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Sühne und Söhne

Performance zum Anfassen Sühne und Söhne

Sie beziehen den Zuschauer mit ins Spiel ein, machen ihn zum Angeklagten in Franz Kafkas "Prozess" oder gar zum Besucher eines Bordells. In Hamburg lässt das charismatische Künstlerduo Signa den Besucher nun zum Bewerber im unheimlichen Familienbetrieb "Söhne und Söhne" werden.

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Ein Herz aus Finsternis

Im Büro des Schreckens: Ein Mitarbeiter von "Söhne und Söhne", der neuen Installation des Performance-Duos Signa in Hamburg.

Quelle: Signa

Im Empfangsbüro tauscht der Mitarbeiter seinen Namen gegen eine Nummer ein. Eine Dame mit strengem Dutt drückt einem ein Pinnbrett mit einem Bewertungsbogen in die Hand. Während der folgenden sechs Stunden wird jede Handlung beurteilt werden. Nach welchen Kriterien, das ist hier jedoch so geheim wie in einem Kafkaroman. Das Performanceduo Signa hat die ehemalige staatliche Gewerbeschule für Bauhandwerker in Hamburg in eine Filiale der fiktiven Gesellschaft "Söhne und Söhne" verwandelt. Die Theaterzuschauer werden zu Mitarbeitern dieses Familienunternehmens, zu Söhnen. Der Firmengruß lautet "Elatus!" – lateinisch für edel.

Die Atmosphäre könnte jedoch kaum unedler sein. Stühle, Akten, Büromaterial – sämtliche Requisiten sind im speziellen Gilbfarbton der Bürokratie gehalten. Im gesamten Gebäude riecht es erbärmlich nach der dünnen Suppe, die man in der Kantine für seine Essensmarke bekommt. Graue Anzüge, graue Gesichter. "Söhne und Söhne" durchdringt alle Lebensbereiche. In der "Abteilung für romantische Angelegenheiten" soll man den Sexappeal der Kollegen bewerten, auf der Krankenstation den eigenen Tod simulieren.

Zwischen Sekte und Kaderschmiede

Der Bürostil ist so altmodisch wie in der Fernsehserie "Mad Men". Die neuen Söhne ahnen, dass die besondere Verbindung zum Arbeitgeber hier möglicherweise ähnlich fatal ist wie im Gruselmärchen "Krabat". Sie durchlaufen eine Mischung aus Sekten-Initiationsritus und DDR-Kaderschmiede. Ökonomie und christlicher Erlösungsglaube liegen hier nahe beieinander: Das Unternehmen will nicht nur alle Schulden der Welt auf sich nehmen, um zur "reinen Urform der Ökonomia" zurückzukehren, sondern auch die Schuld. Die Söhne sollen als Apostel oder auch als informelle Mitarbeiter die Gesellschaft unterwandern. Das kristallisiert sich im Laufe des langen Abends in Gesprächen mit den Darstellern heraus, die Vorgesetzte, Putzfrauen oder Sekretärinnen mimen.

Das Performanceduo Signa ist berüchtigt für theatrale Soziotope, die gesellschaftliche Strukturen und zwischenmenschliche Konventionen infrage stellen. Dabei wird der Zuschauer stets zum Akteur. Er ist mal Gast eines festlichen Balls, mal Bordellbesucher, mal Psychiatriepatient, mal Angeklagter in Franz Kafkas "Prozess". In den suggestiven Dialogen zwischen Zuschauer und Darsteller beginnen Weltbilder zu bröckeln.

Das Einreißen der Vierten Wand im Theater ist seit der Dokumentartheatergruppe Rimini Protokoll nichts Neues mehr, bei Signa jedoch erreicht das Rollenspiel eine andere Dimension. Man kann das mit einem Zoobesuch vergleichen, bei dem der Gorilla plötzlich der Eisverkäufer ist und man selbst am Gummireifen hinter der Glasscheibe baumelt. Alle Hamburger Aufführungen bis Anfang Januar waren im Nu ausverkauft.

"Germania Song"

Arthur Köstler in der Inszenierung "Germania Song" in Leipzig.

Quelle: Erich Goldmann / Signa

Signa – das sind der Österreicher Arthur Köstler, der in Hamburg einen der "Lieblingssöhne" des Unternehmens spielt, und die Dänin Signa Köstler, geborene Sørensen. Sie verkörpert den "Oikonomos Walerian I.", den Chef und Guru von "Söhne und Söhne", der zur Audienz in seinem Büro Cognac und Liebesbekundungen reicht. Wechselnde Schauspieler, oft Laiendarsteller, begleiten das Duo bei ihren Aufführungen in europäischen Metropolen.

