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Tipps David Bowies letztes Album
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11:59 11.01.2016
Sorgt immer noch liebend gern für Überraschungen: David Bowie hat sich auf seinem neuen Album zum Jazz-Rocker gewandelt. Quelle: Sony Music
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Anmerkung: Dieser Text erschien am Sonnabend, vor Bekanntwerden von David Bowies Tod.

Der Planet ist feindselig, der Astronaut offenbar schon länger tot. Der Schädel unterm Helmvisier ist mit Juwelen geschmückt wie bei einer exotischen Mumie. Eine dunkelhaarige Frau nähert sich der Leiche, sie ist katzenhaft beschwanzt wie die Eingeborenen aus "Avatar". Den Knochenkopf nimmt sie an sich, bringt ihn als Reliquie zu einem Kreis betender Frauen in einer fernöstlich anmutenden Stadt. Währenddessen schwebt das übrige Gebein des Sternenfahrers auf eine schwarze Sonne zu, die an diesem bösen Himmel hängt. Höchst mysteriös.

Die Frage, die viele David-Bowie-Fans angesichts dieses düsteren neuen Videoclips bewegte, war: Handelt es sich bei dem gestrandeten Raumfahrer etwa um Major Tom, den Held aus seinem 1969er Hit "Space Oddity"? Wissen wir damit endlich, was mit ihm passiert ist, nachdem sein Kontakt zur Bodenkontrolle damals jäh abgerissen war?

Vielleicht hat uns ja das Instrument am Liedbeginn auf den Trichter gebracht: Mellotron = psychedelisch = Sechzigerjahre. Als hätte Bowie genau diese Gesternversessenheit seiner Gemeinde vorausgeahnt, ließ er seiner Weltraumleiche einen Smiley auf den Raumanzug nähen. Ein Stellvertretergrinsen in Gelb.

Zur Abwechlsung ganz seriös: David Bowie bleibt auch mit 69 so schillernd wie eh und je. Quelle: Sky Deutschland/Jimmy King

Vor drei Jahren hat David Bowie eine zehnjährige Kreativpause beendet, das Album "The Next Day" hatte uns zu prächtigem, klassischem Bowie-Rock verraten, was aus seinen "Heroes – Just For one Day" am "nächsten Tag" geworden war –  dem Alltag nämlich. Aus dem Album-Cover (einer weiß abgeklebten Variante der "Heroes"-Hülle von 1977) und den Berlin-Bezügen der Single "Where Are We Now?" leitete mancher ab, das Rock-Chamäleon Bowie sei nun bei seiner finalen Färbung angekommen, dem Sepia der Vergangenheitsverklärung.

Irrtum. Bowie, zwischenzeitlich mit einer großen Ausstellung in London und Berlin gar museal geworden, ist 2015 wieder völlig losgelöst. Wie früher, als er sich vom psychedelischen Folkie zum Glamrocker, zum Soulmann, zum Elektro-Avantgardisten, zum Disco-Popper und so weiter wandelte. Jetzt jazzrockt er mit den Musikern des Saxofonisten Donny McCaslin zu flirrenden Breakbeats.

Zufällig hatte er die Musiker in einem New Yorker Kellerclub spielen hören, und ein Jahr später klingt es, als seien sie schon ewig eine Gemeinschaft. "Blackstar", Titelsong des neuen Albums, dauert zehn Minuten, zwei Melodien, zusammengeschossen zu einem aufregenden Songmonster. "Ich bin kein Gang-Star, Marvel-Star, Filmstar, Popstar" singt Bowie mit überraschend fester Stimme, "ich bin ein Blackstar" – ein Mysterium.

Bowie bleibt spannend

Es folgt "'Tis a Pity She Was a Whore", ein Stück, das in einer Lose-Mädchen-Tragödie aus dem 17. Jahrhundert gründet, die in Bonn noch in den Achtzigerjahren für einen Bühnenskandal gesorgt hatte. Bowie lässt McCaslin zu einem Hip-Hop-Beat Saxofonstöße ausschicken, schneller und schneller, bald jagen sich die Signale, als wollten sie einander fangen, überschlagen sich beinahe.

Die Neuversion von "Sue" und das balladeske, streichergeschmückte "Dollar Days" sind weitere Stücke, in denen Bowies virtuose Jazzer sich entfalten dürfen, freilich weit weniger exzessiv. All diese Schwünge und Schichtungen ergeben das spannendste Bowie-Werk seit seiner Berliner Trilogie. Das ruhigere "Lazarus" ist noch am ehesten Rock, den man tunlichst zu vermeiden suchte. Lange her, seit Bowie in Little Richards "Tutti Frutti" glaubte, Gott gehört zu haben.

McCaslin hat die "Blackstar"-Mythologie jüngst noch befeuert. Habe ihm der Sänger doch verraten, der Song handele vom "Islamischen Staat". Das könnte man dann so deuten: Der raumfahrende Mensch des fortschrittlichen Westens liegt in seiner kaputten Welt darnieder, während archaisch anmutende Menschen östlicher Herkunft über ihn und all seine zerbrechliche, vergängliche Zukunft triumphieren.

Spielt den gruseligen Okkultisten und lacht seine Deuter aus: David Bowie im Video zu "Blackstar". Quelle: Sony Music

Aber so recht will die surreale Traumlogik des Films nicht zu dieser Deutung passen: denn die Archaischen sind Frauen, bärtige Männer hängen wehklagend an Kreuzen über ihnen wie lebende Vogelscheuchen. Und die Juwelen auf dem Totenkopf? Mokierte sich Bowie 1979 in seinem Song "Ashes to Ashes" über die vielen Unterstellungen, sein Tom sei wohl ein Junkie gewesen, seine Raumfahrt ein Todestrip, so könnte Major Tom ab sofort auch Majorin Tom gewesen sein. Verflixt! Die Bodenkontrolle ist verwirrt.

Wenn sie nicht gerade gruselig verbunden sind, leuchten Bowies große, außerirdische Augen im "Blackstar"-Filmchen jung und wild, er schwenkt in einem uralten Dachstuhl ein Buch mit einem schwarzen Stern als wäre er der Okkultist Aleister Crowley persönlich. Noch ein Mysterium? Da legt Bowie sich mit einem Mal die Hand an die Nase, lässt die Finger spitzbübisch flattern und streckt uns auch noch die Zunge raus.

Ein dickes "Ätschbätsch! Reingelegt!" all den Deutern? Hört mal lieber damit auf und hört lieber hin. Da grinst man dann selbst. Man stellt alles Rätseln ein und staunt nur noch. Interviews wird’s nicht geben, das weiß Tony Visconti, als Bowie-Produzent selbst im Rang einer Legende. Alles andere, ergänzt er, wäre eine Überraschung. Und er glaubt, dass Bowie nie wieder live spielen werde. Alles andere wäre, nun ja, was wohl – genau – noch eine Überraschung. Also genau das, worin Bowie schon immer besser war als jeder andere.

von Matthias Halbig

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