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Stevens wunderbare Welt der Schwermut

Neues Album von Steven Wilson Stevens wunderbare Welt der Schwermut

Steven Wilson verehrt Pink Floyd, aber er hasst es, immer wieder mit seinen Helden verglichen zu werden. Der Engländer gilt als Pop-Genie. Mit seinem neuen Album öffnet er sich einem breiteren Publikum.

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Liebe statt Luxus

“Manche Fans wundern sich, dass ich selbst nicht depressiv bin“: Steven Wilson wird als “King of Prog“ verehrt – und schreibt kluge Songs über eine Welt aus den Fugen.

Quelle: Lasse Hoile

Berlin. Steven Wilson lief als Kind am liebsten barfuß. Er hatte, sagt er, ein Problem damit Schuhe zu tragen. Er fühlte sich wohl eingeengt. Eine Bühne betritt er auch heute nur barfuß, so wie im ZDF-„Morgenmagazin“, wo er sein neues Album “To the Bone“ vorstellte. “Pariah“, das Lied, das er zusammen mit der israelischen Sängerin Ninet Tayeb zum Frühstück anbot, ist eine Hymne der Zuversicht, die all den Weltschmerz, den man als Außenseiter fühlen kann, wie eine tröstende Mutter auffängt. Der Song erinnert stark an “Don’t Give Up“, Peter Gabriels zartes Duett mit Kate Bush aus den Achtzigerjahren. Ein perfekter Titel, um positiv gestimmt in den Tag zu starten.

Als den “wahrscheinlich erfolgreichsten britischen Künstler, von dem man noch nie gehört hat“, hat ihn eine Londoner Tageszeitung kürzlich bezeichnet. Doch der 49-Jährige arbeitet hart daran, seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Allein in Deutschland waren sechs Tage für PR-Aktionen angesetzt. Er hätte nichts dagegen, wenn die Menschen seine Lieder irgendwann im Bus zur Arbeit summen. Das ist jedoch kaum zu erwarten. Dafür ist seine Musik zu melancholisch, zu vertrackt, zu politisch, zu sperrig. “Obwohl“, sagt er, “Bob Dylan hat vorgemacht, wie tiefgründig selbst dreiminütige Popsongs sein können.“

Viele von Wilsons Stücken sind länger und komplizierter. Er gilt als einer der intelligentesten und sensibelsten Popmusiker unserer Zeit. Seine Fans verehren ihn als Prog-Ritter, weil er die progressive Rockmusik der Siebzigerjahre zusammen mit anderen Bands wie Radiohead und Arcade Fire in die Gegenwart rettet. Sein Vater spielte ihm als Kind Pink Floyd vor, seine Mutter legte “Saturday Night Fever“ und Abba auf. Doch wirklich geprägt, erzählt er, hätten ihn Talk Talk, Tears for Fears und eben Peter Gabriel und Kate Bush, deren Sound er als zugänglich empfand, aber trotzdem überhaupt nicht schlicht oder banal. Wie sie will er jetzt auch sein – und wie David Bowie, ein weiteres Idol, der ihn durch Songs wie “Changes“ ermutigte, die Angst vor Veränderungen zu überwinden und Neues auszuprobieren. “Versuche nie, deinen Fans zu gefallen“, sagt Wilson. Nur dann sei man ein Künstler und nicht bloß ein Entertainer.

Nur nicht auf Prog-Rock reduziert werden

Auch beim Interview in den Räumen seiner Plattenfirma in Berlin-Kreuzberg trägt er keine Schuhe und keine Socken. Seine Antworten wirken genauso durchdacht wie seine Songs. Das “P-Wort“, er meint damit “progressiv“, mag er kaum aussprechen; er scheint es zu verabscheuen. Er will nicht als “King of Prog“ etikettiert und schon gar nicht auf den Sound von 1973, als “The Dark Side of the Moon“ erschien, reduziert werden. “Ich habe ein Steven-Wilson-Universum erschaffen“, sagt er, was sehr von sich überzeugt klingt und doch stimmt. Schon mit seiner Band Porcupine Tree, die zurzeit pausiert, veröffentlichte er seit 1992 zehn Studioalben. “To the Bone“ ist sein fünftes Soloalbum. 15 Alben in 25 Jahren plus eine Reihe von Nebenprojekten bilden tatsächlich ein eigenes Universum: Stevens wunderbare Welt der Schwermut.

