Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Die Stadt der Alleswisser

Besuch in der Smart City Die Stadt der Alleswisser

Seit einigen Wochen ist Fujisawa, die erste Smart City der Welt, am Netz. Die Bewohner der vom Elektronikriesen Panasonic entwickelten Retortenstadt genießen Komfort und vorbildliche Umweltfreundlichkeit ihrer High-Tech-Häuser. Und nehmen dafür Rundumüberwachung und totale Datenerfassung in Kauf.

Voriger Artikel
Was bringt Mathematik fürs wirkliche Leben?
Nächster Artikel
Fack ju Göthe?

Sicher, komfortabel, nachhaltig – und rundumüberwacht: In Fujisawa ist die erste funktionsfähige Smart City der Welt entstanden. Ein Besuch.

Quelle: FujijawaSST

Das Wohnzimmer von Takamasa Goto sieht aus wie ein Urwald.  Überall stehen Pflanzen, sogar die Kissen auf dem Sofa sind grün. Aber die Naturliebe des Unternehmensberaters mischt sich mit reichlich Hightech: ein hochmoderner Luftbefeuchter, eine hypersensible Klimaanlage, ein riesiger Flatscreen – und an der Wand ein Sensor, der Takamasa Goto verrät, ob er auch alles richtig macht in seinem Leben.

"Bisher sind wir wirklich gut", nickt der 42-Jährige, leger gekleidet, barfuß und mit Lesebrille. "Im Moment verschwenden wir wirklich keinen Strom. Sobald sich das ändert, geht hier ein Alarm los. Hab’ ich so eingestellt." Vielleicht gehört das im 21. Jahrhundert ja sogar zusammen, die Liebe zur Natur und die Hingabe an die Technik. In Fujisawa jedenfalls, dort, wo 200 japanische Familien das Leben der Zukunft schon einmal vorleben.

Urbanes Dasein der Zukunft

Grünen Tee bereitet Takamasa Gotos Frau mit einem Solarkocher zu. Durch die großen Fenster des 120-Quadratmeter-Häuschens fällt das Sonnenlicht in alle Räume – und wenn doch einmal die Deckenlampe angeknipst wird, schaltet sie sich automatisch wieder aus, sobald sich niemand im Zimmer befindet.

Der Backofen funktioniert mit Timer, in Dusche und Toilette machen Luftbläschen das Wasser voluminöser, sodass Herr und Frau Goto nur halb so viel Wasser verbrauchen wie in ihrem alten Haus. Draußen vor der Tür tankt ihr Hybridwagen Strom aus der Steckdose – auf seinem Smartphone sieht Takamasa Goto, wann die Batterie voll ist.

So lebt man in Fujisawa, der auf dem Reißbrett gebauten Smart City im Süden von Tokio, der ersten weltweit, die bereits bewohnt ist. Seit Ende 2014 sind die ersten Häuser fertig, mittlerweile leben hier gut 200 Familien. Es könnte so etwas wie das Modell für das urbane Dasein der Zukunft sein.

Komplett erfasst: Die Bewohner der Smart City können alle Verbrauchsdaten kontrollieren – und sollen sich mit anderen vergleichen.

Komplett erfasst: Die Bewohner der Smart City können alle ihre Verbrauchsdaten kontrollieren und mit anderen vergleichen – das soll zur Sparsamkeit anspornen.

Quelle: Lill

Praktisch alles ist hier energiesparend, umweltschonend und intelligent vernetzt: An den Parkplätzen für das Carsharing-System mit Hybridautos stehen Stromzapfsäulen, unter Solarpaneelen an den Wegesrändern warten Steckdosen für den Notfall eines katastrophenbedingten Blackouts. Im Gemeindezentrum stehen Pflegeroboter für die Älteren bereit, Kinderbetreuung gibt es rund um die Uhr.

