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Süchtig nach Sherlock Holmes

Meisterdetektiv als Hörspielstar Süchtig nach Sherlock Holmes

Benedict Cumberbatch machte die Krimi-Ikone Sherlock Holmes zum Popstar des 21. Jahrhunderts. Eine neue deutsche Hörspielreihe mit prominenten Sprechern profitiert jetzt von dem Hype. Fünf Gründe, weshalb wir den unsterblichen Meisterdetektiv so lieben.

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Pfeifenraucher und Popstar: Sherlock Holmes ist zur unsterblichen Krimilegende geworden – und jetzt auch zum Hörspielstar.

Quelle: © Lena Stahl, Artwork © by Jannis Mayr, Fotolia

"Mein Freund Sherlock Holmes ist zum regelrechten Medienstar avanciert. Die Presse reißt sich um ihn, und jeder, aber wirklich jeder will von ihm ein Interview." Mit diesen Sätzen aus der Feder von John Watson beginnt die neue DAV-Hörspielreihe "Sherlock & Watson" mit Johann von Bülow und Florian Lukas als Sprecherduo.

Der Auftakt ist eine Anspielung auf die immense Popularität, der sich die Romanfigur von Arthur Conan Doyle auch 120 Jahre nach ihrer Geburt erfreut. Als der Autor sein Kombinationsgenie im Jahr 1893 in der Geschichte "Das letzte Problem" sterben ließ, trugen die Londoner Trauerflor. An der Baker Street 221b, Holmes’ Adresse in den Romanen, gehen bis heute Hilfsgesuche an den Meisterdetektiv ein.

Spätestens mit der seit 2010 ausgestrahlten BBC-Serie "Sherlock" mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman, die das Geschehen ins 21. Jahrhundert versetzt, sind Sherlock und Dr. Watson zu Ikonen der Popkultur geworden. Bislang verkörperten 81 Schauspieler von Basil Rathbone bis Robert Downey Jr. und zuletzt ein grandioser Ian McKellen als Detektiv im Ruhestand den notorischen Pfeifenraucher in 217 Filmen.

Detektiv und Popstar: Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes mit Martin Freeman als Dr. Watson.

Detektiv und Popstar: Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes mit Martin Freeman als Dr. Watson.

Quelle: BBC

Längst hat die Figur ein Eigenleben entwickelt: Mark Twain versetzte Holmes in der satirischen Erzählung "Eine doppelläufige Detektivgeschichte" (1902) in den Wilden Westen. Zahlreiche Pastiches – künstlerische Nachahmungen – ließen den Detektiv Jack the Ripper jagen oder eine Invasion von Außerirdischen erleben. Was macht diese Figur so zeitlos und reizvoll für Interpretationen?

Die Zeitlosigkeit

Doyles Romane spielen im 19. Jahrhundert. Schon die BBC-Serie tauschte die Kutschen problemlos gegen U-Bahnen und stattete den Meisterdetektiv mit technischen Hilfsmitteln aus. Die DVA-Hörspielreihe knüpft daran an, jeweils ist Watson ein Afghanistanveteran mit posttraumatischer Belastungsstörung. Florian Lukas wird als Watson zum Blogger und tippt seine Berichte über die Abenteuer mit seinem Freund auf dem Laptop.

Dieser hat die traditionelle doppelschirmige Deerstalker-Mütze abgelegt und bezeichnet sich als "Consulting Detective" von Scotland Yard. Die Protagonisten schicken sich immerzu Whatsapp-Nachrichten, die das Hörspiel angenehm auflockern. Sherlock Holmes war schon im Original aus der Zeit gefallen, deshalb lässt er sich so leicht in eine andere Epoche verpflanzen. Doch auch seine Doppelgänger des 21. Jahrhunderts tragen den etwas steifen Habitus aus Doyles Zeiten in sich. Das macht sie noch uriger.

Der Triumph des Intellekts

Johann von Bülow erklärt im Hörspiel "Das Rätsel von Musgrave Abbey" Sherlocks Methode folgendermaßen: "Ich nehme alles wahr, auch das scheinbar nebensächlichste Detail findet meine Aufmerksamkeit. Daraus ziehe ich meine Schlüsse. Wenn ich anscheinend das Unwahrscheinliche ausschließe, muss in dem, was übrig bleibt, die Wahrheit liegen." Holmes nennt diese Methode die Wissenschaft der Deduktion – die Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen. Sherlock enthüllt auf diese Weise pikante Details aus dem Privatleben seiner Mitmenschen – diese Fähigkeit macht ihn für Normalbürger zu einem Faszinosum. Er braucht nicht die übernatürlichen Kräfte eines Superhelden, sondern allein die Macht seines Intellekts.

