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Bullshit-Jobs: Krank durch Unterforderung

"Boreout" Bullshit-Jobs: Krank durch Unterforderung

Nicht nur zu viel Arbeit verursacht Stress. Auch wer chronisch unterfordert ist, fühlt sich irgendwann krank. Grund für den Boreout ist nicht allein die Wahl des Jobs – sondern auch das Anspruchsdenken unserer Leistungsgesellschaft.

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Das gemeine Gegenstück zum Burnout: Besonders in sogenannten “Bullshit-Jobs“ ist das Risiko der Unterforderung groß – und die kann ganz genauso krank machen.
 

Quelle: Shutterstock

Berlin.  Simones Mann hat aufgehört, sie abends zu fragen, wie heute die Arbeit war. “Er weiß ja, dass ich sowieso die meiste Zeit im Internet totschlage.“ Erst letzte Woche habe sie (mehr oder weniger heimlich) im Büro die erste Staffel von “Stranger Things“ auf Netflix geschaut – teilweise an ihrem Rechner, teilweise mit dem Handy auf der Toilette. Denn obwohl sie eigentlich Vollzeit in der Kommunikationsabteilung einer Bank arbeitet, hat sie an manchen Tagen nur drei Stunden wirklich was zu tun. “Und nicht mal das ist dann immer wichtig.“

Wer in Abteilungen wie Corporate Communication, Human Resources, Controlling oder Public Relations sitzt, der wird sich vielleicht schon mehr als einmal gefragt haben, ob es die eigene Stelle wirklich braucht; ob jemand eigentlich diese ganzen Newsletter liest, die man täglich verschickt, ob die Teambuilding-Maßnahme überhaupt irgendetwas gebracht hat, und was genau eigentlich die Kollegen in der Compliance-Abteilung den ganzen Tag machen?

Jobs, die es nicht braucht

Allein wäre man damit nicht. Bei einer Umfrage von YouGov aus dem Jahr 2015 gaben 37 Prozent aller Briten an, dass ihr Job sinnlos sei; 11 Prozent waren sich unsicher. Das heißt, nur etwas mehr als die Hälfte hält die eigene Arbeit für bedeutsam. Ein ähnliches Bild ergibt sich in Deutschland, wo 2016 in einer DGB-Studie 32 Prozent angaben, dass ihre Arbeit keinen wesentlichen Beitrag zur Gesellschaft leistet. Bei der YouGov-Umfrage waren 35 Prozent der Deutschen dieser Ansicht.

Das ist insofern erstaunlich, da wir über Jahrzehnte die Vorstellung kultiviert haben, in einer von Produktivität und Effizienz geprägten Arbeitswelt zu leben. Daran wissen uns nicht zuletzt all die Entschleunigen-Sie-Ihren-Alltag-durch-etwas-Ratgeber zu erinnern. Umso verwunderlicher ist es, dass unser Wirtschaftssystem Hunderttausende Jobs zu generieren scheint, die es vermutlich nicht braucht.

Der britische Anthropologe David Graeber hat hierfür den Begriff Bullshit-Job geprägt. Gemeint sind damit Stellen, von denen die Arbeitnehmer selbst glauben, dass sie überflüssig sind. Die meisten davon verortet Graeber im administrativen Bereich. Die Glücklichen – könnte man meinen. Schließlich hätten sicherlich viele nur allzu gern das Privileg, auf der Arbeit ein bisschen unterfordert zu sein und sich die Zeit mit Flash-Games, Urlaubsplanung und Online-Shopping zu vertreiben.

Berufsbedingter Stress wird erwartet

Doch 40 Stunden die Woche einem Beruf nachgehen, den man selbst als sinnlos empfindet, zieht nicht an jedem spurlos vorbei. “Anfangs fand ich den Leerlauf noch ganz angenehm”, erzählt Simone. “Aber mit der Zeit hab ich mich immer schlechter damit gefühlt, hier nur meine Zeit abzusitzen.“

Boreout (von “bored“, gelangweilt) ist ein vergleichsweise neuer Begriff, der die psychischen Folgen von Bullshit-Jobs beschreibt. Er geht auf die Unternehmensberater Peter Werder und Philippe Rothlin zurück, die 2007 mit ihrem Buch “Diagnose Boreout“ eine Debatte über Unterforderung am Arbeitsplatz angestoßen haben. Boreout ist gewissermaßen das Gegenstück zum Burnout, auch wenn die Symptome sich durchaus ähneln. Betroffene leiden unter Antriebslosigkeit, Magenproblemen, Gereiztheit, Depression, Schlafstörungen, Schwindelanfällen sowie Kopf- und Rückenschmerzen. Doch während ein Burnout aufgrund von dauerhafter Überarbeitung und Überforderung entsteht, ist ein Boreout die Folge von Stress durch Unterforderung und Langweile.

