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Anschläge, Attentate, Angst

Das Jahr des Terrors Anschläge, Attentate, Angst

Kaum ein Monat ist vergangen, in dem nicht ein mörderisches Attentat die Welt erschüttert hat. Europäer, Amerikaner, Syrer trauern miteinander. Die Politik aber tut sich schwer mit einer Strategie über Grenzen hinweg. Nur langsam merken viele: Der Kampf gegen den Terror ist keine Glaubensfrage.

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Auftakt des Grauens: Am ­7. Januar überfallen zwei Islamisten das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" und ermorden zwölf Menschen.

Quelle: afp
Der "Islamische Staat" lehrt die Welt das Fürchten

Es ist so leicht zu vergessen, dass es nicht nur "um uns" geht. Es sind 16 Franzosen, die am 7. und 9. Januar in der Pariser Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" und in einem jüdischen Supermarkt ermordet werden. Es sind ­20 Touristen aus Europa, Südamerika, Australien, die am 18. März in Tunis von zwei Attentätern erschossen werden. Es sind auch europäische Touristen, denen ein Attentäter mit Maschinengewehr am 5. Juli an einem Hotelstrand in Tunesien auflauert.

So geht es weiter, das ganze Jahr über: 102 Tote, 500 Verletzte bei einer Friedensdemonstration in Ankara, 224 Tote, fast alle russische Urlauber, beim Bombenanschlag auf eine Boeing über dem Sinai, 130 Tote bei den Anschlägen des 13. November in Paris.

Es geht nicht nur um uns

Und jedes Mal meldet sich der "Islamische Staat" (IS) zu Wort. Meist als Drahtzieher in Bekennerschreiben, manchmal nur als Sympathisant und Inspirator. Jedes Mal auch fühlen sich die aufgeklärten Demokratien als Ganzes angegriffen. Wir sehen "unseren Lebensstil", "unsere Freiheit", "unsere Toleranz" missbraucht und bedroht.

Was wir allzu leicht dabei vergessen: Es geht nicht nur um uns. Die Extremisten des IS wollen mehr, als nur die Welt des freien Gedanken-, Waren- und Kulturaustauschs zu schwächen und "die Ungläubigen", "die Ausschweifenden" an sich selbst zweifeln zu lassen.  So, wie es Al-Kaida einst mit der Dramatik des 11. September gelungen ist.

Die Scharia als Maßstab

Die fundamentalistischen Sunniten des IS wollen Macht. Sie gehen strategisch zielstrebig dabei vor. Sie haben eine staatsähnliche Struktur geschaffen, das Kalifat in einem Teilgebiet Syriens und des Iraks. Mit Gewalt halten sie ein Territorium unter Kontrolle, das Keimzelle eines weltumspannenden Netzes werden soll. Die Scharia ist dabei Maßstab allen Handelns.

Die Bekennerbriefe und die Parolen in den Enthauptungsvideos aber zeigen: Das größte aller Ziele der Dschihadisten ist die "Erlösung" der Welt von allen antiislamischen Kräften. Von allen Kräften gar, die auch nur anders islamisch sind als sie selbst. Ein toleranter Islam? Ein islamischer Staat, in dem Religiosität und Rechtsstaatlichkeit kein Gegensatz sind? Teufelszeug. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Die islamische Welt leidet am meisten

Und so erlebt vor allem die islamische Welt die ganz Wucht des islamistischen Terrors. Tagtäglich. Drei beliebige Tage im November, im Irak: In Bagdad sprengt sich ein IS-Attentäter bei einer schiitischen Beerdigung in die Luft, reißt 21 Menschen in den Tod; in Ekreschat werden 22 Beamte auf ein Feld geführt und hingerichtet; in Ninive holen die Mörder des IS 45 Zivilisten aus ihren Häuser und köpfen, erschießen, hängen sie.

Europa, Russland, die USA suchen nach einer gemeinsamen Antwort. Sie sind der Lösung am Ende dieses Jahres nicht viel näher gekommen. Aber immer deutlicher wird: Es geht nicht nur um uns. Dies ist kein Krieg von Muslimen gegen Nichtmuslime. Dies ist ein Krieg gegen die gesamte Menschheit.

Von Susanne Iden

Paris wankt, aber Paris fällt nicht

Regelmäßig treffen wir uns nach der Arbeit in der Bar "À la Bonne Bière". Am frühen Abend scheint hier die Sonne auf die Terrasse. Sie legt ein besonderes Licht auf dieses Ausgehviertel von Paris, zwischen dem Platz der Republik und der Metrostation Oberkampf. Und wenn sie untergegangen ist, hallt das Lachen der Menschen noch lange die Straßen entlang.