Das DVA-Hörspiel veranschaulicht das für Beobachter schwer nachvollziehbare Ineinanderfügen von Informationspuzzleteilchen in Form eines Klangteppichs aus Hinweisfäden. Doyle hat bereits im 19. Jahrhundert eine Figur geschaffen, die wie eine Internetsuchmaschine Informationen kombiniert und ein Ergebnis ausspuckt. Die BBC-Serie illustriert diese Vorgehensweise in Form von Infohappen, die wie auf einem Bildschirm hin- und hergeschoben werden. Sherlock blickt aus der Vogelperspektive auf die Welt und erkennt ihre Strukturen – das war zum Ende der Belle Époque ebenso reizvoll, wie es in der von Umbrüchen geprägten Gegenwart ist.

Der menschliche Makel

"Und wenn er nun eine Überdosis genommen hat?" Mit dieser Befürchtung brechen Watson und Sherlocks Bruder Mycroft am Anfang des zweiten DVA-Hörspielabenteuers "Ein Fluch in Rosarot" die Tür in der Baker Street ein. Arthur Conan Doyle machte Sherlock zum Dauerpfeifenraucher mit einer Schwäche für Kokain und Morphium. Sherlocks Geist mag wie eine Maschine funktionieren, doch sein suchtgeplagter Körper macht ihn zum Menschen.

Eine dunkle Seite gehört zu einem faszinierenden Helden, das gilt für Figuren von Harry Potter bis zu Batman. Sherlocks Drogenkonsum ist für Doyles Erben eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Der britische Autor Michael Dibdin etwa legte den Detektiv in "Der letzte Sherlock-Holmes-Roman" (1978) auf die Couch von Sigmund Freud, um die Sucht zu kurieren. Und die im Original gerade gesendete BBC-Folge "The Abominable Bride" – ein deutscher Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest – ist ein einziger Drogenrausch.

Very British

Sherlock Holmes ist so britisch wie der Fünf-Uhr-Tee und After Eight. BBC-Autor Toby Finlay sagt: "Die Amerikaner haben Superman, Batman und damit den Kanon der Comicheftfolklore. Unsere legendären Helden sind Sherlock Holmes, James Bond und vielleicht König Arthur." Sherlock kommt als intellektueller Ritter der Tafelrunde daher.

Er erfüllt mit seiner kühlen Gentleman-Attitüde ein Ideal viktorianischer Männlichkeit, wie es auch in Erfolgsserien wie "Downton Abbey" propagiert wird. Was die Amerikaner nicht davon abhielt, mit "Elementary" eine eigene Holmes-Serie zu lancieren.

Diese Arroganz!

"Ich gehe nicht weiter ins Detail, denn die Chancen stehen nicht schlecht, dass Sie und die Hörer es ohnehin nicht verstehen würden." So antwortet Sherlock im DVA-Hörspiel auf die Frage einer Radiomoderatorin nach seinen Methoden. Sherlock ist ein schrulliger Soziopath – und gerade deshalb eine Sehnsuchtsfigur. Frauen fliegen auf den Unnahbaren, das führt insbesondere die BBC-Serie aus. Kein Wunder: Sherlock verkörpert den romantischen Geniebegriff.

Von Nina May

Neue Hörspielreihe
Johann von Bülow und Florian Lukas

Johann von Bülow und Florian Lukas sprechen Holmes und Watson in der Hörspielreihe des DAV.

Quelle: DAV

Die Rolle von Sherlock Holmes wird in der Hörspielreihe des DAV (Der Audio Verlag) von Johann von Bülow ("Kokowääh") gesprochen. Der entfernte Loriot-Verwandte übertreibt es als Sherlock ein wenig mit der anmaßenden Überheblichkeit, was die Figur etwas weniger sympathisch macht. Seinem Sidekick Dr. John Watson leiht Florian Lukas die Stimme, der in Kinofilmen wie "Grand Budapest Hotel" sowie in der Serie "Weissensee" zu sehen war. Seine ruhige, unaufgeregte Stimme passt perfekt zu dem besonnenen Doktor.

Inspector Lestrade wird gesprochen von Peter Jordan, die Figur der Bestsellerautorin Rebecca Westwood, deren jüngster Roman gestohlen wird, von Hansi Jochmann, die als deutsche Synchronstimme von Jodi Foster bekannt ist. Überraschend: Die Stimme von Sherlocks Gegenspieler James Moriarty gehört Stefan Kaminski. Der ist auch das deutsche Organ von Frosch Kermit.

Viviane Koppelmanns (Text und Regie) fünfteilige Hörspielreihe hat eine ausgezeichnete Spannungsdramaturgie, auch wegen der düsteren Geigenmusik. Im ersten Fall "Das Rätsel von Mus-
grave Abbey" verknüpft Koppelmann Motive von Urheberrechtsverletzung im digitalen Zeitalter über Templerorden und Spionage bis zu IRA-Terroristen.

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