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Das Kind muss da weg

Immer mehr Trennungskinder im Heim Das Kind muss da weg

Jeden Tag wird in Deutschland fast ein Dutzend Kinder aus der Familie gerissen. Von Staats wegen. Die Zahl der Inobhutnahmen, der Unterbringung in einem Heim, steigt. Vor allem, weil getrennte oder geschiedene Eltern ums Sorgerecht streiten. Leidtragende sind immer die Kinder. Der Fall Kira.

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Die Familie wählt mit

Die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern aus Trennungsfamilien steigt. Vor allem, weil getrennte Eltern erbittert ums Sorgerecht streiten. Leidtragende sind immer die Kinder. Handelt der Staat vorschnell – weil keiner es besser weiß?

Quelle: Montage: RND, Grafik: iStock/Fotolia

Es ist ein Satz zum Fürchten. "Das Kind muss da weg." Weg von seinem Zuhause, weg von seinen Freunden – aber vor allem weg von seinen Eltern. Jeden Tag werden in Deutschland etwa elf Kinder von ihren Eltern getrennt, weil Jugendämter und Gerichte um das "Kindeswohl" fürchten.

Jedes Jahr gibt der Staat Milliarden für Inobhutnahmen aus, weit mehr als für Jugendeinrichtungen und die sozialpädagogische Familienhilfe. Und immer häufiger steht die Einweisung in ein Heim oder in eine Pflegefamilie am Ende eines erbitterten Streits, den Eltern nach einer Scheidung oder Trennung ums Sorgerecht führen. Familienrichter sind mit  den Emotionen dieser Privatfehde häufig überfordert und auf den mitunter rücksichtslosen Kampf ums Kind schlecht vorbereitet. Sie verlassen sich auf das Urteil überlasteter Jugendämter und unqualifizierter Sachverständiger.

Binnen eines Jahres hat das Bundesverfassungsgericht jetzt in acht Fällen den gerichtlich angeordneten Entzug des Sorgerechts gerügt und aufgehoben. Dilettiert der Staat in Sachen Kinderschutz? Wird die staatliche Verpflichtung, eine Trennung von Eltern und Kind möglichst zu vermeiden, nicht ernst genug genommen? Ein Blick in Gerichtsakten und ein Besuch bei Anwälten, Richtern, Sachverständigen, Eltern.

Die Eltern

Ein langer Streit beweist, dass beide Seiten unrecht haben, schreibt Voltaire. Wann begann der Streit zwischen Sabine und Bernd? Als Kira zur Welt kommt, kriselt es bereits in der Ehe. Dabei wurde die Kleine sehnlich erwartet. Sabine und Bernd hatten sogar eine Kinderwunschklinik aufgesucht, um endlich eine Familie zu werden.

Am Ende klappte es mit der Schwangerschaft, als beide nicht mehr damit rechneten. 2002 wird Kira geboren. Vier Jahre später trennen sich ihre Eltern. Bernd verlässt das gemeinsame Haus. Zwei Wochen danach informiert ihn das Amtsgericht, dass ihn seine Frau wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter angezeigt hat.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben keine Hinweise auf einen Missbrauch, aber Bernd darf seine Tochter ein Jahr lang nur noch in Begleitung eines Mitarbeiters des Kinderschutzbundes einmal in der Woche treffen. Begleiteter Umgang heißt das im Amtsdeutsch. "Es gibt einen Missbrauch des Missbrauchs", berichten erfahrene Juristen. Weder Sabine noch Bernd lenken ein. Sie wirft ihm vor, schon immer gewalttätig gewesen zu sein, Psychopharmaka zu nehmen und einen Mutter-Sohn-Komplex zu haben. Er nennt sie eine Lügnerin, die unter einer psychischen Störung leidet.

Problem Loyalitätskonflikt

Mit mehreren Gutachten versucht das Gericht den Streit ums Umgangsrecht beizulegen. 2008 erklärt die Sechsjährige, dass sie ihren Vater nicht mehr sehen will. Das Gericht setzt einen Umgangspfleger ein. Sabine und Bernd besuchen eine Mediatorin, um ihren Konflikt zu lösen. Ohne Erfolg. 2009 lassen sich die beiden scheiden.

