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Der Moorwert

Urlandschaft in Gefahr Der Moorwert

Es schmatzt, es gurgelt, es ist ein großartiger Klimaschützer, Hort für Pflanzen und Tiere, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Das Moor lebt. Legenden und Sagen ranken sich ums Reich der Moorgeister und Irrlichter. Doch das Moor ist bedroht. Besuch in der letzten echten Urlandschaft.

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Schauplatz für Schauergeschichten und einzigartiger, bedrohter Lebensraum: Die intakten Moorflächen in Deutschland werden immer kleiner.

Quelle: iStock

In der Haut des Jungen will keiner stecken. Wie er läuft und läuft, wie sein Herz schlägt bis zum Hals. Es wimmelt und zischt an seiner Seite, Nebel steigen auf, "sich wie Phantome die Dünste drehn". In der Ballade vom "Knaben im Moor" hat Annette von Droste-Hülshoff das 1842 ganz wunderbar beschrieben, wie das ist, so allein in einer vermeintlich feindseligen Umgebung.

Jeder kennt es ja selbst, dieses Gruseln vor dem Geheimnisvollen, Mystischen. Der dunkle Keller. Der finstre Wald. Und dann eben das Moor, das unzugängliche, das schaurige. Wo im Märchen die Hexe wohnt, Irrlichter einen vom Pfad abbringen und am Ende nichts anderes wartet als der Tod.

Moore in Gefahr

Das Moor hat ein schlechtes Image. Das ist heute kaum anders als 1842. Obwohl das Moor den Menschen so viel gegeben hat. Torf als Brennstoff hat auch den Ärmsten über Jahrhunderte Wärme gegeben, Moorschlamm ist eines der ältesten Heilmittel der Welt. Und doch hat der Mensch die Biotope peu à peu zerstört.

In Deutschland nehmen Moorböden etwa 4 Prozent der Fläche ein, wovon wiederum 90 Prozent genutzt werden, landwirtschaftlich oder für den Gartenbau; ob selbst der überschaubare Rest noch eine Chance auf Zukunft hat, bleibt abzuwarten. "Es kann gelingen", sagt der Biologe Thomas Behrends vom Nabu, aber es sei fraglich.

Behrends, 46 Jahre alt, norddeutsch durch und durch, ein Mann, der sich bereits in jungen Jahren der Natur verschrieb, steht mit einem Köcher in der Hand tief gebeugt über etwas, was er einen Bult nennt, eine mit Gras und Moos bewachsene Insel im Moor. Er tritt einen Schritt zurück, schaut wieder, stützt die Arme in die Seite, schüttelt den Kopf, geht weiter. Ein Mann, der Welt entrückt, nichts sagend, nur sehend. Der Boden schmatzt und gurgelt unter seinen Schritten.

Biologe Thomas Behrends

Biologe Thomas Behrends vom Nabu: "Wir sind mitten im großen Artensterben."

Quelle: Hahnfeldt

Thomas Behrends stapft durchs schleswig-holsteinische Katenmoor; "Crème de la Crème" hat er das Gebiet am Telefon genannt, weil diese Region in der Nähe von Bad Bramstedt seit 50 Jahren unter Naturschutz steht; mit fünf Hektar, allenfalls sechs, ist es zwar nicht sonderlich groß, dafür aber ist es weitgehend intakt.

Den Laufkäfer, Agonum ericeti, gibt es dort, in anderen Regionen ist er längst ausgestorben. Es gibt auch den Perlmuttfalter, eine orangefarbene Schönheit mit braunem Muster auf dem Flügel, und den Lappländischen Gelbrandkäfer, Dytiscus lapponicus; seine Larven ernähren sich von Kaulquappen, inzwischen ist er so selten, dass auch er auf der Roten Liste steht.

"Wir befinden uns mitten im großen Artensterben", sagt Behrends. Dann sagt er erst einmal eine Weile nichts, wühlt stattdessen mit seinem Köcher im Sumpf – und fängt eine Spinne. Eine Listspinne, erklärt er, eine der größten in Deutschland überhaupt, und wieder fügt er hinzu: Rote Liste, vom Aussterben bedroht, und so geht es immer weiter.

