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Auch die Seele muss ankommen

Flucht in eine neue Heimat Auch die Seele muss ankommen

Auf der Flucht vor Krieg und Not landen täglich Tausende Menschen in Deutschland. Doch was bedeutet ankommen eigentlich? Reichen ein Aufenthaltstitel, ein Sprachkurs und ein Dach über den Kopf, um sich hier zu Hause zu fühlen? Gedanken und Geschichten über die Heimfindung in einem fremden Land.

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Auf einer Reise mit ungewissem Ausgang: Syrische Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU.

Quelle: afp

Reisen zu fernen Zielen können eine eigenartige Melancholie auslösen. Die Menschen sind froh, am Ziel zu sein, ihr inneres Gleichgewicht aber ist gestört. Dazu gibt es eine trostvolle Geschichte. Es ist die Geschichte von einem Indianer, der mit einem Bus gereist ist und mehrere Male darum bat, aussteigen zu dürfen. Dann setzte er sich an den Wegesrand und kletterte erst nach einer Weile wieder in den Bus. Beim zweiten oder dritten Mal fragte ihn der Busfahrer, was er denn tue. "Ich warte auf meine Seele", gab er zur Antwort. "Sie ist nicht so schnell wie der Bus."

Der Indianer lehrt uns, dass das Ankommen ebenso zu einer Reise gehört wie das Unterwegssein. In den Herbergen auf dem Jakobsweg liegen oft Ratgeber für Pilger aus. In einem Buch, gesehen kurz vor dem Ziel in Santiago de Compostela, heißt es, man solle sich für das Ankommen so lange Zeit lassen wie für das Reisen selbst.

"Wir Biodeutschen"

Menschen, die vor vielen Jahren aus einer fernen Heimat zu uns gekommen sind, stellen wir gerne die Frage, wie lang es denn gedauert habe, bis sie "bei uns" angekommen seien. Hinter diesen Menschen liegt aber nicht einfach eine Reise. Sie waren auf der Flucht vor einem Leben, das ihnen nicht mehr lebenswert schien. Wir fragen sie nicht, wie lange ihre Seele aus Afrika, aus Polen, vom Balkan oder aus dem Nahen Osten hierher gebraucht habe, die Frage nach der Seele klingt uns dann doch zu intim.

Stattdessen wollen wir ganz praktische Dinge wissen: Wie lange hat es gedauert, bis ihr Arbeit gefunden habt, eine Wohnung? Wie habt ihr Freunde gefunden, wann seid ihr in den Sportverein gegangen, und wann habt ihr euer erstes Auto gekauft? Dass wir die Leute ausfragen, ist nicht verwerflich. Es steckt ja auch keine unziemliche Neugier dahinter, eher Anteilnahme.

Wir Einheimischen – wer es mag, möge den neuen Ausdruck "wir Biodeutschen" verwenden – kennen diese Entwicklung vom Fremden bis zum Nachbarn und Mitbürger ja nicht aus eigenem Erleben. Wer hier geboren ist, für den ist das Hineinwachsen in die Gesellschaft genauso selbstverständlich wie das Hineinwachsen ins Leben. Für die Flüchtlinge aus Krisengebieten ist das Hineinfinden in die deutsche Gesellschaft kein bisschen selbstverständlich. Wenn wir Neubürger, die schon eine Weile hier sind, fragen, wie sie diese Zeit ihres Lebens in Erinnerung haben, dann steckt darin auch eine Chance. Vielleicht kann man es jenen, die nachkommen, ein wenig leichter machen?

Auf der Flucht

Auf dem Weg, um irgendwann anzukommen.

Quelle: dpa

Die Flüchtlinge, die in diesen Wochen und Monaten in unser Land kommen, gleichen eher dem Indianer auf der großen Reise. Die amtlichen Stellen fragen sie, in welcher Region unseres Landes sie künftig wohnen wollen, was sie können und was sie noch lernen wollen. Welche Fertigkeiten sie mitbringen, ob sie vielleicht einen Führerschein haben.