Ein Jahr später warnt eine Psychiaterin in einem Gutachten, dass die kleine Kira in einem massiven Loyalitätskonflikt stecke. Auf wessen Seite soll sie sich schlagen, auf die des Vaters, die der Mutter? Kira wird zwei Jahre lang einmal wöchentlich zu einer "Stärkungsaufbau-Therapie" geschickt, ihre Mutter besucht einen Elterntrainingskurs. "Ich arbeitete daran, glücklich geschieden zu sein", sagt sie später. Doch Kira verweigert weiterhin den Kontakt zum Vater.

2012 beantragt erst Bernd, dann auch Sabine, die Übertragung des alleinigen Sorgerechts. Diesmal beauftragt das Familiengericht den Göttinger Psychiater Detlev Pfender als Sachverständigen. Er soll die Frage beantworten, ob Kira größeren Schaden nimmt, wenn sie bei der Mutter bleibt oder wenn man sie von der Mutter trennt, um den Umgang mit beiden Elternteilen zu ermöglichen. Nach einem einstündigen Gespräch mit Mutter und Tochter steht Pfenders Urteil fest: Sollte Kira bei der Mutter bleiben, sei das Kindeswohl erheblich gefährdet.

40 000 Kinder und Jugendliche wurden 2014 im Rahmen einer Inobhutnahme von ihren Eltern getrennt.

40 000 Kinder und Jugendliche wurden 2014 im Rahmen einer Inobhutnahme von ihren Eltern getrennt.

Quelle: Fotolia

Die Gründe? Mutter und Tochter stünden in einer nahezu symbiotischen Beziehung, das Klima sei beherrscht von paranoid anmutenden Verdächtigungen, die traumatisierend wirkten. Kira sei einem "chronischen emotionalen Missbrauch" ausgesetzt und könne kein unbelastetes Verhältnis zu Männern aufbauen. Sie sei zwar eine gute Schülerin und sogar Klassensprecherin, aber das habe nichts zu bedeuten. "Was tun?", fragt der Richter in der mündlichen Verhandlung. Er habe kein Backrezept, antwortet Pfender.

Das Gericht macht kurzen Prozess, entzieht beiden Elternteilen das Sorgerecht, erklärt die Mutter für erziehungsunfähig und ordnet eine sogenannte Fremdunterbringung an, damit sich die inzwischen Elfjährige umbesinnen und wieder dem Vater vertrauen kann. Kira wird von zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamts aus dem Schulunterricht geholt, vor den Augen der anderen Kinder in ein Auto gezerrt und in ein 50 Kilometer entferntes Kinderwohnheim der Diakonie gebracht.

Besuch nur unter Aufsicht

Sabine darf ihre Tochter fortan nur unter Aufsicht alle zwei Wochen besuchen. Der Briefwechsel wird eingeschränkt und kontrolliert. Das Oberlandesgericht (OLG) Celle bestätigt in zweiter Instanz die Entscheidung, spricht aber gleichzeitig dem Vater das Sorgerecht zu. Das Kind muss trotzdem weiter im Heim bleiben.

Zwei Jahre später unternimmt Sabine einen neuen Versuch, ihr Kind wiederzubekommen. Ihr Anwalt beantragt bei Gericht die Rückkehr von Kira. Pajam Rokni-Yazdi spricht von seelischer Misshandlung eines Kindes, der fortgesetzte Heimaufenthalt sei eine Gefährdung des Kindeswohls. Das OLG Celle lenkt ein und erlaubt einmal wöchentlich ganztägige unbegleitete Treffen von Mutter und Tochter.

Es dauert noch ein weiteres halbes Jahr, bis das Gericht der Heimentlassung zustimmt, beiden Elternteilen das Sorgerecht überträgt und der Mutter das Recht zuspricht, allein zu entscheiden, wo Kira lebt. Ein neuer Gutachter stellt bei Kira eine neurotische Fehlentwicklung fest. Sie brauche dringend psychotherapeutische Hilfe und müsse unbedingt zurück zur Mutter.

Der Anwalt

Wenn Pajam Rokni-Yazdi von Anna, Kira und all den anderen Kindern erzählt, spürt man den Zorn über das, was ihnen angetan wird. Er schimpft über staatliche Willkür, über untätige Verfahrensbeistände, über schlechte Sachverständige und über Gerichte, die es sich mit der Urteilsfindung leicht machen.

