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Tipps Ungeheurer Realismus
Sonntag Tipps & Kritik Tipps Ungeheurer Realismus
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20:01 29.07.2016
Hyperrealismus und düstere Theatralik: Die Gemäldegalerie Berlin widmet dem spanischen Barock und der Ära Velázquez eine spektakuläre Ausstellung. Quelle: © Museo Nacional del Prado

Mars hat das Feldlager mit Seidenkissen vertauscht. Um den Bauch ist der Krieger schlaff geworden. Die Schultern lässt er hängen. Wenn der Schnauzbartträger nicht an posttraumatischer Belastungsstörung leidet, so wohl an tiefer Melancholie. Wie ein abgehalfterter Bodybuilder sitzt er da, nackt, zwischen den Beinen ein hellblaues Laken, auf dem Kopf der goldverzierte Kampfhelm. Die Pose lässt den Kriegsgott mehr lächerlich als tragisch aussehen – und der Abgebildete scheint das genau zu wissen.

Die Kunstgeschichte rätselt über das um 1641 entstandene Gemälde des für hinreißende Infantenporträts bekannten spanischen Meisters Diego Velázquez. Setzte sich der Maler in dem Werk mit dem eigenen Älterwerden auseinander? Machte er sich mit Pastelltönen und schlaffem Fleisch über seinen flämischen Zeitgenossen Rubens lustig? Oder steht der müde, ältliche Krieger für das spanische Imperium, das schwächlich, um nicht zu sagen morsch, geworden war?

Velázquez' "Mars" aus dem Museo del Prado ist nur eines aus einer Fülle an Meisterwerken des spanischen Barockzeitalters, mit denen die Berliner Gemäldegalerie unter dem klingenden Titel "El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez" eine Epoche auferstehen lässt. Neben Velázquez begegnet man Hauptwerken von El Greco (die dreieinhalb Meter hohe "Unbefleckte Empfängnis" aus dem Museo de Santo Cruz in Toledo, der berühmte "Heilige Martin" aus der Nationalgalerie Washington), Bartolomé Esteban Murillo, Francisco de Zurbarán und Lehrmeistern der großen iberischen Künstler.

Juan de Arellano: "Blumenstillleben", um 1670 (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) Quelle: E. Estel/H.-P. Klut

Nie zuvor sei iberischer Barock außerhalb Spaniens derart umfangreich, mit Beispielen aus sämtlichen Kunstzentren vorgestellt worden, sagt Bernd Wolfgang Lindemann, der Leiter der Gemäldegalerie. Mit 150 Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen auf mehr als 2000 Quadratmetern sei "El Siglo de Oro" zudem die größte Ausstellung in der bisherigen Geschichte der Berliner Gemäldegalerie.

Initialzündung war Small-Talk auf Diplomatenebene. "Wir haben gesagt, man müsste doch mal etwas über die Goldene Zeit Spaniens machen", sagt Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. Zeitlich umfasst die umfangreiche Schau die Phase von der Thronbesteigung Philipp III. Ende des 16. Jahrhunderts – die Armada war bereits vor England gesunken – bis 1700, als mit dem Tod Karls II., genannt El Hechizado ("der Verhexte"), die Habsburgerherrschaft in Spanien endete.

Hätte man damals von einem "Goldenen Zeitalter" gesprochen, hätten die Spanier wahrscheinlich müde gelächelt. Was die Iberische Halbinsel erlebte, war vielmehr eine Abfolge an Hungersnöten, Aufständen und Epidemien. Gleich fünfmal brachen im Verlauf des Jahrhunderts die Staatsfinanzen zusammen: 1607, 1625, 1647, 1652 und 1662. Und wenn die Pest in einer Gegend zu Ende gewütet hatte, brach sie anderswo erneut aus. In urbanen Zentren wie Toledo, Sevilla und Madrid aber saßen genügend reiche Familien, um neben kirchlichen Auftraggebern der Kunst tatsächlich ein "Siglo de Oro" zu bescheren.

