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Alles Liebe

Von Polyamorie und Sehnsucht Alles Liebe

50 Jahre nach dem “Summer of Love“ geben sich die Deutschen so liberal wie nie zuvor: Mit mehr als einem Partner zusammen zu sein gehört da schon fast zum Mainstream. Zumindest wirkt es so. Tatsächlich sind wir dabei, der Idee von der romantischen Liebe erstmals eine echte Chance zu geben.

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Ist Monogamie ein überholtes Konzept? Die Liebe auf dem Prüfstand.

Quelle: unsplash

Hannover. Spätestens dann, wenn ein gesellschaftliches Phänomen im ARD-“Tatort“ zum Thema wird, ist davon auszugehen, dass es im echten Leben angekommen ist. “Ich bin poly“, sagt da in einer Folge aus München ganz selbstverständlich eine Therapeutin, und die in Liebesfragen eher glücklosen Kommissare Leitmayr und Batic wundern sich.

“Poly“, das steht als Abkürzung für “Polyamor“. Das Kunstwort aus dem griechischen “polys“ für “viel“ und dem Lateinischen “amor“ für “Liebe“ beschreibt eine Beziehungsform mit mehr als einem Partner und ist zurzeit allgegenwärtig. 50 Jahre nach dem “Summer of Love“ outet sich fast täglich ein Prominenter auf Facebook, Twitter oder in einer der zahlreichen Fernsehtalkshows, es mit der Treue nicht allzu ernst zu nehmen. Die US-Schauspielerin Scarlett Johansson war eine der Ersten, die öffentlich ihre Zweifel an der Haltbarkeit von Treueschwüren äußerten. Ihr Satz “Ich glaube nicht, dass es natürlich ist, monogam zu sein“ ist berühmt geworden.

Es folgten Kollegen, Schriftsteller und Wissenschaftler. Der US-Streamingdienst Netflix rühmte sich kürzlich damit, die erste “polyamouröse Comedy“ auf den Markt gebracht zu haben: In der Serie “Me You Her“ macht ein gelangweiltes Vorstadtehepaar zufällig die Bekanntschaft mit einem Escort-Girl und erprobt fortan das Liebesleben zu dritt. Sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen funktioniert der Partnertausch ohne Probleme und wurde in den vergangenen Monaten mit Filmen wie “Ein Baby für alle“ sogar ansatzweise humorvoll beleuchtet.

Polyamorie ist keine neue Erscheinung

Wenn Hygge die neue Gemütlichkeit ist, dann ist Polyamorie die neue Untreue. Mit einem kleinen Unterschied allerdings: Polyamoristen lieben die vielen Menschen nicht heimlich, sondern gehen ganz offen mit der Vielzahl ihrer Sexpartner um. Denn eine polyamouröse Beziehung gibt es im Idealfall nur, wenn alle Beteiligten einwilligen.

Nun ist es allerdings nicht so, dass die Polyamorie neu ist. Bei den Jägern und Sammlern – so meinen die Befürworter – war eine solche Lebensweise geradezu arterhaltend. Das habe sich erst geändert, als der Mensch sesshaft wurde. “Das, was wir unter sexueller Treue verstehen, entspricht einfach nicht den evolutionsbiologischen Bedürfnissen des Menschen“, sagt etwa Friedemann Karig, dessen Buch “Vom Ende der Monogamie“ vor wenigen Monaten für Aufsehen sorgte. “Unsere Anatomie, unsere Physiologie und unsere Belohnungssysteme sind ausgelegt auf viel Sex mit mehreren verschiedenen Partnern.“

Wirft man einen Blick auf eine aktuelle Studie der Partnerschaftsbörse Parship, ist dieser Beziehungsstil in Deutschland allerdings noch eher die Ausnahme: Nur 3 Prozent der deutschen Singles haben schon einmal in einer polyamourösen Partnerschaft gelebt. Für die große Mehrheit kommt eine Partnerschaft mit mehr als einer Person nicht infrage (85 Prozent).

Das Ende der Kleinfamilie

Doch warum ist dann das Thema zurzeit so präsent? Die US-amerikanische Journalistin Emily Witt hat eine ganz einfache Antwort auf diese Frage: “Unser großes Problem heute ist, dass wir uns viel mehr Gedanken darüber machen müssen, wie wir unser Sexleben führen wollen“, sagte sie vor wenigen Wochen in einem Interview.

