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Der Treibstoff der Macht

Wirtschaftsfaktor Öl Der Treibstoff der Macht

Öl! Überall Öl! Einst war es so knapp, dass der Rohstoff zum Drohstoff wurde: In den Siebzigern geriet der Westen in eine beklemmende Abhängigkeit von der arabischen Welt. Inzwischen aber fördern die USA mehr Erdöl denn je. Die Schwemme verändert auch die politischen Machtspiele rund um den Globus.

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Die Öl-Abhängigkeit der Weltwirtschaft macht den Rohstoff zum politischen Machtinstrument – und ein niedriger Ölpreis kann ganze Staaten in die Pleite stürzen.

Quelle: iStock

Die "Peak Oil"-Theorie war ebenso düster wie einfach. Weil Öl in gewaltigen Mengen verbraucht werde, die globalen Reserven aber endlich seien, werde irgendwann eine Maximalmenge gefördert, der "Peak". Und von da an werde dann das Öl knapper und knapper, bis es am Ende, nach stetigen Preisanstiegen, vollends unbezahlbar sei.

Diese Theorie wurde über Jahrzehnte weltweit gelehrt und verbreitet. Umweltschützer knüpften an das beunruhigende "Peak Oil"-Szenario sogar eine freudige Erwartung: Der wachsende ökonomische Druck, so hofften sie, werde weltweit die Erschließung alternativer Energiequellen beflügeln. Die Praxis jedoch sieht derzeit völlig anders aus. Das Öl wird kurioserweise immer billiger.

Billiger statt teurer

Im Jahr 2014 wurden für ein Barrel Rohöl (159 Liter) noch mehr als 100 Dollar verlangt. Heute geben sich die Händler mitunter schon mit 30 Dollar zufrieden.
Die unerwartete Entwicklung macht einen dicken Strich durch viele Kalkulationen. Privatleute, Konzerne, ganze Volkswirtschaften sind betroffen. Staaten wie Nigeria oder Venezuela, die sich durch den Verkauf von Öl finanzieren, stehen vor der Pleite.

Der Ölmulti Shell hat soeben 10 000 Stellen gestrichen. Und mancher Hausbesitzer, der in großem Stil in eine teure Dämmung investiert hat, stellt nun stirnrunzelnd fest, dass seinen Berechnungen zur Amortisierung ein Jahr für Jahr steigender Ölpreis zu Grunde lag.

Zu den Gewinnern der neuen globalen Ölschwemme gehören die Deutschen. Der niedrige Ölpreis wirkt auf die hiesige Industrie wie ein Konjunkturprogramm: Die Industrie kann billiger produzieren, Autofahrern bleibt mehr Geld in der Tasche.

Staatshaushalt auf Ölpreis-Basis

Zu den größten Verlierern dagegen zählt Russlands Staatschef Wladimir Putin. Russlands Staatseinnahmen hängen zur Hälfte vom Ölverkauf ab – und derzeit fließt sehr wenig Geld in die Kreml-Kasse. Die russische Wirtschaft ist bereits tief in die Rezession gerutscht.

Ein Blick zurück zeigt, wie wichtig Öl für die Macht des russischen Präsidenten ist. Als Putin sein Amt im Jahr 2000 antrat, lag der Ölpreis bei 20 Dollar – der rasante Anstieg bis auf 150 Dollar im Jahr 2008 finanzierte das russische Wirtschaftswunder. Russland, sagen Experten, ist ölsüchtig und "erlebt jetzt einen kalten Entzug". Moskaus Staatshaushalt für 2016 wurde kalkuliert auf der Basis von 50 Dollar je Barrel.

Davon könnte der Preis noch lange weit entfernt bleiben. Denn der Ölmarkt erlebt jetzt nicht nur irgendein Auf und Ab, wie es dies gelegentlich immer mal gab. Heute geht es um strukturelle und dauerhafte Veränderungen.

Fracking sorgt für Preisdruck

Vor allem die neue Fracking-Technologie lässt die Ölpreise stärker purzeln, als anfangs gedacht. Beim Fracking werden Wasser, Sand und ein Gemisch aus chemischen Substanzen mit gewaltigem Druck in großer Tiefe ins Gestein gepresst. Durch die so entstehenden Risse können Öl und Gas zum Bohrloch fließen.

Die neue Technik hat es den Amerikanern ermöglicht, bisher unerreichbare eigene Vorkommen zu erschließen, innerhalb weniger Jahre sind die USA von einem Öl-Importeur zu einem Öl-Exporteur geworden. Damit stieg das Angebot auf dem globalen Ölmarkt, zugleich sank die Nachfrage eines der bisher größten Ölkunden – der Preis brach ein. Auch die Kanadier gingen den gleichen Weg.

