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Philipp im Wunderland

Neues Album „Mein Amerika“ Philipp im Wunderland

Zweifellos ein Minnesänger: Philipp Poisel kann so tief empfunden wie kein anderer junger deutscher Songwriter von Liebe, Verlust und Sehnsucht singen. Jetzt hat er mit „Mein Amerika“ sein lang erwartetes drittes Studioalbum.

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Endlich in Amerika: Philipp Poisel verwirklichte sich mit seinem dritten Album einen Traum.

Quelle: Label

Hamburg.. Zehn Uhr morgens, Regen nieselt auf das leere, wolkenverhangene St. Pauli, die Reeperbahn ist eine Nachtstraße, sie schläft gern im Hellen. Aus der Tür seines Zimmers im East Hotel späht Philipp Poisel, in ein Handtuch gewickelt, bittet noch um eine Minute. Dann steht er bereit, über sein neues Album zu sprechen. Es heißt „Mein Amerika“, erscheint am 17. Februar und ist der späte Nachfolger des 2010 erschienenen „Bis nach Toulouse“.

Das „Mein“ im Titel schafft gleich mal Distanz zum echten Amerika. „Es ist nur meine Fantasie, ein Traum von Amerika, der aus meiner Kindheit stammt“, erklärt Poisel. „Ich bin mit der Micky Maus im Gameboy durch die Rocky Mountains gereist damals, habe die Drei-Fragezeichen-Hörspiele über Rocky Beach gehört und mir Serien wie ,Knight Rider‘ und ,Das A-Team‘ angeguckt.“ Immer schon habe er dorthin gewollt – in das wunderbare Amerika. Jetzt war er endlich da und hat sein drittes Album im Blackbird eingespielt, dort wo Norah Jones und Kings of Leon aufnehmen.

Das „Mekka der Countrymusik“ nennt man Nashville, aber als Country geht unter Poisels kantigen Popsongs allenfalls das Schlusslied „Ein Pferd im Ozean“ durch. Wenn der Ludwigsburger von seiner Zeit in Tennessee schwärmt, schwäbelt er dezent. Mit der Band war das eine „Klassenfahrtatmosphäre“, umarmend sei die Professionalität der Amerikaner gewesen.

Poisel wollte einen „alten, warmen, großen Sound wie früher“ für seine neuen Songs haben, keine glatte Hitproduktion. „Da stand auch kein Computer, auf dem man alles macht – Buchhaltung, E-Mails, Musik –, sondern ein Riesenmischpult und eine echte Bandmaschine.“ Die „Magie“ habe er in Nashville gespürt und eine inspirierende „Goldgräberstimmung: Überall sind junge Leute, die dort hinströmen, um ihr Glück mit der Musik zu finden.“ Dass er im Ursprungsland des Rock ’n ’Roll war, im Land von Elvis und Dylan, hat bei ihm Spuren hinterlassen. „Ich habe mir einen Plattenspieler gekauft und war viel stöbern in Plattenläden. Ich bin musikalisch in die Zeit vor meiner Zeit vorgedrungen.“

Der 20. Januar ist ein kleiner, grauer Tag für St. Pauli, ein großer, grauer Tag für die Welt. Donald Trump wird nur ein paar Stunden später mit seiner Antrittsrede die Welt bestürzen. Haben Trumps „America-first“-USA Berührungen mit Poisels Wunderland Amerika? „Nein, aber ich habe keine Lust, da schon jetzt mit in das Panikhorn reinzututen“, antwortet er. Die amerikanische Demokratie sei nicht am Ende, sondern gefordert: „Für viele war es bisher vielleicht nicht relevant, wer Präsident ist. Und jetzt gehen ebendiese Leute auf die Straße und melden sich zu Wort.“

„Mein Amerika“ ist ein Königreich der Liebeslieder. Die Liebe à la Poisel ist dabei bestimmt von Sehnsucht und Verlust. Erfüllung: nie. Wie ein Minnesänger des 21. Jahrhunderts wirkt er mit seinen tapferen Alles-oder-nichts-Zeilen. Das wehmütige Nuscheln klingt, als seien die Texte an eine echte vergeblich Geliebte gerichtet, die den Songwriter erschüttert und all seine Kunst erst freigesetzt hat. „Erklär’ mir deine Liebe“ oder „Wenn die Tage am dunkelsten sind“ sind voller Bruchstellen, durch die aber, um Leonard Cohen zu zitieren, gerade das Licht der Bedeutung scheint.

Manches Wort erlöscht mittendrin, so als sei sich der Singende bewusst, es viel zu oft gesagt zu haben. Poisels Liebesanspruch ist dabei immer hoch: Er will ein Roman sein für den geliebten Menschen und kein Flugblatt, so singt er im Lied „Roman“. Wo sich Leben und Lieder vermengen, verrät er nicht. „Deshalb mache ich ja gerade Musik. Weil ich darin eine Sprache gefunden habe, mich zu offenbaren. Am liebsten wäre mir, ich könnte nur Musik machen. Und müsste überhaupt nicht darüber reden.“ Er seufzt.

Denn zur Routine sei ihm die Musik in den letzten neun Jahren irgendwie geraten. Was auch ein Grund war, weshalb die Pause zum dritten Album hin so groß war. Er könnte sich sogar vorstellen, noch einmal neu als Straßenmusiker anzufangen. Denn Freiheit hängt er noch höher als die Liebe.

„Mein Amerika“

„Mein Amerika“

Quelle: Label

Einstweilen malt er Bilder, die Malerei hat den Platz eingenommen, den früher das Musizieren hatte. Und mit der neuen Musik will er jetzt erst mal auf Tour. In die ganz großen Arenen Deutschlands, die dem Magier der kleinen Hallen noch fremd sind.

Ein Traum-Deutschland findet sich auch auf „Mein Amerika“. Ein Märchen von Wilhelm Hauff aus dem frühen 19. Jahrhundert hat Poisel in ein Lied verwandelt. Über das Glasmännlein, das einem armen Köhler drei Wünsche gewährt, und wie dieser Köhler dann einen Pakt mit dem Bösen schließt, sein Herz gegen einen Stein tauscht, und aus Gier und Geiz die Geliebte umbringt.

Trotz seiner altertümlichen Sprache erscheint „Das kalte Herz“ als gegenwärtigster Song in dem romantischen Dutzend. Ein Song für eine Zeit, in der ganz Europa einen Stein in der Brust zu tragen scheint, und in der die Sorge, vom Reichtum abgeben und mit Fremden teilen zu müssen, viele umtreibt. Bewegt hat Poisel neben dieser „Aktualität, die ja in vielen Märchen steckt“ die Düsternis. „Der Schwarzwald hat diese Urkraft, das mag ich. Und das Cello, wenn das so finster kratzt.“

Wenn das Glasmännlein zu ihm käme, welche drei Wünsche hätte er wohl? Zu privat. Poisel schweigt eine Weile. Dann antwortet er doch: „Ich würde gern viel Zeit mit meinen Eltern verbringen, weil die alt sind und ich Angst habe, dass wir nicht mehr nahe genug zueinanderkommen“, sagt er. „Dann wäre ich gern gesund bis ins hohe Alter wie mein Großvater, der mit 100 noch fit war. Und ich wünsche mir, dass ich mir meine Motivation bewahre, die Welt zu beobachten. Rauszugehen, statt auf dem Sofa zu erstarren.“

Von Matthias Halbig

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