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Raus aus dem Schatten

Mike Oldfields neues Album Raus aus dem Schatten

Von ihm stammt der Superhit „Moonlight Shadow“, doch auf der Straße wird er nicht erkannt. Mike Oldfield ist ein Popstar, der das Scheinwerferlicht meidet. Mit seinem neuen Album verarbeitet er den Tod seines Sohnes und seines Vaters.

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Quelle: Redferns

Bahamas. Für Mike Oldfield war ein Tonstudio schon immer ein Zufluchtsort. Dort erschafft er, wie er sagt, eine andersartige Wirklichkeit, in der seine Probleme nicht existieren. „Nein“, offenbart der 63-Jährige, „meinen Seelenfrieden habe ich noch nicht wiedergefunden.“ Dafür waren die letzten Jahre zu hart. Erst die Trennung von seiner Frau Fanny. Dann der Tod seines ältesten Sohnes Dougal, der 2015 im Alter von nur 33 Jahren einfach so zusammenbrach. Schließlich starb auch noch Oldfields Vater.

Aber, sagt der Musiker, tiefe Traurigkeit verleihe vielen Künstlern eine enorme kreative Kraft. Ihn ließ sie ein neues Album aufnehmen: „Return to Ommadawn“. Dorthin hatte er sich schon einmal gerettet, um nicht verrückt zu werden.

Es ist 10 Uhr auf den Bahamas, wo Oldfield lebt. Er hat gerade seine beiden jüngsten Kinder, den zwölfjährigen Jake und den drei Jahre jüngeren Eugene, zur Schule gebracht. Sieben Kinder mit drei Frauen hat er insgesamt. Normalerweise würde er jetzt die englischen Zeitungen auf dem Tabletcomputer lesen, danach joggen, nicht am Strand, sondern auf dem Laufband, dann duschen. Heute aber telefoniert er, um PR für sein 26. Studioalbum zu machen.

Es besteht aus zwei Teilen. „Pt. I“ beginnt mit irischen Flöten. Man meint, ihr Ton wehe von ganz weit weg herüber, wie die Erinnerung an einen Menschen, den man einst verloren hat. Der Titel ist 21 Minuten und zehn Sekunden lang und besteht aus mehr als 60 Abschnitten. „Pt. II“ ist nur unwesentlich kürzer. Man ahnt: Oldfield, der Perfektionist, ist ein Frickler, der seine Plattenseiten-langen Instrumentals sorgsam zusammensetzt, als sortiere er so seine Gedanken und Gefühle. Aus einem Labyrinth wird dabei eine offene, weite Landschaft.

Das neue Albumcover

Das neue Albumcover.

Quelle: Label

„Return to Ommadawn“ knüpft an sein Frühwerk, seine dritte LP „Ommadawn“, an. Einen Aufguss von Altbewährtem veröffentlicht er nicht zum ersten Mal. Von „Tubular Bells“, seinem 1973 erschienenen Debütalbum mit dem magischen Klavierintro, gibt es bereits zwei Fortsetzungen. Damals ein Überraschungserfolg hat es sich bis heute 17 Millionen Mal verkauft. Bei „Ommadawn“, dem Original, holte der innovative Musiker sogar eine Trommeltruppe aus Südafrika ins Studio. Die meisten Instrumente aber spielte er wie immer selbst. Er war ein Prog-Rock-Superstar. Eigentlich hätte er glücklich sein können – doch auch damals ging es ihm nicht gut. Auf alten Fotos meint man, das erkennen zu können. Der introvertierte Oldfield lachte anscheinend nie.

Die Sorge um seine depressive Mutter Maureen und ihr früher Tod hatten ihn verzweifeln lassen. Sie starb, als er 22 war. Als Kind hatte er sie immer wieder in Nervenkliniken besuchen müssen. Die erhebende Musik, die er machte, die irische Brise, die Naturverliebtheit, das Bekiffte, die Verspieltheit, all das schien das komplette Gegenteil zu dem zu sein, wie er sich fühlte. Angst und Depression hatten auch ihn im Griff. Mehrere Therapien im Laufe der Jahre sollten ihm helfen. Und das Musikmachen.