Hervorragende CO 2-Speicher

Eigentlich ist ein Moor sehr artenarm, der Boden ist zu sauer, zu nass, zu nährstoffarm, die Umgebung zu speziell. Im Laufe der Jahrtausende aber haben sich Tiere und Pflanzen dieser ökologischen Nische angepasst, die meisten können auch nur dort überleben, und das allein schon zeigt die Dramatik. "Man muss begreifen, wie so ein Ort funktioniert", sagt Behrends mit ruhiger Stimme.

Gut 14 000 Quadratkilometer Moorfläche gibt es in Deutschland, das moorreichste Land ist Niedersachsen, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern, Bayern, Brandenburg. Riesige Flächen wurden in der Vergangenheit trockengelegt: Bauern wandelten Moore in Äcker um, die Gartenindustrie baut Torf ab, den Rest besorgen heute Stickoxide und Ammoniumnitrate aus der Massentierhaltung. Zum Schaden des Klimas.

Denn Moore sind hervorragende Kohlendioxidspeicher, trägt man sie aber ab, wird das CO 2 freigesetzt und gelangt in die Luft. 5 Prozent der jährlichen Gesamtemissionen in Deutschland seien auf die Urbarmachung der Moore zurückzuführen, erklärt das Bundesumweltministerium. Und das ist auch der Grund, warum Leute wie Behrends die Wiedervernässung fordern. Wenn er darüber spricht, dass Länder wie Russland und Finnland Torfkraftwerke planen, nennt er es "Wahnsinn, der keine Grenzen kennt".

Schillernder Moorbewohner: Der Sonnentau

Schillernder Moorbewohner: Der Sonnentau ist an die nährstoffarmen, nassen Böden angepasst.

Quelle: Hahnfeldt

Regisseur und Naturfilmer Jan Haft, 47, bayerische Melodie in der Stimme, hat dazu seine eigene Sicht der Dinge. "Man muss zeigen, dass das Moor cool ist, geil ist", sagt er, zugleich aber ist er gegen scharfe Naturschutzgesetze. Haft ist so etwas wie der Heinz Sielmann der Neuzeit, gerade lief seine Dokumentation "Magie der Moore" erfolgreich in den deutschen Kinos. Man könnte auch sagen, er ist im Wortsinn vor der Schönheit der Natur in die Knie gegangen.

Birkhähne balzen in seinem Film im Morgenlicht, Kreuzottern kämpfen in Slow Motion, Sonnentau blüht in den schillerndsten Farben und frisst zugleich Insekten. Fünf Jahre hat Haft gedreht, er war dafür in Finnland, Schweden, Norwegen unterwegs. Der Regisseur kennt den Naturschützer Behrends nicht, aber Behrends kennt Hafts Film. "Das hat er sehr gut hingekriegt", lobt er, und auch sonst lesen sich die Kritiken wie Hymnen. Von einem "Meisterwerk" schrieb "TV hören und sehen", die Welt befand: "Unsinkbares Denkmal."

Jan Haft selbst ist tatsächlich mit dem Moor groß geworden, die Großeltern lebten am Rande eines kleines Moores bei Grafing im Landkreis Ebersberg, und immer, wenn sich die Gelegenheit bot, sei er abgehauen mit dem Bruder ins Moor, erzählt er, Ringelnattern hätten sie gefangen, Zauneidechsen, Wassermolche, "und, und, und". "Es war ein Paradies da unten."

Fenster in die Vergangenheit

Irgendwann in dieser Zeit ist wohl auch die Liebe zur Natur entstanden. Was ihn an Mooren so fasziniert? "Es sind die letzten echten Urlandschaften. Sie sind ein Fenster in eine ferne Vergangenheit. Dort existieren Tiere und Pflanzen, die es sonst nirgendwo gibt."

Haft, mit strenger Falte zwischen den Augen und gestutztem Bart, spricht schnell und in routinierten Sätzen. Und obwohl er mit Begeisterung von der Natur erzählt, darüber, wie ihm keine Stunde zu früh oder zu spät sei, wenn es um ein Tier- oder Pflanzenmotive ginge, ist er im Gegensatz zum Nabu-Mann Behrends gegen reglementierten Naturschutz. Er glaubt, dass Verbote keine Lösung sind. 

"Wenn man Kindern verbietet, Kaulquappen und Eidechsen zu fangen, verkümmert auch das Interesse an der Natur", sagt er, setzt aber hinzu: "Ich bin kein bornierter Naturschützer, aber ich finde es schade, wenn die Wildnis da, wo ich herkomme, gen null geht. So war der Planet nicht, und so, finde ich, muss er auch nicht sein." Sein nächstes Projekt: Schmetterlinge. "Das ist die Tiergruppe, die in den letzten 50, 60 Jahren stärker gelitten hat als alle anderen."