Niemals zuvor standen westliche Gesellschaften alternativen Beziehungsformen so tolerant gegenüber wie jetzt. Gesellschaftliche Normen, die eine Ehe für ein Liebespaar zwangsläufig machten, sind längst überkommen. Sexuelle Vorlieben oder Affären mit wechselnden oder mehreren Partnern sind in Zeiten, in denen Dildos in jedem Drogeriemarkt verkauft werden, längst kein Tabuthema mehr. Das bedeutet aber auch, dass der Begriff Beziehung neu definiert werden muss.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx beispielsweise konstatiert bereits das Ende der Kleinfamilie als Versorgungs- und Beziehungseinheit – und damit auch das ihrer regelhaften Monogamie. Stattdessen akzeptierten Beziehungspartner heute ganz ehrlich, dass sie eine lebenslange Liebe vielleicht nicht aushalten können. In der Folge sollten Lebensabschnittspartnerschaften bewusster und vielfältiger gestaltet werden, fordert Horx. Nach eigenen Regeln.

Globalisierte Welt, globalisierte Beziehungen

Eine Gesellschaft, in der die Gesetze des Marktes langsam, aber sicher auch auf unsere Gefühle und unsere sexuellen Bedürfnisse umschlagen, tut ein Übriges. Wer sich mit dem Zeigefinger am Smartphone täglich durch Hunderte potenzielle Sexpartner wischt, kann schnell mal auf die Idee kommen, dass da draußen zahlreiche Möglichkeiten auf ihn warten, die er vielleicht auch nutzen sollte.

Noch dazu findet Sex heute nicht mehr in vermeintlich geschlossenen Biotopen wie Kleinstadt- oder Dorfgemeinschaften statt, in denen die soziale Kontrolle sowie die Aussicht auf Buße so manchen Seitensprung verhindert haben. So global wie die Welt ist irgendwie auch die Liebe geworden. Wer wirklich will, kann den Ausbruch aus der festen Beziehung mithilfe des Internets und entsprechenden Seitensprungportalen schnell und diskret organisieren.

Umso überraschender ist das Ergebnis des Selbstexperiments, zu dem sich die Journalistin Witt aufgemacht hatte. Erschüttert und einsam nach dem plötzlichen Ende einer langen Beziehung war sie nach San Francisco aufgebrochen. Die Metropole gilt auch nach dem Ende der Hippiebewegung als Anlaufstelle für Menschen, die die freie Liebe in ihrer vielleicht modernsten Form suchen. Witt wagte ziemlich viel: One-Night-Stands, esoterische Sex-Seminare und Besuche in Swinger-Clubs. Ihre Erkenntnis: Die meisten Menschen suchen ungeachtet der modernen Möglichkeiten auch weiterhin nach der großen Liebe, dem einen festen Partner, dem sie vertrauen können und dem sie angehören.

Der Traum von der “wahren Liebe“

Experten wie die aus der Dokumentation “Make Love“ bekannte Sexualtherapeutin Ann-Marlene Hennig überrascht das nicht. “Freie Liebesformen wie die Polyamorie hat es immer mal wieder gegeben. Ich denke aber, das ist eine Modeerscheinung“, sagt sie. “Sicherlich gefällt es uns, so frei zu sein, am Ende aber suchen wir das Vertrauen, den einen Menschen, dem wir nah sein können.“

Gemeint ist eine Art “hidden level“ einer Beziehung. Eine einzigartige Sicherheit, die sich ergibt, wenn beide Partner fest zueinanderstehen. Wissenschaftler sehen darin einen möglicherweise noch viel größeren Gegentrend zur polyamourösen Strömung unserer Zeit. Im Umfeld von Clickbaiting und Selfie-Narzissmus wächst eine Sehnsucht nach Romantik und nach einer wahren Liebe, die Paare mit ernsthafter Beziehungsarbeit auch in schnelllebigen Zeiten erreichen können. Der Berliner Psychologe und Paartherapeut Wolfgang Krüger beschreibt es so: “Nehmen Sie den Moment, in dem sich zwei Menschen gegenüberstehen und einfach nur in die Augen sehen – etwas Stärkeres, etwas Emotionaleres gibt es einfach nicht. Dafür müssen sie sich nicht einmal berühren.“

Von Dany Schrader

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