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Volksmusik in Flip-Flops

Junge Musikantenszene auf neuen Wegen Volksmusik in Flip-Flops

Was ist Volksmusik? Früher spottete man über den "Mutantenstadl". Das Dauerlächeln und die Heimatliebe kamen vielen unecht und spießig vor. Lustige Musikanten gibt es heute noch immer – aber auch eine junge Gegenbewegung. Diese neuen Volksmusiker stehen für mehr als Weißwurst und Weißbier.

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Vom Musikantenstammtisch bis zur Brass Wiesn: Die Volksmusik ist im Wandel, junge Musiker haben keine Lust mehr auf unechtes, fönfrisiertes Dauerlächeln. Ein Spaziergang durch die neue alpenländische Musikszene.

Quelle: Dreiecksmusi

Die volkstümliche, vermeintlich heile Welt, "in der alle immer so blöd grinsen", ist für Daniel Johannes Schmid "ein Graus". Der 25-jährige Gitarrist aus dem oberbayerischen Reichling fühlt sich einer neuen Generation von Musikanten zugehörig, die sich als "echte" Volksmusiker verstehen, die die Tradition wahren, aber auch Neues wagen, die nichts vorgaukeln, die nichts gegen Gaudi haben, im Gegenteil, die aber auch Moll-Akkorde zulassen, weil die Welt einfach nicht heile ist, sondern ziemlich kompliziert und schnelllebig, manchmal auch chaotisch und kaputt.

Schmid, der Erdkunde und Physik am Gymnasium unterrichtet, kombiniert mit seiner Band Dreieckmusi bayerische Volksmusik mit amerikanischem Blues oder spanischem Flamenco, mit Musik aus der ganzen Welt – so wie es ihr Idol Herbert Pixner vormacht. Von dem Südtiroler Querdenker covern sie mehrere Songs. Mit anderen Volksmusikern aus der Umgebung treten Dreieckmusi regelmäßig beim Musikantenstammtisch im 45 Kilometer entfernten Altenau auf.

Musikantenstammtische boomen im deutsch-österreichischen Raum. Obwohl sie eigentlich eine altmodische Einrichtung sind, gelten weder Künstler noch Gäste als kauzig, sondern als cool. "Die Menschen sehnen sich nach Gemütlichkeit", glaubt Schmid. Gemütlichkeit? Meint er damit dieses betrunkene Schunkeln aus der alpenländischen Samstagabendshow? Nein, sagt er. Er spreche von Entschleunigung, und deshalb klingt das Wort Gemütlichkeit bei ihm auch ganz anders, als wenn Andy Borg, Florian Silbereisen oder Hansi Hinterseer "Heit san mir wieder gmiatlich" rufen.

Wirtshaus als Spa-Ersatz

Wirtshäuser als Treffpunkt sind wieder in Mode, vermutlich aus demselben Grund, weshalb immer mehr Menschen wieder LPs hören. Vinyl gilt als etwas Gutes von früher und deshalb als besonders authentisch. Beim Musikantenstammtisch ist man offline. Dort kann man Pause machen, Gleichgesinnte treffen, plaudern, essen und trinken. Man könne die Zeit vergessen, Tempo rausnehmen, zur Ruhe kommen, sagt Schmid, was auch jungen Leuten guttue. Keine neue Erkenntnis, bemerkenswert ist aber, dass in Zeiten der Überallerreichbarkeit offenbar sogar eine normale Kneipe zum Spa werden kann.

Der Gitarrist trägt an diesem Spätsommerabend im Altenauer Dorfwirt Flip-Flops und Lederhose. Früher wäre dieser Mix im konservativen Bayern unmöglich gewesen, zu progressiv. "Man hätte mir den Vogel gezeigt", sagt Schmid.

