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Top-Thema Da ist was im Busch ...
Sonntag Top-Thema Da ist was im Busch ...
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20:06 09.09.2016
Von Matthias Koch
Wild wachsende Bio-Brombeeren, Apfel- und Birnengeschenke für Selbstpflücker: Warum sind so wenige Deutsche bereit, sich für wunderbare Früchte die Hände ein bißchen schmutzig zu machen? Quelle: Fotolia

In diesem Spätsommer musste man sie nicht suchen, um sie zu finden: Brombeeren. Dem Verfasser dieser Zeilen, alles andere als ein Pflanzenexperte, begegneten sie an buschigen Hängen nahe dem Mittellandkanal: massenhaft und unübersehbar. Wer einen Sommer lang täglich an den Brombeeren vorbeijoggt und die Früchte sieht – erst grünlich, dann rötlich, schließlich schwarz glänzend, weich und groß – kriegt irgendwann die Frage nicht mehr aus dem Kopf: Wer pflückt am Ende all diese wunderbaren Beeren?

Die trübe Antwort nach Ablauf der Saison lautet: niemand. Inzwischen umsurrt allerlei Geziefer die vertrockneten Reste der nicht gepflückten Früchte. An der Qualität kann es nicht liegen. In der besten Phase, als sie schwer und reif in der Sonne hingen, schmeckten die Beeren umwerfend aromatisch und süß. Gibt es in Deutschland kein Interesse an frischen Brombeeren?

Jedenfalls ist das Interesse nicht so groß, dass es den Widerwillen des modernen Deutschen dagegen überwiegen könnte, eigenhändig in stacheliges Geäst hineinzugreifen und Früchte zu pflücken, für die es irritierenderweise auch gar keine schriftlichen Angaben gibt: keine Sortenbezeichnung, keine Handelsklasse, kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Kann man so etwas essen?

Der Mythos vom Fuchsbandwurm

Bremsend wirken zudem die Mythen rund um den Fuchsbandwurm. Es kann zwar nicht schaden, der Uraltregel zu folgen, Beeren erst ab einer Höhe von einem Meter zu pflücken. Eine Ansteckung des Menschen über verunreinigte Früchte ist aber nie belegt worden, die Infektion läuft nach dem Stand der Wissenschaft über Eier im Fell von Hunden, Katzen und anderen Tieren.

Wie dem auch sei: Der Obstfreund von heute kauft Brombeeren lieber im Laden, bevorzugt im Bioladen. Ganz billig ist das nicht, aber man ist es ja gewohnt, Opfer zu bringen für eine möglichst naturnahe Ernährung. In Wahrheit sind auch die Jogging-Brombeeren Bio-Früchte. Nie hat jemand die einsamen Büsche da draußen chemisch eingenebelt. Wer denn wohl auch?

Wir reden über wild wachsendes Obst, von dessen Existenz überhaupt nur wenige wissen: Jogger, Radler, Wanderer. Doch selbst diese Naturfreunde stecken im Vorübergehen allenfalls mal zwei, drei Beeren in den Mund. Warum kommt kaum jemand auf die Idee, mal ein bisschen mehr einzusammeln und mitzunehmen?

Unterschätze Werte

Der Wert dessen, was da hängt, wird unterschätzt. Der kleine Supermarkt um die Ecke nahm Anfang September für ein 125-Gramm-Schälchen Brombeeren 3,49 Euro – das entspricht einem Kilopreis von stolzen 27,90 Euro. So viele Beeren hätte man an der richtigen Stelle binnen weniger Minuten eingesammelt. Wenn dennoch die Deutschen die Beeren im Zweifelsfall lieber am Busch lassen, erzählt das einiges über Land und Leute. Man sagt höflich Danke, denn man fühlt sich satt wie nie.

Vor genau 100 Jahren, in der Lebensmittelkrise 1916/17, hätte niemand süße Beeren vergammeln lassen. Hohläugige Hungernde suchten damals bei Hamsterfahrten aufs Land überall nach Essbarem. Angesichts dieses historischen Hintergrunds fällt ein neuer, lächelnder Blick auf den prallen, ungepflückten Brombeerbusch des Jahres 2016. Irgendwie kündet er ja auch vom wunderbaren Wohlstand dieser Republik. Das zumindest, Flüchtlingszuzug hin oder her, haben wir geschafft.