Bleischwer oder unfreiwillig komisch

Beim Durchgang durch die schier endlose Folge an Sälen fällt auf, dass die Maler, obwohl Spanien seinerzeit ein weltumspannendes Kolonialreich mit Einflusszonen in Südamerika, Südostasien, Indien und Afrika war, Exotik weitgehend aussparten. Stattdessen ist das Bildprogramm, das man später "gegenreformatorisch" nannte, geradezu obsessiv auf christliche Leidensmystik fixiert.

Anknüpfend an die Bildsprache des Italieners Caravaggio (1571–1610) bildete sich in Spanien eine hyperrealistische, theatralisch-düstere Darstellungsweise heraus. Abbildungen verzückter Heiliger und gestrenger Ordenstrachtträger wurden im großen Stil sowohl für den heimischen Markt als auch – zu Missionszwecken – für den Export in die Kolonien produziert.

Es entstanden Bilder, die sich bleischwer auf die Seele legen oder unfreiwillig ins Komische kippen. Wie im Fall eines grobtatzigen Pantherlöwenbären, der in einer Kreuzesdarstellung für das apokalyptische Tier steht. Oder einem ans Kreuz genagelten Christus, der, obwohl tot, dem zu seiner Seitenwunde hingesunkenen Franziskus die Dornenkrone ins Haar drückt. Bei derartig plakativem Büßertum fragt man sich unwillkürlich, welches dunkle Schuldbewusstsein wohl Antrieb für solche Auftragskunst gewesen sein mag.

Gregorio Fernández: "Gang zum Kalvarienberg", um 1610 (Museo National de Escultura) Quelle: Javier Muñoz / Paz Pastor

Selten sei Realismus derart ins Extreme gesteigert worden, sagt der Leiter der Gemäldegalerie und verweist auch auf die heilige Margareta, die Francisco de Zurbarán in die Tracht eines Landmädchens des 17. Jahrhunderts steckte: "Betrachter von damals müssen das Gefühl gehabt haben, ihre Schwester oder Geliebte trete ihnen gegenüber. Ein ungeheurer Realismus herrscht auch, wenn ein toter Christus Fingernägel aus Horn und Augen aus Glas hat. In keiner anderen Gegend Europas hat es Derartiges gegeben", sagt Lindemann.

Sogar eine lebensgroße Figurengruppe aus bemaltem Holz, die heute noch in Prozessionszügen durch die Straßen Valladolids gezogen wird, ist in die Gemäldegalerie gewuchtet worden. Die Ausstellung folgt dem Schema des kunsthistorischen Stil- und Genrevergleichs. Das Auge wird für Nuancen der Kunst in Toledo der frühen, mittleren oder späten Epoche geschärft, für italienische Einflüsse oder das visuelle Pingpong zwischen Malerei und Skulptur.

Nur gestreift werden die politischen und sozialen Hintergründe: der Einfluss unterschiedlicher Mönchsorden beispielsweise oder die konkreten Zusammenhänge, in denen Kunst als Instrument politischer Propaganda diente. Gleichwohl ziehen die Ausstellungsmacher ein politisches Fazit, wenn sie feststellen: "Vor dem düsteren Hintergrund der gesellschaftlichen Realität war die Kunst das wichtigste politische Medium zur Vortäuschung vermeintlicher Stabilität und Macht".

Von Johanna di Blasi

Informationen

Die Ausstellung "El Siglo de Oro. Die Ära Velásquez" ist bis bis 30. Oktober 2016 zu sehen und enthält 150 Kunstwerke von 64 internationalen Leihgebern, darunter das Museo del Prado in Madrid, das Metropolitan Museum of Art in New York und der Louvre in Paris. Die Schau steht unter der gemeinsamen Schirmherrschaft des spanischen Königs Felipe VI. König und des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck.
Kulturforum, Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, 10785 Berlin-Tiergarten
Dienstag, Mittwoch, Freitag 10–18 Uhr, Donnerstag 10–20 Uhr, Samstag und Sonntag 11–18 Uhr
www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/gemaeldegalerie/home.html
www.el-siglo-de-oro.de
Katalog: Hirmer Verlag, ca. 336 Seiten mit ca. 280 Abbildungen in Farbe, 29 Euro.

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