Weltweit herrscht seit einigen Jahren Begeisterung für intelligente Konzepte des Städtebaus. Schließlich wird sich der Anteil der Menschen, die in Stadtgebieten leben, nach Prognosen der Vereinten Nationen von heute rund 50 Prozent in den nächsten drei Jahrzehnten auf 80 Prozent erhöhen. Grüner, ressourcenschonender zu leben wird dadurch noch wichtiger.

Um diese Herausforderungen stemmen zu können, müssen in den nächsten 15 Jahren weltweit gut 40 Billionen Euro investiert werden, hat die Forschungsabteilung der Deutschen Bank ausgerechnet. Längst vermarkten sich Multitechnikkonzerne wie Siemens, IBM, General Electric, Toshiba, Fujitsu oder Hitachi als Rundumexperten für ein lückenlos geregeltes Leben. Der erste Konzern, der den Härtetest in der Wirklichkeit macht, ist Panasonic.

Sparsam, sicher, komfortabel

Noch vor nicht allzu langer Zeit hat das 1918 gegründete japanische Unternehmen, das zu den weltweit größten Herstellern von Unterhaltungselektronik und Elektrogeräten gehört, in Fujisawa Fernseher, Ventilatoren und Kühlschränke gebaut. Als das Geschäft aber kollabierte, die Fabrik für einige Zeit stillstand, kam die Konzernspitze 2007 auf eine neue Idee: Die verschiedenen Geschäftsfelder wie Robotik, Konsumentenelektronik oder Mobilitätstechnologie wollte man zu einem neuen Projekt verschmelzen.

Lange wurde geplant, gemeinsam mit der Lokalregierung der 400 000-Einwohner-Stadt Fujisawa und dem Staat. Mehr als 60 Milliarden Yen (rund 465 Millionen Euro) wurden investiert, dann stand auf dem 19 Hektar großen Gelände die erste voll funktionierende Smart City der Welt. "Für die nächsten 100 Jahre wollen wir nachhaltiges Wohnen prägen", prahlt Katsuyuki Ito, ein Sprecher von Panasonic. "Jeden Monat ziehen neue Leute hierher, das Konzept ist sehr beliebt."

3000 Menschen sollen dicht an dicht in der Siedlung leben, wenn sie ganz fertig ist. Rund 500 000 Euro kostet ein Haus, jedes sieht gleich aus: weiße Wände, blaues Dach. Überzeugen soll die Siedlung vor allem in Sachen Sparsamkeit, Sicherheit und Komfort. In Japan ist das ein schlagendes Verkaufsargument: Mit noch höherem Tempo als in Deutschland und anderen europäischen Ländern altert hier die Bevölkerung, neuer Pflegebedarf entsteht – und damit die Nachfrage nach klugen Wohnlösungen.

Abkehr vom traditionellen Bauen

Für den Konzern aus der Metropole Osaka könnten Smart Citys tatsächlich ein Riesengeschäft werden. Neuland ist das Bauwesen für Panasonic aber nicht. Mit der Sparte "PanaHome" ist das Unternehmen schon seit Längerem im Geschäft. Weil es viel Stahl und vergleichsweise wenig Holz verwendet, wurde beim Erdbeben und Tsunami vom März 2011, bei dem 20 000 Menschen starben und rund 300 000 ihr Zuhause verloren, kein "PanaHome"-Haus zerstört – das betonen Offizielle gerne.

Neben der Robustheit haben die Baumaterialien noch einen Vorteil: Typische japanische Häuser sind oft mit dünnen Wänden gebaut, "PanaHome" achtet dagegen auf gute Wärmedämmung – was langfristig Geld spart. Gerade in Japans heißen Sommern, wenn die Klimaanlagen rund um die Uhr laufen, oder in den kalten Wintern, wenn in den meisten Häusern intensiv geheizt werden muss. Der Stromverbrauch des ostasiatischen Landes ist enorm.