2014 hat er einen bemerkenswerten Sieg vor dem Bundesverfassungsgericht erzielt. Er legte gegen die Heimunterbringung einer 14-Jährigen Verfassungsbeschwerde ein und die obersten Richter in Karlsruhe gaben ihm recht. Anna, so hieß das Mädchen, durfte wieder nach Hause. Seitdem melden sich immer mehr Mütter in seiner Kanzlei in Hannover, die im Kampf um ihr Kind auf seine Hilfe hoffen.

Die Ausgangslage, sagt Anwalt Rokni-Yazdi, sei oft die gleiche. Die Eltern trennen sich, streiten ums Umgangsrecht und irgendwann im Laufe der Auseinandersetzung verweigert das Kind den Kontakt zum Vater. Ein "Hochkonfliktfall" ist eingetreten. Muss in diesem Fall der Staat eingreifen? Ist ein Kind, das sich vom Vater abwendet, in einem Heim besser untergebracht als bei der alleinerziehenden Mutter? Rokni-Yazdi hat eine klare Position: "Warum kann man nicht akzeptieren, dass ein Kind nur bei der Mutter sein will?"

Pajam Rokni-Yazdi

"Warum kann man nicht akzeptieren, dass ein Kind nur bei der Mutter sein will?": Anwalt Pajam Rokni-Yazdi klagte für eine 14-Jährige beim Verfassungsgericht.

Quelle: Wikimedia / Coke42 / CC BY-SA 4.0

Auch das Bundesverfassungsgericht schreibt in einer Entscheidung von 2014: Solange es nur um ein "psychosoziales Zusammenrücken" von Mutter und Kind gehe, mit dem Ziel, den umgangsberechtigten Vater auszugrenzen, könne eine Zwangsmaßnahme mehr Schaden anrichten, als wenn der Staat auf eine Intervention verzichtet. Raushalten empfehlen die obersten Richter – solange kein Schaden beim Kind erkennbar ist.

Allerdings ist die Frage der Kindesgefährdung eine der schwersten in jedem Verfahren. Das Problem sei, dass die Familiengerichte häufig gar nicht erst versuchen, sich selbst ein Bild von den Familienverhältnissen zu machen, kritisiert Rokni-Yazdi. Er scheitert regelmäßig mit seinen Anträgen auf Ladung von Zeugen wie beispielsweise der Lehrerin oder dem Nachbarn.

"Der Richter gibt seine Fragen an Sachverständige weiter und verlässt sich auf ihre Gutachten, ohne wie im Strafprozess üblich die Zeugen selbst zu hören", sagt Rokni-Yazdi. Warum? "Weil es leichter ist." Transparenz? Fehlanzeige. Ein Sachverständiger müsse nichts dokumentieren, nichts belegen. Was tun?

Rokni-Yazdi meint, Deutschland sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen und Eltern vor dem Scheidungstermin zu einem Beratungsgespräch über die psychischen Folgen der Trennung für ihre Kinder verpflichten. Außerdem sollten die Gerichte das Umgangsrecht des Vaters (oder der Mutter) umgehend nach der Trennung durchsetzen. Wenn der Streit bereits Jahre währt, seien Beratungen und Mediationen oft zwecklos und die Verweigerungshaltung der Kinder gegenüber einem Elternteil überaus manifest. Auch ein Kind habe das Grundrecht auf einen eigenen Willen.

Die Sachverständige

Der Sachverständige ist ein neutraler Helfer des Gerichts, er sollte unvoreingenommen begutachten und bewerten. Das Familiengericht kann jeden berufen – aber ist jeder geeignet? Nahezu unbemerkt hat der Bundestag vor der Sommerpause die Vorgaben für Sachverständige bei Familienstreitigkeiten verschärft. Bislang mussten sie keinerlei Qualifikationen nachweisen. Künftig schon. Auf Wunsch des Bundestags sollen zudem erstmals auch Berufungsvoraussetzungen für Familienrichter geregelt werden. Wird die Reform dafür sorgen, dass Familiengerichte bessere Entscheidungen im Sinne des Kindeswohls treffen?