Wie fortschrittlich und vielfarbig die sogenannte Neo-Volksmusik-Szene ist, kann man auf der Brass Wiesn in Eching, nördlich von München, bestaunen. Das dreitägige Open Air, das Anfang August zum vierten Mal stattfand, ist ein eigenartiges Zwischending aus Hurricane-Festival und Hofbräuhaus. Das Durchschnittsalter der Besucher, viele im Dirndl oder in Lederhosen, liegt bei 31,5 Jahren. Das ist relativ hoch im Vergleich zu gewöhnlichen Pop-Festivals, für Volksmusikverhältnisse aber ziemlich niedrig.

Die Rapper dicht & ergreifend (links) kombinieren moderne, elektronische Beats und traditionelle Blechblasinstrumente.

Die Rapper dicht & ergreifend kombinieren moderne, elektronische Beats und traditionelle Blechblasinstrumente.

Quelle: privat

Die Cuba Boarischen aus der Nähe von Rosenheim kombinieren bayerischen Dur-Optimismus mit Samba und Salsa und jeder Menge Melancholie. Der Münchner Rainer Gärtner singt auf Englisch über Trennung und Einsamkeit und spielt mit seiner Band Impala Ray sensiblen, Coldplay-artigen Folkpop ohne Keyboard, Bass und E-Gitarre – dafür mit Hackbrett, Tuba und Trompete.

Die Rapper dicht & ergreifend führen vor, dass moderne, elektronische Beats und traditionelle Blechblasinstrumente ganz wunderbar zusammenpassen. Sie protestieren in bairischer Mundart gegen Scheinheiligkeit, Rassismus und Gewalt: "Gwiss is, dass so lang koa Peace is Beef is".

Dann wiederum grölen ziemlich angetrunkene 31,5-Jährige im Bierzelt – dem volkstümlichen Klischee entsprechend – "A Prosit der Gmiatlichkeit", angeheizt von der Kapelle Josef Menzl, einer Art Neo-Ernst-Mosch. Zusammengefasst: Man wird Zeuge eines ziemlichen Durcheinanders und Miteinanders unterschiedlichster Lebensgefühle. Die Erkenntnis: Es gibt keinen bestimmenden Stil oder den Heimatsound schlechthin und keine einheitliche Szene. Sie ist ziemlich zersplittert.

Erneuerer und Klischeebrecher

Aber es scheint eine gemeinsame Haltung zu geben, für die ganz besonders Stefan Dettl, Trompeter und Sänger von LaBrassBanda, steht. Für Alex Wolff, Veranstalter der Brass Wiesn, ist Dettl "ein Ideengeber". Er gilt als Erneuerer, als Klischeebrecher, weil er Blasmusik gar nicht wie der Huber mit der Tuba, sondern wie Popmusik spielt. Mit seiner Band erschafft der 35-Jährige einen lässigen, weit gereisten Mix aus Polka und Punk, Mariachi, Soul und Ska, der Lust auf Tanzen macht.

LaBrassBanda haben damit nicht nur in ihrer bayrischen Heimat Erfolg, sondern im ganzen deutschsprachigen Raum. Beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2013 wurde die Band mit ihrem Titel "Nackert" Zweiter. Sie war Vorgruppe der Ärzte, tourte auf Einladung des Goethe-Instituts durch Russland und spielte beim Roskilde-Festival. "LaBrassBanda stehen für weit mehr als Sauerkraut, Würstchen und Weißbier – definitiv", kündigte man sie dort an.

Ideengeber und Idol: Stefan Dettl, Sänger und Trompeter von LaBrassBanda.

Ideengeber und Idol: Stefan Dettl, Sänger und Trompeter von LaBrassBanda.

Quelle: LaBrassBanda

Im vorigen Jahr war Dettl mit seiner Band Headliner der Brass Wiesn, diesmal ist er privat da. Er schwärmt von der Weltoffenheit der neuen Volksmusiker und deren musikalischen Mut. "Das ist schee", sagt er. Das findet er schön.