Aber wir fragen sie nicht nach ihrer Seele. Ist die vielleicht zurückgeblieben in Syrien? Ist sie vielleicht untergegangen im Mittelmeer, auf der Strecke geblieben an der ungarischen Grenze? Ist sie gestorben auf dem Balkan? Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass wir nicht bereit sind, den Flüchtlingen so viel Zeit zu lassen wie der Busfahrer in der Geschichte dem reisenden Indianer.

Die Flüchtlinge sollen sich schnell integrieren. Darüber besteht gesellschaftliches Einvernehmen, auch politisches. Die Politiker machen selbst Druck. Der innenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, zum Beispiel sieht die Bundeskanzlerin in der Pflicht. Angela Merkel habe bedauerlicherweise "relativ spät angefangen, den Menschen zu erklären, in welcher Situation wir sind". Das mit der Integration sei halt nicht so einfach: "Das sind nämlich nicht alles nur Universitätsprofessoren, Ingenieure oder Ärzte, das sind auch viele Menschen, die keine Schulausbildung mitbringen. Das müssen sie auch nicht, wenn sie einen Anspruch auf Schutz haben." Es ist banal, was Beck sagt, aber es klingt so, als würden wir das alle übersehen.

Seelische Verwundungen

Was wir womöglich übersehen, ist dabei etwas anderes. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin hat dieser Tage dringend geraten, auf Warnzeichen zu achten. Viele der Asyl- und Schutzsuchenden haben bei ihrer Flucht und Vertreibung Fürchterliches erlebt. Mindestens die Hälfte der Kriegs- und Folteropfer leide an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, die sich meist in Depressionen und Angstzuständen äußert.

Ob diese hohe Zahl so stimmt, ist im Augenblick nicht entscheidend. Und nicht immer sind die Traumata sofort offenkundig, bisweilen kehren die Erlebnisse erst nach Wochen, Monaten, ja sogar Jahren ins Bewusstsein zurück. Die Belastungen dieser Menschen aber werden früher oder später die Gesellschaft erreichen, die es lernen muss, damit umzugehen. Man kann das auch so verstehen: Die medizinischen Fachleute weisen uns darauf hin, dass wir die Frage nach der Seele nicht vergessen sollten. Wenn wir es nicht tun, können die Spätfolgen verheerend sein.

Wenn die Bundeskanzlerin sagt "Wir schaffen das", dann hat sie die Bewältigung der praktischen Fragen im Auge. Wir sollen rasch feste Unterkünfte für die Flüchtlinge bauen, Sprachkurse organisieren und Arbeitsplätze anbieten. Die Bürokraten sollen dabei mal nicht so preußisch vorgehen. Wir sollen nicht verzagen, wenn es einmal hakt, und immer daran denken, dass die Deutschen im Laufe ihrer Geschichte schon viele Integrationsleistungen vollbracht haben: die Flüchtlinge nach dem Krieg, ja und auch der erfolgreiche Prozess der Einheit. Das alles sei doch auch nicht leicht gewesen.

Auf der Suche nach Heimat

Warten hinter Zäunen und Stacheldraht: Die neuen Vertriebenen.

Quelle: afp

Nicht leicht, gewiss, aber auch nicht vergleichbar. Bei der deutschen Einheit machen wir uns keinen Druck, selbst nach 25 Jahren freuen wir uns über "riesige Fortschritte", trösten uns über fortdauerndes Unverständnis mit der Entschuldigung hinweg, es brauche halt alles seine Zeit. Die Heimatvertriebenen der Vierzigerjahre haben zwar Schicksale erlebt wie die heutigen Flüchtlinge, Demütigungen, Vergewaltigungen, Tod und Elend.

Im geschundenen Nachkriegsdeutschland, genauer: in der jungen Bundesrepublik, sind sie gewiss nicht freundlich aufgenommen worden, aber sie durften sich ihre seelischen Wärmestuben schaffen in Gestalt der Vertriebenenverbände. Die zeitweiligen Parallelgesellschaften hat niemand angeprangert, im Gegenteil, sie sind politisch hofiert worden. Immerhin, so ist man geneigt zu sagen, "stimmte" die Religion. Es waren Christen, die da kamen – und doch sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, wie lange es gedauert hat, die sogenannten Mischehen vom Ruch der Sünde zu befreien.