Kommen bedeutsame Songs, Stücke, die Bestand haben, immer aus der Dunkelheit? „Ja“, antwortet er. Bei Brian Wilson ist das so. Auch bei Bruce Springsteen. „Und wer weiß, in welcher Gemütsverfassung Johann Sebastian Bach war, wenn er Kantaten komponierte?“, fragt Oldfield. Bach ist sein Idol.

Der 63-Jährige überstand die Punk-Attacke, indem er Hits wie „Moonlight Shadow“ oder „Shadow on the Wall“ ablieferte. Radiopop, kurze, unkomplizierte Songs, höchstens drei statt 60 Abschnitte. Da der öffentlichkeitsscheue Songschreiber selbst kein Frontmann sein wollte, ließ er andere singen, Maggie Reilly und Roger Chapman zum Beispiel. Er habe sich verbiegen lassen, sagt er heute über seine Achtzigerjahre. Kurioserweise bezeichnet er diese weniger komplexen, weniger herausfordernden Songs als „Experimente“, da sie sein wahres Wesen nicht widerspiegelten. Doch Prog-Rock war aus der Mode gekommen. Bei den Plattenfirmen, erzählt er, hätten „dürre Typen in Anzügen mit Nasenpiercings, die an Schutzbleche erinnerten“ seine Musik verspottet. Als unzeitgemäßes Hippie-Zeug.

Genugtuung erfuhr er 2012. Sein Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London geriet zu einem triumphalen Comeback. Wie ein alter, aus den Augen verlorener Kumpel kreuzte er dort auf, spielte Auszüge aus „Tubular Bells“ und seine Bearbeitung des deutschen Weihnachtsliedes „In dulci jubilo“. Er widmete das Stück einst seiner Mutter; „Nun singet und seid froh“, heißt es in dem Choral. Für zwölf Minuten trat er ins hellste Scheinwerferlicht der Welt. Geschätzte 900 Millionen Menschen sahen die TV-Übertragung. Viele kauften danach wieder seine Alben, auch junge Leute. In sozialen Netzwerken lobten Fans vor allem seine ersten drei LPs. Oldfield fühlte sich bestätigt.

In den Siebzigerjahren ließ er sich gern mit den vielen Instrumenten fotografieren, die er einsetzte, er baute sie um sich herum auf wie einen Freundeskreis. Besitzt er sie immer noch? Gibt es einen Gitarrenraum in seinem Haus oder ein Keyboardzimmer, aus dem er bei Bedarf die Farfisa-Orgel schiebt? Oder das Mellotron? Nein, antwortet er. Gerade für die mächtigen alten Tasteninstrumente habe er gar keinen Platz. Er fahre einen kleinen Suzuki, besitze ein altes BMW-Motorrad mit kaputter Bremse und wohne in keiner Villa, sondern schlicht und zurückgezogen.

„Hauptsache, ich kann auf den Atlantik blicken“, sagt er. Die alten Sounds, des Solina-String-Synthesizers etwa, imitiert nun eine Software. Das hätte man nicht für möglich gehalten bei einem Freak wie Oldfield.

Auf seinem aktuellen Pressefoto trägt er ein viel zu buntes Hemd. Er sieht aus wie ein gealterter Beach Boy. Er lächelt. Wie ein Soundsurfer. Vielleicht, weil ihm die Rückkehr nach Ommadawn tatsächlich guttut. Nach der Olympia-Show, die für ihn ein Katapult zurück in die Bedeutsamkeit war, nach dieser unfassbaren Euphorie, die er verspürte, „konnte es für mich nur abwärtsgehen“, sagt er. „Das Leben ist unberechenbar. Mir gefällt die Philosophie, dass alles, was passiert, einen Sinn hat – auch wenn man ihn nicht sofort erkennt.“

Von Mathias Begalke

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