle Bilder entstehen zu lassen. Irgendwann stehen die Schauspieler plötzlich neben den Zuschauern, blicken zombiegleich durch sie durch, stürmen an ihnen vorbei oder inszenieren sich auf Glaspodesten, antiken Statuen gleich.

Zwei wälzen sich auf dem Glasboden, ineinander verschlungen – oder doch eher verkeilt? Innige Umarmung oder Kampf auf Leben und Tod? Zuneigung oder Selbstbehauptung? Freiheit oder Unterdrückung? Die Künstlerin Anne Imhof sagt dazu nur so viel: “Es geht mir um die Freiheit, die Freiheit der Gedanken!“ Und sie lässt auch dem Zuschauer seine Freiheit. Zu bleiben, oder zu gehen, wann es ihm beliebt. Die fünf Stunden sind nur ein Angebot.

Info: “Viva Arte Viva!“ – Die Biennale 2017

Die internationale Kunstausstellung Biennale findet seit 1895 alle zwei Jahre in Venedig statt. Sie wird in diesem Jahr von Christine Macel, der Chefkuratorin des Pariser Centre Pompidou, geleitet. Das Motto lautet “Viva Arte Viva!“ – Es lebe die Kunst, sie lebe! 86 Länder stellen aus. Die Themenausstellung “Viva Arte Viva!“ wird zum größten Teil in den “Arsenale“ gezeigt, den morbiden Gebäuden der ehemaligen Schiffswerft. Ein weiterer Teil ist in den Giardini im Stadtteil Castello zu sehen.

Die 28 festen Länderpavillons, die größtenteils schon in den ersten Jahrzehnten der Biennale gebaut wurden, befinden sich ebenfalls in den Giardini. Dort steht neben dem deutschen unter anderem das französische, britische, russische und US-Ausstellungsgebäude. Die meisten Länder haben keine eigenen Pavillons. Ihre Ausstellungen sind über ganz Venedig verteilt. Die Münchner Künstlergruppe super+ bezieht sich mit ihrer Installation einer mobilen Bar mit klassizistischen Arkadengängen auf den ursprünglichen Deutschen Pavillon von 1909, der auch Bayerischer Pavillon genannt wurde.

Die Biennale geht noch bis zum 26. November. Eintritt für Arsenale und Giardini: 25 Euro.

Von Mathias Richter

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