Wenn es beim stärksten Gefühl, zu dem der Mensch fähig ist, bei der Liebe, schon zwischen Protestanten und Katholiken über Hunderte von Jahren Probleme gab, wie lange geben wir uns Zeit, bis wir Verbindungen zwischen Muslimen und Andersgläubigen oder Ungläubigen für normal erachten? Hundert Jahre bestimmt nicht.

Suche nach dem Grundkonsens

Große gesellschaftliche Umbrüche zwingen dazu, sich darüber Gedanken zu machen, was der Grundkonsens einer Gesellschaft ist. Offensichtlich ist genau dazu in Deutschland die Neigung nicht besonders stark. Bassam Tibi, der deutsche Politikwissenschaftler syrischer Herkunft, hat vor mehr als einem Jahrzehnt eine Debatte über eine "deutsche Leitkultur" angestoßen und ist dafür schwer gescholten worden.

Die Rechten im Lande haben ihn bewusst missverstanden im Sinne von Deutschtümelei, die Linke hat ihn mit Begriffen wie "Sauerbratenkultur" veralbert. Dieser Tage hat er erneut die Frage gestellt, in welche Kultur wir die Millionen Flüchtlinge "hinein"-integrieren wollen. Die gängige Antwort: in die Rechtskultur unseres Grundgesetzes. Das ist gut und richtig – aber wieder wird die Seele vergessen.

Wann ist man "angekommen"?

Und noch eine Aufgabe stellt die Ankunft der Flüchtlinge den "Biodeutschen". Es scheint so, als müssten wir Einheimischen neu darüber nachdenken, was und vor allem wer "einheimisch", wer deutsch ist. Der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler Gerald Asamoah (Hannover 96, Schalke 04), ein gebürtiger Ghanaer, hat dazu kürzlich eine bezeichnende Geschichte erzählt. Seine Tochter, in Deutschland geboren, habe sich immer hier heimisch gefühlt, eher selten sei sie auf ihre Hautfarbe angesprochen worden. Das Kind hat, so dürfen wir vermuten, sich nie darüber Gedanken machen müssen, wie lange es gebraucht hat, um "hier" anzukommen.

Seit Kurzem aber werde sie, noch bevor man sie auf Deutsch hat plaudern hören, gefragt, ob sie ein Flüchtlingskind sei. Was wir daraus lernen, ist naheliegend: die Vorstellung, was deutsch ist, ist bei Vielen noch sehr stark von der alten, überwiegend monokulturellen Gesellschaft der Nachkriegsjahre geprägt. Erst wenn wir verinnerlicht haben, dass auch ein Mädchen mit dunkler Hautfarbe seit seiner Geburt hier "angekommen" ist, können wir auf unsere offene Gesellschaft stolz sein.

In Deutschland zu Hause: Was heißt das eigentlich?

Die folgenden Kurzporträts entstanden in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur.
Die Reihe "Neues Zuhause – Geschichten vom Ankommen" mit den vollständigen Radiointerviews und Hintergrundinformationen können Sie hier nachhören:
www.deutschlandradiokultur.de/neues-zuhause

Ihre Heimat ist die Bühne: Die Sängerin Tiana Kruksic

Ihre Heimat ist die Bühne: Die Sängerin Tiana Kruksic

Quelle: privat

Heimat: Für Tiana Kruksic ist dieser Begriff nicht an einen geografischen Ort geknüpft. Eher an die ihr nahen Menschen – und ihre größte Passion: "Zu Hause ist und bleibt für mich die Musik und die Familie. Alles andere ist so wandelbar und es kann von heute auf morgen zu Ende sein. Und deswegen lasse ich mich darauf nicht mehr ein, weil ich einmal so enttäuscht wurde, und ich sehe die Enttäuschung in den Augen meiner Eltern immer noch." Kruksic kennt sich aus mit schicksalhaften Umbrüchen: 1992, als Achtjährige, floh sie mit ihren Eltern vor dem Krieg aus ihrer Heimat Bosnien nach Deutschland.

