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Kein Respekt mehr vor der Wahrheit

Donald Trump und die Medien Kein Respekt mehr vor der Wahrheit

Donald Trump? Noch nie in der Geschichte der USA hatten so viele seriöse Zeitungen und Sender von einem Kandidaten abgeraten. Noch nie war dies aber so egal. Denn Trump und seine Leute sprachen von Lügenpresse, ließen Gerüchte und Unwahrheiten durchs Netz wabern – und gewannen so die Wahl.

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Digitale Echokammern und die "Fake News Crisis": Donald Trumps Wahlsieg macht die Ohnmacht der klassischen Medien gegenüber den sozialen Netzwerken deutlich.

Quelle: iStock

Eigentlich ist es ja seine Heimatzeitung. Doch Donald Trump ließ nie ein gutes Haar an der "New York ­Times". Immer wieder schimpft er über die "blöden" und "unehrlichen" Beiträge in dem Blatt. Die "Washington Post" sei übrigens auch nicht besser. Und auch dem Fernsehsender CNN klebte er flugs das Etikett der Parteilichkeit auf: "Clinton News Network".

Die Nation soll lernen: Auf "die Medien", jedenfalls auf die bekannten und etablierten, ist kein Verlass. Warum soll man ihnen und den dort beschäftigten Eierköpfen auch irgendeine Filter- oder Kommentarfunktion einräumen? Es geht doch längst anders. Trump, das hat er im Wahlkampf vorgeführt, kommuniziert mit den Leuten lieber direkt. Die Zahl seiner Follower bei Twitter liegt derzeit bei mehr als 15 Millionen.

Trumps Masche hat Erfolg. Noch nie in der Geschichte der US-Wahlkämpfe ist es einem Präsidentschaftskandidaten gelungen, seine jubelnden Anhänger so massenhaft wegzulotsen aus den Häfen der traditionellen und seriösen Zeitungen und Sender. Eine alte Medienwelt wurde attackiert, eine neue Medienwelt kultiviert: In dieser weit über den Tag hinaus wirkenden soziokulturellen Veränderung liegt, jenseits aller politischen Einzelfragen, das eigentlich Unerhörte des Wahlergebnisses vom 8. November 2016.

Virtuelle Meinungsverstärkung

Für Trump und seine Freunde wurden Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke zu idealen neuen Tummelplätzen. "News" gibt es dort auch, sogar umsonst und rund um die Uhr. Und das Schönste: Es gibt keine Kritik an der eigenen Haltung und der eigenen Führungsfigur. Dafür eine wohltuende dauernde Bestätigung dessen, was man ohnehin bereits denkt.

Gigantische digitale Echokammern sind entstanden. Und erwachsene Leute freuen sich wie Kinder, wenn sie hineinrufen können – und eine hundertfache, vielleicht tausendfache Bestätigung bekommen: durch "likes", durch Smileys, durch zustimmende Kommentare. Wen interessiert es schon, dass ein Teil der angeblichen Reaktionen gar nicht von tatsächlich existierenden Menschen kommt, sondern von Maschinen, "social bots", die kreuz und quer durchs Netz marschieren mit dem einzigen Auftrag, alle für den Finanzier gerade günstigen Wellen, so gut, es geht virtuell zu verstärken?

62 Prozent der Amerikaner beziehen ihre Nachrichten mittlerweile über soziale Netzwerke. Zu diesem Ergebnis kam in diesem Jahr eine Studie des demoskopischen Instituts Pew Research Center. Inzwischen rätseln Regierende in Washington ebenso wie die Oberen der Kommunikationsriesen an der Westküste, ob in diesem Teil der Modernisierung eigentlich ein Vorteil oder ein Nachteil für die Demokratie liegt.

"Staubwolke aus Nonsens"

Mark Zuckerberg, der Facebook-Chef, scheint in die Defensive zu geraten. Man solle bitte aufhören, Facebook für das Wahlergebnis verantwortlich zu machen, stöhnte Zuckerberg in den vergangenen Tagen bei Begegnungen mit Kritikern. In einer Erklärung schrieb er, die freie Kommunikation über Facebook bleibe ein wunderbarer Beitrag zur freien Gesellschaft: "Unser Ziel ist es, jeder Person eine Stimme zu geben."

Was aber, wenn das, was diese freie Stimme sagt, nicht stimmt? Im Netz lügt es sich ungestraft. Trump selbst führte es vor, als er zum Auftakt des Wahlkampfes anzweifelte, dass Barack Obama in den USA geboren wurde. Den Effekt solcher Kampagnen beschrieb Obama so: "Leute hören Lügen, die ständig wiederholt werden und dann noch auf Facebook stehen. Irgendwann entsteht dann diese Staubwolke aus Nonsens."
Und wer blickt dann noch durch?

