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Von Malern, Mördern und Marsianern

Lieblingsbücher der Saison Von Malern, Mördern und Marsianern

Albtraumhafte Pannenhilfe, ein Klassiker aus neuer Perspektive erzählt und der Roman eines Flüchtlings: Vor der Leipziger Buchmesse, die am 16. März eröffnet wird, stellen Redakteure ihre Lieblingsbücher der Saison vor. Von Christoph Hein über Peter Stamm bis Stephen King.

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Viel guter Lesestoff: Unsere Lieblingsbücher der Saison, von Christoph Hein über Peter Stamm bis Stephen King.

Quelle: Shutterstock

Abbas Khider: Ohrfeige

Abbas Khider: Ohrfeige

Karim Mensy ist kein netter Flüchtling. Der Iraker hat seine Sachbearbeiterin in der Münchner Ausländerbehörde an den Stuhl gefesselt, ihr den Mund gestopft, einen Joint geraucht – und erzählt der Hilflosen nun die Geschichte einer Flucht. Seine Geschichte. Als Wutrede. Doch Verständigung zwischen zwei so verschiedenen Personen ist schwierig: "Ein Erdling spricht gerade mit einem Marsianer. Oder umgekehrt."

Abbas Khider, selbst mit 19 Jahren aus Bagdad geflohen und nun deutscher Schriftsteller, ist (noch) kein feiner Stilist. Doch er liefert die Erzählung, die das deutsche Publikum jetzt braucht. Schmerzhaft für die Gefesselte und für alle, die nichts mit den Menschen zu tun haben wollen, die zu uns kommen, fesselnd für Leser, die sich über die täglichen Nachrichten hinaus für Migranten interessieren.

Khiders Figur Mensy ist kein politischer Flüchtling, aber er hat gute Gründe, in das Land der Paragrafen und Angstbürger zu kommen. Eine mitreißende Erzählung, und trotz inhaltlicher Schwere: Khider berichtet in heiterem Ton. Auch das kann man von Migranten lernen.

Abbas Khider: Ohrfeige. Hanser; 224 Seiten, 19,90 Euro

Von Michael Berger

 

Frank Goosen: Förster, mein Förster

Frank Goosen: Förster, mein Förster

Was für ein schöner Titel: "Förster, mein Förster" heißt das neue Buch von Frank Goosen (der mit "Liegen lernen",  "Raketenmänner" und "Radio Heimat" schon einige ziemlich großartige Titel geschaffen hat). Förster ist ein Schriftsteller kurz vorm 50. Geburtstag, der seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt und daher lieber rumhängt, statt zu schreiben. Von seinem neuen Buch existiert nur der erste Satz. Jedenfalls vielleicht. Aber er macht sich kluge, traurige Gedanken. Und er beobachtet.

Gegen Ende fährt er mit seiner leicht dementen Nachbarin, ein paar alten Freunden von früher (Fränge, der eigentlich Frank heißt, und Brocki, der sich gern mit Fränge streitet) und einem jungen Liebespärchen an die Ostsee. Das ist sehr schön.

Goosen schreibt wunderbar unaufgeregt, ein bisschen verschroben und sehr lebensklug. Das Buch erzählt von Heimat, von heute, von Träumen, die man nicht aufgeben darf und von Männern, die auf ein Leben zurückblicken können. Es ist ein ziemlich lässiges, durch und durch wundersames und auf kluge Art witziges Buch. Dringende Kaufempfehlung!

Frank Goosen: Förster, mein Förster. Kiwi; 336 Seiten. 19,99 Euro

Von Ronald Meyer-Arlt

 

Peter Stamm: Weit über das Land

Peter Stamm: Weit über das Land

In die Wildnis: Ein Mann verschwindet. Er stellt das Weinglas ab auf der Terrasse, wo er eben noch mit seiner Frau gesessen hat, und geht. Hinaus aus dem Dorf, über Wiesen, durch den Wald. Es gibt keine Erklärung und kein Ziel in "Weit über das Land", dem neuen Roman von Peter Stamm. Es gibt nur den Moment. Ohne Zukunft oder Vergangenheit. Kurz denkt man an "Into the Wild".

