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Wir entdecken unsere Feinde

Anschläge in Paris Wir entdecken unsere Feinde

Die Deutschen dösten in der Nacht zum vorigen Sonnabend schon angenehm vor sich hin. Dann kamen die Terrornachrichten aus Paris – und kündeten von etwas Epochalem. Ein Feind wurde sichtbar, gegen den wir uns wehren müssen: eine unerhörte Entdeckung für eine weichgespülte Wellnessgesellschaft.

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Gedenken und Trauer nach den Anschlägen in Paris.

Quelle: dpa

In einem vollen Saal das Gewehr erheben. Eiskalt in eine wehrlose Menschenmenge feuern, ein Opfer nach dem anderen niedermähen. Ein neues Magazin nachladen. Nachsehen, wer sich noch regt. Dann weitere Salven auf die sich schon am Boden in ihrem Blut krümmenden Verwundeten abgeben, bis schließlich alle tot sind. Wie kann ein Mensch mit normalen Gehirnfunktionen so etwas Grausames tun? Die Antwort ist schlicht. Das Gehirn des Täters muss auf irgendeine in ihm installierte Logik zurückgreifen können, die ihm sagt: Diese Menschen haben kein Recht auf Leben.

Die Geschichte ist voller Beispiele für solches Denken. Im Mittelalter schlugen Christen auf Ungläubige ein und verbrannten auch Hexen, alles im Namen des Herrn. Bei den Nazis gab es nichtswürdige "Untermenschen", die durfte man getrost töten und verbrennen, auch wenn man im bisherigen Leben gar nichts Böses getan und vielleicht als kleiner Beamter gearbeitet hatte.

Lizenz zum Töten

In den Siebzigerjahren töteten die jugendlichen Killer von Pol Pot in Kambodscha jeden, der aus Gründen irgendeiner Eigentümlichkeit der geplanten "Stunde null" im Wege stand. Die Roten Khmer wollten eine Reset-Taste für eine ganze Gesellschaft betätigen, um Voraussetzungen für einen perfekten Kommunismus zu schaffen. Die Folge waren rund eine Million Tote in den Killing Fields. Um ins Visier der Jungs mit den Gewehren zu geraten, genügte es zum Beispiel, dass ein älterer Mann eine Brille aufhatte. Dann hatte er vielleicht Bücher gelesen. Und damit passte er nicht in die neue Zeit. Also: Feuer frei.

Im Fall des Terrors von Paris lieferte die nötige Logik die radikalislamische Ideologie. Die Lizenz zum Töten kann man sogar ausführlich nachlesen. Im Bekennerschreiben des "Islamischen Staats" zu der "gesegneten Attacke"  heißt es, im Bataclan-Konzertsaal, wo ein Großteil der Opfer zu beklagen war, hätten sich Hunderte "Ungläubige" versammelt. Im Wort "Ungläubige" liegt der Hinweis zum Durchladen. Nach der IS-Ideologie sind schon die "Kreuzfahrer" (Christen) schlimm. Ungläubige aber sind "schlimmer als das Vieh." Entsprechend dieser Kategorisierung wird mit ihnen verfahren.

Schriller Weckruf

Joschka Fischer stellte schon im Jahr 2005 in seinem Buch "Die Rückkehr der Geschichte" fest: In diesem radikalislamischen Denken liegt die größte totalitäre Bedrohung unserer Zeit. Damals taten viele solche Warnungen als das Blabla außenpolitischer Spezialisten ab. Heute, zehn Jahre später, während verstümmelte Opfer des 13. November in Pariser Kliniken noch um ihr Leben ringen, bejubelt der IS in einer atemberaubenden Erklärung seine Mordbanden: "Eine Gruppe, die sich vom irdischen Leben getrennt hat, ist zum Feind gegangen, hat den Tod gesucht in Allahs Weg, hat seiner Religion Hilfe geleistet, seinem Propheten und seinen Getreuen, und hat seine Feinde erniedrigt. Allah hat ihre Hände geführt und Angst in die Herzen der Feinde gebracht."

Feind, Feind, Feind: Es wird Zeit, dass bei so viel demonstrativer Feindseligkeit nun auch die Letzten im Westen ihrerseits den IS als Feind erkennen. Für die deutsche Gesellschaft kommt damit ein schriller Weckruf. Nur widerwillig legen viele jetzt den schönen Schweden-Krimi beiseite und lassen sich zögernd ein auf eine Betrachtung der leider sehr realen neuen Unerquicklichkeiten. Ein Fußballspiel wird in letzter Minute abgesagt, ein Länderspiel noch dazu? Wie kann so etwas sein?