Viele der neuen Songs reflektieren die Welt des Jahres 2017, die verrückt zu spielen scheint, in der man sich durchaus wie ein “Pariah“ vorkommen kann, fremd und verloren. Mit dem Titelsong prangert er lügende Politiker an und fragt: Was ist Wahrheit? Ist Wahrheit interpretierbar? Dass manche Menschen ihre persönliche Meinung als ultimative Wahrheit präsentieren, läuft ihm total quer.

“People Who Eat Darkness“ singt er aus der Perspektive eines Terroristen, der mitten unter uns leben könnte, über den die Nachbarn in den Nachrichten später sagen: “Er wirkte immer so höflich, zurückhaltend und gewöhnlich.“ Gerade erst, nach dem Attentat in Barcelona, hörten wir diesen Satz der Hilflosigkeit wieder. “Refuge“ erzählt die Geschichte eines irgendwo gestrandeten Kriegsflüchtlings, der Frau und Kinder in der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft verließ. “There’s nowhere else I can go, so I stay.“ Wilson beklagt einen zunehmenden Verlust an Menschlichkeit.

Das fünfte Soloalbum

Das fünfte Soloalbum: “To The Bone“ von Steven WIlson.

Quelle: sonntag-wilson

“Wir hatten alle Chancen, aber wir lernen einfach nicht“, singt er. Es ist eine der zentralen Zeilen. Er klingt wütend, enttäuscht. Wie Roger Waters und Depeche Mode auf ihren aktuellen Alben verleiht auch Wilson seinem Frust über die Spaltung der EU sowie über Vereinfacher wie Donald Trump und deren intolerante Haltung Ausdruck. “Wir dachten, wir wären schon weiter“, sagt er. Ein Irrglaube. Denn Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie schlummerten offenbar weiter in der Gesellschaft. Populisten wie der amerikanische Präsident ermutigten nun manche Menschen, ihre Meinung ebenso herauszuschreien wie sie selbst. Wilson nennt Trump einen “Fear God“, einen Gott der Angstmacher.

Diese Rückentwicklung hin zu Hass und Abschottung nach Jahrzehnten des vermeintlichen Fortschritts hat ein Gutes, findet der 49-Jährige: Der Protestsong ist zurück. “Popmusiker sind am besten, wenn sie pissed-off sind“, sagt er, wenn sie stocksauer klingen, sich auflehnen. Er hofft, dass die “Periode der relativen Gefälligkeit“ im Pop, ja, der Gleichgültigkeit, nach dem Trump-und-Brexit-Schock nun vorbei ist, dass mehr Künstler ihren Job erledigen, Fragen stellen und Pro­bleme aufzeigen.

“Rock ist heute wie Jazz: Untergrund.“

Er hockt auf dem Plattenfirmensofa wie ein Hippie, aber er klingt nicht so; er weiß, dass Musiker heutzutage nicht mehr dieselbe Strahlkraft haben wie 1967, im Summer of Love, und schon gar nicht Rocktypen wie er. “Rock ist heute wie Jazz: Untergrund.“

Wilsons Fans wollen seine Platten von Anfang bis Ende hören, als würden sie einen Roman lesen oder einen Film sehen, sie zappen nicht durch digitale Playlists, viele lieben Vinyl, sie sind vermutlich ein wenig retro wie er selbst und sehnen sich nach ein bisschen Sicherheit, nach Geborgenheit. Seine komplexen Alben sind in der heutigen Unübersichtlichkeit gut dazu geeignet, offline zu gehen, die Zeit zu vergessen, Tempo rauszunehmen, zur Ruhe zu kommen. Anders könnte man sie auch kaum durchdringen.

Man hört, Wilson sei streng zu anderen, ein Befehlshaber im Tonstudio. Er scheint auch streng zu sich selbst zu sein, auf eine eigene Familie hat er verzichtet. “Es ist einfach passiert. Es war keine bewusste Entscheidung“, sagt er, aber eine unbewusste. “Eine Familie zu gründen, hätte zweifellos bedeutet, weit weniger Zeit für meine Musik zu haben.“ Und Musik ist für ihn “magic“. Etwas Magisches. Er bezeichnet sie als “wunderbares Werkzeug“, um nicht ins Grübeln zu geraten, sich nicht im eigenen Gedankenlabyrinth zu verlieren. Wilson leitet seine Traurigkeit einfach in seine Songs ab. “Manche Fans wundern sich“, sagt er, “dass ich selbst nicht depressiv bin.“

Von Mathias Begalke

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