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Veredlung und Betrug

Ausstellung über Alchemie Veredlung und Betrug

Eine Ausstellung im Berliner Kulturforum zeigt, was Jeff Koons mit Alchemie zu tun hat – und uralte Transformationskunst mit der Digitalisierung.

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Alchemie als große Mischkunst: “Paradies der Künstlichkeit“ (2001), Scanografie/ Pigmentdruck auf Alu-Dibond hinter Acrylglas.

Quelle: Natascha Sonnenschein

Berlin. Aus moderner naturwissenschaftlicher Sicht stehen Alchemisten, die legendären Metallveredler und Weisheitssucher des Altertums und Mittelalters, für eine überwundene Stufe der Wissenschaft. Ihre Kunst erscheint als waghalsige Vermischung von Fakten und Fiktionen, Empirie und Psychologie. Destillierkolben, Rezepturen zur Herstellung von Unsterblichkeitselixieren, Anweisungen für die Suche nach dem “Stein der Weisen“, also Utensilien für den Alltagsbedarf im Alchemistenlabor, scheinen zum Plunder der Geschichte zu gehören.

Merkwürdigerweise aber kennen sich heute mehr Menschen denn je genauestens mit okkultem Spezialwissen aus. Grund dafür ist das blühende Fantasy-Genre: Fantasy-Serien, Computerspiele und Scifi-Mangas sind bevölkert mit alchemistischen Symbolfiguren (Drachen, Einhörnern, Homunkuli etc.), die Kunst der Alchemie erscheint in der Populärkultur ebenso unverzichtbar wie Zauberei oder Hexerei.

Eine der größten Fantasy-Autorinnen, die Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling, hat sich in einem Interview als Adeptin der geheimen Kunst geoutet: “Ich wollte niemals eine Hexe sein, aber ein Alchemist, das ist eine andere Sache.“ Rowling sagt, sie habe von der Alchemie ungeheuer viel gelernt, auch was den strukturellen Aufbau ihrer Geschichten anlange, die Herstellung einer inneren Logik.

Objekte aus drei Jahrtausenden

Was haben die Adepten der Alchemie eigentlich in ihren Laboren gemacht, was haben sie zusammengebraut, was war das “große Werk“, das sie anstrebten? Eine Ausstellung mit dem Titel “Alchemie. Die Große Kunst“ im Berliner Kulturforum geht diesen Fragen anhand von rund 230 Objekten aus drei Jahrtausenden nach und kommt zu einem durchaus zwiespältigen Ergebnis. Alchemie war beides: große Kunst der Veredelung und Blendwerk, Täuschung, Betrug.

Zu den jüngsten Objekten der Ausstellung, die eine Kooperation der Staatlichen Museen in Berlin mit dem Getty Research Institute in Los Angeles ist, gehört das Manga “Fullmetal Alchemist“, zu den ältesten ein 2500 Jahre alter bronzener Kerykeion, das ist der von Schlangen umschlungene Hermes-Stab. Das antike Zauberutensil von der Größe eines Spazierstocks ist ein Fingerzeig, was die Alchemie im Ursprung war: Metallurgie. Der Begriff Alchemie leitet sich vom griechischen chymeía (deutsch etwa „Metallgießen“) ab und wurde durch die Übersetzung arabischer Texte seit dem 12. Jahrhundert im Abendland verbreitet.

Dem Götterboten Hermes war das Quecksilber zugeordnet, das einzige immer flüssige, immer bewegliche Metall. In der antiken Mythologie galt der Götterbote Hermes, römisch Merkur, als Schutzgott der Reisenden, Kaufleute, Kunsthändler, Magier, Alchemisten und bezeichnenderweise auch der Diebe.

Schätze aus allen kulturen und Zeiten

Schätze aus allen kulturen und Zeiten: Klappspiegel mit Pan und Nymphe aus dem 3. Jh. v. Chr.

Quelle: Kulturforum Berlin

Im Zentrum antiker Alchemie stand “Chrysopoeia“, die Transformation niedriger Metalle in Gold. Ein antiker Klappspiegel mit Pan und Nymphe aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert und Kultgerät aus einem Tempel zeugen von Vergoldungs- und Versilberungsanstrengungen der Bronzegegenstände mittels Kupferarsenerz beziehungsweise einer Zinnlegierung. War Täuschungsabsicht im Spiel? Wer weiß?

Die Ausstellungsmacher haben sich den Spaß erlaubt, den antiken Fälschungen eine der sündteuren hochglanzverchromten Balloon-Skulpturen des US-amerikanischen Pop-Künstlers Jeff Koons zur Seite zu stellen. Ist auch bei Koons Alchemie im Spiel? “Alchemie wurde zu einer Technologie, um etwas herzustellen, das wie etwas anderes aussieht“, erklärt der Ausstellungskurator Jörg Völlnagel, der sich seit vielen Jahren mit Alchemie beschäftigt, und fügt hinzu: “Alchemie und Kunst waren jahrhundertelang quasi verschwistert.“

Geheime Kunst und hybride Wissenschaft

Die These der Ausstellung lautet, dass Alchemie ein “Schöpfungsmythos“ sei und darin der Kunst und der kreativen Produktion eng verschwistert. Mittelalterliche Alchemisten hatten versucht, Gottes Schöpfung kreativ zu überholen, und waren sich im Klaren darüber, dass sie sich auf Kollisionskurs zur Kirche bewegten. Ein Grund, die Kunst geheim zu halten. Im hellenistischen Schmelztiegel Alexandria, wo viele Jahrhunderte zuvor die Alchemie entstanden war, als Mischung griechischer Naturphilosophie und ägyptischer Metallkunde, stand sie als hybride Wissenschaft über den einzelnen Traditionen und Religionen.

Als Schutzbefohlene des quecksilbrigen Hermes, dessen geflügelter Helm für Gedankenschnelligkeit und dessen Flügelschuhe für die Überwindung von Grenzen stehen, erscheinen Alchemisten in unserer Ära digitaler Datenströme und global migrierender Bilder erstaunlicherweise wie Zeitgenossen.

Auf jeden Fall aber werden sie ernst genommen: Vor einer Vitrine mit der legendären Ripley-Scroll, einer meterlangen Buchrolle, rätseln zwei Ausstellungsbesucher. “Die versuchten so ’ne Art künstlichen Menschen zu erzeugen“, bemerkt der eine. Sein Begleiter, ein junger Mann in Lederjacke mit Totenkopfsymbol, nickt.

Info: “Alchemie. Die Große Kunst“, Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 23. Juli, dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, sonnabends und sonntags 11 bis 18 Uhr, Katalog: Katalog 29,95 Euro.

Von Johanna Di Blasi

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