Sylvia Menke

Sylvia Menke verkauft mit ihrem Unternehmen PharmaFit Moorpackungen für medizinische Anwendungen.

Quelle: Hahnfeldt

In Strahlendorf, 20 Autominuten südwestlich von Schwerin, steht derweil Sylvia Menke in Gummistiefeln und etwas zu groß geratenem Friesennerz auf dem Gelände der Firma PharmaFit. Im Hintergrund fährt ein Bagger auf und ab, Wind rauscht, sie lächelt.

Sylvia Menke ist die Chefin des Unternehmens, vor zwölf Jahren hat sie es zusammen mit ihrem Mann Matthias übernommen. Zehn Leute arbeiten im Betrieb. Es sei der einzige deutschlandweit, sagt sie, der Torf abbaut für medizinische Zwecke und anschließend zu Packungen verarbeitet. Zwar gebe es noch ein paar Kurkliniken, die für den eigenen Bedarf Torf stechen würden, aber das werde immer weniger.

Drei Millionen Moorpackungen verkaufen die Menkes im Jahr, die Kunden sitzen im In- und Ausland. Der Torf dafür stammt aus dem nahe gelegenen Grambower Moor, ein knapp 600 Hektar großes Kleinod im Landkreis Nordwestmecklenburg. Fünf Hektar sind in dem ansonsten geschützten Biotop für den Abbau ausgewiesen; sechs bis acht Loren trägt der Bagger jeden Mai aus drei bis fünf Metern Tiefe ab, sieben Kubikmeter, "das ist so gut wie nichts", sagt Sylvia Menke, und doch reiche es für ein ganzes Jahr.

"Wir brauchen die Arbeitsplätze"

Zu DDR-Zeiten gehörte der Betrieb zum VEB Norddeutsche Torfwerke, nach der Wende wurde er von einem Torfwerk in Niedersachsen übernommen. Wie ihr Mann stammt auch Sylvia Menke aus dem niedersächsischen Cloppenburg, beide träumen sie davon, den Markt mit ihren Ideen aufzurollen. Moorpackungen für Großhändler, Moorpackungen für Physiotherapeuten, Moorpackungen für Sanatorien, Heilmoor aus Schwerin für die ganze Welt.

Fragt man Sylvia Menke, was ihr das Moor bedeutet, schaut sie nachdenklich, und ihre Stimme erhebt sich zu einer kurzen Rede zwischen "sowohl als auch", der Wind spielt mit ihren dunklen Haaren, ihre Worte segeln über das Gelände. "Uns ist sehr an der Natur gelegen und wir passen auch sehr auf, dass nicht allzu viel kaputt geht", sagt sie, "aber es ist immer auch ein Geben und Nehmen. Man kann nicht ohne die Industrie, wir brauchen auch die Arbeitsplätze."

Sensibles Ökosystem

Thomas Behrends, der Nabu-Mann, steht im Katenmoor bei Bad Bramstedt. Gerade hat er über die Stickstoffbelastungen aus der Luft geredet, es war ein trauriger Vortrag. "Irgendwann können die Pflanzen und Tiere nicht mehr damit umgehen, und damit geht auch die Stabilität des Moores verloren. Dann wandern die Birken ein, dann wandert das Pfeifengras ein, es verändert sich der Lebensraum, dann stirbt der Sonnentau aus, dann sterben die Käfer aus."

Mit schweren Stiefeln stapft er über den schwankenden Boden, den Köcher hat er über die Schulter geworfen, er trägt ihn wie ein Kreuz, er sieht aus, als habe er eine Mission zu erfüllen. Thomas Behrends will die Welt nicht verändern, aber er will sie schützen.

Moor im Nebel

Empfindlicher Geheimnisträger: Feiner Dunst liegt über der Moorlandschaft.

Quelle: Hahnfeldt

In diesen Tagen hat sich das Moor in eine Winterwunderlandschaft verwandelt. Mit Raureif auf Moos und Wollgras, märchenhaft verwunschen das Ganze. "Wissen Sie", sagt Behrends zum Schluss, "wir haben hier ein schönes Naturschutzgebiet. Es ist perfekt. Alle Arten sind da. Aber wie es aussieht, wenn wir uns in 20 Jahren hier wieder treffen, ist fraglich."