Die Diplom-Psychologin und Juristin Anja Kannegießer, selber Sachverständige für Familiengerichte in Münster, war an den Gesetzesberatungen in Berlin auf Initiative des Rechtsausschusses beteiligt. Sie ist mit dem Ergebnis zufrieden. "Wir sind auf dem Weg der Qualitätssicherung ein gutes Stück vorangekommen", sagt sie. Sie ist überzeugt, dass die entwickelten Mindestanforderungen die Sachverständigenszene verändern werden.

Aber nicht alle Probleme sind mit dem Gesetz gelöst. "Es fehlt an Forschung", meint Anja Kannegießer. Die Entscheidung, ein Kind von den Eltern zu trennen, sei ein einschneidender staatlicher Eingriff und verlange besondere Sorgfalt und Abwägung. Auch angesichts der steigenden Zahl an Inobhutnahmen. Aber wer untersucht die Folgen dieser Maßnahme und die mögliche Belastung für das Kind? "Bislang gibt es keine Forschung über den Verlauf und die Wirkung einer Fremdunterbringung", kritisiert sie. "Das müssen wir angehen."

Der Richter

Jürgen Rudolph war fast 30 Jahre lang Familienrichter. 1979 übernahm er diesen Posten am Cochemer Amtsgericht, nur widerwillig, nachdem er im Gerichtspräsidium überstimmt worden war. Weil er nicht wusste, was ihn erwartet, und nicht ahnte, was es bedeutet, wenn aus Liebe Hass wird, habe er eine Zeit lang Fehler gemacht und Unheil angerichtet, sagt er. Wie so mancher seiner Kollegen noch heute.

Mittlerweile ist er überzeugt: Wenn ein Kind vor Gericht sagen soll, zu welchem Elternteil es möchte, sei das schon eine Form von Kindesmisshandlung – "denn das Kind wird in die Rolle des Verräters gedrängt". Jedes Trennungskind träume davon, dass Vater und Mutter wieder zusammenkommen. Der Loyalitätskonflikt sei enorm.

Rudolph arbeitet seit seiner Pensionierung als Anwalt in Koblenz und engagiert sich bundesweit als Dozent für eine grundlegende Wende bei Familiengerichtsverfahren. Die Justizstrukturen und das deutsche Familienrechtssystem hält er für ungeeignet, um Lösungen zu finden, bei denen die Kinder nicht die Verlierer sind. Viele Richter hätten keine Ahnung von der Dynamik eines Familienkonflikts. Manche könnten nicht einmal einen Psychiater von einem Psychologen unterscheiden. "Niemand fragt nach den Spuren, die eine Heimunterbringung bei Kindern hinterlässt."

Rudolph ist überzeugt, dass das neue Sachverständigengesetz nichts ändern wird. "Es ist schlichte Flickschusterei, und es bleibt beim Chaos auf dem Sachverständigenmarkt." Statt endlich Standards für familienpsychologische Gutachten verbindlich festzulegen, begnüge sich die Reform mit der Aufzählung von Berufsabschlüssen.

Jürgen Rudolph

"Jeder Beteiligte muss wissen, was in Kindern vorgeht": Richter Jürgen Rudolph versucht, Familiengerichtsverfahren zu modernisieren.

Quelle: privat

"Jeder kann weitermachen, mit Ausnahme der Heilpraktiker – der gestörte Psychologe mit Faible für scheinwissenschaftliche Tests ebenso wie der auf die Eltern fokussierte investigative Psychiater oder der Pädagoge mit seiner eigenen Weltanschauung über ordentliche Familien." Notwendig seien Vorgaben für ein systemisches Arbeiten. "Das Gericht muss das soziale Umfeld des Kindes klären und sich bei Lehrern, Freunden oder beim Pfarrer ein Bild machen."

1992 hat Jürgen Rudolph an seinem Gericht die sogenannte Cochemer Praxis mitentwickelt, die interdisziplinär arbeitet und darauf setzt, den Streit über den Umgang mit dem Kind bei einem sehr schnell anberaumten Gerichtstermin mit einer von den Eltern getragenen Lösung zu beenden. Andernfalls werden beide Streitparteien noch am gleichen Tag zur Beratung geschickt.

Das Modell fand bundesweit Anerkennung, die zügige Terminierung vor Gericht und die richterliche Anordnung einer Beratung schafften es 2009 sogar ins Gesetzbuch. Doch das Wichtigste fehlt: Nichts davon ist verpflichtend. Kein Wunder, dass das Cochemer Modell – trotz des Lobes – nur an wenigen Familiengerichten praktiziert wird. "Es hängt immer vom persönlichen Engagement der Beteiligten ab. Mal ist es ein Richter, mal ein Landrat, der sich einsetzt. Solange er da ist", sagt Rudolph.