Nur: Hier gibt es keinen großen Lebensentwurf, keinen Plan – hier nimmt nur einfach einer eine Biegung, fort aus dem alten Leben. Das bleibt zurück wie eingefroren, die Frau, die Kinder, die ungestellten Fragen.

Der Schweizer Schriftsteller ("Blitzeis", "Nacht ist der Tag") erzählt oft von solchen Abwegen, die manchmal in ein anderes Leben führen – manchmal aber auch nur das alte erschüttern. Seltsam fasziniert folgt man seinem Helden in die Schweizer Berge, in denen gerade der erste Schnee fällt. Gezogen und getragen vom Rhythmus seiner lichten, fast unbeteiligten Sprache, in der die Realität unmittelbar aus dem Erzählen zu entstehen scheint. Lakonisch, schmerzlich und manchmal tröstlich.

Peter Stamm: Weit über das Land. S. Fischer Verlag; 230 Seiten, 19,99 Euro

Von Ruth Bender

 

Werner Busch: Adolph Menzel

Werner Busch: Adolph Menzel

Die Gemälde von Adolph Menzel (1815–1905) schienen mir bisher uninteressant. Dienten nicht Historienschinken wie der flötende Alte Fritz vor allem der Glorifizierung des preußischen Königtums? Ein opulenter Band über den Maler hat mich eines Besseren belehrt. Der Kunsthistoriker Werner Busch tritt darin den Nachweis an, dass der 1,40 Meter große Realist ein ganz Großer war.

Aus seinen Analysen geht hervor, warum die Friedrich-Bilder den Hohenzollern sogar ein Dorn im Auge waren. Vor allem aber rückt Busch die revolutionären Seiten des Autodidakten ins Zentrum. Der Berliner malte bereits in den 1840er-Jahren Eisenbahnen und Hinterhöfe, noch bevor in Paris der Realismus ausgerufen wurde. Menzel war kein rückwärtsgewandter Idylliker, sondern Zeitgenosse.

Sein offener Blick für die Moderne gipfelte in dem Monumentalgemälde "Das Eisenwalzwerk". Auch die ungeschminkte Darstellung toter und sterbender Soldaten im Krieg von 1866 zeigt, dass dem Künstler Menzel das Menschliche näher war als dumpfer Patriotismus.

Werner Busch: Adolph Menzel. C. H. Beck; 304 Seiten, 59,70 Euro

Von Karim Saab

 

Irmgard Keun: Kind aller Länder

Irmgard Keun: Kind aller Länder

Das ist eines dieser Bücher, die den Leser gleich mit dem ersten Satz bezaubern: "In den Hotels bin ich auch nicht gern gesehen, aber das ist nicht die Schuld von meiner Ungezogenheit, sondern die Schuld von meinem Vater ..." Aus der Sicht der zehnjährigen Kully erzählt Irmgard Keun von einer deutschen Familie, die Nazi-Deutschland verlassen hat und kreuz und quer durch Europa irrt – immer auf der Suche nach einem Land, in dem sie bleiben kann.

1938 erschien "Kind aller Länder" zum ersten Mal; jetzt liegt der Roman in einer Neuausgabe vor. Die Autorin, wenige Jahre zuvor mit "Das kunstseidene Mädchen" reich und berühmt geworden, lebte da schon einige Jahre im Exil. Anrührend, schnoddrig und in manchmal verquerer Wortwahl und Syntax schildert Kully den Alltag der Exilanten.

Irmgard Keun (1905–1982) erzählt im leichten Ton von schwerwiegenden Dingen. Eine wunderbare Wiederentdeckung – und man kann sich schon auf mehr freuen: Im Herbst erscheint im Wallstein-Verlag eine Keun-Gesamtausgabe.

Irmgard Keun: Kind aller Länder. Kiepenheuer & Witsch; 222 Seiten, 17,99 Euro

Von Martina Sulner

 

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Kamel Daoud: Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

T.C. Boyle und The Cure arbeiteten sich an ihm ab, Uwe Timm unterhielt sich mit Benno Ohnesorg über diesen Roman: "Der Fremde" von Albert Camus aus dem Jahr 1942 ist ein Hauptwerk des Existenzialismus. 70 Jahre nach dem Erscheinen gibt jetzt der algerische Schriftsteller Kamel Daoud dem namenlosen Araber, den Camus’ Protagonist am Strand tötet, eine Identität.

