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Unser Lieblingsmonster

Herbstzeit ist Zombie-Zeit Unser Lieblingsmonster

Herbstzeit, Zombie-Zeit. Die Serie "The Walking Dead" zieht Millionen Fans vor den Fernseher, für Zombie-Walks wird dick Gruselschminke aufgetragen. Und an den Haustüren fordern kleine Untote Süßes. Die fauligen Hungerleider sind tief in der Populärkultur verankert.

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Spaziergang der Lieblingsmonster: Impressionen vom Zombie-Walk in Stockholm.

Quelle: fcruse/ flickr/ CC BY-NC-ND 2.0

Der Popsong hieß "Welcome to my World", er war sanft und süß. Er erklang, als sich Sheriff Rick Grimes mitten in Atlanta in einem Panzer verschanzte, der im Nu von Hunderten Menschen umzingelt war. Von seltsamen Menschen mit blasser Iris und schlimmen Wunden, die eben noch ziellos schienen, die nun aber unsicheren Schritts auf Grimes zustrebten. Kurz zuvor war der Sheriff in einem leeren Hospital aus dem Koma erwacht, um festzustellen, dass mit seiner Welt etwas furchtbar aus dem Ruder gelaufen war.

Grimes ist der Held von "The Walking Dead". Seit nunmehr sechs Jahren bricht die Horrorserie nach den Comics von Robert Kirkman, Charlie Adlard und Cliff Rathburn im Fernsehen Zuschauerrekorde. Jeden Herbst warten zig Millionen Fans weltweit auf den Start der neuen Staffel. Der US-Sender Fox macht Menschen zu Jägern und Gejagten, die Zivilisation und ihre Regeln verwehen im stinkenden Wind der Endzeit. Seit 12. Oktober ist auf dem Bezahlsender Sky die sechste Staffel zu sehen.

Schwer bewaffnet: Die Menschen in "The Walking Dead"

Immer wachsam und schwer bewaffnet: Mneschen gegen Zombies in der Kult-Horrorserie "The Walking Dead".

Quelle: Gene Page/AMC/WD productions LLC Courtesy

Seit dem Start der Serie ist der Zombie wieder wer. Zu Halloween verdrängen immer mehr bleiche Mini-Beißer die Vampire, Hexen und Harry Potters an der Haustür und fordern in Menschenwrack-Kostümen "Süßes oder Saures!" Zombiewalks heißen Kostümfeste, die mittlerweile weltweit gefeiert werden. Zehntausende schminken sich  für gute Zwecke wie Hirnforschung oder nur fürs Guinness-Buch in den Farben des Verfalls – von Essen bis Minneapolis, von Mexico City bis Brisbane.

Man kann Zombie-T-Shirts, Zombie-Pantoffeln (die Füße schlüpfen zwischen die Zombiekiefer) und Zombie-Gartenzwerge kaufen. In der Würfelwelt des Computerspiels Minecraft werden kubistische Zombies auf die Spieler losgelassen. Wer die Nacht durchdaddelt, kann sich mit dem (aus den USA importierten) Zombie-Survivor-Energydrink wachhalten und macht sich morgens am besten mit grünem Z-Duschgel frisch.

Zombie-Mythen aus Haiti

Der Zombie entstammt zentralafrikanischen Mythen. Der Glaube, Tote könnten nicht nur als Geister, sondern körperlich auf die Erde zurückkehren, gelangte von dort nach Haiti. Dort haben viele noch heute Angst vor Bokoren. Das sind Voodoo-Priester, die schuldbeladene Menschen verfluchen, zu Tode bringen und als willenlose Sklaven wiedererwecken sollen.

Viel wurde über den Zombie geforscht: Der kanadische Anthropologe Wade Davis vermutet hinter dem Simsalabim einen Scheintod, herbeigeführt durchs Gift des Kugelfisches. Bislang hat freilich noch niemand außerhalb Hollywoods derlei Wiederauferstehungen gefilmt. Auch fehlen glaubwürdige Bilder der angeblich 1000 haitianischen Lazarusse pro Jahr.

Den frühesten Auftritt des Typus in der Popkultur gab es in Victor Halperins "White Zombie" von 1932, einer auf der Karibikinsel spielenden poetischen Liebesgeschichte mit Zombie-Braut. Die heutigen Film-Beißer, die auf George A. Romeros "Nacht der lebenden Toten" von 1968 gründen, sind gänzlich unromantisch. Gewesene Menschen – seelenlos, nimmermüde, ewig hungrig.