Aber wie können wir von der Arbeit gestresst sein, wenn wir doch eigentlich nichts zu tun haben? Die Soziologin Elisabeth Prammer führt das darauf zurück, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Leistungsverausgabung und berufsbedingter Stress geradezu erwartet wird. Keinen Stress auf der Arbeit zu empfinden kann so absurderweise zum sozialen Stressfaktor werden.

Wer sich langweilt, wirkt ersetzbar

In diesem Sinne ist ein Boreout anders stigmatisiert als ein Burnout. Denn wer sich überarbeitet hat, der hat ja wenigstens mal für etwas gebrannt. Wer hingegen nicht gestresst ist oder sich langweilt, der wirkt unnütz, ersetzbar, verdächtig. Das erklärt auch, weshalb Boreout-Betroffene dazu neigen, Schuld- und Schamgefühle dafür entwickeln, nichts zu leisten: Sie verstoßen gegen unser Leistungsgebot.

Dieses Diktat zur Leistung ist im Übrigen kein anthropologisches Naturgesetz, sondern ein eher modernes Konzept, das eng mit der Entstehung unserer heutigen Vorstellungen von Karriere verknüpft ist. So gab es beispielsweise in der Stände- oder Klassengesellschaft noch relativ klare definierte Erwartungshorizonte für den Verlauf der eigenen Biografie. Ein Bauer blieb sein Leben lang Bauer, eine Arbeiterin wechselte allenfalls die Fabrik. Heute wächst uns selbst immer mehr die Aufgabe zu, unseren Platz in der Gesellschaft zu bestimmen. Und das Vehikel für dieses Unterfangen ist unsere Karriere, deren Entwicklung vor allem von unseren persönlichen Leistungen abhängig gemacht wird.

All das hat zur Folge, dass chronisch unterbeschäftigte Angestellte nicht selten dazu neigen, Beschäftigung (und sogar Überarbeitung) vor ihren Kollegen und Vorgesetzten vorzutäuschen. Das geht in einem Bürojob natürlich besonders gut. Schließlich bietet uns das Internet nicht nur zahlreiche Alternativangebote, mit denen wir die quälende Langeweile unterdrücken können. Das Arbeiten am Computer vereinfacht es auch, den Anschein von Beschäftigung zu wahren. Eben surft man noch auf Nachrichtenseiten und Facebook, schon ist man mit dem Alt-Tab-Shortcut wieder bei Outlook. Oder man schrumpft den Internetbrowser und versteckt ihn zwischen wichtig aussehenden Excel-Tabellen. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Das beklemmende Gefühl, sein Leben zu verschwenden

Aber sind Leute mit oder kurz vor dem Boreout nicht einfach nur faul? Nein. Viel zutreffender ist, dass wir durch bestimmte Strukturen faul gemacht werden können. Schließlich treten die meisten Menschen eine neue Stelle in der Regel motiviert an. Aber wenn uns monatelang keine Möglichkeit geboten wird, etwas Sinnvolles zu tun, wird unser Wille zu arbeiten gebrochen. Denn das Gefühl, nicht gebraucht zu werden und nichts erreichen zu können, hält man auf Dauer nicht aus. Unser Selbstwertgefühl sinkt, wir werden müde, alles wirkt auf einmal anstrengend. Willkommen im Boreout.

Der volkswirtschaftliche Schaden mag schwer zu bemessen sein. Der aktuelle “Fehlzeiten-Report“ der AOK sieht eine Zunahme der Arbeitsausfälle durch psychische Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren um fast 80 Prozent. Die (sozial-)psychischen Folgen sind evident. So gesehen stellen uns die Phänomene Bullshit-Jobs und Boreout vor eine grundsätzlichere Frage, die über Unternehmenskulturen hinausgeht: Was wollen wir mit unserer Zeit anfangen? Das beklemmende Gefühl, sein Leben auf irgendeinen Blödsinn zu verschwenden, beschränkt sich schließlich nicht auf unproduktive Zeit am Arbeitsplatz.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Vielfalt an beruflichen Selbstentwürfen und Karriereträumen nur eine begrenzte Berücksichtigung dieser Wünsche auf dem Arbeitsmarkt gegenübersteht. Das heißt nicht, dass man seine Karriereziele nicht verfolgen oder sofort das Handtuch werfen sollte, sobald man anfängt, sich ein bisschen zu langweilen. Es erscheint allerdings lohnenswert, sich an bestimmten Stationen des Lebens etwas sehr Banales vor Augen zu führen: Wir haben nicht unendlich Zeit auf dieser Welt. Wir sollten uns also gut überlegen, wie viel wir davon mit ergebnislosen Meetings und anderen sinnlosen Tätigkeiten verbringen wollen.

Von Juan Guse

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