Die neue Heimat erwies sich allerdings sehr lange Zeit nicht als sicherer Hafen: "Wir hatten ja zehn Jahre damit zu kämpfen, überhaupt hier bleiben zu dürfen. Unser Aufenthalt wurde alle zwei, drei oder sechs Monate immer nur verlängert, das heißt von Ankommen war nie die Rede." Ein Leben in permanenter Anspannung – was auch auf grundlegend menschlicher Ebene tiefgreifende Folgen hatte: "Man hat zwar Freunde kennengelernt, aber man hat sich immer eingeredet, nein, die darf man jetzt nicht anfangen zu lieben oder gerne zu haben, weil man sich eh wieder trennen muss."

Rückblickend beschreibt Kruksic die erste Zeit in Deutschland als einen Zustand zwischen den Stühlen: "Sowohl dieses zehn Jahre währende Nicht-gewollt-Werden als auch dieses Nicht-zurück-Können" – beides habe dazu geführt, dass die aus der Castingshow "The Voice of Germany" bekannte Musikerin eine Heimatvorstellung entwickelt habe, die frei sei von Ländern oder Städten. Dennoch zögert Kruksic nicht lange, als sie nach ihrem Lieblingsort gefragt wird: "Der Ort ist immer auf der Bühne. Da kann ich mich ausdrücken, da spricht die Musik durch mich, und ich spreche für die Musik, und das ist absolutes Heimatgefühl."

Zu Hause in der deutschen Sprache:  Der Schriftsteller Rafik Schami

Zu Hause in der deutschen Sprache: Der Schriftsteller Rafik Schami

Quelle: privat

Respekt, die Anerkennung, die ihm als Autor widerfährt – das ist ein entscheidender Grund, warum sich der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami in Deutschland zu Hause fühlt. Aber auch die deutsche Sprache sei ihm längst zu einer Heimat geworden, bekennt Schami, der 1971 als junger Schriftsteller vor dem Militärdienst und den Zensurbehörden aus Syrien über den Libanon nach Deutschland floh. Seit 1978 verfasst Schami seine Werke in deutscher Sprache. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, hat hier eine Familie und ein Haus – "und damit sind die Bestandteile einer Heimat gegeben", meint Schami.

Dennoch sei das Ankommen in Deutschland ein langer, mühseliger Prozess gewesen: "Ich war mir selber nicht sicher, dass ich hier bleiben würde", sagt der Autor. "Deshalb dauerte es auch aus meinem eigenen Verschulden so lange." Heute allerdings, mehr als 40 Jahre nach seiner Ankunft, kann Schami zu Recht behaupten, nahezu jeden Winkel Deutschlands zu kennen: "Durch meine Steuerberaterin habe ich herausgefunden, dass ich die letzten 30 Jahre hier schon 2320 Lesungen gemacht habe. Von daher ist es schwierig für mich, einen Lieblingsort zu nennen. Ich liebe Hafenstädte wie Hamburg und Bremen. Ich liebe Heidelberg, das in mir große Erinnerungen hervorruft. Ich liebe München, weil meine Frau Münchnerin ist", sagt Schami.

Deutschland ist für Schami eine Heimat mit vielen Wohlfühlorten. Denkt der 69-Jährige hingegen an Syrien, das Land seiner Geburt, kommt ihm lediglich ein Ort in den Sinn: "Damaskus. Weil die Stempel der Erinnerungen aus der Kindheit sehr davon geprägt sind." Ob Deutschland, ob die hier gemachten Erfahrungen ihn verändert haben? "Wir sind hier frei. Das hat mich sehr verändert, das hat mich mutiger gemacht. Hier lernte ich, das Leben zu genießen, ohne zu viele Gewissensbisse", ist Schami überzeugt.

