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Selbstporträt mit Bienen

Büchnerpreisträger Jan Wagner Selbstporträt mit Bienen

Gedichte werden immer beliebter, die Zahl der Lyrikliebhaber steigt. Einer, der sich darauf einen Reim machen kann, ist der diesjährige Büchnerpreisträger Jan Wagner. Im Gespräch verrät er seine Schreibrituale und Inspirationsquellen.

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“Ganz und gar behaart von Bienen“: Der Lyriker Jan Wagner lässt sich in seinen Gedichten vom Kleinen anregen, um in die Höhe zu steigen.

Quelle: Foto: Villa Massimo/Alberto Novelli | Montage: RND

Berlin. Der Dichter sitzt mit Freunden auf dem Balkon. Die Kleingärtnerkumpane fangen an, über das Unkraut Giersch zu stöhnen. Der Dichter lauscht schweigend dem Klagegesumm. Die Assoziationsmaschine in seinem Kopf springt an. Wie passend, dass im Wort Giersch die Gier gleich mit drinsteckt! So schildert der Lyriker Jan Wagner, wie er zu seinen Gedichten kommt. Man kann ihn sich vorstellen, wie er murmelnd durch die Straßen läuft, zwischendurch etwas in seinen Block notierend. Seit mehr als 20 Jahren hat er diese eine Art von Notizbuch: 150 Seiten, liniert, Jackentaschenformat. Alle zwei bis drei Monate füllt der Dichter ein Buch.

Möglichkeiten von bis zu 20 Gedichten trage er stets mit sich herum, sagt Wagner. Ihn quält die Ungewissheit. Er ahnt, was aus einem Gedanken werden könnte, kann ihn aber nicht greifen. Der 46-Jährige wurde dieses Jahr mit dem Büchnerpreis geehrt, er ist seit 1999 der jüngste Preisträger der renommiertesten Literaturauszeichnung im deutschen Sprachraum. Für die Sammlung “Regentonnenvariationen“ erhielt er 2015 zudem als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse. Inspirationsquelle war der Garten seiner Kindheit. Der Erfolg des Bandes führte zu dem Missverständnis, Wagner sei ein biedermeierlicher Natur-Idylliker.

Zwischen Weidenkätzchen und Maulbeeren tun sich bei Wagner indes Abgründe auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Über die Regentonne aus dem Titel heißt es: “als stiege durch sie / die Unterwelt hinauf, um / uns zu belauschen.“ Wagner selbst kommentiert: “Natur ist nur ein Teil meiner Dichtung. Ich schreibe auch über Störtebeker und gealterte Motorradfahrer.“ Naturlyrik sei ein behafteter Begriff. “Er unterstellt einen Rückzug in die Idylle. Aber ein Gedicht über Grashalme kann vom menschlichen Leid handeln, ein Gedicht über einen Kaktus eine Liebeserklärung sein. Das ist ja gerade der Reiz dieser Gattung: dass man von einem kleinen Gegenstand angeregt wird, in die Höhe zu steigen.“

Renaissance der Lyrik

Wagner steht für eine Renaissance der Gattung. “Lyrik gewinnt an Boden“, sagt Claudia Paul vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. In ihrer konzentrierten Sprachverdichtung passe Lyrik “sehr gut in unsere Zeit der SMS, des Chats, des Tweets“. Der Buchpreisträger Saša Stanišic etwa postet bei Twitter gerade regelmäßig kryptische Verse, die mit ihrer Rätselhaftigkeit neugierig machen.

Im März erscheint der Essayband “Poetisch denken“. Darin behauptet der Literaturkritiker Christian Metz: “Wir leben im Zeitalter des Gedichts.“ Auch Wagner hat die Erfahrung gemacht, dass Lyrik zunehmend im Fokus steht. “Kollegen berichten, dass ihre Lesungen besser besucht sind, Buchhändler erzählen von einem gestiegenen Publikumsinteresse.“ Der Dichter denkt, dass Vorurteile mittlerweile abgebaut sind. “Gedichte sind nicht weltfremd, und man muss auch nicht studiert haben, um sie zu verstehen.“

Wagner wuchs in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Ahrensburg auf und lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin-Neukölln, seine Lyrik ist ähnlich regional unbestimmt. Im Gespräch zeigt sich der ranke Mann mit Brille und Lachfalten intelligent und neugierig, er spricht pointiert und bedacht. Seine Gedichte zeugen von musikalischer Sinnlichkeit und analytischer Prägnanz zugleich. Man spürt hier die Präzision des Übersetzers; Wagner hat etwa die Werke des irischen Dichters Matthew Sweeney ins Deutsche übertragen.

