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"Nullnummer": Abgesang auf einen Lieblingsfeind

Umberto Ecos neuer Roman "Nullnummer": Abgesang auf einen Lieblingsfeind

Italiens Großliterat Umberto Eco nimmt in seinem siebten Roman "Nullnummer" Silvio Berlusconi, die Mafia, das Zeitungswesen und Verschwörungstheorien aufs Korn. Es ist der Stoff für einen politischen Thriller – "Der Name der Rose" im Hier und Jetzt. Doch der große alte Dichter verfällt ins Dozieren.

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Umberto Eco hat mit "Nullnummer" mal wieder einen Roman über sein Lieblingsthema geschrieben: Verschwörungstheorien.

Quelle: EPA/Carmen Siguenza

Leipzig. Sie glauben hoffentlich nicht", sagt Simei, er ist eine Art Chefredakteur, "ich hätte Sie hergeholt, um Sie Artikel über Weltwirtschaft oder internationale Politik schreiben zu lassen."Nein", antwortet Maia, "das war mir schon klar. Aber ich hatte gehofft, mich zu irren." In Wirklichkeit ist allerdings alles viel schlimmer: Maia hatte erwartet, mit dem Wechsel von ihrem Klatschblatt zum "Domani" würde es journalistisch aufwärtsgehen für sie. Aber erstens ist sie bei der Zeitung mit dem schönen Namen "Morgen" mit dem Erfinden von Horoskopen betraut, und zweitens soll dieser "Morgen" nie ein Übermorgen erleben.

Der italienische Starschriftsteller Umberto Eco hat sich in Romanen von "Der Name der Rose" bis zum "Foucaultschen Pendel" als großer Erzähler erwiesen, als genialer Konstrukteur in "Die Insel des vorigen Tages" und "Der Friedhof von Prag", als grandioser Fabulierer in "Baudolino" und "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana". In seinem siebten Roman namens "Nullnummer" wählt er eine hinterhältige Konstruktion: "Domani" ist ein Potemkinsches Dorf.

Berlusconi als Modell

Der schwerreiche Commendatore Vimercate, im Einkaufsfernsehen, im Hotel- und Immobiliengeschäft erfolgreich, will mit zwölf Nullnummern den Reichen und Mächtigen zeigen, was er alles drucken lassen könnte, würde er wirklich eine Zeitung herausgeben. Doch davon ahnt Maia nichts. Das wissen nur Simei und sein Chef vom Dienst Colonna, ein gescheiterter Akademiker mit umfassender Bildung und verschütteten Idealen: "Das Vergnügen der Gelehrtheit ist den Verlierern vorbehalten." Simei hat ihn an Bord geholt, um hinterher als sein Ghostwriter einen Roman über diese Wolken-Redaktion zu schreiben. Folgerichtig ist Colonna der Erzähler dieser "Nullnummer".

Vimercate ist leicht erkennbar nach Ecos Lieblingsfeind Silvio Berlusconi modelliert. Im Frühjahr 1992 spielt die Handlung, nach der Ermordung des Mafiarichters Giovanni Falcone. Da war Berlusconi auf dem Sprung zur Macht. Zwei Jahre später sollte er zum ersten Mal Ministerpräsident werden, und dass es dabei schon nicht durchweg mit rechten Dingen zugegangen ist, das ahnt nicht nur in Italien mittlerweile fast jeder. Die Nullnummer soll also nicht weniger sein als eine Abrechnung mit einer Gesellschaft, in der der wortgewaltige Bildungsgroßbürger Eco sich nicht mehr aufgehoben fühlt.

Ein Thriller ohne rechte Lust

"Die Welt ist ein einziger Albtraum", lässt er Colonna zu Maia sagen, mit der er intim geworden ist. Und über Italien urteilt er: "Korruption ist autorisiert, die Mafia offiziell im Parlament, der Steuerhinterzieher an der Regierung, und im Gefängnis sitzen nur die albanischen Hühnerdiebe ... Und wenn jemand von Bedeutung umgebracht worden ist, Staatsbegräbnis."

Bitter klingt das, illusionslos. Und es könnte der Hintergrund sein für einen großen politischen Thriller. Aber der mittlerweile 83-jährige Eco springt als Tiger – und landet als Wollmaus. Denn "Nullnummer" ist ein Buch geworden, das sich liest, als habe sich der Großliterat aus Mailand ohne rechte Lust einer lästigen Pflicht entledigt – und dabei hat es ihn auf sein Lieblingsfeld verschlagen: die Verschwörungstheorie.

Die Protagonisten bleiben blass

Das muss kein Fehler sein, im "Foucaultschen Pendel" von 1988, seinem sicher besten Roman, war es ihm einst gelungen, die Zeitläufte als Folge einer gewaltigen Templer-Verschwörung umzudeuten. Ein monumentales Buch, von bebender Spannung und intelligentem Witz von der ersten bis zur letzten Seite.

