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Alle wollen Mitte sein

Die schrumpfende Mittelschicht Alle wollen Mitte sein

80 Prozent der Deutschen – mehr als je zuvor – zählen sich zur Mittelschicht. Statistiker, die harte Daten wie das Einkommen als Maßstab heranziehen, verorten hingegen nur rund 60 Prozent in der Mitte. Tendenz sinkend. Wer entscheidet eigentlich, wer zur Mittelschicht gehört?

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Als die Flüchtlinge Deutsche waren

Ein Haus mit Garten und Jägerzaun, mindestens ein Auto und zweimal Sylt- oder Italien-Urlaub im Jahr: Lange Zeit entsprach das Bild der Mittelschicht diesen Stereotypen. Das hat sich geändert.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Wer ein Brompton-Faltrad besitzt, kommt nicht nur gut voran, sondern ist schon fast angelangt in der englischen Middle Class und damit am Ziel elitärer Konsumguterträume. Smart TV und iMac werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Im Zweifel fehlen dann nur noch ein Dyson-Staubsauger, eine Tasche von Mulberry, ein Kochendwasserhahn, ein Smeg-Kühlschrank, ein gusseiserner Aga-Herd sowie eine ordentliche Sammlung an Vinyl-Platten. Wer all das sein Eigen nennen kann, zählt in Großbritannien klar zur Middle Class.

Zumindest, wenn man William Hanson glaubt, der als einer der führenden Experten für Stil- und Etikettefragen im Vereinigten Königreich diese kleine Hitliste der Middle-Class-Insignien im vergangenen Jahr zusammengestellt hat. Auf hiesige Verhältnisse ist der Produktkanon allerdings nicht anwendbar. Die englische Middle Class und die deutsche Mittelschicht sind so weit voneinander entfernt wie Fish and Chips von Currywurst.

Wie der Durchschnittsdeutsche seinen Haushalt ausstattet, ist allenfalls an Rankings zu beliebten Produkten und Marken abzulesen. So ermittelt etwa das Marktforschungsunternehmen Yougov jährlich die von deutschen Verbrauchern am besten bewerteten Marken. Das Ergebnis von rund 700 000 Online-Interviews zwischen 2015 und 2016 zeigt, dass die Mehrheit sich am liebsten mit Ikea-Möbeln einrichtet, in Sachen Elektronik auf Samsung setzt, Audi oder BMW bevorzugt und bei Kleidung Levis, Adidas und Jack Wolfskin favorisiert.

Die Mitte ist breiter aufgestellt

Mit dem Geltungskonsum der – im Gegensatz zur breiten Working Class – eher kleinen und feinen britischen Middle Class hat das wenig zu tun. Sie ist geprägt von einer materialistischen und statusorientierten Denkweise, während sich die hiesige Mittelschicht vor allem nach der Einkommenssituation definiert. Sozialwissenschaftler ziehen als Indikatoren gern noch Bildung und Berufsqualifikation heran.

Doch in Zeiten des Akademisierungswahns, in denen sich dank “Dschungelcamp“ gut verdienende Trash-Promis wie Gina-Lisa Lohfink beim Nachholen des Abiturs Entspannung vom Medienrummel versprechen, Schornsteinfeger Bachelorstudiengänge für ihr Handwerk absolvieren und laut Stiftung Lesen jeder vierte Deutsche keine Bücher liest, sind auch das kaum verlässliche Kriterien.

Positiv betrachtet ist Deutschlands gesellschaftliche Mitte heute breiter aufgestellt als noch zu Zeiten der Großelterngeneration, da die “Kragenlinie“ die Grenze zwischen Besser- und Geringverdienenden markierte. 2003 wurde die klassische Trennung zwischen Arbeitern und Angestellten mit dem Entgelt-Rahmenabkommen offiziell aufgehoben. Die Mittelschicht ist längst kein Synonym mehr für das klassische Bürgertum mit Eigenheim, Jägerzaun und Meyers 25-bändigem Enzyklopädischem Lexikon in der Wohnzimmervitrine.