Kurz vor der Wahl hieß es in gefälschten Nachrichten, gegen Hillary Clinton werde wegen ihrer E-Mail-Affäre nicht nur ermittelt, sie werde jetzt auch angeklagt. "Eure Gebete wurden erhört", hieß die Titelzeile, die die Trump-Anhänger beglücken sollte. Bizarrerweise existierten allein in der Stadt Veles mitten im Balkanstaat Mazedonien nach Recherchen von BuzzFeed News zeitweise mehr als 100 Webseiten mit angeblichen "Nachrichten" rund um die US-Wahl.

Verwirrung als globales Geschäftsmodell

Gezielte Verwirrung wurde zum globalen Geschäftsmodell. Den jungen Mazedoniern in ihren Kapuzenpullovern, die die Seiten betreiben, ging es nach eigenen Angaben gar nicht um  Trump. Man habe einfach nur nach einer Methode gesucht, mit der man amerikanische Internetnutzer auf mazedonische Seiten ziehen kann. Für "page impressions" durch Nutzer aus den USA gibt es im Internet mehr Geld als für Klicks aus Indien. So entstand auch die wunderbare Eilmeldung: Papst unterstützt Trump.

Onlinejournalisten zogen eine beklemmende Bilanz des digitalen Nachrichtengeschehens in den vergangenen Monaten. Danach wurde zum Beispiel die frei erfundene Nachricht, wonach Hillary Clinton Trump vor drei Jahren als "ehrlich und unbestechlich" gelobt haben soll, 480 000-mal auf Facebook weitergereicht.

Ein exklusiver Bericht der "New York Times", wonach Trump per Steuererklärung 916 Millionen Dollar Verlust geltend machte, brachte es nur auf 175 000 Facebook-Interaktionen. Bis heute geistert die Nachricht durchs Netz, Denzel Washington habe sich zum Entsetzen seiner Hollywood-Kollegen für Trump ausgesprochen. Washington hat dies nie bestätigt oder dementiert, er will sich wohl aus der Politik raushalten.

Ist Denzel Washington für Trump? Ein Beispiel für die "Fake News Crisis".

Ist Denzel Washington für Trump? Ein Beispiel für die "Fake News Crisis".

Quelle: Screenshot / anews24.org

Aktivisten schicken jetzt Unterschriftenlisten an Facebook: Das Unternehmen müsse endlich auf die "Fake News Crisis" reagieren, die Glaubwürdigkeitskrise durch gefälschte Nachrichten. Zuckerberg kontert, es sei im Einzelfall nicht einfach zu sagen, was "die Wahrheit" ist. Der coole Facebook-Chef setzt die Wahrheit in Tüttelchen – und markiert damit auf ganz eigene Art die Ankunft neuer Zeiten.

Der Respekt vor der Wahrheit war früher, die Älteren erinnern sich, schon mal größer. Für die Aufklärung war die Besinnung aufs Rationale und Nachprüfbare, grob gesagt, nicht ganz unwichtig. Sogar die Herrschenden fürchteten immer mehr die Kraft des Faktischen. "Wahrheit", sagte Otto von Bismarck im 19. Jahrhundert, "kann ganze Armeen aufhalten." Um genau dieses Risiko auszuschließen, führten Hitler, Stalin und Pol Pot im 20. Jahrhundert stets einen Krieg gegen die Wahrheit, freie Medien wären bei ihnen undenkbar gewesen.

Die alten Medien besaßen Autorität

In den USA dagegen gewannen große Zeitungen und Sender immer mehr Einfluss. Die Präsidenten vermochten diese Kontrolleure nicht zu steuern, im Gegenteil. Sie bemühten sich rührend, auf den Bühnen der Etablierten Punkte zu sammeln. Ronald Reagan ließ durch Vorabteams jede Lichtstimmung testen, Bill Clinton spielte Saxofon in der Arsenio Hall Show, man wollte gefallen.

Die alten Medien besaßen Autorität. Der legendäre CBS-Nachrichtenchef Walter Cronkite wurde einst zum "vertrauenswürdigsten Mann Amerikas" gewählt. Als Cronkite Zweifel bekam an der Weisheit des Vietnamkriegs, legte auch die ganze Nation die Stirn in Falten.

Präsident Richard Nixon konnte es sich nicht erlauben, die Watergate-Enthüllungen der "Washington Post" als Unfug der "Lügenpresse" abzutun. 1974 trat Nixon zurück. Es war, heute klingt es museumsreif, der Triumph journalistischer Wahrheit über politische Macht.

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