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Weltkarriere ohne Paukenschlag

Ausnahmepianist Yevgeny Sudbin Weltkarriere ohne Paukenschlag

Auf der Bühne macht sich der Pianist Yevgeny Sudbin rar. Lieber tüftelt der Russe akribisch an seinen Ausnahmealben. Zehn Jahre nach seinem Debüt ist Sudbin zu den Miniaturen Domenico Scarlattis zurückgekehrt.

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Ganz ohne Getöse zum Starruhm: Der junge Ausnahmepianist Yevgeny Sudbin kehrt mit seiner neuen Einspielung von Scarlatti-Miniaturen zu seinen Wurzeln zurück.

Quelle: Peter Rigaud

Auch im gediegenen Klassikgeschäft beginnen große Karrieren zumeist mit einigem Getöse. Üblicherweise markiert der Sieg bei einem internationalen Wettbewerb den ersten Schritt zum Starruhm. Oft genug ist es aber auch die PR-Maschinerie großer Plattenlabels, die die Erfolge ihrer Nachwuchskünstler durch marktgängige Werbekampagnen befeuern.

Nichts von alledem hat den Ausnahmepianisten Yevgeny Sudbin an die Weltspitze befördert. Der höflich-zurückhaltende, äußerst ernsthaft wirkende Russe betrat die große Bühne ohne Knalleffekt – und hinterließ dennoch einen phänomenalen Eindruck. Ein schlanker, feingliedriger junger Mann, der völlig entspannt am Flügel sitzt. Ohne jene raumgreifenden Gesten und exaltiert-entrückten Gesichtsausdrücke, die man bei jungen Pianisten oft beobachten kann, vollbringt er scheinbar beiläufig pianistische Wunder.

Auch bei allerschwerstem Repertoire – etwa Ravels "Gaspard de la nuit" oder der aberwitzigen Horowitz-Transkription von Saint-Saëns' "Danse Macabre" – büßt er nichts von seiner Coolness ein. Bei Sudbin kann man sie bestaunen, jene Ökonomie der technischen Mittel, die wirklich bedeutende Pianisten auszeichnet: Keine überflüssigen Bewegungen, keine musikalischen Reibungsverluste. Sudbin am Flügel, das wirkt so mühelos und selbstverständlich, als habe er nie etwas anderes getan.

Lieber Studio als Konzertsaal

Tatsächlich wurde dem 1980 in St. Petersburg geborenen Ausnahmekünstler die Musik in die Wiege gelegt. Seine Eltern sind ebenfalls Pianisten, aber, wichtiger noch, sagt Sudbin, hochkulturelle Menschen, die sich in vielfältiger Weise für die Künste interessierten. Auch das muss abgefärbt haben, denn wenn Sudbin Abstand von seinem Metier braucht, fotografiert er – und das auf durchaus beachtlichem Niveau.

"Ich reise so viel, lerne so viele Länder und Städte kennen", sagt Sudbin. Da bestehe schon die Gefahr, dass die Eindrücke einfach vorüberrauschten. "Ich fotografiere auch, um mir bleibende Erinnerungen zu schaffen und eine Szene in all ihren Details zu ergründen", sagt Sudbin, für den die Kamera längst zu einem Medium geworden ist, das ihm die Welt erschließt.

Die Sehnsucht nach dem Bleibenden, sie bestimmt auch Sudbins musikalisches Streben. Wohl deshalb fühlt sich der heute in London lebende Russe, der Teile seiner Jugend in Deutschland verbrachte, im Aufnahmestudio wohler als im Konzertsaal. "Im Konzert muss man viele Abstriche machen", sagt Sudbin. Mal sei der Flügel schlecht reguliert, mal plage einen der Jetlag, mal sei das Publikum zu unkonzentriert, mal gelinge es nicht, sich in die Saalakustik einzuhören. Derartige Unwägbarkeiten untergraben Sudbins Streben nach Vollkommenheit.

Sudbins Spiel bringt Perfektionismus und Großzügigkeit der Interpretation unter einen Hut.

Sudbins Spiel bringt Perfektionismus und Großzügigkeit der Interpretation unter einen Hut.

Quelle: Getty

Auch das ist ein Merkmal von Sudbins Kunst: Er feilt unermüdlich an seinen Interpretationen, legt musikalische Details frei, über die viele andere Pianisten achtlos hinwegspielen – und verliert dennoch nicht die großen Bezüge des Werkes aus dem Blick. Sudbin bringt Perfektionismus und Großzügigkeit unter einen Hut. Sein Spiel kann Naturgewalten entfesseln, ohne dabei effekthascherisch zu wirken. Es kann ebenso von ungeahnter Sensibilität und Sanglichkeit sein, ohne dabei an Innenspannung einzubüßen.

