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Der perfekte Polizist

Menschen in Uniform Der perfekte Polizist

Nie war der Ruf von Polizisten so gut wie heute. Aber nicht bei allen. Der Alltag der bürgernahen Polizei ist gefährlich und von Angst vor Angriffen durchzogen. Braucht das Land noch mehr und noch bessere Polizisten – oder einfach mehr Respekt?

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Freund und Helfer: Das Bundesministerium des Inneren will mit opulenten Kampagnen die Menschlichkeit von Polizei und Rettungskräften herausstellen – und Nachwuchs anwerben.

Quelle: AFP

Berlin. Es geht um Menschen, nicht um Nummern. Polizisten sind Väter, Mütter, Freunde, Nachbarn. Auch wenn sie nicht in die Kamera der Polizeipressestelle lächeln, nachdem sie Hundewelpen aus einem vermüllten Auto gerettet haben. Polizisten sind auch dann keine Nummer, wenn sie nur noch als Nummer erkennbar sind, wenn sie in Vollausrüstung mit schwarzer Maske unter schwarzem Helm am Hamburger Fischmarkt dem schwarzen Block gegenüberstehen.

Polizisten sind Verfügungsmasse der Politik, die erst Zehntausende Stellen streicht und nun mit der Zahl 15 000 hausieren geht: So viele Beamte sollen, so forderten es CDU wie SPD in ihren Wahlprogrammen, neu eingestellt werden, und zwar möglichst gestern. Immer noch zu wenige, sagt Oliver Malchow, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), und weiß die Mehrheit der Bürger hinter sich.

Nie war der Ruf der Polizei so gut. Und nie zuvor war die Angst unter den Uniformträgern so groß und so alltäglich. Die Angst vor Angriffen bei der ganz normalen Personenkontrolle. Bei der Drogenrazzia in Berlin-Kreuzberg. Bei einem Nachbarschaftsstreit. Bei der Amtshilfe für den Gerichtsvollzieher.

7000 Angriffe pro Jahr in Berlin

Allein in Berlin gibt es pro Jahr mehr als 7000 sogenannte Widerstandshandlungen und Angriffe auf Polizeibeamte – das sind fast 20 am Tag. 2016 ist diese Zahl erstmals auf 6300 gesunken, 2017 steigt sie wieder an – besonders in den stark belasteten Vierteln wie Kreuzberg. Zwar können nach der jüngsten Strafrechtsverschärfung körperliche Angriffe auf Polizisten mit Haft zwischen drei Monaten und fünf Jahren bestraft werden. Auf der Straße aber ist das neue Gesetz noch nicht richtig angekommen, sagt Benjamin Jendro von der GdP Berlin.

An die abschreckende Wirkung von Strafen glaubt er nur bedingt. Jendro geht es um Respekt. Was er fordert, klingt erst einmal nach einer Selbstverständlichkeit: “Wir müssen langfristig erreichen, dass der Staat akzeptiert wird. Dass Menschen, die in Uniform für den Staat eintreten, respektiert werden.“ Dass ein Polizeigewerkschafter solche Sätze als Forderung formuliert, irritiert und kann nur heißen: Dort draußen ist es unsicherer geworden. Und Jendro sagt noch mehr: “Wir haben in Deutschland eine bürgerfreundliche Polizei aufgebaut. Das ist gut, ich will keine schwer bewaffneten Polizisten an jeder Ecke. Ich möchte aber auch nicht, dass unsere Bürgerfreundlichkeit letztlich zur Schwäche wird.“

Als Drohung ist das bestimmt nicht gemeint, aber als düstere Vorstellung einer nicht ganz so fernen Zukunft, in der sich die Polizei aus Eigenschutz immer stärker militarisiert – und sich dann als Kriegspartei geriert wie in den Innenstädten der USA.

“Militarisierung führt zu mehr Gegenwehr“

Als im Hamburger Schanzenviertel die Spezialeinsatzkräfte anrückten, um mutmaßliche Gewalttäter von den Hausdächern zu holen, traf dieser Einsatz auf relativ ungeteilte Zustimmung. Nur ein paar linke Rechtsanwälte warnten, dass hier ein Dammbruch erreicht sei. Als Anfang September ein paar Hundert Linke und Autonome durch die sächsische Kleinstadt Wurzen zogen, hatte sich auch hier das SEK am Bahnhof aufgestellt, in Reih und Glied, die Waffen fest in der Hand. Wieder gab es so gut wie keine Debatte, ob das der Situation angemessen war.

