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Auf den Spuren von Anne Frank

Mit Regisseur Hans Steinbichler in Amsterdam Auf den Spuren von Anne Frank

Anne Frank war eine berühmte Tagebuch-Schreiberin – und auch ein ganz normales Mädchen. Eine Spurensuche in Amsterdam mit Regisseur Hans Steinbichler, der ihre Geschichte im Kino noch einmal erzählt.

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Ein ganz normaler Teenager: Regisseur Hans Steinbichler bringt Anne Franks Leben und Sterben ins Kino.

Quelle: iStock / Verleih

Das Museum öffnet erst um neun Uhr. Lizz, Beth und Nicole aber haben sich bereits eine knappe Stunde vorher in der Prinsengracht 263 postiert. Mit einem Frühstückssandwich in der Hand stehen die jungen Frauen, keine älter als 20, ganz vorne in der schon recht ansehnlichen Schlange.

"Wenn wir schon in Amsterdam sind, dann wollen wir auch ihr Versteck sehen", sagt Beth. Die drei sind eigens aus Australien angereist. Auf der anderen Seite des Erdballs kennt man also Anne Frank? "Aber ja, im Unterricht zum Zweiten Weltkrieg haben wir ihr Tagebuch gelesen."

Mehr als eine Million Besucher zählt das "Anne Frank Haus" pro Jahr. Stundenlange Wartezeiten nehmen sie in Kauf. Dann endlich dürfen sie die einstige Marmeladen- und Gewürzfabrik betreten und das schwenkbare Aktenordnerregal zum Hinterhaus passieren. Hinter dem Regal war die Tür zum Versteck verborgen.

Ein Versteck als Museum

Über steile Stiegen und verwinkelte Gänge lassen sich die Besucher schleusen. Immer wieder warten sie geduldig, bis ihre Vorderleute ein paar Meter aufgerückt sind. Ganz am Ende findet sich in einem gesonderten Museumsraum das originale Tagebuch, gebettet auf schwarz glänzendem Samt und geschützt unter Glas.

Die Hinterhauszimmer selbst sind heute leer. So wollte es Annes Vater Otto Frank, sie sollten nach dem Krieg nicht wie eine Puppenstube nachmöbliert werden. Düster ist es hier drin immer noch. Die Fenster sind verdunkelt mit Vorhängen, das war überlebenswichtig für die Untergetauchten.

Acht Menschen hatten sich mehr als zwei Jahre lang im Hinterhaus versteckt. Otto Franks vier loyale Angestellte riskierten ihr Leben, um sie zu versorgen. Im August 1944 wurden die vierköpfige Familie Frank, die dreiköpfige Familie van Pels und Fritz Pfeiffer verraten und mit dem letzten Transport aus den Niederlanden nach Auschwitz deportiert. Anne und ihre Schwester Margot starben Wochen vor Kriegsende in Bergen-Belsen an Typhus.

"Der berühmteste Flüchtling der Welt"

Nur Vater Otto überlebte. Er kehrte nach Amsterdam zurück – und veröffentlichte 1947 erste Teile von Annes Tagebuch. Heute ist die Gesamtausgabe in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Der Museumsshop ist prall gefüllt mit Begleitbüchern, DVDs, Comics und vielem mehr über das Leben und Sterben der Anne Frank.

In Amsterdam wird die junge Chronistin, die erstaunlich genau ihre Mitmenschen, sich selbst und ihre mörderische Gegenwart in den Blick nahm, nach Kräften geehrt: In einem eigens errichteten Theater wird seit bald zwei Jahren das Stück "Anne" mit einem bombastischen Bühnenbild gegeben – vorher lässt es sich elegant mit Blick auf den alten Holzhafen dinieren.

"Anne ist heute der berühmteste Flüchtling der Welt, eine Ikone, ein Konterfei fürs T-Shirt beinahe so wie Che Guevara", sagt Regisseur Hans Steinbichler ("Hierankl", "Winterreise", "Polizeiruf 110"). Er steht im Süden Amsterdams, weit weg von den pittoresken Grachten im Zentrum, und sieht das durchaus kritisch. Auch an diesem wenig auffälligen Ort namens Merwedeplein hat der 49-Jährige seinen Spielfilm "Das Tagebuch der Anne Frank" gedreht, der am ­­­­­­­3. März im Kino startet und nun erst einmal bei der Berlinale zu sehen ist.