Missglückte Experimente

In wen sie die Zähne schlagen, der wird einer der ihren, und wankt hungrig den Orten früherer Freuden entgegen. In "Zombie" (1979) ist das der Supermarkt. In "The Walking Dead" sitzen Hillbilly-Monster im Betgestühl einer Kirche. Und in Edgar Wrights Parodie "Shaun of the Dead" aus dem Jahr 2004 streben die untoten Brit-Biters zum Bier. Einmal Pub, immer Pub. Cheers!

Möglicherweise leitet sich der uns vertraute Zombie von den Leprakranken in Fritz Langs "Indischem Grabmal" (1959) ab, die Paul Hubschmid und Debra Paget in den Katakomben des Maharadschapalastes infizierungssüchtig entgegentaumelten. Die Seuche wird gern biologisch begründet – etwa mit missglückten Experimenten in der "Resident Evil"-Serie. Oft ist von einem Virus die Rede. Was für ein Virus! Von der bläulichen Kolorierung seiner Frühzeit hat sich der Zombie, dank der Sektionen Maske und Computertrick, zu einem herrlich scheußlichen Fledderwesen entwickelt, das in der Welt von Rick Grimes auch als Dreiviertelskelettierter noch kraftvoll zubeißt.

Wie der Pfahl ins Herz den Vampir tötet und die Silberkugel den Werwolf, ist freilich auch dem Zombie beizukommen. Der tumbe, mürbschädelige Taumler ist – nicht zu fassen! – kopfgesteuert, man muss sein Gehirn zerstören. Distanzwaffen sind zu bevorzugen. Gewehrschüsse freilich locken "Herden" herbei. Zombies sehen schlecht, können ihr Essen aber ausgezeichnet hören.

Zombies unterwegs in Georgia

Spaziergang der Heimzahler: Die Zombie-Walks gibt es weltweit, wie hier im US-Bundesstaat Georgia.

Quelle: dpa

Man hat den Zombie als Warnung vor den Folgen des Drogenkonsums interpretiert und als Gottesstrafe für dekadente Lebensführung. Er hatte seine erste Hochphase in der Angstzeit vor dem Atomkrieg und wurde in der unsicheren Gegenwart von Finanzkrise, Ebola, IS-Horden zum Superstar unter den Filmmonstern. Der Zombie sagt dem Menschen, dass sein Dasein stets gefährdet ist, durch Ereignisse, die er als Spezies verursacht, die er als Einzelner aber nicht überwinden kann. Der Zombie ist auch die Verkörperung des Gefühls, dass die Dinge nicht richtig liegen in der Welt, dass es ungerecht zugeht, dass es uns zu gut geht, wir uns unser Grab schaufeln. Der Zombie ist der Beender der fetten Jahre, der Heimzahler.

Ein Zombie tut dabei, was ein Zombie tun muss. Er ist nicht böse, und er hält sich nicht irrtümlich für gut wie Al-Kaida, Charles Manson oder Hermann Göring. Er braucht keine Legitimation. Sind seine Monsterkollegen Werwolf oder Vampir der Einzelfall, so ist das epidemische Ungeheuer Zombie im Nu die dominante Spezies auf Erden, und man müsste den Homo sapiens sapiens auf die Liste der gefährdeten Arten setzen.

Wie in Richard Mathesons Roman "Ich bin Legende" ist der Mensch in "The Walking Dead" im Begriff, Legende zu werden. Nur erzählen sich Zombies keine Menschenlegenden. Sie schreiben auch keine süßen Popsongs. Nicht in 100 000 Staffeln! Willkommen in ihrer Welt.

Von Matthias Halbig

Tipps für Zombie-Fans

  • "The Walking Dead", Staffel 6, seit 12. Oktober auf dem Pay-TV-Sender Fox
  • "The Walking Dead", Staffel 5, ab Sonntag auf RTL II, ab 16. November auf DVD und BluRay
  • "The Walking Dead", Staffeln 1 – 4,  aktuell auf RTL II, zudem auf DVD und Blu-Ray
  • "Fear the Walking Dead", Staffel 1, die Ablegerserie, die die Anfänge der Zombie-Epidemie zeigt, alle sechs Episoden beim Streamingdienst Amazon Prime Instant abrufbar, ab 16. November auf DVD und Blu-Ray
  • "Extinction" (2014): Ein Kind, zwei Väter, klirrender Winter und frostgeschützte Zombies – fotografiert wie eine Graphic Novel (neu auf DVD)
  • "iZombie": donnerstags um 21.10 Uhr bei Sixx
  • "Stolz und Vorurteil und Zombies": Filmadaption von Jane Austens Klassiker, bei dem die Damen zwischen den Bällen auf Untotenjagd gehen, kommt 2016 ins Kino
  • "Cooties" (2014): Lehrer Elijah Wood flieht vor einer Zombieklasse, neu auf DVD/Blu-Ray
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