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20:01 16.09.2016
Einblick in das Leben eines Mannes, dessen Welt plötzlich auf die paar Meter geschrumpft ist, die er noch zu Fuß schafft: "Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 ¼ Jahre" ist ein Bestseller aus dem Altenheim. Quelle: Victor Meijer, iStock

Ein Männergesicht mit vielen Furchen und einem verschmitzten Glitzern in den Augen. Der Hemdkragen ist ordentlich, doch die weißen Haare trägt er zu einem kecken Bogen gescheitelt. Seine Ohren sind auffällig groß – er verfolgt wohl genau, was um ihn herum geschieht.

Diese Zeichnung ziert das Cover des Überraschungs-Bestsellers aus den Niederlanden: "Eierlikörtage". Der Untertitel: "Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 ¼ Jahre". Darin beschreibt ein Altenheimbewohner mit sehr viel schwarzem Humor seinen Alltag zwischen Rollator, Keksen zum Tee, Inkontinenz, später Liebe und Seniorinnen, die sich zum Fernsehabend mit Königin Beatrix das beste Kleid anziehen.

In Holland steht das Buch seit mehr als zwei Jahren durchgehend auf der Bestsellerliste, eine Fernsehserie ist in Vorbereitung. In zahlreichen Seniorenheimen haben sich Groen-Lesezirkel gebildet. Der schraffierte Kopf vom Cover ist zum Markenzeichen geworden, er ziert T-Shirts mit der Aufschrift "I love Hendrik Groen", Poster und Geburtstagskalender. Karikaturen zeigen den Mann vom Buchtitel mit Papsthut.  

Schonungslos und selbstironisch

Doch wen der Mann auf der Zeichnung darstellt, ist ein Geheimnis. Ein ganzes Land rätselt, wer sich hinter dem Pseudonym Hendrik Groen verbirgt. Nur so viel ist bekannt: Es handelt sich wohl tatsächlich um einen Altenheimbewohner, gerüchteweise um einen ehemaligen Musiklehrer aus Amsterdam. Alternativ werden auch bekannte Schriftsteller wie Arnon Grünberg als mögliche Verfasser gehandelt.

Selbst der Künstler Victor Meijer, von dem das Titelbild stammt, musste sich des Verdachts erwehren, er sei selbst der anonyme Autor: "Ich weiß, wie Hendrik Groen aussieht und meine Zeichnung kommt dem nahe. Aber ich habe mich zum Stillschweigen verpflichtet und kann nichts weiter sagen. Außer: Nein, ich bin nicht der Autor, wie vermutet." Auch Groens Fake-Facebook-Seite gibt wenig Auskunft, da wird unter "Biografie" lediglich auf die "freimütigen Geschichten des Tagebuchs" verwiesen, die "sein Leben für den Leser nachvollziehbar machen".

Tatsächlich gibt dieses Pendant zu Sue Townsends Jugendroman "Das Intimleben des Adrian Mole, 13 ¾ Jahre alt" auch jungen Lesern einen Einblick in das Leben eines Mannes, dessen Welt plötzlich auf die wenigen Meter geschrumpft ist, die er beim täglichen Spaziergang noch zu Fuß schafft. Wunderbar schonungslos und selbstironisch setzt Groen sich mit Themen wie Sterbehilfe ("Der Niederländische Verein für ein freiwilliges Lebensende hat sicher großen Mitgliederschwund zu beklagen.") und der eigenen Sterblichkeit auseinander.

Der anonyme Autor hat zahlreiche Fans. Hier ein Amsterdamer Buchhändler mit dem Merchandise-T-Shirt. Quelle: Archiv

So nennt sich Groens Seniorenclique Alanito-Club (Alt, aber nicht tot). Reihum organisieren die Mitglieder, die teilweise an der Grenze zur Demenz stehen, Ausflüge als Flucht aus der Enge des Seniorenheims. Sie wollen Momente bewusst genießen, statt mit der Klage über Gebrechen und Kantinenessen die Zeit zu verschwenden: "Jeder hier sollte so leben, als wäre es sein letzter Tag. Stattdessen vergeuden wir unsere kostbaren letzten Stunden lieber mit Betuttelei und Geschwätz." Groens "Löffelliste" ist eine ganz persönliche Wunschliste mit Dingen, die erledigt sein sollten, bevor man den Löffel abgibt.

"Eierlikörtage" führt eine Gesellschaft vor, die Senioren ins Heim und an den Rand der Gesellschaft abschiebt: "Die Niederlande sind eine Apartheidgesellschaft: Weiße mit Weißen, Türken mit Türken, Arme mit Armen, Dumme mit Dummen. In unserem Heim kommt noch eine Trennlinie hinzu: Alte mit Alten."

Groen hat mit seinem Tagebuch quasi den Roman zur demografischen Entwicklung geschrieben. Senioren oder "Best Ager", wie Marketingmenschen sagen, stehen derzeit als literarische Komödienhelden hoch im Kurs. Das beweist etwa der Erfolg von Jonas Jonassons "Der Hundertjährige, der ..." oder der finnischen Krimireihe "Rotwein für drei alte Damen", die ebenfalls im Altenheim spielt. Groens Buch hat in den Niederlanden euphorischen Zuspruch erfahren.

Fortsetzung ist auf dem Weg

Der Verleger Henk Verweerd sagte: "Ich habe das Tagebuch von Anfang an gelesen und fand es furchtbar gut geschrieben." Seine Frau arbeite in einem Pflegeheim und habe beim Lesen immerzu mit dem Kopf genickt. "Dieses Buch sollte Pflichtlektüre in jedem Altenheim werden", schreibt ein Leser im Netz, ein anderer sekundiert: "Ich fühle mich mit Groen regelrecht bekannt und finde seine lebenserfahrenen Bemerkungen einfach nur gut. Zu gerne würde ich seine echte Bekanntschaft machen, denn er ist mir regelrecht ans Herz gewachsen."

Die ersten Einträge des Tagebuchs wurden auf der Website des Torpedo Magazin veröffentlicht. In der Fortsetzung, die soeben in den Niederlanden erschienen ist, zählt Hendrik Groen nicht mehr 83¼, sondern 85 Jahre. Und über dem braven Hemd trägt er jetzt eine jugendliche Jacke. Zunehmendes Alter verjüngt offenbar. Zumindest, wenn man Hendrik Groen heißt.

"Eierlikörtage: Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 ¼ Jahre" Piper Verlag. Aus dem Niederländischen von Wibke Kuhn, 416 Seiten, 22 Euro

Von Nina May

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