Als die beiden  (sie Jahrgang ’75, er ’72) sich das erste Mal trafen, spielten sie ein Ehepaar. Das sind sie inzwischen wirklich. Signa und Arthur variieren in ihren Inszenierungen ihre Paraderolle des großen Verführers. Auch außerhalb ihrer theatralen Versuchsanordnungen legen sie diese nicht ab. Bei einem Gespräch mit dem Liebespaar kann man sich schon mal fühlen, als werde man gerade für eine Ménage-à-trois getestet.

Arthur Köstler spricht mit dem Charme der Österreicher und hat blaue, magnetische Augen wie Terence Hill, während Signa mit ihrer verruchten Aura an Uma Thurman in "Pulp Fiction" erinnert. Begegnete man dem Duo am Eingang zur Hölle, man ginge gespannt hinein. Vielleicht verabschieden sich Theaterkritiker deshalb gerne von ihrer distanzierten Haltung, wenn sie über Signa schreiben, und wählen die Ich-Perspektive.

Albtraumhafte Atmosphären

Signa sagt: "Es gibt keine Grenze, wie weit die Zuschauer sich einbringen können. Manche fügen sich ganz in die Fiktion ein. Andere blocken ab und wollen nur schauen." Begehren, Erotik, Tod, Macht – um diese Themen kreisen die Arbeiten des Paares. Darauf angesprochen, antwortet Arthur mit einem neuen Rätsel: "Was sind die Grundelemente des Lebens?", fragt er mephistophelisch. Und Signa antwortet: "Zwischenmenschliche Beziehungen." Jede Begegnung existiere innerhalb einer Konstruktion.

Das Unheimliche, Rätselhafte ist typisch für Signa. Zeichen, die der Besucher zu deuten und zusammenzufügen versucht. Dichte, albtraumhafte Atmosphären sind das Markenzeichen des Duos. Bekannt wurde es mit "Die Erscheinungen der Martha Rubin". 40 Darsteller bewohnten für das 2008 zum Berliner Theatertreffen eingeladene Projekt tagelang eine Lagerwelt aus Bretterbuden. Soldaten patrouillierten, Bewohner verschwanden – Erleuchtung verhieß nur das von Signa verkörperte Orakel Martha Rubin.

Ein mythischer Unterbau ist typisch für Signa. In "Die Hadesfraktur" (2009) hielt der griechische Totengott sieben Frauen in einer Kölner Travestiebar gefangen. Die Besucher wetteiferten darum, sie zu befreien. Um Punkte zu sammeln, mussten sie mit Persephone knutschen oder mit Hades in die Badewanne steigen.

"Club Inferno"

Signa Köstler hält während der Berliner Performance "Club Inferno" auf dem Sofa Hof.

Quelle: Erich Goldmann / Signa

Signa-Inszenierungen sind wie Reisen ins Unterbewusste. Der Besucher begegnet Ängsten und verdrängten Sehnsüchten. Auf einem festlichen Ball im Leipziger Schauspiel ("Germania Song", 2009) pinkelte Signa Köstler, die eine Wahrsagerin mimte, plötzlich mitten auf die Tanzfläche, während ihr Gatte mit den Gästen flirtete. Ekel und Erregung liegen bei Signa nahe beieinander. Das geht bisweilen bis an die Grenzen des Erträglichen.

Bei den Salzburger Festspielen 2011 bespielte das Duo ein leer stehendes Haus außerhalb der Stadtgrenze. Dort sollten der Inszenierung gemäß osteuropäische Mädchen für den Strich gefügig gemacht werden. Die blassen Geschundenen priesen sich den Besuchern in gebrochenem Deutsch an, die Vergewaltigungsszenen durch die Zuhälter wirkten schmerzlich authentisch. Ein Horrorreich aus vergilbten Tapeten, Zigarettenqualm und Hoffnungslosigkeit. "Das ehemalige Haus" hieß die Installation, auch Menschlichkeit erschien hier ehemalig.

"Orgie in der Hölle"

In eine Hölle der anderen Art lud das Performanceduo 2013 in Berlin: Im "Club Inferno" durchschritt der Partygast die neun Höllenkreise nach Dantes "Göttlicher Komödie". Wollüstige Jünglinge forderten dazu auf, den Sekt von ihren nackten Schultern zu lecken. Wegen solcher Eskapaden wird Signa nicht nur von renommierten Theaterinstitutionen, sondern auch von der Boulevardpresse geliebt. "Orgie in der Hölle" hieß es damals.

In der Hamburger Filiale von "Söhne und Söhne" herrscht ebenfalls eine diabolische Stimmung. Aushänge am Infobrett künden von vermehrten Todesfällen im Kollegenkreis. Ein stummer Balletttänzer versucht mit seinem "Körperlatein" vergeblich die Verbindung zur mysteriösen Urfiliale wiederherzustellen. Zur Geisterstunde legen die Besucher schließlich ihren Namen ab und werden als Sohn des Unternehmens wiedergeboren – Maskierte rezitieren dazu lateinische Sprechchöre. Noch ein "Elatus" mit auf den Weg, edel geht die Welt zugrunde.

von Nina May

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