"Wir wollen das unbedingt ändern", sagt Katsuyuki Ito, ein smarter Typ im weißen Hemd, und spaziert mit großen Schritten durch die Wohnsiedlung. "Bis 2018, wenn Panasonic 100 Jahre alt wird, wollen wir das umweltfreundlichste Technologieunternehmen der Welt sein."

Durchdacht bis ins Detail: Die Wege der Siedlung sind breit genug, um Sonnenlicht und Luftzirkulation auszunutzen.

Durchdacht bis ins Detail: Die Wege der Siedlung sind breit genug, um Sonnenlicht und Luftzirkulation auszunutzen.

Quelle: FujisawaSST

Die Fujisawa-Siedlung ist als Flaggschiff gedacht. Die Wege wurden so angelegt, dass der Wind sie wie einen Kanal durchweht – und im Sommer für natürliche Kühlung sorgt. Entsprechend sind die Fenster in den Häusern gebaut, ebenso wie das Bodenmaterial der Wege, das je nach Temperatur Wärme absorbiert oder abgibt. "Unser wichtigstes Anliegen ist Energieeffizienz."

Ito muss es nicht aussprechen, sein Nicken und die zusammengepressten Lippen sagen alles: Seit der Jahrhundertkatastrophe von vor knapp fünf Jahren, bei der neben Erdbeben und Tsunami eine bis heute kaum kontrollierte Atomkatastrophe in Fukushima ausbrach, gehört die Energienutzung zu den kontroversesten Fragen des Landes. Mehr als die Hälfte der Japaner ist gegen Atomkraft. Mit Fujisawa will Panasonic das ganze Land mitreißen. Und die Zahlen deuten immerhin in diese Richtung.

Solarpaneele auf den Dächern und Brennstoffzellen daneben machen die Häuser fast energieautark. In der ganzen Ortschaft wiederum, die auch ein Einkaufszentrum einschließt, sollen 30 Prozent des Energieverbrauchs aus regenerativen Quellen kommen. Immerhin dreimal so viel wie der japanische Durchschnitt. Insgesamt wird der CO2-Ausstoß um
70 Prozent gegenüber herkömmlichen Siedlungen gedrückt, der Wasserverbrauch um 30 Prozent.

Lob für sparsame Bürger

Der größte Effekt aber ist der psychologische. Menschen, die gerade noch achtlos beim Zähneputzen das Wasser laufen ließen, entwickeln persönlichen Ehrgeiz – oder auch Kontrollzwang. Der Wettbewerbsdruck, der sich da im eigenen Heim aufbaut, ist gewöhnungsbedürftig. Takamasa Goto zappt sich durch die Kanäle seines Fernsehers, wohl kaum zufällig ein Produkt von Panasonic. Auf dem Infokanal wird dort sein täglicher Strom- und Wasserverbrauch zu allen Tageszeiten dokumentiert und mit dem Durchschnitt Fujisawas verglichen.

Wer besonders wenig verbraucht, erhält Auszeichnungen. Liegt die gesamte Siedlung wiederum jenseits der Zielsetzungen, werden die Bewohner von ihrem Beirat zur Sparsamkeit angespornt. Eine weitere Liste auf dem Bildschirm zeigt an, wie man noch weniger verbrauchen könnte. "Das Licht dimmen", steht da zum Beispiel. Takamasa Goto ist allerdings gut dabei, wie er findet. "Das, was die Solarpaneele auf dem Dach auffangen, kann durch die Lithium-Ionen-Batterie drei Tage lang gespeichert werden. Und wenn wir mehr generieren, als wir verbrauchen, dann können wir an den Stromanbieter verkaufen."