Sein Bruder erzählt in einer Bar die Geschichte von Moussa, dessen Name wie die arabische Variante von Camus’ Erzähler – Meursault – klingt. Dieser schmale Band ist ein postkolonialistischer Befreiungsschlag. Der Erzähler berichtet, dass Frankreich nicht nur das Land, sondern auch die Sprache besetzt hielt.

Indem er nun selbst seine Version der Geschichte erzählt – und dies auf eigentümliche Weise in mündlicher Form tut –, erobert er die Vormacht über die eigene Existenz zurück. Der Roman erscheint in 28 Ländern. Daoud verwebt die Motive und philosophischen Thesen des Originals. So schreibt er, anspielend auf Camus’ Inspiration durch den Sisyphos-Mythos: "Das Absurde ist unsere Heimat." Nicht die der Invasoren.

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung. Kiwi; 208 Seiten, 17,99 Euro

Von Nina May

 

Stephen King: Basar der bösen Träume

Stephen King: Basar der bösen Träume

Es sieht zunächst aus wie ein extrem ungewaschenes Auto, was da an der verlassenen Raststätte an Kilometer 81 hält. Ist aber ein Monster in Kfz-Gestalt, das nach und nach wohlmeinende Pannenhelfer auffrisst, bis ein beherzter kleiner Junge dem mit seiner Profilupe ein Ende bereitet.

Nur einer von 20 Nachtmahren in Stephen Kings "Basar der bösen Träume", einer Kurzgeschichtensammlung, die den Romancier des Schreckens auch in der kleinen Erzählung glänzen lässt. Manches ist vertraut: Der "böse kleine Junge" mit der Propellermütze scheint ein cartoonhaftes Brüderchen von Pennywise zu sein, dem bösen großen Clown aus Kings 1000-Seiter "Es". 

Und selbst des Lesers schönster Wunschtraum – ein Kindle, der die Literatur aller Paralleluniversen zugänglich macht (mehr Shakespeare-Dramen, mehr Hemingway-Romane!) – verrenkt sich ins Grauen. Freilich: Die Tage, in denen King nur übernatürliches Gelichter heranzog, um Furcht einzuflößen, sind vorbei. Manchmal ist es hier auch bloß der Mensch, der dem Menschen ein höchst effizienter (Wer-)Wolf ist!

Stephen King: Basar der bösen Träume. Heyne; 768 Seiten, 22,99 Euro

Von Matthias Halbig

 

Christoph Hein: Glückskind mit Vater

Christoph Hein: Glückskind mit Vater

"Du kennst mich doch. Ein deutscher Schullehrer, was gibt es da groß zu erzählen?", meint Konstantin Boggosch am Ende. Er hat es so ähnlich schon zu Beginn zu einer jungen Journalistin gesagt, die ein Interview mit ihm führen will, dem ehemaligen Direktor des Kleinstadt-Gymnasiums. Dazwischen spannt Christoph Hein (71) in seinem Roman "Glückskind mit Vater" nicht weniger auf als ein Leben zwischen 1945 und heute.

Von Anfang an ist Boggosch auf der Flucht vor seinem Vater, vor dessen Schatten. Zwar ist er ihm nie begegnet, doch jeder im Ort kannte den Kriegsverbrecher, hat in dessen Fabrik gearbeitet oder wusste von dem von ihm erbauten Arbeitslager. Konstantin flieht nach Marseille, will eigentlich zur Fremdenlegion und gewinnt Freunde, die im Widerstand waren, die misshandelt wurden von, vielleicht, seinem Vater. In den Tagen des Mauerbaus kehrt er zurück in die DDR – und bleibt doch auf der Flucht.

Heins Icherzähler lässt Geglücktes und Unglück Revue passieren und lenkt den Blick auf Charaktere und Geschichte(n), die wir nicht loswerden.

Christoph Hein: Glückskind mit Vater. Suhrkamp; 527 Seiten, 22,95 Euro

Von Janina Fleischer

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