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Der Koffer des Herrn Tsokos

Rechtsmedizin am Tatort Der Koffer des Herrn Tsokos

Er ist der Arzt, der erst gerufen wird, wenn das Leben zu Ende ist. Er ist der Detektiv, ohne den so mancher Tod ein Rätsel bleibt. Michael Tsokos kommt, wenn eine Leiche gefunden wurde, die Fragen hinterlässt. Für den "sonntag" öffnet der Rechtsmediziner und Krimiautor seinen Tatortkoffer.

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Stifte, Handschuhe, Maßstäbe: Die Grundausstattung eines Rechtsmediziners bei der Untersuchung eines ungeklärten Todesfalls.

Quelle: Fotolia / RND

"Er kniete sich neben den Toten und klappte seinen Koffer auf. Mit Schere und Pinzette entfernte er vorsichtig das zerfetzte Pyjamaoberteil, bis die Vorderseite des Oberkörpers weitgehend freigelegt war. Zumindest das, was von Georg Pausewangs Oberkörper noch übrig war …"

Auf Seite 82 des Thrillers "Zerschunden" begegnet der Leser dem Berliner Rechtsmediziner Fred Abel am Tatort eines bestialischen Mordes. Detailliert schildert der Autor dann, wie der Forensiker die grausam zugerichtete Leiche untersucht. Fantasie oder Wirklichkeit?

Michael Tsokos

Rechtsmediziner und Krimiautor: Michael Tsokos

Quelle: privat

Es steckt sehr viel Wirklichkeit in diesem "True Crime Thriller". Denn der Romanheld "Fred Abel" ist das Alter Ego von Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner – dem Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos, der diesen Roman auch geschrieben hat.

Rechtsmediziner haben längst ihren Platz in der fiktiven Krimiwelt gefunden. Spätestens seit dem egozentrischen forensischen Genie Professor Börne aus Münster kommt kaum ein  "Tatort" ohne eine solche Figur aus. Doch die Wirklichkeit sieht oft ganz anders aus als im Fernsehen. Nüchtern und völlig unspektakulär. Genauso wie der Inhalt des Koffers, mit dem Michael Tsokos im wahren Leben an den Fundort einer Leiche eilt.

Als Kind hat Michael Tsokos noch davon geträumt, einmal Archäologe zu werden. Doch in der Schule – das gibt er heute freimütig zu – war er alles andere als ein guter Schüler. "Keine Hausaufgaben, nicht gelernt. In Physik, Chemie und Biologie hatte ich nur Vieren und Fünfen", sagt er. "Ich war intelligent, aber faul. Aber vielleicht hat es auch an den Lehrern gelegen, die es nicht verstanden haben, mich für ihren Lehrstoff zu begeistern."

Rechtsmedizin als Berufung

Mit einem Notendurchschnitt von 3,0 war das Abitur zu schlecht, als dass an ein Medizinstudium auch nur zu denken war. Tsokos ging erst einmal als Zeitsoldat zur Bundeswehr. Doch in den Achtzigerjahren ließ sich eine schwache Abi-Note noch durch einen Mediziner-Test ausgleichen, und außerdem gab es für diesen Test zwei freie Tage beim Bund. "Was soll ich sagen?", erzählt Tsokos heute. "Ich fuhr da hin, schnitt als Zweitbester im Bundesgebiet ab – und bekam sofort einen Studienplatz."

Michael Tsokos hätte nun praktischer Arzt werden können oder Chirurg. Aber nach einer Vorlesung über Rechtsmedizin hatte er seine Berufung gefunden. "Das war spannender als jeder Krimi", sagt er. "Der 'normale' Arzt steht immer am Anfang. Er versucht herauszufinden, welches Krankheitssymptom als nächstes kommt. Der Rechtsmediziner dagegen verfolgt die Kausalkette vom Ende her zurück. Anhand von Spuren rekonstruiert er, was passiert ist. Ähnlich wie bei den Archäologen. Und so hat sich vielleicht der Kreis zu den Träumen meiner Kindheit geschlossen."

Spurensuche. Für Michael Tsokos beginnt sie, wenn er mit seinem Koffer am Tatort erscheint. "Die Untersuchung dort ist aber nur eine erste Bestandsaufnahme", sagt er.

Tatortkoffer

Ein Blick in den Tatortkoffer mit Augentropfen, Reizstromgerät und allerlei Scheren und Werkzeugen.

Quelle: privat

"Hauptsächlich geht es erst mal darum, für die Polizei Klarheit zu schaffen, ob eine natürliche Todesursache vorliegt oder das Opfer infolge äußerer Gewalteinwirkung zu Tode gekommen ist. Mal ist das auf den ersten Blick ersichtlich – manchmal aber erst nach der Obduktion der Leiche, in manchen Fällen sogar erst nach weiteren aufwendigen forensischen Feinuntersuchungen. Denken Sie nur einmal an den heimtückischen Giftmord. Oder an den klassischen Fall, wo sich herausstellt, dass der vermeintliche Selbstmörder schon tot war, bevor er sich erhängt hat."