Takamasa Goto sieht richtig zufrieden aus, sogar stolz. Bei seinem Einzug ließ er sich das Haus mit der neuesten Panasonic-Klimaanlage einrichten, kaufte einen High-End-Kühlschrank dazu und achtete darauf, dass die Fenster doppelverglast sind, was in Japan nicht zum Standard gehört. Goto zappt weiter, zur persönlichen Energiebilanz, eine neue Tabelle öffnet sich auf dem Bildschirm: "Dieses Jahr hab’ ich bisher für 6000 Yen Strom eingekauft, aber für 20 000 verkauft." In seinem vorigen Haus musste er noch 80 000 Yen pro Jahr an Rechnungen zahlen.

Bewohner unter Beobachtung

Drei Minuten Fußweg trennen Gotos Haus vom Gehirn Fujisawas. In einem Raum voller Bildschirme, Rechner und Tabellen sitzt Masako Wada und vergleicht die Daten der Bewohner mit den Zielwerten. Hier wird nicht nur der Stromverbrauch überwacht, die Mitarbeiter haben auch einen Wochenplan für soziale Aktivitäten im Dorf im Auge und Zugriff auf die Bilder der Kameras auf Spielplätzen, Parkplätzen und Gehwegen.

Es wirkt ein bisschen wie Big Brother. Nein, es wirkt ganz entschieden wie Big Brother. Aber Masako Wada will sich auf den ökologischen Fußabdruck konzentrieren. "Bei den meisten Variablen wie Wasser, Strom und Gas erfüllen wir unsere Sollwerte", sagt die schmale Frau im dunklen Hosenanzug. Auch sie nickt, als sei es Teil des kulturellen Codes der Fujisawa-Gemeinde. "Mehrere Bewohner bei uns sind Nettostromverkäufer, aber nicht alle. Das hängt sehr vom Lebensstil ab."

Takamasa Goto gehört zu den Sparsamsten. Zufriedengeben will sich der Unternehmensberater damit aber nicht. "Den Wasserverbrauch wollen wir noch einmal radikal senken, nicht wahr, Schatz?" Die Eehfrau in der ultramodernen Küche stimmt zu und deutet nach oben. Auf dem Dach sammelt ein Kanister Regenwasser, das die Gotos durch ein Filtergerät laufen lassen und zum Kochen benutzen. Dieser Tage besorgen sie sich einen zweiten Behälter, dessen Speichermengen von der Toilettenspülung angezapft werden sollen.

Rundumüberwachung: Im "Gehirn" der Siedlung laufen alle Daten der Bewohner und Bilder von Überwachungskameras zusammen.

Rundumüberwachung: Im "Gehirn" der Siedlung laufen alle Daten der Bewohner und Bilder von Überwachungskameras zusammen.

Quelle: Lill

Fujisawa klingt wie eine bessere Welt, eine Welt vor allem, die das Überleben dieser Erde wahrscheinlicher macht. Aber Kritik an der schönen neuen Stadt der Alleswisser gibt es auch. Zuhauf. Was machen Stadtverwaltung und Rechenzentrum mit all den gespeicherten Daten, die die Smart City verspeist? Wie geschützt ist die Privatsphäre von Herrn Goto, wenn im gemeinsamen Gehirn der Stadt abgerufen werden kann, wann er zu Bett geht, wie oft er nachts noch einmal die Kühlschranktür öffnet und wie lange sein Auto vor welcher Tür geparkt hat?

Mindestens ebenso drängend ist die Frage: Verlieren die Menschen allmählich intellektuelle Fähigkeiten, wenn ihnen durch Automatisierung jedes erdenkliche Alltagsproblem abgenommen wird? Wenn sie nicht mehr nachdenken müssen über ihr Tun?

"Ja, das kann passieren und ist ein Muster, das wir aus der Geschichte der Innovationen schon kennen", sagt Masaru Yarime, Professor für Wissenschafts-, Technologie- und Innovationspolitik an der Universität Tokio. "Als man früher im Lebensmittelgeschäft einkaufte, rechnete man sich das Geld und Wechselgeld aus und konnte dadurch ganz gut kopfrechnen. Wir rechnen aber längst nicht mehr selbst und verlieren das Wissen darum allmählich."