Heute bieten beide den Europäern einen bislang wenig genutzten Energieträger an: verflüssigtes Naturgas, das unter dem Kürzel LNG (liquified natural gas) gehandelt wird. Schon die bloße Aussicht auf mögliche LNG-Lieferungen aus Nordamerika auf den europäischen Markt lässt den Russen die Füße kalt werden: Jüngst soll in den Führungskreisen von Gasprom erwogen worden sein, auch die Gaspreise vorbeugend massiv zu senken, um nur ja den Aufbau eines LNG-Markts in Europa zu verhindern.

Sicherer Öltransport als militärisches Ziel

Energiepolitik ist Machtpolitik, das war schon immer so. Ums Öl wird gerungen, seit Edwin L. Drake anno 1859 in Pennsylvania aus nur 21 Metern Tiefe den schwarzen Rohstoff nach oben pumpte. Es war nicht zuletzt der unbegrenzte Zugang zu Treibstoff, der den Alliierten im Ersten und Zweiten Weltkrieg den Sieg brachte. Ihre Lastwagen, Panzer und Flugzeuge waren noch einsatzbereit, als das deutsche Kriegsgerät mit leeren Tanks in Russland und Frankreich feststeckte.

Die USA zogen später daraus die Konsequenz, die Sicherung der Öl-Transportwege zu einem ihrer wichtigsten militärischen Ziele zu erklären. Jimmy Carter, eigentlich ein eher friedlicher Präsident, erklärte grimmig die Region des Persischen Golfs wegen ihres Ölreichtums zu einer "Sphäre des nationalen Interesses der USA". Jahrzehntelang ließen dort hochgerüstete amerikanische Kriegsschiffe rund um die Uhr ihre Radarsysteme rotieren.

Inzwischen sind die Vereinigten Staaten, was die Öltransportwege angeht, wesentlich entspannter. Ihre Kriegsschiffe müssen die Tanker aus Afrika und dem Mittleren Osten nicht mehr mit aller Macht beschützen; das "nationale Interesse" daran hat sich ermäßigt.

Folgen für den ganzen Nahen Osten

Die Folgen sind quer durch den Nahen Osten abzulesen: Barack Obama entschied sich, auch als in den vergangenen Jahren die Syrien-Krise eskalierte, im Zweifel für die Nichteinmischung. Denn die Versorgung mit Öl wird im Weißen Haus längst nicht mehr als so dramatisches Thema empfunden wie in den Siebziger Jahren.

Doch im Kampf um Öl und Macht gibt es auch heute keine endgültige Entscheidung. Ist die Freude der Amerikaner über das Fracking vielleicht nur eine Art Zwischenhoch, das bald wieder neuen Unwettern Platz macht?

Saudi-Arabien hat genug Geld, um einen Preiskrieg ein paar Jahre auszuhalten. Fracking-Firmen brauchen dagegen einen Ölpreis von rund 50 Dollar, damit sich die teure Technologie lohnt. Der jüngste Trend dreht sich gegen die USA: Dutzende amerikanische Unternehmen haben bereits Konkurs angemeldet.

Riskante Abhängigkeit

Dennoch wird der Ölpreis nicht so schnell wieder anziehen. Denn jetzt kommt ein neuer, jahrzehntelang durch westliche Sanktionen ausgeschlossener Anbieter auf den Markt: der Iran. Teheran braucht jetzt sehr viel Geld, um die marode Ölwirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Aber bald schon könnten die Geschäfte laufen wie geschmiert: Der Iran ist nach Meinung von Experten vielleicht das einzige Land, das auch bei 30 Dollar je Barrel noch vom Ölverkauf profitiert.

So mischen sich jetzt ökonomische und politische Faktoren zu einem globalen Machtspiel: Wenn es dem Westen gelingt, sich bei den Saudis und im Iran gleichzeitig billig mit Öl zu versorgen, könnte Russland im Laufe der kommenden Jahre in den totalen Ruin steuern. Es wäre die unausgesprochene Antwort auf die Frage, wie die EU und die USA mit der Herausforderung durch die militärischen Machtdemonstrationen der Russen in der Ukraine, auf der Krim und in Syrien umzugehen gedenken.

Besonders smart indessen werden am Ende jene Nationen aussehen, die trotz des billigen Öls an einer Politik weg vom Öl festhalten. Denn früher oder später kommt am Ende doch der "Peak".

Von Udo Harms

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