Entscheidend ist das Nettoeinkommen

Heute zählen aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) neben Anwälten, Beamten und Ärzten auch Krankenschwestern und Handwerker oder auch Rentner, Studenten und Kurzzeitarbeitslose zur Mittelschicht. Vorausgesetzt, sie haben als Single ein monatliches Nettoeinkommen zwischen 1300 und 2460 Euro, als kinderloses Paar zusammen mindestens 2000 Euro und als vierköpfige Familie nicht weniger als 2750 Euro zur Verfügung.

Außen vor bleibt bei diesen Zahlen das kulturschaffende Prekariat. “Es mag zwar bitterwenig Geld verdienen, aber es bildet eine tragende soziale Säule und wäre deshalb eher weit oberhalb der Unterschicht anzusiedeln“, schrieb der Autor Gerhard Henschel unlängst.

Stünden all die freischaffenden Künstler, die sich mit unsteter Auftragslage knapp über Wasser halten, für die Verteilungsforscher vom DIW rein wirtschaftlich nicht auf einer Stufe mit Hartz-IV-Empfängern, fiele das Ergebnis ihrer im vergangenen Jahr unter Leitung des Ökonomen und Soziologen Markus Grabka veröffentlichten Studie zur Entwicklung der Mittelschicht in Deutschland womöglich weniger alarmierend aus.

Die tragende Säule bröckelt

Doch für die Wirtschaftswissenschaftler zählt als Berechnungsgrundlage allein das tatsächlich zur Verfügung stehende Haushaltseinkommen, auch Medianeinkommen genannt. Demzufolge ist die Anzahl der Deutschen mit mittlerem Jahreseinkommen und Lebensstandard seit Mitte der neunziger Jahre kontinuierlich geschrumpft. Derzeit liegt sie bei 61 Prozent, in den Achtzigerjahren waren es 69 Prozent, 1991 noch 66 Prozent.

Die tragende Säule der Gesellschaft bröckelt. Von “Statuspanik“ ist gar die Rede. Zu Recht? Grabka spricht von einer “Verharrungstendenz“, die die Abstiegsgefahr eindämme, gleichzeitig aber den Aufstieg erschwere. Die Ränder erstarkten zwar, aber die Mitte der Mittelschicht sei besonders ausgedünnt, sagt der Wissenschaftler. Dabei sehen sich Umfragen zufolge bis zu 80 Prozent der Deutschen genau dort. Die klassische Mitte ist ein Sehnsuchtsort, ausstaffiert wie in den Werbespots für deutsche Markenprodukte in den Achtzigern.

Wo sind sie hin, die Trigema-Poloshirts tragenden Eltern mit ihren aufgeweckten Sanostol-Kindern, Reihenhaus, Saftvorrat von Onkel Dittmeyer in der Doppelgarage und Budget für Ski- und Hiddensee-Urlaub? Opfer von “veränderten Haushalts- und Arbeitsmarktstrukturen“, wie Wissenschaftler als Grund anführen? Verschwunden mit Frau Sommer, die vor mehr als 30 Jahren, als es noch keine Kapselkaffeemaschinen-Invasion gab, in guten Stuben intakten Großfamilien Jacobs Krönung einschenkte.

Singles mit Funktionsjacke und Faltrad

Mehr als jeder dritte Haushalt in Deutschland ist heute ein Singlehaushalt. Sieht man sich neben ökonomischen und gesellschaftlichen Einordnungsversuchen noch Produkthitlisten an, bilden die klassische deutsche Mitte im Ergebnis Alleinlebende, die nicht von der Ausdehnung des Niedriglohnsektors betroffen sind, bevorzugt Funktionsjacken tragen, auf skandinavische Möbel stehen, Alnatura-Produkte essen, Eckart von Hirschhausen witzig finden, “Game of Thrones“ schauen, außerhalb der Ferien zum Sonnen nach Sansibar oder zum Paragliding nach Südtirol reisen und in deren großzügiger Stadtwohnung noch massig Platz für ein Brompton-Faltrad ist.

Wirklich? Ist die Mitte nicht eher ein Sammelbecken, in dem sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten, Interessen und Lebensstilen tummeln? Auch wenn sich diese Gesellschaftsschicht bei all ihrer Mannigfaltigkeit nicht klar definieren lässt, steht doch eines außer Frage: Der Begriff Mitte schließt das Extreme aus.

Von Kerstin Hergt

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