Wohl genau deshalb schossen am Freitag, dem 13. November, islamistische Terroristen wahllos auf Menschen, die hier beisammensaßen. Fünf wurden tödlich getroffen. Drei Wochen später hat das Café wieder geöffnet. Die Fenster sind repariert, es ist voller denn je. Anfang des Monats hat hier UN-Generalsekretär Ban Ki Moon demonstrativ einen Kaffee getrunken, als er für die Weltklimakonferenz in Paris war.

Ausgehen als Widerstand

Am Haus hängt ein Plakat: "Je suis en terrasse", "Ich bin auf der Terrasse". Es will sagen: Wir lassen uns nicht kleinkriegen von Fanatikern. Ausgehen ist unsere Art des Widerstands. "Fluctuat nec mergitur", "Sie wankt, aber sie fällt nicht", lautet das Motto der Stadt, das zeitweise auf den Eiffelturm projiziert wurde. Nie schien es wahrer zu sein. Paris lebt weiter. Hat es eine Wahl?

Allerdings lässt sich Furchtlosigkeit nicht verordnen, und die Rückkehr in den Alltag braucht Zeit. Konzertsäle, Hotels und Restaurants haben viel weniger Besucher. Man gewöhnt sich an die vielen Polizisten und Soldaten in den Straßen. Paris ist verletzt, in seinem Herzen, seiner Freude und Lebenslust.

2015 wird in Erinnerung bleiben als das Jahr, das mit Terror begann und mit Terror endete. Groß war die Erschütterung im Januar, als drei Extremisten bei Anschlägen auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt 17 Menschen töteten.

Die Gefahr war bekannt

In der Folge verschärfte die Regierung ihre Anti-Terror-Gesetzgebung, gab den Geheimdiensten noch mehr Befugnisse beim Abhören und Sammeln von Daten. Mehrere Anschläge wurden verhindert, teilweise durch unglaubliche Zufälle wie in einem Zug von Amsterdam von Paris, wo US-Soldaten, die gerade Urlaub machten, einen schwer bewaffneten Mann überwältigten. Man wusste um die Gefahr – aber eine Anschlagsserie wie im November schien doch unvorstellbar.

Dass sich diesmal jeder bedroht fühlt, steigert das Bedürfnis nach Zusammenhalt. Präsident François Hollande tritt als standfester Landesvater auf, seine Beliebtheitswerte steigen. Zugleich wird der rechtsextreme Front National gestärkt, der gegen Fremde wettert und eine Schließung der Grenzen fordert. Der fulminante Sieg bei den Regionalwahlen schallt wie ein Signal der Furcht durch Frankreich.

Am Ende dieses Jahres erscheint es als gebeuteltes Land. Aber die Anschläge ließen die Menschen auch zusammenrücken. Noch immer bringen sie Blumen, Kerzen und Gedichte zu den Tatorten, die Mut machen. "Ich bin Paris" steht auf Plakaten oder: "Sie wollten uns verscharren, aber sie wussten nicht, dass wir Samen sind."

Von Birgit Holzer

Das hat uns 2015 bewegt
Boko Haram in Nigeria

Seit der Jahrtausendwende verbreitet die islamistische Terrortruppe Boko Haram ("Bücher sind Sünde") unfassbares Leid im Norden Nigerias. Ihre Kämpfer entführen, vergewaltigen und ermorden christliche Frauen und Kinder, zünden Schulen an, entvölkern ganze Dörfer. Die Bilanz 2015: mindestens 3500 Tote.

Quelle: afp
Anschläge in Tunesien

Der Attentäter hat sein Maschinengewehr in einem Sonnenschirm versteckt. Als am Mittag des 26. Juni die Urlauber in Port El-Kantaoui auf ihren Strandliegen träumen, schlägt der tunesische Student zu. Er mäht die Menschen mit seiner Kalaschnikow nieder, fragt gezielt nach Briten. 38 Urlauber sterben. Tunesische Angestellte des Hotels Bellevue Park stellen sich zwischen den Attentäter und ihre europäischen Gäste. Sieben Tunesier werden verletzt.

Quelle: dpa
Flugzeugabsturz auf der Sinai-Halbinsel

Lange weigern sich alle Seiten, an Terror zu glauben. Schließlich steht fest: Für den Absturz eines russischen Jets am 31. Oktober über dem Sinai ist der „Islamische Staat“ verantwortlich. 224 Russen sterben. Russlands Präsident Wladimir Putin greift an der Seite von Präsident Assad in den syrischen Bürgerkrieg ein.

Quelle: dpa / Russian Emergency Ministry
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