Viele Kinder lernen in Bayern Ski fahren und ein traditionelles Instrument. Weil es naheliegt. Das Blasorchester sei "gesellschaftlich wichtig", gerade auf dem Land, genauso wie die Feuerwehr oder der Fußballverein. Die Auftritte ermöglichten gewisse Freiheiten in jungen Jahren, sagt Dettl, "mit 14, 15 lange aufbleiben und auch schon mal einen oder zwei Radler trinken". Klar, irgendwann kommt die Nirvana-Phase. "Bei mir auch."

Doch anders als früher seien viele junge Leute heute eher undogmatisch, meint der Trompeter. Beatles gegen Stones, Mods gegen Rocker, Punk gegen Prog-Rock, Indie gegen Mainstream und alle gegen Schlager, das gibt es so nicht mehr. Auch Pop und Volksmusik sind sich nicht feind. Man müsse sich nicht für Nirvana und gegen Tanzlmusi entscheiden. Beides ist schee.

Nicht heile, aber heilend

Klingen Blasmusiker aus Bayern eigentlich anders als welche aus Bielefeld oder Braunschweig? Der Münchner Hornist Christian Loferer meint: Ja. Wer in Alpennähe aufwächst, habe ein besonderes Feeling, sagt er. Wie Trompeter Dettl hat der 35-Jährige sein Instrument an der Musikschule Grassau im Chiemgau gelernt und es von der Blaskapelle bis ins Bayerische Staatsorchester geschafft. Kürzlich, erzählt er, sah er in New York die Oper "Elektra" von dem alpenländischen Komponisten Richard Strauss. "Die Musiker waren technisch perfekt, die Intonation war vom Feinsten, aber man hat gehört, dass die Jungs noch nie in Bayern waren."

Loferer schwärmt von der Natur, die Strauss und auch Gustav Mahler inspiriert hat: die Seen, die Wiesen, die Kühe, die Ruhe, die man dort finden kann, und die Berge, die Weitsicht ermöglichen, aber manchmal auch wie eine Wand erscheinen. Wer dem Hornisten zuhört, spürt: Diese Welt ist zwar nicht heile, aber sie kann eine heilende Wirkung haben.

Vorbilder der neuen Volksmusiker

Hubert von Goisern
Beim Versuch, die Ziehharmonika seines Großvaters zu zerreißen, weil sie für ihn der Inbegriff des Verstaubten und Ewiggestrigen war, erfand er zufällig einen neuen, eigenen Sound. Der 64-jährige Österreicher ist einer der ersten Alpenrocker. Er spielt auch Nasenflöte.

LaBrassBanda
Die Beatles traten mal auf einem Hausdach auf – und die Bierzelt-Boys von LaBrassBanda im Kuhstall. Trio-Sänger Stephan Remmler verhalfen sie dabei zu einem Mini-Comeback. Dessen "Keine Sterne in Athen" klingt silbersanft, außergewöhnlich still, denn eigentlich ist die Band aus dem Chiemgau ein Garant für Scheunenfetenstimmung. Die Kühe jedenfalls taten keinen Mucks, kein Muh. Bei den Beatles wären die Viecher wohl ausgeflippt.

Haindling
Weil alle anderen immer nur Jimi Hendrix sein wollten, spielte Hans-Jürgen Buchner am Anfang alle Instrumente selbst. Trompete und Tenorhorn sowieso, aber auch seine afrikanischen Trommeln und asiatischen Klingeldinger, Muscheln und Sägen. Der 71-Jährige hat etwas gegen Deppen. Größter Hit: "Du Depp".

Georg Ringsgwandl
Tauschte mit Mitte 40 eine Karriere als Kardiologe gegen eine Karriere als greller, giftiger Künstler, Provokateur und Poet. "Ich bin ein ironischer Hund", sagt der 68-Jährige über sich. Scherze linderten die Schrecklichkeiten des Lebens. Erstes Instrument: Zither. Später lernte er Gitarre – wegen der Girls. Sein Tipp für harte Zeiten: "Hühnerarsch sei wachsam!"

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