Von großer Wichtigkeit für die ermittelnden Polizeibeamten ist es, möglichst schnell abzuklären, ob der Fundort auch identisch mit dem Tatort ist, und den Zeitpunkt des Todes zu kennen. Die meisten Utensilien im Tatortkoffer des Rechtsmediziners dienen deshalb nur  der Beantwortung dieser  Frage.

Gerichtsmediziner Michael Tsokos hat uns einmal in seinen Koffer blicken lassen. Von außen ein ganz gewöhnlicher  Koffer aus Aluminium, der aufgeklappt dem Werkzeugkasten eines Handwerkers ähnelt. Welche Werkzeuge beinhaltet er? Wofür braucht Herr Tsokos Schere, Spritze, Augentropfen?

Elektronisches Thermometer
Elektronisches Thermometer

Die zuverlässigste Methode zur Bestimmung der Todeszeit ist das Errechnen der Differenz zwischen der am Leichnam gemessenen Körperkerntemperatur und der Umgebungstemperatur am Fundort. Die Umgebungstemperatur wird an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Höhen über dem Fußboden gemessen. Für die Messung benutze ich ein elektronisches "Tatortthermometer" mit einer etwa 15 Zentimeter langen, aber nur wenige Millimeter dicken Messelektrode aus Metall.

Durch seine spezielle Konstruktion kann es nicht nur die Raumtemperatur ermitteln, sondern auch zur Rektalmessung in den Enddarm des Verstorbenen eingeführt werden.
Die übliche Körpertemperatur des Menschen beträgt knapp 37 °C. Auch noch bis drei Stunden nach dem Tod. Danach verringert sie sich um etwa ein Grad pro Stunde. Entsprechend lassen sich aus der Differenz Rückschlüsse auf die Todeszeit ziehen.

Was aber, wenn der Verstorbene vor seinem Tod 42 °C Fieber hatte? Oder die Menschen, die ihn gefunden haben, die Fenster aufgerissen haben? Es gibt so viele äußere Faktoren, die das Ergebnis verfälschen können. Deshalb fließen alle Messdaten noch einmal in ein Computerprogramm, das auch alle anderen Informationen, die ich am Fundort gesammelt habe, mit einbezieht, um zu einem möglichst exakten Ergebnis zu kommen.

Maßstäbe und Marker
Maßstäbe und Marker

Wie weit ist ein Knochenteilchen abgesplittert? In welchem Winkel ist das Bein vom Körper abgespreizt? Wie groß ist die Blutspur am Tatort? Auch die exakte Vermessung des Leichnams kann wichtige Aufschlüsse darüber geben, wie ein Mensch zu Tode gekommen ist – und ob Tat- und Fundort überhaupt identisch sind.

Mit dem Kreidemarker wird die Auffindungsposition des Opfers festgehalten. Der Umriss dient der Übersichtlichkeit auf Fotos; damit kann später, zum Beispiel im Gerichtssaal, genau zugeordnet werden, an welchen Punkten etwas lag (Tatwaffe, Zähne, Patronenhülsen etc.). So können sich dann auch Ermittler oder Prozessbeteiligte, die nicht am Tatort waren, eine genauere Vorstellung davon machen, wie es am Tatort oder Fundort aussah.

Augentropfen
Augentropfen

Die Pupillen eines Menschen reagieren noch bis zu zwölf Stunden nach dem Tod mit Verengung oder Erweiterung auf das Einträufeln entsprechender Augentropfen. Unter bestimmten Umständen auch noch einige Stunden länger. Für diesen Test nehme ich die klassischen Tropfen, wie sie auch jeder Augenarzt benutzt: Pilomann 1 %, das den Augeninnendruck senkt und hauptsächlich zur Behandlung des Grünen Stars eingesetzt wird, verengt die Pupillen. Atropin weitet sie.

Atropin, das aus der Tollkirsche (lateinisch Atropa bella donna) gewonnen wird, wurde übrigens im Zeitalter des Barocks von der Damenwelt benutzt , um die Augen größer erscheinen zu lassen und so verführerischer zu wirken. Bella donna heißt übersetzt "schöne Frau". Und das Wort Atropin leitet sich vom Namen der Göttin Atropos ab, die älteste der drei Moiren, den Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie. Ihre Aufgabe war es, den Lebensfaden zu durchschneiden, den ihre Schwestern Klotho und Lachesis gesponnen hatten. Sie entschied auch, auf welche Art und Weise ein Mensch starb.