Lebt den Beat Berlins: Der Künstler und Musiker Namito

Lebt den Beat Berlins: Der Künstler und Musiker Namito

Quelle: Namito

Berlin: Wenn der Komponist, DJ und Maler Namito einen Ort als Heimat bezeichnen würde, dann wäre es die quirlige Bundeshauptstadt: "Ganz speziell in Berlin fühle ich mich zu Hause, weil Berlin für mich noch mal eine eigene Liga darstellt. Wo Sachen, die mir wichtig sind, wie Toleranz und Freiheit, gelebt werden. Ich bin viel gereist in meinem Leben und habe viele Städte gesehen, aber hier ich bin ich zu Hause, hier ist meine Tochter geboren."

Es sind allerdings nicht nur familiäre Bezüge, die den 1971 in Teheran geborenen Künstler in besonderer Weise an Berlin knüpfen, es ist ebenso seine Karriere als eine Größe der Techno-Szene, die sich seit Ende der Achtzigerjahre wesentlich in der Spreestadt entwickelt hat. Eine Familie, beruflicher Erfolg, eine Stadt, in der man sich verwurzelt fühlt: Namitos Geschichte könnte glatt eines jener leuchtenden Beispiele sein, die Politiker gerne ins Feld führen, wenn sie von gelungener Integration sprechen.

Dabei war die Ankunft für den damals 13-Jährigen alles andere als angenehm: "Ich war super einsam, ja. Und das Wetter hat mich sofort deprimiert. Und dann kam ich aus einer großen Familie mit einem Riesenhaus in Teheran nach Deutschland zu einem strengen Onkel. Er wollte, dass ich Deutsch lerne, viel besser, als er das jemals gelernt hat – und das war schon sehr hart" Obgleich auch innerlich längst in Deutschland angekommen, hält Namito an seinen iranischen Wurzeln fest. Wichtig ist ihm, dass auch seine Tochter Minou Persisch lesen und schreiben lernt. Denn auch Sprache ist Heimat.

Fühlte sich nicht willkommen: Die Autorin Olga Grjasnowa

Fühlte sich nicht willkommen: Die Autorin Olga Grjasnowa

Quelle: privat

Deutschland war für Olga Grjasnowa zunächst ein freudloses Land. Lange habe sie gefremdelt, gesteht die 1984 in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, geborene Schriftstellerin: "Ich kam im Alter von elf Jahren, also mitten in der Pubertät. Anfangs war es ziemlich schwierig. Zum einen, weil ich natürlich die Sprache nicht kannte und eigentlich nichts verstand, was um mich herum vorging." Zum anderen, ergänzt Grjasnowa, sei das Umfeld ihrer ersten Jahre in Deutschland dem Gefühl willkommen zu sein eher abträglich gewesen: "Das war ein Dorf, später eine Kleinstadt. Und auch die Schule, auf die ich kam, war nicht gerade ausländerfreundlich. Ich hatte immer das Gefühl, an mir haftet irgendein Makel. Eigentlich die ganze Schulzeit hindurch."

Obgleich die Heimfindung für Grjasnowa ein zäher und von Selbstzweifeln begleiteter Prozess war, empfindet sie Deutschland inzwischen als Heimat: "Schon alleine, weil Deutsch die Sprache ist, die ich am besten kann. Und ich glaube so langsam habe ich das deutsche System auch mehr oder weniger verstanden." Die hochgelobte Autorin machte bereits mit ihrem 2012 veröffentlichten Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" Furore. Seit fünf Jahren lebt Grjasnowa, die am Leipziger Literaturinstitut studierte, nun in Berlin, einer Stadt, in der sie sich "gerade sehr wohlfühlt". Vor allem die quirligen, von kultureller Vielfalt geprägten Kieze in Neukölln und Kreuzberg haben es ihr angetan.

Wie lange Grjasnowa in Deutschland bleiben will, weiß sie selbst noch nicht so genau: "Alt werden, das ist schwer vorstellbar. Aber ich würde gerne die nächsten fünf Jahre hier bleiben", sagt die 31-Jährige. Grjasnowas Partner ist übrigens Syrer. Sollte es in Syrien eines Tages Frieden geben, dann würde er sicher gerne zurückkehren. Und dann, sagt Grjasnowa, würde sie natürlich mit ihm kommen.

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