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"Die Mächtigen zum Hinschauen zwingen"

Kriegsfotografin Lynsey Addario "Die Mächtigen zum Hinschauen zwingen"

Lynsey Addario zählt zu jenen Fotojournalisten, die unser Bild vom "Krieg gegen den Terror" geprägt haben. Sie hat die Kriege in Afghanistan und im Irak dokumentiert und erhielt den Pulitzer-Preis. Ein Gespräch über Bilder mit Macht, Schönheit im Krieg und die Frage, was eine gute Mutter ausmacht.

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Eindrücke aus dem Kongo: Die 20-jährige Kahindo mit ihren beiden durch Vergewaltigung gezeugten Kindern in ihrem Haus. Sie wurde von ruandischen Soldaten entführt, drei Jahre gefangen gehalten und missbraucht. Sie brachte ein Kind in Gefangenschaft zur Welt. Als sie mit dem zweiten schwanger war, gelang ihr die Flucht.

Quelle: Lynsey Addario

Frau Addario, Sie sind 42 Jahre alt, haben einen fünfjährigen Sohn. Warum veröffentlichen Sie jetzt schon Ihre Memoiren?
Oh ja, ich kriege zurzeit oft zu hören, dass ich noch mitten im Leben stehe, dass es noch lange nicht Zeit ist zu gehen. Stimmt ja auch. Aber nach den furchtbaren Geschehnissen 2011 in Libyen, als ich zu Beginn des Arabischen Frühlings entführt wurde und zwei meiner Freunde und Kollegen getötet wurden, hatte ich das Bedürfnis, einmal innezuhalten. Erst da fiel mir auf, dass ich im Laufe der zwei Jahrzehnte meiner Arbeit als Kriegsfotografin nie zurückschaute, dass ich mich nie fragte, was ich alles durchgestanden hatte. Das habe ich jetzt nachgeholt, mit dem Buch.

Sie sind auch schon 2004 entführt worden, im Irak. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie nach Ihrer Freilassung und Rückkehr in Ihre Heimatstadt New York ein Testament aufsetzten. Ist Ihre jetzt erschienene Biografie auch eine Art Testament für den Fall, dass ein Recherche tödlich endet?
Sie ist mehr ein Geschenk an meinen Sohn Lukas. Eines Tages wird er sich und mich fragen, warum ich so selten bei ihm bin, warum mir meine Arbeit so viel bedeutet. Dieses Buch soll ihm helfen zu verstehen, wer ich bin.  

Lynsey Addario

Lynsey Addario war 13 Jahre alt, als ihr Vater ihr einen Fotoapparat schenkte. Seitdem hat die US-Amerikanerin die Kamera nur selten aus der Hand gelegt.

Quelle: privat

Viele Mütter fühlen sich schlecht, wenn sie morgens ins Büro gehen, anstatt bei ihrem Kind zu bleiben. Was geht in Ihnen vor, wenn sie sich von Ihrem Sohn verabschieden, um in den nächsten Flieger nach Afghanistan zu steigen?
Es gibt bestimmt viele Frauen und Männer, die mich für eine verantwortungslose Mutter halten. Aber Menschen sind nun mal unterschiedlich. Ich möchte meinem Sohn vorleben, was es heißt, ein glückliches, erfülltes Leben zu führen. Vielen Menschen fällt es leicht, Kritik an Frauen zu üben, die mehr schlecht als recht Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Schwieriger ist es dagegen, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Ich wäre unglücklich, wenn ich nicht arbeiten würde, stattdessen Lukas jeden Tag zur Schule bringen und ihm ... keine Ahnung ... Kekse backen würde. Ich wäre todunglücklich. So wäre ich meinem Sohn ein schlechtes Vorbild. Das will ich nicht.

Dafür riskieren Sie immerzu Ihr Leben. Warum ist der Job diesen hohen Preis wert?
Wenn ich einen Auftrag annehme, denke ich ja nicht: So, ab in den Tod! Ich gehe auf Recherche, weil ich überzeugt bin, dass es dort draußen eine Geschichte gibt, die ich erzählen muss. Von der die Öffentlichkeit erfahren muss. Jahrelang arbeitete ich im Irak und in Afghanistan, weil dort US-Soldaten waren – weil diese Kriege von meinen Steuern bezahlt wurden. Wenn Journalisten nicht hinschauen, kann alles Mögliche passieren. Geschichte braucht Zeugen.

Kann ein Foto Politik beeinflussen?
Ja, hoffentlich! Darum geht’s doch. Manchmal stelle ich mir vor, wie Präsident Obama die "New York Times" aufschlägt und ein Bild entdeckt, das ihm Fragen aufzwingt: Was passiert hier? Warum stehen Zehntausende Flüchtlinge aus Aleppo vor der türkischen Grenze? Was kann ich tun?

Haben Ihre Bilder Politik beeinflusst?
Ich denke schon, dass meine Bilder aus Darfur 2004 den US-Kongress beeindruckt haben. Es ging um die Frage, ob die Verbrechen der sudanesischen Regierung in Darfur als Völkermord zu bezeichnen sind. Zu dem Zeitpunkt war es kaum möglich, nach Darfur zu gelangen. Die sudanesische Regierung verweigerte Visa, um ihre Menschenrechtsverstöße vor der Weltöffentlichkeit zu verbergen. Wir schlichen uns über den Landweg ein. Meine Bilder vom Leid der Flüchtlinge, von brennenden Dörfern, geplünderten Häusern und Vergewaltigungsopfern erschienen in der "Times" und rüttelten mit den Texten meiner Kollegen die Politiker wach. Der US-Kongress stimmte der Resolution zu.

Ihre Bilder aus Afrika wirken lebhafter als jene aus dem Mittleren Osten. Woran liegt das?
Im Mittleren Osten ist das Licht grellweiß. Der Staub lässt Farben beige und blass erscheinen. In Afrika dagegen strahlt der Himmel, und die farbenprächtige Kleidung der Menschen leuchtet. Außerdem ist dort die Sicherheitslage nicht so angespannt wie im Nahen und Mittleren Osten. Ich kann mir alle Zeit nehmen, um auf den richtigen Moment zu warten. Im Irak drücke ich auf den Auslöser und gehe dann schnell in Deckung.

Libyen, 2011

Libyen: Aufständische erheben sich im März 2011 gegen Muammar al-Gaddafi. Der Diktator antwortet mit Luftschlägen. Kämpfer und Fahrer blicken in Erwartung eines Bombeneinschlags zum Himmel hinauf. Kurz nach der Aufnahme gerät Lynsey Addario in Gefangenschaft.

Quelle: Linsey Addario

Gibt es das, Schönheit im Krieg?
Ja, die gibt es. Bei meinen ersten Reisen nach Afrika beschloss ich, die Schönheit  zu zeigen, die die Menschen selbst im Krieg umgibt. Meine Arbeiten aus Afrika sind beinah grafisch. Es sind mitunter künstlerische Aufnahmen, die verhindern sollen, dass sich der Betrachter abwendet.

Eine Ästhetisierung des Schreckens – ist das nicht zynisch?
Krieg ist zynisch. Er ist verheerend. Aber wenn ich will, dass er den Menschen nicht egal ist, muss ich ihre Aufmerksamkeit erlangen.

New York ist ihre Heimatstadt. Was bedeutet Ihnen der 11. September 2001?
9/11 hat alles verändert. Die Welt schaute plötzlich in eine völlig neue Richtung. Alle fragten sich, wo Afghanistan liegt, was der Islam ist, was der Dschihad. Ich hatte schon zuvor im Mittleren Osten gearbeitet, ich kannte Afghanistan unter den Taliban, hatte dort im Jahr 2000 fotografiert. Kaum eine Zeitung oder ein Magazin interessierte sich damals für meine Arbeiten. Das änderte sich 2001. Es war meine Chance. Ich verließ den Mann, den ich zu lieben glaubte, und ging nach Afghanistan.

Sie haben in Afghanistan und im Irak als "eingebettete Journalistin" gearbeitet, waren als Berichterstatterin einer kämpfenden Einheit der US-Armee zugewiesen. Leidet da die Objektivität der Berichterstattung?
Diese Frage stellen mir nur Deutsche, das scheint bei Ihnen ein großes Thema zu sein. "Embedded journalism" bot uns Reportern die Chance, mittendrin zu sein, die Perspektive der Truppen aufzuzeigen. Es ist mein Job, den Krieg von allen Seiten zu beleuchten – aus der Sicht irakischer Zivilisten ebenso wie aus jener der US-Soldaten. Ich konnte überall und jeden fotografieren, mit Ausnahme sterbender US-Militärs. Und ich kam an Orte, die ich ohne militärischen Schutz nicht erreicht hätte.

Hat die enge Begleitung des US-Militärs Ihren Blick auf Ihr Land verändert?
Oh ja, ich habe gesehen, wie falsch diese Kriege waren. Schwer bewaffnete Achtzehnjährige stürmten mitten in der Nacht Privathäuser und leuchteten unverschleierte Frauen im Nachthemd an, sie trampelten auf Fotos von Mekka, sie errichteten improvisierte Straßensperren und stellten Stoppschilder mit Anweisungen in englischer Sprache auf. Autos, die nicht anhielten, wurden unter Beschuss genommen. Ich sah, wie an ein und demselben Checkpoint innerhalb von 20 Minuten zwei Familien getötet wurden. Aber es ist nicht die Schuld der Soldaten – es ist die Schuld ihrer Vorgesetzten, des Pentagons. Niemand hatte sie vorbereitet.

Tikrit, 2003

Irak: Nach der Aufgabe der Stadt Tikrit im April 2003 durch Saddam Hussein nutzen US-Marines eine Pause zur Rasur.

Quelle: Linsey Addario

Sie eilen von Krieg zu Krieg. Haben Sie Angst, etwas zu verpassen?
Ich habe lange gebraucht, um Nachrichten schauen oder lesen zu können, ohne gleich aufspringen und meine Tasche packen zu müssen. Ich dachte, ich wäre ein Versager, wenn ich nicht am Ort des Geschehens wäre. Inzwischen bin ich gelassener. Ich wähle meine Aufträge sorgfältig aus.

Wonach entscheiden Sie?
Es gibt Gegenden, die mich mehr interessieren als andere: Darfur, Kongo, der Mittlere Osten. Ich mag es, an Orte zurückzukehren, zu sehen, wie es den Menschen heute geht. Und ich nehme bevorzugt Aufträge an Orten an, an denen sonst niemand ist. Am Mittelmeer sind gerade genug Fotografen, der Südsudan interessiert dagegen niemanden. Dorthin fahre ich als nächstes.

Wozu braucht es Kriegsreporter, wenn doch jeder, der ein Smartphone hat und eine Internetverbindung, aus dem belagerten Aleppo berichten kann?
Es ist wichtig, dass Amateuraufnahmen raus in die Welt gesendet werden, um Unrecht aufzuzeigen. Allerdings sollte jeder, der diese Bilder sieht und mit ihnen arbeitet, wissen, dass sie nicht von professionellen Journalisten stammen. Die Aufnahmen könnten gestellt sein oder in falschem Kontext präsentiert werden. Nie war der Anspruch an die Glaubwürdigkeit von Kriegsreportern größer als heute.

Sie arbeiten oft in konservativen muslimischen Ländern. Was behindert Sie bei Ihrer Arbeit mehr: dass Sie US-Amerikanerin sind oder dass Sie eine Frau sind?  
Dass ich Amerikanerin bin, keine Frage. Frausein birgt Vorteile. Ich habe Zugang zu abgeschotteten Menschen. Ich kann in Saudi-Arabien Frauen porträtieren, was extrem schwierig ist. Und auch die Männer respektieren mich, denn sie sehen in mir keine von ihren Frauen.  

Wenn Sie aus einem Kriegsgebiet nach London zurückkehren, wo Ihre Familie lebt, und Ihre Nachbarn über zugige Fenster oder die Preise im Supermarkt klagen hören – können Sie sie ernst nehmen?
Klar, es ist doch alles relativ – solche Dinge machen nun mal ihre Wirklichkeit aus. Ich verurteile sie nicht für das Leben, das sie führen.

Langweilt Sie Frieden?
Mir ist nie langweilig.

Lynsey Addario: "Jeder Moment ist Ewigkeit" .
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stephan Gebauer.
Ullstein; 238 Seiten, 25 Euro.
ISBN-13 9783430202121

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Von Redakteur Marina Kormbaki