Der Preis ist der gläserne Mensch

Auf ähnliche Weise, erklärt Yarime, können sich auch die Fähigkeiten der Menschen in einer Smart City verändern. Ein simples Beispiel: "Als Kind habe ich gelernt, immer das Licht auszuschalten, wenn ich einen Raum verlasse. In einer Smart City muss ich nicht mehr darauf achten. Man könnte sagen: Es handelt sich um einen Evolutionsprozess, in dem der Mensch bestimmte Qualitäten einfach nicht mehr braucht und sie deshalb womöglich verlernen wird."

Man könne es aber auch anders sehen, fährt Yarime fort: Gerade in der japanischen Kultur werde ein feines Gespür für Veränderungen der Umwelt und des Zusammenlebens traditionell großgeschrieben – und genau diese Achtsamkeit könne davor schützen, dass der technische Fortschritt den Menschen schleichend entmündige. "Schließlich wissen wir nicht im Vorhinein, wie sehr uns intelligente Technologien, die uns so viel abnehmen, verändern werden", meint Yarime.

Schon heute dringt das Sensorium der Technik tief in die Privat- oder gar Intimsphäre der Smart Citizens ein: Gläserne Menschen sind der Preis des Rundumkomforts.

Konzepte für eine alternde Elite

Professor Yarime hat kein Problem damit: "Die demografische Alterung der Gesellschaft schreitet in keinem Land der Welt so schnell voran wie in Japan, der Pflege- und Gesundheitsvorsorgebedarf steigt extrem schnell an. Hier kann uns Technologie helfen, wenn zum Beispiel Sensoren unseren Gesundheitszustand beobachten, wann immer wir das Badezimmer benutzen. Oder wenn sie wissen, wo wir uns gerade aufhalten, damit sie uns im Katastrophenfall besser schützen können."

So viele Vorteile smartes Wohnen dem Einzelnen auch bieten mag: Auf der großen Ebene warnen Stadtplaner davor, dass gerade bei konzerngelenktem Städtebau nur infrastrukturelle Lösungen geboten, die sozialen Fragen wie Privatsphäre, Armut oder Ausgrenzung aber vernachlässigt würden. Mit diesen Fragen muss sich auch Panasonic beschäftigen.

Die Technologie des Elektronikriesen wird zwar von der japanischen Regierung als Zukunftsmodell gelobt, richtet sich aber bislang vor allem an gut betuchte Menschen mit einem hohen Maß an Neugier, Sendungsbewusstsein – und einem Sinn fürs Materielle. An Menschen also wie Takamasa Goto und seine Frau.

"Langfristig wollen wir so sparsam sein, dass wir uns allein mit unserem verkauften Strom ein paar schöne Dinge leisten können", sagt der Unternehmensberater und lässt sich in die grünen Kissen seiner Couch fallen. Dann könnte Herr Goto all seinen Klienten vorrechnen, wie es geht, mit klugem Wohnen auch noch Geld zu verdienen.

Von Felix Lill

Interview mit Jens Libbe, Smart City-Experte und Sozialökonom
Jens Libbe

Der Sozialökonom Jens Libbe erforscht als Infrastrukturexperte Smart-City-Konzepte am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin.

Quelle: privat

Herr Libbe, die total vernetzte Stadt, ist das die Zukunft auch in Deutschland?
Da bin ich nicht so sicher. Unsere Städte sind, was sie sind  – alte Städte. Da lässt sich nicht, wie in den Planstädten auf der grünen Wiese, alles Öffentliche neu organisieren. Damit müssen wir schon leben. Andererseits sind wir auch hier in Neubaugebieten längst auf dem Weg zur Smart City, gerade bei der Stromversorgung und Energieeffizienz. Die Intelligenz einer Lösung für europäische Siedlungen wird sich aber daran bemessen, wie sie mit den vorhandenen Strukturen umgeht. Klug ist, was für unseren Ort machbar ist – in der sozialen Akzeptanz und in der Bezahlbarkeit. Was nützt die beste Technologie, wenn nur ein Emir aus Abu Dhabi sie bezahlen kann?