In "Nullnummer" dagegen findet sich nichts dergleichen – weil Eco keine Mühe darauf verschwendet, seinen Protagonisten Blut in die Venen zu pumpen und eine Handlung in Gang zu bringen, sondern die Geschehnisse in geschwätzigen Dialogen entwickelt: Der großen italienischen Verschwörung glaubt Braggadocia auf der Spur zu sein, auch er ein in der Redaktionsstube des "Domani" Gestrandeter.

Ein irrer Paranoiker, der glaubt, Mussolini, dessen Doppelgänger erschossen wurde, habe noch Jahrzehnte nach dem Krieg in Argentinien gelebt, und der Versuch, ihn an die Macht zurückzubringen, habe Italien bis in die jüngste Zeit beherrscht: Der Terrorismus von links wie von rechts, die roten Brigaden und die Geheimloge P2, Gladio und das Attentat von Bologna, der frühe Tod von Papst Johannes Paul I. und das Attentat auf seinen Nachfolger, die Affäre Aldo Moro, all die Bomben und die Toten stünden in einem großen weltgeschichtlichen Zusammenhang. Braggadocia, Englisch steht das Wort für einen Prahler, hat Colonna ins Vertrauen gezogen, in einer düsteren Gasse wird er erstochen – und nun fürchtet auch Colonna als Mitwisser um sein Leben ...

Abrechnung mit den Medien

Seitenweise lässt Eco dozieren. Über die italienische Nachkriegsgeschichte oder die Vorzüge und Nachteile von Mittelklassemodellen aus den Häusern Lancia, Mercedes, Rover. Eine ans "Pendel" erinnernde Kurzabhandlung über die Geschichte des Malteserordens bekommen die Leser auch. Dazwischen rechnet er großflächig und auf weiten Strecken ziemlich treffend mit dem Zynismus der Medien ab und mit Kollegen wie Gabriele D’Annunzio oder Dan Brown. Es scheint, als habe auch Ecos Stammübersetzer Burkhart Kroeber keinen Zugang zu diesem Bändchen gefunden.

Da spielt es schon beinahe keine Rolle mehr, dass in Italien in den sozialen Netzwerken ausführlich diskutiert wird, was Eco wo abgeschrieben hat. Weil das alles nicht zum großen Erzähler Eco passt, wittert Roberto Casalini, Chefredakteur von "Wired Italia", gar eine Verschwörung: "'Nullnummer' wurde von einem Doppelgänger Umberto Ecos geschrieben, während der echte Professor sich in Argentinien versteckt hält, über Jorge da Burgos forscht und an einer Fortsetzung von 'Der Name der Rose' arbeitet." Ja, so könnte es sein.

Peter Korfmacher

Umberto Eco: Nullnummer. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber; Carl Hanser Verlag, 230 Seiten, 21,90 Euro.

Umberto Eco: Ein Freund des Mittelalters

Der Rebell der Familie: Geboren am 5. Januar 1932 im piemontesischen Alessandria und aufgewachsen als Sohn eines Buchhalters unter dem Regime des italienischen Faschismus, beginnt Umberto Eco 1948 gegen den Wunsch seines Vaters Philosophie und Literaturgeschichte an der Universität Turin zu studieren.
Seine Dissertation verfasst er 1954 über die Ästhetik bei Thomas von Aquin. Scholastik und Mittelalter lassen ihn nicht mehr los. Dennoch geht er zunächst zum Fernsehen, um bei der RAI ein Kulturprogramm aufzubauen. 1959 wird Eco Sachbuchlektor im Mailänder Verlag Bompiani, dem er bis 1975 die Treue hält. Bereits 1963 hat er aber auch eine akademische Karriere als Dozent für Ästhetik und visuelle Kommunikation an den Universitäten Mailand und Florenz begonnen. 1971 wird er in Bologna ordentlicher Professor für Semiotik. Seine "Einführung in die Semiotik" (1968) gilt bis heute international als Standardwerk.
1980 veröffentlicht er seinen ersten Roman: "Der Name der Rose" , der ihn über Nacht als Literat zum Star macht. Das Buch wurde mittlerweile weltweit über 25 Millionen Mal verkauft. 2007 zieht sich Eco weitgehend aus dem akademischen Betrieb zurück und lehrt nur noch für Graduierte, denn "da kann es sich der Professor leisten, unrecht zu haben und zu provozieren, so löst er immer lebhafte Debatten aus". Seit 1962 ist Umberto Eco mit der Deutschen Renate Ramge verheiratet, sie haben zwei erwachsene Kinder.

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