Der 73-Jährige hat einen Wunsch. "Ich würde gern noch erleben, dass es rechtlich verpflichtende Ausbildungs- und Rahmenbedingungen für alle beteiligten Professionen in einem Familienrechtsverfahren gibt. Jeder muss wissen, was in Kindern vorgeht."

Das Kind

Ostern 2016 sind Mutter und Tochter nach zweieinhalb Jahren Trennung wieder zusammen, nicht nur für Stunden. Auf dem Konfirmationsfoto schaut die 13-jährige Kira in ihrem blauen Kleid ernst in die Kamera. Als sie zum ersten Mal wieder in ihrem alten Kinderzimmer sitzt, schlägt sie vor, das Haus umzubauen, um alle acht Kinder aus der Heimwohngruppe aufzunehmen. Kira quält sich mit Albträumen und hat Angst vor Ärzten, weil sie fürchtet, sie könnte in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Sabine lässt ihr Zeit. Sie will sie nicht drängen. Aber wenn man sie fragt, wie es ihrer Tochter geht, ringt sie um Fassung. Die Mundwinkel zucken. "Sie kämpft sich zurück ins Leben", sagt sie. Kürzlich habe sie sich auf die Frage, was sie gern essen möchte, Bratkartoffeln gewünscht. Sabine war glücklich. Ein Fortschritt. "Bislang war ihr alles egal, auf meine Fragen bekam ich keine klaren Antworten." 

Nach den Sommerferien ist Kiras Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Sie hat nicht nur die Versetzung in die neunte Klasse geschafft, sondern konnte an ihre alte Schule, in ihre alte Klasse zurückkehren, weil überraschend ein Platz frei geworden ist. Mit ihrem Vater tauscht sie SMS aus, kürzlich hat sie ihn gemeinsam mit einer Freundin besucht. Ende August hat sie sich zum ersten Mal überreden lassen, zum Arzt zu gehen, weil sie in der Sportstunde keine Luft mehr bekam.

Vor drei Jahren, sagt Sabine, sei ihre Tochter eine selbstbewusste Person mit einem großen Herzen gewesen. Heute sei sie durchlöchert wie ein Sieb. "Aber es geht bergauf."

Interview mit Jugendamtsleiter Marc Serafin
Marc Serafin, Jugendamtsleiter der Stadt Niederkassel, ist Initiator des Arbeitskreises „Elternschaft nach Trennung und Scheidung“ im Rhein-Sieg-Kreis und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Forschungsprojekts „Kindeswohl und Umgangsrecht“.

Marc Serafin, Jugendamtsleiter der Stadt Niederkassel, ist Initiator des Arbeitskreises "Elternschaft nach Trennung und Scheidung" im Rhein-Sieg-Kreis und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Forschungsprojekts "Kindeswohl und Umgangsrecht".

Quelle: privat

Herr Serafin, immer mehr Kinder werden von den Jugendämtern wegen der Überforderung der Eltern in Obhut genommen. Wird zu schnell interveniert?
Die Jugendämter müssen im konkreten Fall einschätzen, welche Hilfe ist nützlich und erforderlich, wie viel Intervention ist notwendig. Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass aus Angst vor späteren Vorwürfen, zu wenig eingegriffen zu haben, überreagiert wird. Die Inobhutnahme eines Kindes ist ein massiver Eingriff in das Zusammenleben und die Autonomie einer Familie mit vielen negativen Begleitwirkungen und kein Königsweg.

Was sind die Alternativen?
Trennung und Scheidung sind heute ein Massenphänomen. Jugendämter müssen sich hier stärker und deutlicher als bisher positionieren und Eltern mit praktischem Rat zur Seite stehen, wie das gut gestaltet werden kann. Als Paar sind sie getrennt, aber als Eltern bleiben sie weiter eine Familie.