Reizstromgerät
Reizstromgerät

Eine weitere Methode zur Bestimmung des Todeszeitpunktes ist die Reizung der Gesichtsmuskulatur per Stromstoß. In meinem Koffer befindet sich deshalb ein speziell dafür konstruiertes batteriebetriebenes Reizstromgerät. Dessen Nadelelektroden werden an den inneren und äußeren Lidwinkeln des Toten befestigt. Innerhalb von sechs bis etwa acht Stunden nach dem Tod reagieren die Gesichtsmuskeln noch auf die elektrischen Reize, danach nicht mehr. Führen die Impulse zu keinerlei Reaktion, weiß ich, dass die oder der Betreffende schon länger tot sein muss.

Diktiergerät
Diktiergerät

Wenn der Rechtsmediziner mit der Untersuchung des Leichnams fertig ist, machen sich die Kriminaltechniker an die Arbeit. Sie sichern Faserspuren, suchen am Tatort nach Fingerabdrücken und Indizien für den möglichen Tatablauf. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch Rechtsmediziner versuchen, jedes Detail wahrzunehmen. Mit meinem Diktiergerät halte ich nicht nur meine forensischen Befunde wie etwa Menge des Blutverlusts, Körperhaltung, Eintreten der Leichenstarre usw. fest, sondern auch andere Beobachtungen, die sich dann oft auch mit den Ergebnissen der Obduktion decken.

So auch in einem besonders bizarren Fall von "Selbstmord": einem jungen Mann, der sich als weibliche Gummipuppe verkleidet in seinem Schlafzimmer erhängt hatte. Neben dem Haken, an dem er sich mit einer Hundeleine aufgeknüpft hatte, fielen mir noch zwei andere Haken auf – diese aber waren schon durchgebogen. Im Seziersaal bestätigte sich mein Verdacht: Der junge Mann hatte sich schon öfters erhängt. Für ihn eine besondere Form von sexuellem Kick. Nur, dass er diesmal die Kontrolle verloren hatte. In Deutschland ereignen sich übrigens jährlich 60 bis 80 solcher tödlichen autoerotischen Unfälle.

Gummihandschuhe
Gummihandschuhe

Sie dienen in erster Linie meinem persönlichen Schutz. Ich möchte mich schließlich nicht bei meiner Arbeit mit HIV oder anderen hochinfektiösen Viren infizieren. Darüber hinaus ist es auch für einen Rechtsmediziner nicht sehr angenehm, mit bloßen Händen mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten in Berührung zu kommen. Außerdem verhindern sie, dass ich den toten Körper mit meinen eigenen Fremdspuren (z.B. Hautpartikel mit meiner DNA) kontaminiere. Die unterschiedlichen Farben der Handschuhe haben nichts zu bedeuten. Sie sagen mir lediglich, welche Materialstärke und Größe der jeweilige Handschuh hat.

Aufziehspritzen und Spurenröhrchen
Spritzen und Spurenröhrchen

In den – selbstverständlich steril verpackten – Glasröhrchen sammle ich alle Teilchen von Spuren, die mir bei der ersten Leichenschau relevant erscheinen. Ein Haar etwa. Oder ein Stück Haut. Oder die Reste eines Zahnes. Aber auch das kleine Metallstück, das von einem Projektil stammen könnte. Darüber hinaus Gewebeproben und anderes DNA-taugliches körpereigenes Material. Mit den Spritzen entnehme ich Blut und andere Gewebeflüssigkeit, die ich in die Spurenröhrchen fülle.

In einem dieser Röhrchen führe ich auch immer einen simplen Bindfaden mit. Er dient mir als Hilfsmittel, wenn ich zum Beispiel ein Seil durchschneiden muss, mit dem das Opfer gefesselt wurde oder mit dem es sich erhängt hat. Um später die Schnittenden des Seils wieder korrekt zusammensetzen zu können, verknote ich sie noch an Ort und Stelle mit dem Bindfaden.

Scheren und Pinzetten
Scheren und Pinzetten

Wenn ich an einem Tatort eintreffe, genügt manchmal schon der erste Blick, um zu wissen, wie das Opfer zu Tode gekommen ist. Meist aber muss ich erst einmal genauer hinschauen. Verbirgt sich unter dem blutverkrusteten Hemd eine Schusswunde, eine Stichwunde – oder eine ganz andere Form von Gewalteinwirkung? Damit ich die Wunden vorsichtig freilegen kann, habe ich Scheren und Pinzetten in unterschiedlichen Größen in meinem Koffer. Darunter ist auch eine Darmschere, bei der eine Klinge nicht spitz zuläuft, sondern in eine kleine Kugel mündet. Das hilft mir, auch eng anliegende Kleidung aufzuschneiden ohne die Haut des Toten zu verletzen.

Mithilfe der Pinzette kann ich unter anderem die Leichenflecken überprüfen. Die lassen sich in den ersten 20 Stunden nach Eintritt des Todes noch wegdrücken – ähnlich wie bei einem Sonnenbrand. Wenn Sie kurz auf die betroffene Hautstelle drücken, verflüchtigt sich die Rötung, sie kehrt aber nach dem Loslassen sofort zurück.

Von Udo Röbel

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