Regisseur Hans Steinbichler mit Anne Frank-Darstellerin Lea van Acken.

Beim Dreh in Amsterdam: Regisseur Hans Steinbichler mit Anne Frank-Darstellerin Lea van Acken.

Quelle: Verleih

Vor der Hausnummer 37 sind erst seit dem Vorjahr vier "Stolpersteine" im Boden eingelassen. Im ersten Stock hat Anne mit ihrer Familie gewohnt. Es gibt ein Foto von ihr mit ihren Freundinnen Eva Goldberg und Sanne Ledermann: Die drei spielen mit Puppen auf dem Bürgersteig.

In der nur ein paar Hundert Meter entfernten Montessori-Schule hängt im Foyer ein Foto. Eine Schülerin lächelt frohgemut in die Kamera, das ist Anne. Sogar die Buchhandlung existiert noch, in der Vater Otto das berühmte rot karierte Tagebuch als Geschenk zum 13. Geburtstag seiner Tochter erstand.

Der Ortstermin macht deutlich: Es gab eine Zeit vor dem Untertauchen im Hinterhaus. Steinbichler will den Blick auf das Mädchen fokussieren, dem die Deutschen sein Leben stahlen. "Das Tagebuch ist ein herausragendes historisches Zeugnis", sagt er. Von mehr als 20 000 niederländischen, meist jüngeren Juden, die untergetaucht waren, ist nichts Ähnliches überliefert.

Totale Kommerzialisierung vermeiden

Und doch ist Anne für ihn zuerst eine "15-Jährige ohne Smartphone". Auf rollende deutsche Panzer und aufmarschierende SS hat er in seinem Film verzichtet. "Man muss nicht immer den Nazi-Schlagrahm drüberkippen", sagt er.

Warum aber hat der "Anne-Frank-Fonds" in der Schweiz, Wächter über das Tagebuch, ausgerechnet einem deutschen Regisseur diesen begehrten Filmstoff angeboten? Oder wie es Steinbichler bewusst drastisch formuliert: "an die Täternation rausgerückt"? 107 000 von insgesamt 140 000 niederländischen Juden wurden von den Deutschen verschleppt. Nur 5000 kehrten zurück. Alle anderen wurden ermordet.

Auch die Regiekollegen Steven Spielberg und Roman Polanski hatten Interesse an einer Verfilmung angemeldet. Die Stiftung jedoch wollte die Geschichte zurück nach Deutschland geben. Schließlich hätten die Franks vor ihrer Emigration bis 1934 in Frankfurt gelebt und seien eng mit der deutschen Kultur verwoben gewesen, so Yves Kugelmann vom "Anne-Frank-Fonds". Die Stiftung habe Anne Frank vor der "totalen Kommerzialisierung" durch die Unterhaltungsindustrie schützen wollen.

Erschreckende Aktualität

Umso mehr Verantwortung lastete auf den Schultern der Filmemacher. "Wir haben bei den Dreharbeiten in den Niederlanden die Neugier gespürt, aber auch die Skepsis", sagt Steinbichler. Er habe unbedingt den Eindruck vermeiden wollen, den Niederländern ihre Geschichte zu "entreißen". Er wollte nicht als neuerlicher "Besatzer" aufkreuzen. Im Nachbarland gelte Anne Frank ganz selbstverständlich als eine niederländische Heldin.

Für wen der Film bestimmt ist, weiß Steinbichler genau: "Je jünger das Publikum, desto lieber ist es mir." Er hofft, dass die Zuschauer einen Zugang zum Mädchen Anne Frank finden, ohne sich belehrt zu fühlen. So weit ist die Welt der Tagebuch-Schreiberin aus dem Hinterhaus ja auch gar nicht von unserer aktuellen entfernt. Leider, muss man hinzufügen: Verfolgung, Flucht, Vertreibung. Klingt das nicht erschreckend aktuell im Europa des Jahres 2016?

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