Und wenn ein Kind den Kontakt zu einer der beiden Streitparteien ablehnt?
Das ist meist eine psychische Notreaktion des Kindes, mit dem es versucht, sich aus dem Loyalitätskonflikt zu lösen. Jugendämter, Berater und Gerichte müssen hier sehr deutlich machen, dass der Kontakt und das Zusammensein der Kinder mit beiden Elternteilen auch nach einer Trennung unverzichtbar sind und der Ausschluss eines Elternteils von keiner Instanz mitgetragen wird.

Sie plädieren für Kontakt auch gegen den Willen des Kindes?
Ja. Lebten beide Eltern noch zusammen, hätten Sie diese Frage nicht gestellt. Boykottiert ein Elternteil gezielt den Kontakt der Kinder zum anderen Elternteil, müssen Jugendämter und Gerichte diesem Verhalten konfrontativ gegenübertreten: Vorläufige Festlegung von Kontaktregelungen, Verpflichtung zur Beratung, Verhängung von Zwangsmitteln gegenüber Umgangsboykott, Einschränkung des elterlichen Sorgerechts beim boykottierenden Elternteil.

Warum diese Härte?
Anteilige Betreuung beider Eltern nützt den Kindern, sichert die Beziehung zwischen den Kindern und den Eltern, verteilt die erzieherischen und materiellen Lasten für die Kinder auf beide Eltern, vermeidet die Überlastung eines Elternteils, reduziert Streit, führt zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und macht Kinder und Eltern letztendlich zufriedener. Doppelt hält besser!

Zurück zur Heimunterbringung. Ein Vorwurf lautet, es würden dafür jedes Jahr mehr als 8 Milliarden Euro ausgegeben, ohne "Erfolgskontrolle". Stimmt das?
Die Erfolgsbilanz der stationären Jugendhilfe ist tatsächlich nicht wirklich überzeugend. In Nordrhein-Westfalen, und auch bundesweit, werden 55 Prozent der stationären Hilfen unplanmäßig beendet. Das heißt: Mehr als die Hälfte der Maßnahmen wird vor der Erreichung des Ziels abgebrochen. Heimerziehung bedeutet immer Abbruch sozialer Bindungen, Stigmatisierung und Abtrennung vom bisherigen Alltag, etwa in der Schule oder in der Freizeit.

Es gibt auch das Phänomen der sogenannten Heimkarriere.
Richtig. Die fortgesetzte Abfolge von wechselnden Heimaufenthalten, Abbrüchen und Ausschlüssen führt leicht zur Verstärkung problematischer Verhaltensweisen und zu einer immer weiteren Entfernung von sozialer Einbindung und Teilhabe. Die Jugendhilfe muss sich hier deutlich stärker als bisher am Gedanken der Inklusion orientieren.

Was bedeutet das?
Die Forschung sagt uns, dass eine gute Problemanalyse und eine Hilfeplanung, die auf die Stärken und Potenziale der Hilfesuchenden schaut, positiv wirken. Es geht also darum, dass Professionelle und Betroffene zusammen Lösungen erarbeiten. Das kann beispielsweise in einer belasteten Familie auch eine Haushaltshilfe, ein Hauslehrer, eine Erlebnis-
pädagogin oder eine unterstützende Kinderbetreuung sein.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?
Bei Trennungskonflikten müssen die Beteiligten, vom Jugendamt bis zum Familiengericht, stärker als bisher zusammenarbeiten. Eine einheitliche Botschaft ist wichtig: Familienleben und Elternschaft gehen nach einer Partnerschaftstrennung weiter. Streitende Eltern müssen lernen, ihre Kinder aus ihren Konflikten herauszuhalten. Wenn dabei "geteilte Elternschaft" zur allgemeinen Leitorientierung gemacht würde, wäre viel gewonnen.

Müssten Gesetze geändert werden?
Dringend. Statt von Umgangsregelungen sollte von elterlichen Betreuungsregelungen gesprochen werden. Beim Sorgerecht fehlt immer noch die Gleichstellung unverheirateter Eltern ab der Geburt des Kindes. Das Melderecht sollte die Anmeldung des Kindes an beiden Wohnadressen der getrennt lebenden Eltern zulassen. Und dringend sollte das Unterhaltsrecht angepasst werden. Das gegenwärtige Recht benachteiligt anteilige Formen der Betreuung und fördert die Alleinerziehenden-Konstellation. Trennungsstreit und Streit um die Kinder werden dadurch mit angeheizt. Das nützt keinem und gehört geändert.

Interview von Gabi Stief

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