Wer aber ein wenig tiefer hineinleuchtet in die Verästelungen der deutsche Obstanbauszene, begegnet dann doch diversen Tendenzen, die zu Sorge Anlass geben. Ob in der freien Natur oder in kommerziellen Plantagen: Der einst selbstverständliche Grundsatz, dass man reifes Obst am Ende auch erntet und isst, gilt in Deutschland leider nicht mehr. Die Ökonomie steht dagegen, nicht immer, aber immer öfter. Ob es um Äpfel geht, Sauerkirschen oder Pflaumen – landauf, landab lassen immer mehr Obstbauern die Früchte am Ende achselzuckend verdorren.

Am liebsten aus der Plastikschale? Brombeeren sind im deutschen Supermarkt eine teure Delikatesse. An vielen Feldwegen wären sie völlig kostenlos zu haben – doch niemand erntet. Quelle: privat

Drei mächtige Faktoren halten das Obst am Baum. Erstens der Mindestlohn. Seit 8,50 Euro pro Stunde gezahlt werden müssen, wird die Ernte vielerorts zu einem Rechenexempel mit ungewissem Ausgang: Wer seine Früchte nicht mit minimalem Aufwand ernten und dann blitzschnell gut verkaufen kann, zahlt am Ende drauf.

Der zweite Faktor: die zunehmende Billigkonkurrenz aus Polen. Noch vor wenigen Jahren halfen polnische Billigarbeiter in Deutschland bei der Ernte. Inzwischen aber bringen die Polen in großem Stil ihr eigenes Obst auf den deutschen Markt – das sie ihrerseits mit der Hilfe weißrussischer Billigkräfte geerntet haben. Von ungeahnten Rekordernten in Polen ist derzeit die Rede. Dies alles wird, drittens, noch überwölbt von einer Großwetterlage, die kurioserweise gleich doppelt auf die Stimmung all derer drückt, die ans Ernten ihres mühsam angebauten Obstes denken.

Weltpolitische Einflüsse mischen sich mit meteorologischen. Weil Russland als Reaktion auf westliche Wirtschaftssanktionen den Import von EU-Früchten gestoppt hat, kommen allein aus Polen zusätzlich 800 000 Tonnen Äpfel auf den europäischen Markt. Zugleich sprechen die Obstbauern von einer überdurchschnittlich reichen Ernte: "Es war ein Apfelsommer", sagen Experten mit Blick auf Sonne, Wind und Wetter – und ziehen die Stirn kraus: Die Vielzahl der Früchte wird wohl die Preise fallen lassen. Dies wiederum kann bedeuten, dass noch mehr von dem hängen bleibt, was eigentlich geerntet werden könnte.

Weiße Schleifen als Einladung zum Pflücken

Baumbesitzer grübeln bereits über Gegenstrategien. Sie wollen auf dem Obst nicht sitzen bleiben. Auf Wiesen im schwäbischen Reutlingen bekamen soeben viele Apfel- und Birnbäume eine weiße Schleife umgebunden: Hier darf sich jeder Privatmann nach Herzenslust selbst bedienen, auch in größeren Mengen. Die Stadtverwaltung hat die Aktion anfangs freudig unterstützt, beschreibt die Reaktion der Bürger inzwischen aber als "etwas verhalten".

Immerhin aber klärt die weiße Schleife eine wichtige Rechtsfrage: Darf ich diese Frucht jetzt wirklich einfach essen? Diese Frage quält den rechtschaffenen Deutschen ja selbst dann, wenn in freier Natur kilometerweit niemand in Sicht ist, der als Geschädigter oder auch nur als Zeuge infrage käme.

Zurück zur Natur

Dabei ist Deutschland an dieser Stelle einigermaßen liberal. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz darf man wild wachsende Früchte und Pilze "in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen". Bayerns Landesverfassung zum Beispiel erlaubt in ihrem liebevoll formulierten Artikel 141 nicht nur den "Genuss der Naturschönheiten" und "das Betreten von Wald und Bergweide", sondern ausdrücklich auch "die Aneignung wild wachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang".

Wer nach so viel juristischer Aufmunterung noch Orientierung braucht und nicht ohne dauernden Blick auf die Karten-App auf seinem Mobiltelefon aus dem Haus gehen mag, muss die Internetseite mundraub.org aufrufen. Dort sind die Standorte wild wachsender Früchte aller Art verzeichnet, ständig aktualisiert durch eine mitmachende Community. Vielleicht findet der eine oder andere ja, wie beim "Pokémon"-Wahnsinn der vergangenen Wochen, über die blinkende Elektronik zurück zur Natur.

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