In der Ballade vom Knaben im Moor erreicht der Junge in der sechsten Strophe mit knapper Not das rettende Land. Er atmet tief, er wirft einen scheuen Blick zurück. Er zumindest hat das Schlimmste überstanden.

Von Marion Hahnfeldt

Interview mit Biologin Karin Fäcke
Karin Fäcke

Die Biologin Karin Fäcke (52) leitet das Moorinformationszentrum in Wanna-Ahlen-Falkenberg (Niedersachsen).

Quelle: privat

"Diese Ruhe ist wunderbar"

Was macht die Schönheit des Moores aus?
Für mich sind es die Farben, ist es die Geräuschkulisse, die Unaufdringlichkeit, mit der es daherkommt. Ich habe dort immer das Gefühl einer totalen Entschleunigung. Und die Einsamkeit ist faszinierend. Dass es immer noch Räume gibt, wo man so wenig Geräusche hat. Diese Ruhe und Langsamkeit, es ist wunderbar.

Warum sollten die Menschen Moore bewusster wahrnehmen?
Weil die Welt ohne Moor eine ärmere Welt wäre. Und weil, neben der ökologischen Bedeutung, Moore sehr speziell sind. Es gibt einige Pflanzen- und Tierarten, die nur dort vorkommen und die uns mit dem Sterben der Moore einfach für immer verloren gehen. Außerdem: Moore sind Urlandschaften. Die meisten wurden von den Menschen in der Vergangenheit verändert. Aber die wenigen, die übrig geblieben sind, sehen genauso aus wie zu jener Zeit, in der sie entstanden sind. Mich fasziniert das. Früher waren Moore gruselig; spannend interessant sind sie heute immer noch, spannend aber in Bezug auf die große Bedeutung, die Moore für die Menschen haben.

Wie kann man die Menschen für das Thema sensibilisieren?
Es geht nur darüber, ihnen das Moor nahezubringen. Nur für das, was der Mensch kennt, hat er Verständnis, ist er offen. Deshalb ist es wichtig, ihm auch die Schönheit zu zeigen. Über Moore wissen die wenigsten etwas. Interessanterweise kommen zu uns die meisten Leute eigentlich nicht, weil sie unbedingt ein Moor kennenlernen möchten, sondern weil sie Moorbahn fahren wollen. Einer der am häufigsten gehörten Sätze von Gästen ist: "Ach, das habe ich ja alles gar nicht gewusst." Das bringt ein gewisses Staunen zum Ausdruck, aber auch eine positive Informationsaufnahme.

Was entgeht demjenigen, der sich nie zu einem Besuch aufraffen kann?
Im Herbst hatte ich zu Freunden aus der Stadt gesagt: "Kommt mal mit, wir gehen Kraniche gucken." Wir sind dann zum Dunkelwerden ins Moor gegangen, da hört man nichts, keine Straßen, keine Menschen, rein gar nichts. Da draußen zu stehen, zu lauschen, zu gucken, wie es dunkel wird, ihnen ist das Herz aufgegangen. Die waren so glücklich, überwältigt von so viel Schönheit. Man muss es erleben.

Wann muss man ins Moor gehen, um das zu erleben, was Sie beschreiben?
Jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Im Spätherbst steht das Pfeifengras hellbeige ganz hoch im Moor und bewegt sich intensiv im Wind. Im Frühjahr kommt dieses zarte Birkengrün, ab Hochsommer wird das Moor roséfarben. Ein Moor hat eine erstaunlich große Farbpalette mit großer Farbharmonie. So viele Rot-, Rosé-, Pinktöne durch die verschiedenen Heiden, und natürlich Braun- und Beigetöne in allen Abstufungen. Was immer wieder gern genommen wird, ist, wenn Ende Mai das Wollgras mit seinen Flöckchen im Moor steht.

Was kann jeder Einzelne zum Schutz der Moore tun?
Beim nächsten Sack Blumenerde sich einen wirklich torffreien kaufen. Und in jedem Laden, wo er das nicht findet, das Personal ansprechen. Dass die Blumenladenbesitzer merken, da kommt etwas in Bewegung. Damit kann jeder einen ganz, ganz wichtigen Beitrag leisten.

Interview: Marion Hahnfeldt

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