Der reflexhafte Versuch der Verdrängung ist erneut zu spüren. Mancher behilft sich dieser Tage, indem er erst mal das in der Tat inflationäre Gerede vom "Krieg" zurückweist. Und es ist ja auch wahr: Noch schlagen die Völker nicht aufeinander. Den Gedanken der Feindschaft aber muss man zulassen. Man verkennt sonst die Wirklichkeit. Und man verzichtet sonst auf eine Erfolg versprechende, eine sogar kreative, vorwärtsweisende Art des Umgangs mit dem IS.

Feindschaft lässt sich nicht wegwünschen

Feindschaft? Für viele ist das eine Art verbotener Gedanke. Man ist es gewohnt, dass im Zweifel jeder noch immer irgendwie jeden integriert, in der Nachbarschaft, in der Familie, im Berufsleben. Feindschaft lässt sich aber nicht einseitig wegwünschen. Wenn der IS dabei bleibt, uns schon wegen des Besuchs von Konzerten, Cafés und Fußballspielen als Feinde zu sehen, existiert eine Feindschaft, ob wir wollen oder nicht.

Hören wir endlich auf, die Feindschaft zu leugnen. Besser wäre es, ein klares, neues Ziel zu setzen: Der Feind muss besiegt werden. Das bedeutet keineswegs Krieg. Schon vor Hunderten von Jahren wusste man, dass es unklug sein kann, in unkalkulierbare Schlachten zu ziehen. Es geht ja auch anders. Besiegt ist der Feind, wenn er, am Ende eines vielleicht komplexen Spiels, seine Macht verloren hat: politisch, psychologisch, ökonomisch.

Der Fürst, so lehrte es Niccolò Machiavelli schon im 16. Jahrhundert in Florenz, darf es nicht versäumen, dem Feind zu schaden. Diese Mahnung gelte auch in subjektiv als gut empfundenen Zeiten. Und sie gelte gerade für jene Politiker, die den Frieden lieben und Krieg vermeiden wollen. Mit Blick auf den IS hat Europa leider seine eigenen klassischen Lehrmeister ignoriert.

Zeit für psychologische Schubumkehr

Wir alle haben versäumt, dem Feind zu schaden. Es war uns viele Jahre lang ganz egal, was etwa in Syrien, in Libyen, auch in Ägypten geschah: lauter komplizierte, ferne Länder mit Ypsilon. Auch innerhalb Europas haben wir Fehler gemacht. Es ist gut für den IS, wenn er in desintegrierten Wohnvierteln unerkannt agieren kann. Dem Feind schaden hieße hier: mehr Integration. Es ist gut für den IS, wenn Rechtspopulisten über Flüchtlinge und Moslems herziehen. Dies begünstigt einen Schulterschluss zwischen radikalen und friedlichen Moslems. Dem Feind schaden hieße hier: radikale Moslems und die große Mehrheit der friedlichen auseinandertreiben, nach uralten Prinzipien politischer Einflussnahme.

Es ist gut für den IS, wenn Menschen Angst haben. Deshalb dreht er Videos mit Enthauptungen, deshalb lässt er Opfer in Käfigen verbrennen. Aus syrischen Dörfern flohen viele schon, wenn sie nur Jeeps mit den schwarzen Fahnen des IS sahen; man fürchtete, bald würden Köpfe auf Zäune gespießt. Der IS musste nicht mal kämpfen, um zu herrschen, er projizierte einfach Angst.

Es wird Zeit für eine psychologische Schubumkehr. Die westliche Welt hat durchaus Möglichkeiten, den IS nicht nur mit Drohnen und Bomben zu bekämpfen. Man kann ihn auch lächerlich machen, ihm Geldströme abdrehen, seinen Feinden Geld geben, ihn verwirren, ihn verhöhnen, ihm eine Nase drehen. Man kann auch vor Ort in Deutschland etwas tun, etwa der syrischen Familie, die vor dem Terror nach Deutschland geflohen ist, Fahrräder schenken oder dem Sohn Deutsch-Nachhilfe geben. Auch so etwas vertieft den Graben zwischen friedfertigen Moslems und der radikalen Minderheit. Dies alles schadet dem Feind.

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