Ein Hype also, der zumindest hierzulande schnell verweht? Oder auch eine reelle Chance?
Beides. Natürlich ist das im Moment ein ziemlicher Hype. Auch, weil digitale Daten so etwas wie das Rohöl des 21. Jahrhunderts sind. Gerade die deutsche Industrie rechnet sich da riesige Marktchancen im globalen Wettbewerb aus. Zugleich bietet smarte Technologie aber auch reelle Chancen für unsere Städte. Digitalisierung kann zum Beispiel die Stadtverwaltung bürgernäher machen. Wenn ich beim Bürgeramt meinen Pass oder Personalausweis ohne Termin bestellen kann, online, auch mit Onlineunterschrift, dann macht das mein Leben leichter. Wir können städtische Prozesse neu organisieren, zum Beispiel bei der Stromversorgung oder im öffentlichen Nahverkehr wegkommen von alten Angebotspolitiken und hinkommen zu Dienstleistungen, die sich an der Nachfrage orientieren. Die Passagen für Fußgänger und Radfahrer rücken in den Mittelpunkt, die 200 Jahre alte Straßenbahn als Elektrogefährte ist wieder das städtische Transportmittel der ersten Wahl – und die raumgreifende Straße für den Autoverkehr wird immer weniger relevant.

Ist der Smart-City-Ansatz für gewachsene Städte da eher Ideengeber für die Modernisierung der Infrastruktur als ein Gesamtkonzept?
„Der“ Smart-City-Ansatz – ich bezweifle, dass man davon sprechen kann. „Smart technology“ berührt alle städtischen Lebensbereiche, muss aber nicht alle gleichzeitig verändern. Das kann in der Tat die Infrastruktur sein, Mobilität, die Organisation von Rathäusern; das kann sein, dass wir im ländlichen Raum zu telekommunikationsgestützten Verfahren in der medizinischen Vorsorge kommen, im Bildungsbereich mobile Angebote schaffen. Für mich als Stadtplaner steht im Mittelpunkt: Was haben die Menschen davon?

Ein Vorteil könnte sein: Smarte Technologie macht kleinere Einheiten wie Landgemeinden unabhängiger von den Angeboten der Zentren.
Da wäre ich vorsichtig. Sie bietet sicherlich eine Chance, um ländliche Räume gut mit Dienstleistungen zu versorgen. Aber dass diese dadurch autarker werden und sozusagen ihr eigenes Modell im Vergleich zu den großen Städten ausbauen, das bezweifle ich. Ich sehe dann mehr Unabhängigkeit, wenn es gelingt, auf Dauer neue und erwünschte Angebote zu schaffen. Allerdings: Das ist auch eine Generationenfrage. Sie können nicht von den heute alten Leuten auf dem Land erwarten, dass sie ihren Computer anstellen und sich ihre medizinische Beratung online organisieren. Das ist in 20, 25 Jahren vielleicht schon ganz anders.

Aber passt das überhaupt zu unserer Kultur, dieser permanente Datenaustausch?
Wir haben in Deutschland eine gewisse Tradition, was den Persönlichkeitsschutz angeht. Aber wir wissen auch, dass wir unglaublich nachlässig geworden sind mit unseren Daten. Selbst der kleinste Dienstleister hat inzwischen einen immensen Datenpool. Das ist auch die Krux der Smart City: Wie werden wir in Zukunft mit diesen Daten umgehen? Was ist, wenn ich den Anbieter wechseln will? Wem gehören meine Daten? Da klafft in der Debatte noch ein großes schwarzes Loch.

Interview: Susanne Iden

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema