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Dick im Geschäft

Abkehr vom Magerwahn? Dick im Geschäft

Menschen ohne Idealfigur erobern die Entertainmentwelt. Selbstbewusste Comedians, Schauspielerinnen und Sänger stehen zu ihrem Körper. Und das ist gut so. Ihr Erfolg symbolisiert einen Trend: Das Gewicht verliert an Gewicht. Normierte Schönheit ist ein Relikt der Vergangenheit.

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Immer mehr weibliche Stars sind genervt vom Magerwahn – und rebellieren erfolgreich gegen absurde Schönheitsideale.

Quelle: iStock / RND

Hannover. Nein, sagt sie, mit Mut habe das nichts zu tun. Sie fand das einfach schön. Warum soll man nicht in einem pinkfarbenen Latexkostüm zu den “MTV Awards“ gehen, bloß weil man bei 1,65 Metern Körpergröße 181 Kilogramm wiegt? Spötter ließ sie per Twitter abblitzen. “Nur für’s Protokoll“, schrieb sie, “ich trage, was ich will – wann ich will. Newsflash: Es ist MEIN Körper.“ Mutig? Was soll “mutig“ daran sein, nicht Größe 36 zu haben?

Innerhalb weniger Monate ist Chrissy Metz, 36-jährige Darstellerin der Kate im US-Serienhit “This Is Us“, zur Ikone eines Trends geworden, der die Welt des Entertainments verändert: Es ist das Ende der Anpassung an ein normiertes Schönheitsideal. Gegen den Magerwahn. Gegen den Konformitätsdruck. Von Chrissy Metz bis Comedienne Amy Schumer, von Sängerin Adele bis Kevin James und Jonah Hill, von Schauspielerin Lena Dunham bis Gossip-Frontfrau Beth Ditto und Melissa McCarthy wollen sich immer mehr Künstler, Models und Stars nicht mehr nur über ihren Körper definieren lassen. Es sind Pioniere der “Body Positivity“, die ihr Glück nicht von der Waage abhängig machen. Die ihr Dicksein in größter Selbstverständlichkeit annehmen wie ihre Augenfarbe: als eines von tausenden anderen körperlichen Merkmalen.

Ikone einer Bewegung gegen den Konformitätsdruck

Ikone einer Bewegung gegen den Konformitätsdruck: Chrissy Metz.

Quelle: AP

In der Rolle ihres Lebens als verletzliche, hadernde Kate hat Metz einen Nerv getroffen. Im Schicksal der Figur spiegelt sich ihr eigenes: Seit sie elf Jahre alt war, ging sie zu den Weight Watchers. Mit Mitte zwanzig war sie eine depressive Grundschullehrerin in Florida, nahm ab, wieder zu, wieder ab. An ihrem 30. Geburtstag brach sie mit einer Panikattacke zusammen. Irgendwann begleitete sie ihre jüngere Schwester zu einem Casting – und traf dort einen alten Lehrer. Der ermunterte sie, selbst teilzunehmen (“Du bist aus einem Grund hier“). Und Metz sang Christina Aguileras Hit “Beautiful“ und lernte die wichtigste Lektion ihres Lebens: dass man seinen Träumen folgen kann, selbst wenn man dick ist. Als sie die Rolle in “This Is Us“ erhielt, hatte sie noch 81 Cent auf dem Konto. Inzwischen weint sie manchmal vor Glück, wenn sie zum Dreh fährt.

Metz ist nicht allein. Weltweit wächst das Bewusstsein dafür, dass dicke Menschen keine willensschwachen Freaks sind, keine seltenen Launen der Natur. Beautybranche und Fernsehen haben zuletzt versucht, mit Shows wie “Curvy Supermodels“ Toleranz zu simulieren. Das sind jedoch bloß verlogene Feigenblattinitiativen einer tyrannischen Schönheitsdiktatur, die an der Angst um das Idealgewicht Milliarden Dollar verdient. Inzwischen halten nicht wenige das verknöcherte Modelbusiness für lächerlich. “Sex mit einem Model?“, lästerte jüngst Starkoch Anthony Bourdain. “Da kannst du auch mit ’nem Fahrrad schlafen.“

Dann lieber: Kurven. Runde Entertainer gab es immer, von Aretha Franklin bis John Goodman, von Gérard Depardieu bis Marlon Brando (“Mir doch egal, dass ich fett bin: Ich kriege immer noch dasselbe Geld“). Neu ist, dass adipöse Stars für den Erfolg nicht mehr gezwungen sind, als putzige Ulknudel ihr Gewicht zum Markenzeichen zu machen, oder mit offensivem Optimismus behaupten, trotz der Kilos wirklich total glücklich zu sein.

Abnehmen erleichtert die Seele nicht

Neu ist, dass ihnen auch komplexe Rollen zugetraut werden. In einer der herzzerreißendsten Szenen in “This Is Us“ hat Kate alias Chrissy Metz regelrecht Angst vor dem Abnehmen. Ein Magenband? Ist es das wert? Vollnarkose? Bauch aufschneiden? Sie ahnt, dass das allein ihre emotionalen Wunden nicht heilen wird. Sie spürt, dass mit körperlicher Leichtigkeit nicht automatisch seelische einhergeht. Menschen sind komplexer.

Was, wenn durch das Abnehmen nichts passiert – außer dass eine Entschuldigung für seelische Not wegfällt? Was, wenn Dünnsein gar nicht der einzige Weg ist, um glücklich zu werden? Was schwer auf der Seele liegt, wird durch Fettreduktion nicht leichter. Das ist die wichtigste Botschaft der diätmüden Stars: Das größte Problem eines dicken Menschen ist sein Dicksein? Was für ein Quatsch.

Chrissy Metz hat ihrem jüngeren Ich gerade einen Brief geschrieben. “Hey Girl“, heißt es da, “du bist genauso wichtig und genauso schön wie Amy, die niedlichste Cheerleaderin an deiner Schule. Anders als uns allen eingeredet wird, ist das Leben nämlich kein Wettbewerb. Wir sind alle auf unserer eigenen Reise, und du bist der Fahrer.“ Abnehmen würde sie nur aus gesundheitlichen, niemals aus optischen Gründen.

“Ein bißchen zu fett“ findet Karl Lagerfeld die Sängerin Adele

“Ein bißchen zu fett“ findet Karl Lagerfeld die Sängerin Adele; mittlerweile erntet er für solche Aussagen einen Shitstorm.

Quelle: Newscom

Die Behauptung, dass Schönheit natürlich von innen kommt, gehört seit Jahren zum politisch korrekten Interviewvokabular für dünne wie dicke Stars. Doch etwas wandelt sich. Berühmtheiten sind Seismografen gesellschaftlicher Strömungen. Wenn Karl Lagerfeld Sängerin Adele “ein bisschen zu fett“ nennt, erntet er inzwischen einen Shitstorm. Adele reagierte cool: “Ich stehe für die Mehrheit der Frauen, und ich bin stolz darauf.“ Vor Jahren klagte Kate Winslet noch: “Wie soll man sich sexy fühlen, wenn man von hinten aussieht wie ein Bus?“ In den Neunzigerjahren ließ sich Roseanne Barr (“Roseanne“) den Magen verkleinern. Inzwischen zürnen Superstars wie Jennifer Lawrence: “Nach Hollywoodkriterien gelte ich als übergewichtig. Aber wenn irgendjemand in meiner Nähe das Wort ,Diät‘ flüstert, dann sage ich ,Fuck you!’“

Es ist der Gegentrend zum Magerwahn, der absurde Ausmaße angenommen hat: Magazine nennen selbst Frauen wie Taylor Swift inzwischen “curvy“, dabei ist sie ungefähr so kurvig wie eine Möhre. “Gemessen am heutigen Schönheitsideal war Marilyn Monroe ein Öltanker“, schreibt der Kolumnist Dave Barry. Es ist, als würde die Modeindustrie Frauen, die Größe 42 tragen, am liebsten auf einen anderen Planeten auslagern.

Für Lena Dunham (“Girls“), eine der Pionierinnen der “Body Positivity“-Bewegung, ist die Fixierung auf Körperlichkeit gestrig: “Mein Körper ist ein Werkzeug, das ich benutze, um mein Zeug zu machen“, sagt sie, “aber er ist nicht Alpha und Omega meiner gesamten Existenz.“ Das ist der Kern: Warum bitte geht’s immer nur ums Gewicht? “,Fett‘ ist das Erste, was ein Mädchen einem anderen ins Gesicht sagt, wenn es verletzten will“, tadelt “Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling. “Aber ist Dicksein tatsächlich die schlimmstmögliche Eigenschaft eines Menschen? Schlimmer als ,eifersüchtig‘, ,eingebildet‘, ,rachsüchtig‘ oder ,gewalttätig‘?“

Die meisten Menschen sind nicht dünn

“Wenn wir zwanzig Pfund verlieren, könnten das die besten zwanzig Pfund sein, die wir haben“, sagte Woody Allen mal, “vielleicht verlieren wir die zwanzig Pfund, die unser Genie enthalten, unsere Menschlichkeit und Liebe.“ Auch Komikerin und Autorin Tina Fey (“30 Rock“) gehört zu den Vorreitern der Entkrampfung. In ihrem Buch “Bossypants“ tadelt sie, welche unerfüllbaren Attribute von Mädchen erwartet werden: “Kaukasische blaue Augen, volle spanische Lippen, eine Stupsnase, haarlose asiatische Haut mit kalifornischer Bräune, ein jamaikanischer Dance-Hall-Hintern, lange schwedische Beine, kleine japanische Füße, die Muskeln einer lesbischen Fitnesscenter-Betreiberin, die Hüften eines neunjährigen Jungen, die Arme von Michelle Obama und die Brüste einer Puppe.“ Dabei gebe es, schreibt Feys Freundin, die Komikerin Amy Poehler, “weltweit nur etwa fünf perfekte symmetrische Menschen. Je schneller sich alle anderen darauf fokussieren, was sie haben – und nicht darauf, was ihnen fehlt – desto glücklicher werden sie leben.“

Wird Barbie spielen

Wird Barbie spielen: Schauspielerin und Comedienne Amy Schumer bei der Metropolitan Museum of Art’s Costume Institute Benefizgala.

Quelle: AP

Amy Schumer hat es satt, als “Plus Size Comedian“ bezeichnet zu werden. “Ich stehe hier, und ich bin großartig, so wie ich bin“, sagt sie. “Ich bin nicht der, mit dem ich schlafe. Ich bin nicht mein Gewicht. Ich bin nicht meine Mutter. Ich bin ich selbst.“ In einem geplanten Film über die Barbie-Puppe, die in 57 Jahren Millionen Mädchen Unzulänglichkeitsgefühle eingepflanzt hat, spielt Schumer 2018 die Hauptrolle.

Das Publikum, angefixt vom Geläster erbarmungsloser Klatschmedien, mag weiterhin gnadenlos sein bei der Bewertung von Äußerlichkeiten. Gleichzeitig jedoch reagiert es erleichtert, wenn sich die Protagonisten einer Branche, die besessen ist von Schönheitsdirektiven, den lächerlichen Normen nicht mehr unterwerfen mögen. Denn die meisten Menschen sind nicht dünn. Es war Zeit, dass das auch in Film und Fernsehen sichtbar wird.

Von Imre Grimm

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