Die Urkunde für den Lyriker Jan Wagner vor der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2017 der Deutschen Akademie für Sprache

Die Urkunde für den Lyriker Jan Wagner vor der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2017 der Deutschen Akademie für Sprache. Die renommierteste literarische Auszeichnung in Deutschland ist mit 50000 Euro dotiert.

Quelle: dpa

Auffällig bei Wagner sind die kühnen Versumbrüche mitten im Wort, die den Leser aus dem Alltagsfluss reißen. Seine Poesie öffnet den Echoraum der Lyrikgeschichte. In dem Gedichtband “Australien“ (2010) etwa antwortet er auf den Trostgesang von Paul Gerhardt. Während der Kirchenlieddichter Eheleuten Mut macht, beschreibt Wagner die düstere Verwandlung eines Mannes in einen Baum – eine Anspielung auf Ovids Metamorphosen.

bevor er ausschlägt, hat er schon das rauschen

von laub im ohr. das überraschen-

de knarren, wenn er redet; wenn er schreit-

et dieses knacken der gelenke: jeder schritt

sehnt sich nach erde.

Wagner ist ein Virtuose der Untertreibung: Seine Essaysammlung “Der verschlossene Raum“ trägt den bescheidenen Titel “beiläufige Prosa“. Darin bezeichnet der Poet Dichtung als “Magie zweiter Ordnung“. Im Gespräch verweist er auf die berühmten althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche. “Der mittelalterliche Verfasser glaubte noch daran, tatsächlich einen verletzten Pferdefuß heilen zu können. Heute sehen wir das anders. Aber wenn man ein gutes Gedicht gelesen hat, gewinnt man zumindest den Eindruck, dass sich die Welt verändert hat. Der direkt messbare Effekt mag gering sein, aber Sprache mischt die Dinge neu.“

Experimentierfreudig und avantgardistisch

Der Titel von Jan Wagners erstem Lyrikband im Jahr 2001 ist programmatisch zu verstehen: Als Poet schickt er sich zur “Probebohrung im Himmel“ an. Dabei geht er experimentierfreudig vor. Für “Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ (2012) spaltet er sich selbst in drei Dichterkollegen auf, um die Perspektiven zu wechseln. Geradezu avantgardistisch mutete die von ihm zwischen 1995 und 2003 herausgegebene Literaturbox “Die Außenseite des Elementes“ an, eine Lose-Blatt-Sammlung in einer Schachtel.

Jüngst hat sich Wagner an der arabischen Gedichtform Ghasel versucht. “Dabei wird ein Wort immerzu wiederholt. Das kann unwahrscheinlich penetrant wirken. Goethe war sie zu monoton, deshalb sparte er die Form im ,West-östlichen Divan’ aus.“ Er selbst habe sich im Gedicht “Lob des Kamels“ drumrumgeschlichen und neben Kamel auch die Worte Panel und eben Ghasel gereimt. Nachzulesen im neuen Gedichtband, der voraussichtlich Ende 2018 erscheint.

Ein Gedicht aus den Regentonnenvariationen lautet “Selbstporträt mit Bienenschwarm“. Wagner erklärt: “Die Biene ist ein ambivalentes Wesen: Sie sticht, bringt aber auch den süßen Honig. Und dann dieser geheimnisvolle Bienentanz. Kein Wunder, dass die Biene seit der Antike ein klassisches Dichtermotiv ist.“ Im Gedicht wird das Ich “ganz und gar behaart von Bienen“. Bis es unter der Masse der Tiere verschwindet.

Von Nina May

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