Entsprechend erblühen weiträumig-monumentale Werke wie die Klavierkonzerte Rachmaninows, Medtners oder Tschaikowskys unter seinen Händen mit gleicher natürlicher Souveränität wie die formenstrengeren Konzerte Beethovens oder delikate Petitessen wie eine Chopin-Mazurka, ein Skrjabin-Prélude.

Als glückliche Fügung bezeichnet es Sudbin, dass er von Anbeginn seiner Karriere bei dem audiophilen Klassiklabel BIS Records unter Vertrag ist. Vor zehn Jahren, Sudbin war damals noch ein nahezu unbeschriebenes Blatt, gaben ihm die Schweden die Möglichkeit, sein erstes Album aufzunehmen. Der damals 25-Jährige entschied sich nicht für eines der üblichen "Mischprogramme", einen unverbindlichen Gang durch die musikalischen Epochen, mit denen sich Nachwuchskünstler üblicherweise einzuführen pflegen.

Miniaturen statt Gemischtwarenladen

Stattdessen spielte Sudbin ein hochkonzentriertes Ein-Komponisten-Album ein: 18 der 555 überlieferten Sonaten des Barock-Genies Domenico Scarlatti. Kleine Formen zwar, aber gespickt mit mannigfaltigen pianistischen Hexenkunststücken. So quicklebendig, eloquent und technisch beschlagen, wie Sudbin diese Miniaturen präsentierte, erstaunt es kaum, dass BIS Records mit dem Debütalbum seines Schützlings einen der bis dahin größten Erfolge des Labels feiern konnte – und Sudbins Scarlatti quasi über Nacht in einem Atemzug mit dem von Vladimir Horowitz, Emil Gilels oder Michail Pletnjow genannt wurde.

Sudbin selbst blickt heute eher reserviert auf seine pianistische Großtat von damals zurück: "Das war meine erste Platte. Ich war jung, unerfahren und unglaublich angespannt – und glaube, das auch herauszuhören", sagt der Pianist selbstkritisch. Was ihm rückblickend an seinem Debütalbum fehle, sei das spontane, improvisatorische Element, das Scarlattis Musik auszeichne und so überraschend mache.

Kein Wunder, dass es Sudbin, der bei seinem Label längst Carte blanche hat und sein Programm selbst bestimmen kann, zehn Jahre später für ein weiteres Scarlatti-Album ins Studio zog. Sudbins aktuelle Platte fasziniert abermals: Man spürt schon nach ein paar Takten, dass er heute mehr wagt.

Kreisschluss mit Scarlatti: Zehn Jahre nach seinem fulminanten Debüt setzt Yevgeny Sudbin mit den Sonaten des Barockmeisters abermals ein Achtungszeichen (BIS 2138).

Kreisschluss mit Scarlatti: Zehn Jahre nach seinem fulminanten Debüt setzt Yevgeny Sudbin mit den Sonaten des Barockmeisters abermals ein Achtungszeichen (BIS 2138).

Quelle: BIS Records

Zu beinahe orchestraler Fülle und Farbenpracht baut sich der Klavierklang unter Sudbins Händen bisweilen auf, in der Wahl der Tempi und dynamischen Valeurs erweist sich Sudbin gar noch wendiger als vor zehn Jahren. Es ist ein künstlerisch durch und durch eigenständiger Zugang zu Scarlatti: nichts für die Anhänger historisierender Lesart, sehr wohl aber für die Fans großer Klavierkunst.

Kann sich einer, der so sehr für das Klavier geboren scheint, überhaupt ein Leben ohne sein Instrument vorstellen? "Wohl nicht", sagt Sudbin. "Aber es gibt dennoch Dinge, die mindestens so wichtig für mich sind" – und meint damit vor allem seine Frau (ebenfalls Pianistin) und seine drei Kinder, der Jüngste noch kein Jahr, die Älteste sechs Jahre alt. "Natürlich ist der Spagat zwischen Konzertkarriere und Familie groß – aber missen möchte ich dieses ganz normale, bodenständige Familienleben nicht."

Selbstredend gehört es zur Normalität einer erzmusikalischen Familie wie den Sudbins, dass sich inzwischen auch die Älteste für das Klavierspiel begeistert. Ohne dass der Vater Druck machen würde. "Für sie ist das wie Spielen. Sie hat einfach Freude dran und macht tolle Fortschritte", sagt Sudbin nicht ohne Stolz. Wer weiß: Womöglich macht auch die nächste Generation aus dem Hause Sudbin irgendwann einmal von sich reden.

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