Ein Berliner Kriminalbeamter aber macht sich so seine Gedanken, wohin das alles führen könnte. Oliver von Dobrowolski ist Vizechef von Polizei-Grün, das Grün steht für die politische Richtung, nicht für die alte Uniform. “Man muss abwarten, inwiefern G 20 der Auftakt zu einer härteren Gangart der Innenminister und Polizeiführer gewesen ist. In Wurzen hat man bereits eine Fortsetzung dieser eher martialischen Linie feststellen müssen“, sagt er. Und er verbindet das mit einer Warnung: “Ein rustikaleres Auftreten der Polizei bis hin zu einer wahrnehmbaren Militarisierung führt natürlich auch zu mehr Ablehnung und Gegenwehr.“

Rund 5 Millionen Euro hat das Bundesministerium des Inneren jährlich für Kampagnen “zur Erhöhung des Ansehens von Polizei- und Rettungskräften“ zur Verfügung. Ein nicht unerheblicher Teil ist jetzt in die Filme zur Kampagne #starkfürdich gelaufen. Opulent inszenierte Werbespots des Promi-Fotografen Kristian Schuller laufen im Privatfernsehen und in den sozialen Netzwerken.

Werbung für einen gefährlichen Beruf

Werbung für einen gefährlichen Beruf: Das Innenministerium will 15 000 neue Polizeibeamte einstellen.

Quelle: BMI/www.starkfuerdich.de

Die Fotomodelle sind echte Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute und THW-Angehörige. Und sie sprechen über Gefühle. Das ist neu – und eine Gratwanderung. Der Innenraum eines Mannschaftswagens, düstere Stimmung, von draußen wehen Fetzen von Sprechchören herein. Wer dort brüllt, bleibt ausgeblendet. Die Kamera fängt das hübsche, nachdenkliche Gesicht einer Bundespolizistin in Einsatzmontur ein. “Natürlich hat man Angst“, sagt sie.

Auf der Pressekonferenz zur Kampagne wird diese Polizistin, ihr Name wird mit Stefanie angegeben, von Bundesinnenminister Thomas de Maizière befragt. “Sie geben zu, dass Sie dann durchaus Angst haben?“, fragt der Minister, und die Beamtin antwortet: “Das sind Ausnahmesituationen, aber auch dieses Gefühl verspüre ich.“ An anderer Stelle sagt sie: “Wir sind keine Alltagshelden. Das ist mein Beruf.“

Für eine siebenstellige Summe will die Bundesregierung die Einsatzkräfte nahbar, menschlich, ja: ängstlich erscheinen lassen. Die Kampagne zeigt den Menschen hinter Uniform und Schutzausrüstung. Was das erreichen könnte: Die Polizei, auch wenn sie in Formation mit geschlossenem Visier auftritt, wird als Bürger in Uniform erkennbar. Worüber die Kampagne aber kein Wort verliert: Welches Selbstverständnis Stefanie und ihre Kollegen von ihrem Beruf haben, von ihren Verhalten in Einsätzen, von den Fehlern, die sie vielleicht auch machen.

Rückfälle in vergangen geglaubte Strukturen

Im Gespräch mit dem Minister betont die Bundespolizistin den “Zusammenhalt im Team“. Und was passiert, wenn einer aus dem Team, voller Adrenalin und vielleicht eben auch Angst, überreagiert. “Es gab keine Polizeigewalt“, hat Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz nach dem G-20-Gipfel gesagt und damit den Einsatzkräften einen Bärendienst erwiesen.

Menschen machen Fehler, Menschen in Stresssituationen machen mehr Fehler, übermüdete Menschen in einem schlecht geplanten Einsatz ebenfalls. Auch das System Polizei müsse von seinen Fehlern lernen, sagt Oliver von Dobrowolski. Er lobt zunächst die Fortschritte der vergangenen zehn Jahre: “Die Polizei hat in diesem Zeitraum Sprünge gemacht in Hinblick auf professionelles Vorgehen und Entwicklung einer eigenen Unternehmenskultur. Ja, sie ist somit besser als früher.“ Aber er spart nicht mit Kritik: “Aktuell sind leider auch Rückfälle in vergangen geglaubte Strukturen erkennbar. Die Polizei muss begreifen, dass man Respekt und Vertrauen in erster Linie durch professionelles, bürgernahes, aber auch selbstkritisches Verhalten erwirbt.“

Was wäre also ein wirklich “guter Polizist“? Einer, der da ist, klar ist, höflich bleibt und Zeit hat: zum Ermitteln und zum Erklären. Es braucht also, natürlich, mehr Polizisten und einen besseren Umgang der Bürger mit der Polizei und andersherum. Es braucht, was fast am wichtigsten wäre, einen besseren Umgang innerhalb der Polizei: eine Fehlerkultur, rote Linien gegen Rassismus und Übergriffen und faire Vorgesetzte. Nur dann ist die Polizei stark – und gut.

Von Jan Sternberg

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